Annäherungen

Leseprobe "Ist das englische Original, geschrieben für Fachleute, schon sowohl inhaltlich als auch sprachlich komplex, so war die bisherige Übersetzung bisweilen nur mehr schwer verständlich."
Annäherungen
Foto: Ralph Orlowski/Getty Images

Vorwort zur neu übersetzten Ausgabe

Im Jahr 1935 vollendete John Maynard Keynes seine allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, und ein Jahr später erschien bereits die von Fritz Waeger unter Hochdruck übersetzte deutsche Ausgabe. Ist das englische Original, von dem Keynes selbst sagte, dass er es nicht für ein breites Publikum, sondern nur für Fachleute geschrieben habe, schon sowohl inhaltlich als auch sprachlich komplex, so war die bisherige Übersetzung bisweilen nur mehr schwer verständlich.

Keynes’ zum Teil revolutionäre und angesichts der wirtschaftlichen Turbulenzen und Krisen des neuen Jahrtausends höchst aktuell, ja sogar brisant erscheinenden Überlegungen und Schlussfolgerungen endlich auch einem breiten Publikum zugänglich zu machen, das ist die Hoffnung, die sich mit der Neuübersetzung dieses Buchs verbindet.

Aus diesem Grund fiel in den Fällen, wo eine eng ans Original angelehnte Übersetzung den Lesefluss behindert hätte, die Entscheidung im Zweifel für die Lesbarkeit und damit für eine freiere Formulierung. Es wurde auch nicht versucht, Sprache und Begriffe an den Stil der 1930er Jahre anzupassen. So wurde die etwas altertümliche Bezeichnung Rentier, wo es sinnvoll erschien, durch Kapitalgeber ersetzt. Und wenn Keynes dem Rentier (in Waegers ursprünglicher Übersetzung war es ein Rentner) eine Euthanasie zudachte, wird ihm jetzt nur ein langsames Ende prophezeit.

Auch in einigen anderen Fällen wurde, wenn es der Klarheit dient, von einer allzu wörtlichen Übersetzung Abstand genommen. Die factors of production wurden beispielsweise zu einfachen Beschäftigten, wenn aus dem Zusammenhang klar hervorgeht, dass nur von diesen die Rede ist und nicht von anderen Faktoren wie Boden und Kapital. Ebenfalls aus dem Kontext ergibt sich, dass mit banking system meist nicht das gesamte Bankensystem, sondern speziell die Zentralbank gemeint ist.

Um den modernen Lesegewohnheiten Rechnung zu tragen und den Lesefluss möglichst wenig zu unterbrechen, wurden auch die Zitate aus anderen Werken, selbst da, wo diese in deutscher Fassung vorliegen, neu übersetzt (eine Ausnahme ist die von Bobertag et al. kongenial in deutsche Reime übertragene Bienenfabel von Bernard Mandeville).

Ohne die wertvolle Unterstützung von Prof. Dr. Ingo Barens und Prof. Dr. Volker Caspari von der TU Darmstadt, beide Mitglieder der Keynes-Gesellschaft, hätte ich in vielen Zweifelsfällen eine endgültige Entscheidung, welcher deutsche Begriff der Intention des Autors am nächsten kommt, kaum treffen können. Für die ausführlichen Antworten und Erläuterungen auf meine zahlreichen diesbezüglichen Fragen und für ihre Hilfe bei einer möglichst korrekten Übersetzung von Fachwörtern wie marginal prime cost oder rent-factors sowie historisch eingebetteten Begriffen wie animal spirits oder natural surplus bin ich beiden zu größtem Dank verpflichtet. Prof. Barens hat sich überdies der Mühe unterzogen, den gesamten Text noch einmal durchzugehen und, wo nötig, Änderungen vorzunehmen.

Nicola Liebert, 31. März 2016

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Vorwort zur englischen Originalausgabe

Dieses Buch richtet sich in erster Linie an Wirtschaftswissenschaftler. Ich hoffe zwar, dass es auch für andere verständlich ist. Aber sein Zweck ist vor allem die Erörterung schwieriger theoretischer Fragen und nur in zweiter Linie die praktische Anwendung dieser Theorien. Denn wenn sich die orthodoxe Ökonomie als fehlerhaft erweist, so liegt der Fehler nicht im Überbau, bei dessen Errichtung große Sorgfalt auf logische Konsistenz verwendet wurde, sondern in der mangelnden Klarheit und Allgemeingültigkeit ihrer Prämissen. Meine Absicht, Ökonomen zur kritischen Überprüfung einiger ihrer grundlegenden Annahmen zu bewegen, kann ich daher nur durch eine äußerst abstrakte Argumentation und kontroverse Thesen umsetzen. Letzteres hätte ich gerne vermieden. Ich hielt es jedoch für wichtig, nicht nur meinen eigenen Standpunkt darzulegen, sondern auch zu zeigen, inwiefern er von der herrschenden Theorie abweicht. Wer stark zu dem neigt, was ich die ‚klassische Theorie‘ nenne, dürfte meiner Vermutung nach schwanken zwischen der Überzeugung, dass ich völlig falsch liege bzw. dass ich nichts Neues zu sagen habe. Es mögen andere entscheiden, ob eine dieser Annahmen zutrifft oder aber eine dritte Alternative. Meine Streitschrift soll einen Beitrag zur Beantwortung der offenen Fragen leisten, und ich muss um Entschuldigung bitten, wenn im Bemühen um eine saubere Differenzierung die Kontroverse zu scharf ausfallen sollte. Ich selbst war jahrelang von den Theorien überzeugt, die ich jetzt kritisiere, und bin mir ihrer Stärken durchaus bewusst.

Die Bedeutung der strittigen Fragen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wenn meine Erklärungen zutreffen, muss ich jedoch zuerst meine Fachkollegen von deren Richtigkeit überzeugen und nicht die breite Öffentlichkeit. Zu diesem Zeitpunkt ist die Öffentlichkeit, so willkommen ihre Teilnahme ist, doch nur Publikum bei dem Versuch, die tiefen Meinungsverschiedenheiten zwischen Ökonomen beizulegen, die den praktischen Einfluss der Wirtschaftswissenschaft derzeit – und, wenn sie nicht endlich ausgeräumt werden, auch in Zukunft – fast zunichte machten.

Die Verbindung zwischen diesem Buch und meiner vor fünf Jahren erschienenen Abhandlung Vom Gelde ist vermutlich mir selbst klarer als vielen anderen. Was in meiner eigenen Vorstellung die natürliche Fortentwicklung eines Gedankengangs ist, den ich nun schon seit mehreren Jahren verfolge, mag dem Leser gelegentlich als verwirrender Sinneswandel erscheinen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich gewisse Änderungen in der Terminologie für nötig erachtete, die ich auf den folgenden Seiten erläutern werde. Doch generell lässt sich das Verhältnis zwischen den beiden Büchern in aller Kürze wie folgt darstellen: Als ich Vom Gelde zu schreiben begann, dachte ich noch in den herkömmlichen Mustern, wonach der Einfluss des Geldes in keinem Zusammenhang mit der allgemeinen Theorie von Angebot und Nachfrage zu stehen scheint. Beim Abschluss des Buches hatte ich einige Fortschritte dabei gemacht, die Geldtheorie wieder als eine Theorie der Gesamtproduktion zu etablieren. Dass ich jedoch den hergebrachten Vorstellungen verhaftet geblieben war, zeigte sich in dem, was mir inzwischen als der größte Fehler im theoretischen Teil dieses Werks (Buch III und IV) erscheint: nämlich dass ich mich nicht gründlich genug mit der Wirkung von Veränderungen der Produktionsmenge befasst hatte. Meine sogenannten „Grundgleichungen“ waren eine Momentaufnahme, die auf der Annahme einer gegebenen Produktionsmenge beruhte. Sie sollten zeigen, wie unter dieser Annahme Kräfte entstehen können, die ein Gewinnungleichgewicht bedingen und so eine Veränderung der Produktionsmenge erforderlich machen. Aber im Gegensatz zu dieser Momentaufnahme blieb die dynamische Entwicklung unvollständig und äußerst verworren. Dieses Buch ist demgegenüber vor allem zu einer Untersuchung derjenigen Kräfte geworden, die Veränderungen des gesamten Produktionsvolumens und der Beschäftigung verursachen. Und auch wenn sich dabei zeigt, dass Geld eine wesentliche und zugleich eigentümliche Rolle im Wirtschaftssystem spielt, treten die technischen Details der Geldtheorie dabei in den Hintergrund. Wie wir noch sehen werden, lässt sich von einer Geldwirtschaft sprechen, wenn Veränderungen der Zukunftserwartung nicht nur die Art, sondern auch die Menge der Beschäftigung zu beeinflussen vermögen. Aber unsere Methode, das wirtschaftliche Verhalten der Gegenwart unter dem Einfluss sich ändernder Annahmen über die Zukunft zu analysieren, ist abhängig vom Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage und ist im Übrigen auch verknüpft mit unserer grundlegenden Werttheorie. Wir gelangen so zu einer allgemeineren Theorie, innerhalb derer die uns vertraute klassische Theorie einen Spezialfall darstellt.

Der Autor eines solchen Buchs, der auf unbekannten Pfaden wandelt, ist sehr auf Kritik und Diskussionen angewiesen, um allzu viele Fehler zu vermeiden. Es ist erstaunlich, auf welch törichte Ideen man zuweilen kommt, wenn man zu lange allein für sich nachdenkt, ganz besonders in der Volkswirtschaftslehre (aber auch anderen Geisteswissenschaften), wo es oft unmöglich ist, seine Ideen beweiskräftigen formalen oder experimentellen Tests zu unterziehen. Für dieses Buch habe ich mich, mehr noch als für Vom Gelde, auf den beständigen Rat und die konstruktive Kritik von R. F. Kahn verlassen. Umfangreiche Teile dieses Buches hätten ohne seine Anregungen nie ihre jetzige Form erhalten. Des Weiteren habe ich wertvolle Hilfe erhalten von Joan Robinson, R. G. Hawtrey und R. F. Harrod, die sämtliche Druckfahnen Korrektur gelesen haben. Das Sachregister wurde von D. M. Bensusan-Butt vom King’s College in Cambridge erstellt.

Das Schreiben dieses Buches stellte für den Autor einen langwierigen Kampf dar, aus alten Denkmustern auszubrechen, und genauso muss es auch den Lesern ergehen, wenn der Autor mit seiner Kritik Erfolg haben will. Die Überlegungen, die hier so mühevoll dargelegt werden, sind äußerst einfach und geradezu offensichtlich. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, neue Ideen zu entwickeln, sondern aus den alten auszubrechen, die sich in allen Winkeln der Köpfen derer festgesetzt haben, die so wie die meisten von uns unterrichtet wurden.

J. M. Keynes, 13. Dezember 1935

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Vorwort zur deutschen Ausgabe

Alfred Marshall, mit dessen Principles of Economics (Handbuch der Volkswirtschaftslehre) alle zeitgenössischen englischen Ökonomen groß geworden sind, strich stets die Kontinuität seines Werks mit dem Ricardos heraus. Seine Leistung bestand vor allem darin, die Tradition Ricardos um die Gesetze des Grenznutzens und der Substitution zu erweitern. Allerdings ist seine Theorie der Produktion und des Konsums insgesamt – im Gegensatz zu seiner Theorie der Produktion und Distribution einer gegebenen Gütermenge – nie aufgegriffen worden. Ich bin nicht sicher, ob er selbst eine solche Theorie für notwendig erachtete. Fest steht, dass seine unmittelbaren Nachfolger und Schüler darauf verzichteten und sie offenbar auch nie vermisst haben. Das war das Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe dann selbst diese Theorien gelehrt, und erst in den vergangenen zehn Jahren wurde mir ihre Unzulänglichkeit bewusst. Im Zuge meiner eigenen Entwicklung stellt dieses Buch für mich daher eine Reaktion auf die klassische (oder orthodoxe) englische Tradition bzw. eine Loslösung davon dar. Dass ich darauf auf den folgenden Seiten einen Schwerpunkt lege ebenso wie auf meine Divergenzen zur bisherigen Doktrin, wurde in einigen Kreisen als unangemessen kontrovers angesehen. Aber wie kann jemand, der im orthodoxen ökonomischen Glauben erzogen wurde, Auseinandersetzungen vermeiden, wenn er zum protestantischen Glauben übertritt?

Ich kann mir jedoch vorstellen, dass deutsche Leser anders dazu stehen. Die orthodoxe Tradition, die im 19. Jahrhundert in England vorherrschte, war in der deutschen Debatte nie sehr fest verankert. Es gab in Deutschland immer auch wichtige wirtschaftswissenschaftliche Schulen, die die klassische Theorie als wenig geeignet für die Analyse aktueller Geschehnisse erachteten. Sowohl der Manchesterliberalismus als auch der Marxismus leiten sich letztlich von Ricardo ab – eine nur auf den ersten Blick überraschende Feststellung. In Deutschland gibt es jedoch seit jeher eine breite theoretische Strömung, die keiner dieser Schulen angehört.

Gleichwohl kann man nicht gerade behaupten, dass diese Denkschule ein rivalisierendes Theoriegebäude errichtet oder dies auch nur versucht hätte. Sie blieb vielmehr skeptisch und realistisch und gab sich mit historischen und empirischen Methoden bzw. Ergebnissen ohne formale Analyse zufrieden. Die in diesem Zusammenhang wichtigste heterodoxe theoretische Abhandlung stammt von Wicksell. Seine Bücher waren auf Deutsch erhältlich (bis vor kurzem hingegen nicht auf Englisch), und eines seiner wichtigsten Werke wurde sogar auf Deutsch verfasst. Seine Anhänger aber waren hauptsächlich Schweden und Österreicher, wobei letztere seine Erkenntnisse mit spezifisch österreichischen Theorien kombinierten und sie so letztlich wieder in Richtung der klassischen Tradition zurückentwickelten. Somit kam Deutschland in der Volkswirtschaftslehre – ganz anders als es hier in anderen wissenschaftlichen Disziplinen üblich ist – ein ganzes Jahrhundert lang ohne vorherrschende und allgemein anerkannte formale Theorie aus.

Aus diesem Grund erwarte ich vielleicht weniger Widerstand von deutschen als von englischen Lesern, wenn ich ihnen eine Gesamttheorie der Beschäftigung und der Produktion darlege, die in wesentlichen Teilen von der orthodoxen Tradition abweicht. Besteht jedoch auch Hoffnung, den ökonomischen Agnostizismus in Deutschland zu überwinden? Wird es mir gelingen, deutsche Ökonomen davon zu überzeugen, dass formale Analysemethoden einen wichtigen Beitrag zur Interpretation aktueller Ereignisse und zur Gestaltung aktueller Politik leisten können? Immerhin ist es doch typisch deutsch, Gefallen an Theorien zu finden. Wie hungrig und durstig müssen deutsche Volkswirte sein, nachdem sie so viele Jahre ganz ohne auskommen mussten! Gewiss wird sich da ein Versuch lohnen. Ich bin schon zufrieden, wenn ich einige Happen zu einem Mahl beitragen kann, das von deutschen Ökonomen speziell für die deutschen Bedürfnisse zubereitet wird. Ich muss nämlich gestehen, dass sich das hier folgende Buch zur Illustrierung größtenteils auf die Bedingungen in den angelsächsischen Ländern stützt.

Gleichwohl lässt sich die im vorliegenden Buch dargestellte Theorie der Gesamtproduktion viel einfacher auf die Verhältnisse in einem totalitären Staat anwenden als die Theorie der Produktion und Distribution einer gegebenen Gütermenge, die unter den Bedingungen des freien Wettbewerbs und eines hohen Maßes an Laissez-faire produziert wurde. Das ist einer der Gründe, durch die sich die Bezeichnung allgemeine Theorie für meine Theorie rechtfertigen lässt. Da sie sich auf weniger enge Voraussetzungen stützt als die orthodoxe Theorie, lässt sie sich umso leichter den verschiedenartigsten Situationen anpassen. Obschon ich sie also mit dem Blick auf die Verhältnisse in den angelsächsischen Ländern ausgearbeitet habe, wo immer noch ein großes Maß von Laissez-faire vorherrscht, bleibt sie trotzdem auch auf Bedingungen anwendbar, in denen der Staat eine aktivere Rolle übernimmt. Die Theorie der psychologischen Gesetze, die Konsum mit Ersparnis verbinden, der Einfluss von kreditfinanzierten Ausgaben auf Preise und Reallöhne, die Rolle des Zinssatzes – all dies gehört zu den notwendigen Bestandteilen unseres Denkansatzes.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit meinem Übersetzer, Herrn Waeger, für seine ausgezeichnete Arbeit danken (ich hoffe, dass sich sein Glossar am Ende dieses Buches über seinen unmittelbaren Zweck hinaus als hilfreich erweist) und ebenso meinen Verlegern, den Herren Duncker und Humblot. Deren Unternehmen erlaubt es mir seit 16 Jahren, seit es mein Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages herausgab, mit den deutschen Lesern in Kontakt zu bleiben.

J. M. Keynes, 7. September 1936

05:53 22.12.2016

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