Paradigmenwechsel

Leseprobe "Noch vor wenigen Jahren haben wir geglaubt, keine andere Region sei so stabil wie der Nahe Osten mit seinen Diktatoren, die über Jahrzehnte herrschten. Wir haben uns getäuscht."
Paradigmenwechsel
Foto: Ali Al-Saadi/AFP/Getty Images

Zeitenwende

Ein gewaltiges Beben erschüttert den Nahen Osten. Über Jahrzehnte hatte eine Ordnung Bestand, die sich nur wenig veränderte. Heute stürzt sie ein. Konflikte und Kriege zerstören Städte und Landschaften, es zerfallen Gesellschaften, der Terror ist Teil des Alltags.

Zahlen der Vereinten Nationen illustrieren die dramatischen Folgen des Bebens. Zwar leben in der arabischen Welt lediglich fünf Prozent der Weltbevölkerung. In der Region werden jedoch 45 Prozent aller Terroranschläge verübt, auf sie entfallen 47 Prozent aller Binnenflüchtlinge und 57,5 Prozent der Flüchtlinge, die ihr Heimatland verlassen haben. Zudem sind zwei von drei Menschen, die bei Konflikten getötet oder verwundet werden, Araber.

Daran wird sich auf absehbare Zeit wenig ändern. Denn die Vereinten Nationen erwarten, dass im Jahr 2050 drei von vier Arabern in Ländern mit hohem Konfliktrisiko leben werden. Ein Indikator dafür sind die Rüstungsausgaben. Je Einwohner lagen sie in der arabischen Welt von 1988 bis 2014 um zwei Drittel über dem Durchschnitt. Weltweit ist keine andere Region derart militarisiert wie der Nahe Osten, und die Militärausgaben steigen weiter.

Wir sind Zeugen einer Zeitenwende, die den Nahen Osten erfasst hat. Noch vor wenigen Jahren haben wir geglaubt, keine andere Region sei so stabil wie der Nahe Osten mit seinen Diktatoren, die über Jahrzehnte herrschten. Wir konnten uns keine anderen Herrscher mehr vorstellen als den Libyer Gaddafi und den Ägypter Mubarak, als Saddam Hussein im Irak und als die Assads in Syrien. Wir haben uns getäuscht: Sie sind weggespült, bis auf Baschar al-Assad, der sich aber lediglich zum Preis eines grausamen Krieges halten kann. Die Stabilität war nur Schein.

Ein langer historischer Prozess gelangt an sein Ende, des- sen Anfänge ein halbes Jahrtausend zurückliegen. Eingesetzt hat er, als die Osmanen zu Beginn des 16. Jahrhunderts weite Teile der arabischen Welt eroberten. Die osmanische Herrschaft bescherte den Arabern eine Epoche des Wohlstands, ohne große Konflikte, aber auch ohne tiefgreifende Veränderungen. Ein erster folgenreicher Einschnitt war im Jahr 1798 die Expedition Napoleon Bonapartes nach Ägypten, die zur ersten Begegnung des arabischen Orients mit dem nun überlegenen Europa führte. Ein Jahrhundert später löste die Fremdherrschaft der nichtmuslimischen Kolonialmächte aus Europa die Fremdherrschaft der muslimischen Osmanen im Nahen Osten ab.

Das Ende der Kolonialherrschaft brachte dann zwar Selbstbestimmung, aber keine Befreiung. Säkulare Militärdiktaturen, die der Gesellschaft keine Freiheiten einräumten, übernahmen die Macht. Sie scheiterten, denn sie erfüllten nicht die Hoffnungen der Menschen auf ein Leben in Würde und Wohlstand. Die Antwort auf das Scheitern war der politische Islam, die Antwort auf den Staatsterror der Dschihad. Zuletzt wollten immer mehr Herrscher die dysfunktionalen Staaten an ihre Söhne weiterreichen.

Da gingen die Menschen zu Massenprotesten auf die Straße und lösten das Beben aus, das die Fassaden der Staaten zum Einsturz brachte. Der lange verborgene Zustand der arabischen Welt wird sichtbar: Regime, die weder Rechtsstaaten noch Sozialstaaten sind, die unterdrücken und ungerecht sind, Regime, die ihre Länder vor der Globalisierung abgeschottet haben. Epochale Umwälzungen haben jetzt aber eingesetzt, und sie stehen erst am Anfang.

Eine Analogie kann helfen, komplexe Sachverhalte oder Prozesse zu begreifen. Eine passende Analogie zum Zustand der arabischen Welt liefert die Geologie: Verwerfungslinien zeigen, wo Erdplatten aufeinanderprallen. Bewegen sich die Erdplatten, entsteht eine Spannung, die sich in Erdbeben entlädt. Eine Verwerfungslinie, die beispielswiese 500 Kilometer lang ist, kann in mehreren Schritten etappenweise gebrochen werden. Dann entlädt sich die Spannung in mehreren kleineren Erdbeben, die jeweils nur wenig Schaden anrichten. Die Spannung kann sich aber auch über eine lange Zeit aufbauen, der Untergrund kann sich bis zu einem gewissen Grad wie eine Feder biegen. Dann aber entlädt sich die Energie auf einmal mit großer Wucht und einer zerstörerischen Kraft, die ungleich größer als bei den kleinen Beben ist.

Überträgt man dies auf die Geschichte, wird aus einer Verwerfungslinie von 500 Kilometern eine Zeitachse von 500 Jahren. Europa ist in den vergangenen 500 Jahren von zahlreichen gesellschaftlichen und politischen Beben erschüttert worden. Jedes Beben setzte zentrifugale Kräfte frei und erschütterte die Ordnung. Jedes Mal fing das Machtzentrum die zentrifugalen Kräfte durch Veränderungen auf, was die Systeme stabilisierte. So führte der Dreißigjährige Krieg zu einem Religionsfrieden und der völkerrechtlichen Gemeinschaft von Nationalstaaten; bei der Revolution von 1848 erkämpfte sich eine neue bürgerliche Mittelschicht die Teilhabe an der Politik; schließlich mündete die soziale Frage nicht in ein revolutionäres Proletariat, sondern wurde durch eine schrittweise verbesserte Absicherung der Industriearbeiter gelöst.

Die Beben erfolgten nacheinander und konnten daher leichter absorbiert worden. Konflikte wurden beigelegt, in jedem Fall wurde das Gerüst der Ordnung stärker, sodass es künftigen Beben besser standhalten konnte. Neu bestimmt wurde das Verhältnis von Staat und Religion, das von Staat und Gesellschaft sowie das der Religionen und das der gesellschaftlichen Gruppen untereinander. In diesen Prozessen haben der Rechtsstaat und der Sozialstaat ihren Ursprung. Letztlich setzt sich die Zivilisation Europas aus solchen Errungenschaften zusammen, die aus der Lösung von Konflikten hervorgegangen sind.

Anders die arabische Welt. Sie war Jahrhunderte stillgestanden. Die Araber empfanden das als umso bedrückender, als sie in der Zeit vom Ende des Römischen Reiches bis zum Beginn der europäischen Renaissance eine Hochzivilisation hervorgebracht hatten, die für ihre Zeit reich war und in der die Wissenschaften eine Blüte erlebten. Dann übernahm Europa die Fackel des Fortschritts, und die arabische Welt verfiel in einen langen, tiefen Schlaf.

Heute holt sie mehrere historische Prozesse nach, die Europa nacheinander erschüttert haben: Als sich Europa im Dreißigjährigen Krieg zerfleischte, war das Osmanische Reich eine Zone des religiösen Friedens und des Wohlstands, die keine Nationen kannte; als die bürgerliche Mittelschicht in Europa 1848 gegen die feudale Staatselite aufbegehrte, akzeptierten die Untertanen des Sultans die Ordnung als gottgegeben; als im Westen die Industrialisierung eine neue Welt schuf, waren die Araber weiterhin Händler und Landwirte. Denn der Islam begünstigt keine Akkumulation von Kapital.

Die Eruptionen haben erst begonnen. Wenn sich eine Verwerfungslinie in Bewegung setzt, die viele Jahrhunderte – und damit zu lange – ruhig war, bleibt kein Stein auf dem anderen. Noch vor wenigen Jahren haben wir geglaubt, keine Region der Welt sei so stabil wie der Nahe Osten mit seinen Diktatoren. Dann ist die Feder gesprungen, und die Erde hat sich in Bewegung gesetzt. Der Nahe Osten bebt, und mit den Flüchtlingen und dem Terror hat der Tsunami uns in Europa längst erreicht.

Historische Prozesse wiederholen sich nicht, es bestehen aber auffällige Ähnlichkeiten zwischen dem Gestern und dem Heute. So demonstrierten in der arabischen Welt im Jahr 2011 frustrierte Angehörige der Mittelschicht, die eine Teilhabe an Staat, Gesellschaft und Wirtschaft einforderten; es beteiligten sich Arbeiter von Staatsbetrieben, die gegen ihre schlechte Bezahlung protestierten. Die Menschen erkannten, dass ihre Staaten ihnen keinen Nutzen bringen, denn diese Staaten waren nie Solidargemeinschaften und sie stifteten keinen gesellschaftlichen Frieden. Vielmehr privilegierten sie eine kleine Elite auf Kosten anderer Bevölkerungsschichten.

Die Proteste wurden niedergeknüppelt. Einige Regime haben sich durch Konterrevolutionen gerettet, die von einer erschreckenden Repression begleitet sind; andere Länder sind in Kriege abgeglitten, in denen die Fronten oft zwischen religiösen Konfessionen verlaufen. Die vielen anhaltenden Konflikte und Kriege summieren sich in der Gegenwart zu einem Megabeben mit gewaltiger zerstörerischer Energie.

Wenn Gesellschaften und Staaten zerfallen, entsteht ein Vakuum, in das nichtstaatliche Akteure stoßen. Zu ihnen zählen der »Islamische Staat« und der dschihadistische Terror, aber auch externe Schutzmächte wie Saudi-Arabien für die sunnitischen Muslime und Iran für die schiitischen. In dem Maße, wie sie sich im Vakuum ausbreiteten, verschmolzen lokale Konflikte mit regionalen, und so zerfielen erst einzelne Staaten, dann zerfiel die regionale Ordnung. Regionalmächte, die das hätten aufhalten können, standen nicht mehr zur Verfügung. Denn drei von ihnen sind ausgeschieden: der Irak, Syrien und Ägypten. Als letzte Ordnungsmacht bleibt Saudi-Arabien, das sich in einem kalten Krieg mit Iran befindet.

Der Transformationsprozess, der eingesetzt hat, ist ohne Präzedenzfall. Zu Beginn haben noch viele gehofft, er könne wie in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 verlaufen. Denn schließlich ähnelten sich die Fragestellungen. In Osteuropa wollten die Menschen ihre Diktaturen durch Ordnungen ersetzen, die ihnen eine Teilhabe garantierten. Sie stellten sich, wie es auch die Araber heute tun, Fragen zu ihrer Identität. So fragten sich die Polen, ob sie eher eine katholische oder eher eine säkulare Nation sein wollten.

In der arabischen Welt verlaufen die Prozesse aber anders. Denn sie sind ungleich komplexer als es jene in Osteuropa waren. In Osteuropa kreiste die Debatte letztlich um die Frage, welche Staatsform sich durchsetzen würde: eine Demokratie wie in Polen oder eine Diktatur wie in Weißrussland. Der Staat existierte jedoch weiter. Nicht so in der arabischen Welt, wo sich die Staatlichkeit auflöst und wo die Sicherung von Staatlichkeit die größte Herausforderung geworden ist.

Der Vergleich mit Osteuropa zeigt, wie schwierig Prognosen zu Beginn eines Transformationsprozesses sind. Einige Länder des früheren Ostblocks wurden Mitglieder in der Europäischen Union, andere nicht; die Tschechoslowakei und Jugoslawien brachen auseinander, neue Staaten wie Kroatien und Bosnien-Herzegowina wurden gegründet. Das alles war 1989 nicht vorherzusehen. In der arabischen Welt, in der das Beben ungleich stärker und gewalttätiger ausfällt, sind Prognosen noch schwieriger. Niemand hätte voraussagen können, dass die Selbstverbrennung eines tunesischen jungen Mannes am 17. Dezember 2010 dieses anhaltende Beben auslösen würde.

Der Wandel ist gewaltsam, brutal und wird lange dauern. Beispiele sind die Militarisierung des Konflikts in Syrien im Jahr 2012, die Niederschlagung der Proteste der Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mursi im Sommer 2013 und der rasche Siegeszug des »Islamischen Staats« im Jahr 2014.

Eine Rückkehr zum Status quo ante und in die Zeit vor dem Beben ist ausgeschlossen, denn das Vertrauen der Bürger in ihre Regime ist aufgebraucht. Die Regime antworten auf den Ungehorsam mit Repression. Je repressiver ein Regime aber ist, desto extremistischer wird die Alternative zu ihm und desto besseren Nährboden findet der Terror – und desto brutaler schlägt dann das Regime zurück. Es ist eine Spirale, die die arabische Welt nach unten zieht.

Das Buch soll zeigen, dass die Konflikte und Kriege im Nahen Osten keine vorübergehende Episode sind, sondern uns noch lange beschäftigen werden. Es spürt die inneren Verwerfungen in der arabischen Welt auf, nachdem andere Autoren die äußeren Einflüsse, vor allem die militärischen Interventionen des Westens und deren Folgen, herausgearbeitet und teilweise überbewertet haben. Es führt die Konflikte und Kriege nicht eindimensional auf einen Faktor zurück, vielmehr will es der Komplexität des Nahen Ostens gerecht werden. Komplex sind zum einen die Ursachen, die es ermöglicht haben, dass sich über die Zeit eine solche Zerstörungsenergie aufgebaut hat; sie liegen in der Geschichte, in den Gesellschaften und der Religion des Islams. Komplex sind auch die Konflikte, die wie ein Knäuel miteinander verflochten sind.

Vorübergehend wurde für die Massenproteste und die revolutionäre Stimmung des Jahres 2011 der Begriff »Arabischer Frühling« benutzt, er führte aber in die Irre. Denn er machte glauben, dass es ausreiche, einen Diktator zu stürzen und Wahlen abzuhalten, um zu einer pluralistischen Demokratie zu gelangen, die die Vielfalt der nahöstlichen Gesellschaften abbildet. Stattdessen steht die arabische Welt am Beginn einer Zeitenwende, die von lang anhaltenden Konflikten begleitet ist. Dieses Buch hat die Ereignisse des Jahres 2011 im Blick, darüber hinaus auch die lange Dauer der historischen Prozesse in der Region. Die Analysen werden veranschaulicht durch Reportagen aus Brennpunkten der arabischen Welt, in die der Autor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gereist ist.

Das Buch behandelt in seinem ersten, historischen Teil die externen Einwirkungen und die inneren Fehlentwicklungen, die zusammen die gewaltigen Eruptionen in der arabischen Welt, wie wir sie heute erleben, ausgelöst haben. Der zweite Teil zeichnet nach, wie die einzelnen Staaten und die regionale Ordnung zerfallen, wie der Zusammenhalt der Gesellschaften schwindet und wie auch der klassische Islam seine Bindekraft verliert. Ein Exkurs in der Mitte des Buches zeigt am Beispiel Ägyptens, weshalb die Massenproteste von 2011 gescheitert sind.

Während die ersten beiden Hauptkapitel die Vergangenheit und die Gegenwart zum Thema haben, blickt das dritte Kapitel in die Zukunft und entwickelt mögliche Szenarien. Im Mittelpunkt stehen der Kampf um die Identität von Staat und Gesellschaft sowie die Frage, welche Rahmenbedingungen für eine neue politische Ordnung erforderlich sind. Diese Aufgaben beschäftigen sich damit, die Folgen des Bebens zu beseitigen. Die arabische Welt ist jedoch zusätzlich mit Herausforderungen konfrontiert, die selbst in friedlichen Zeiten kaum zu meistern sind. Dazu gehören das hohe Bevölkerungswachstum, die Modernisierung der dysfunktionalen Wirtschaften und die ökologischen Gefahren.

Ein viertes und letztes Kapitel widmet sich den Folgen der arabischen Zeitenwende für Europa. Dabei geht es um die Frage, wie wir auf die Erschütterungen in der Nachbarregion Europas reagieren können, wie sie sich auf unsere Gesellschaften auswirken, wie wir mit der wachsenden Terrorgefahr umgehen und welchen Beitrag wir für die Stabilisierung des Nahen Ostens leisten können.

In der arabischen Welt geht eine Epoche zu Ende. Zum Ende der Kolonialzeit wurden Staaten gegründet, denen es nicht gelang, heterogene Gesellschaften zu Nationen zu einen. Die Staaten wurden nur so lange zusammengehalten, wie die Sicherheitsapparate Dissens mit eiserner Faust erstickt haben. Dabei setzte sich der Stärkere durch, die Schwächeren wurden ausgeschlossen. Heute zerbrechen die Staaten. Damit sind Konflikte verbunden, zentrifugale Kräfte werden freigesetzt. Um Schutz zu finden, wendet sich der Einzelne seiner konfessionellen Gemeinschaft oder dem Stamm zu, und so ist ein Kampf um die Identitäten von Gemeinwesen, des Staates und der Gesellschaft im Gange. Der Kampf zerreißt die Gemeinwesen und befeuert die Konflikte noch mehr. In Ländern wie Syrien und dem Irak zählt keine nationale Identität, sondern die Zugehörigkeit zu einer konfessionellen Gemeinschaft. Die Folgen sind Krieg und Zerstörung, ebenso neue Diktaturen und Repression. Eine neue Ordnung ist aber nicht in Sicht.

Das Scheitern der postkolonialen Staaten hat die konfliktbeladene Suche nach einer schützenden Identität sowie Kriege in allen Formen angestoßen: Bürgerkriege, Stellvertreterkriege, Kriege um die Vorherrschaft in der Region. Gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung gibt weltweit keine andere Region so viel Geld für Rüstung aus. Als ob das nicht ausreichte, um eine Region zu destabilisieren, versetzen auch die Terrorideologie des dschihadistischen Salafismus und der »Islamische Staat« die Menschen im Nahen Osten – und darüber hinaus – in Schrecken.

Virulent bleibt der Konflikt um Palästina und vor allem um Jerusalem. Den Juden ist Jerusalem eine heilige Stadt, den Muslimen ist sie die drittheiligste Stätte. Ein kreatives Konzept für eine friedliche Lösung gibt es weiter nicht. Unter dem Begriff »Jahrhundertdeal« wird zunehmend eine vor allem von Israel favorisierte Lösung diskutiert, dass die Palästinenser auf einen Teil der Westbank verzichten und dafür im Nordsinai ein »Ersatzland« angeboten bekommen.

Der Konflikt, der alles andere überlagert, ist der zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran. Solange er nicht entschärft wird, werden alle Versuche scheitern, die zahlreichen anderen Konflikte beizulegen. Den Geist aus der Flasche ließen im Jahr 2003 die amerikanische Invasion im Irak und der Sturz des Gewaltherrschers Saddam Hussein. Dieser Geist des sunnitischen und schiitischen Konfessionalismus facht den Flächenbrand im Nahen Osten an und gefährdet Staaten.

Der Konfessionalismus ist eine destruktive Kraft. Als Gegengewicht, das die konfessionellen Gräben überwinden kann, bietet sich dazu der Arabismus an, der nicht die Religion in den Vordergrund stellt, sondern die kulturelle Einheit der Araber. Der Arabismus wurde jedoch von den säkularen Diktaturen diskreditiert und muss erst wiederbelebt werden.

Stabile Staaten wird es erst dann wieder geben, wenn die konfessionellen Gräben zugeschüttet und die Faktoren beseitigt sind, die zu den Massenprotesten des Jahres 2011 geführt haben. Dazu bedarf es radikaler Reformen, zu denen noch niemand bereit ist. Die Prognose ist daher düster: Der arabischen Welt stehen noch jahrzehntelange Konflikte bevor, die auch uns im Westen nicht unberührt lassen werden.

14:37 29.03.2018

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