Zeit und Umstand

Leseprobe "Regionale Migration war in den Jahren vor der Revolution 1848, dem Vormärz, keine Seltenheit. Dabei gab es klare Wanderungsstrategien und man folgte keineswegs blind der Abenteuerlust."
Zeit und Umstand
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Am Rand der Unterschicht: Arm und doch privilegiert

Das Leben hätte vorbei sein können, bevor es begann. In deutschen Städten starben in den 1840er-Jahren von tausend Säuglingen im ersten Lebensjahr rund zweihundert. In manchen Arbeiter- und Armeleutevierteln überlebten pro Jahr über vierzig Prozent der Neugeborenen nicht das erste Lebensjahr. Auch das Ehepaar Johann und Wilhelmine Bebel, geborene Simon, hatte bald nach der Geburt ein Mädchen verloren. Dass August Bebel, der am 22. Februar 1840 in Deutz zur Welt kam, das Säuglingsalter überlebte, war alles andere als selbstverständlich zu jener Zeit. Denn Deutz, der rechtsrheinisch direkt gegenüber Köln liegende Ort, gehörte zu jenen wachsenden und durch die Industrialisierung geprägten Kleinstädten, in denen die Kindersterblichkeit besonders hoch lag. Die Einwohnerzahl von Deutz verdoppelte sich zwischen 1840 und 1857 von 2800 auf 5600. Als 1888 die Eingemeindung in die Stadt Köln erfolgte, war die Zahl der Einwohner auf 17 600 gestiegen.

August Bebel wurde allerdings nicht in einem Arbeiterviertel geboren, sondern in den Festungsanlagen von Deutz, denn sein Vater war Unteroffizier in der preußischen Armee. Eingetreten in den Militärdienst war Johann Bebel 1828 in Posen gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Ferdinand. Sie stammten aus einer Böttcherfamilie, aber das Handwerk des Fässer- und Eimermachens in der preußischen Handels- und Grenzstadt Ostrowo (Ostrów Wielkopolski) ernährte die Familie mehr schlecht als recht, sodass die Söhne sich für den Dienst an der Waffe entschieden. Die Bebel-Brüder waren dabei keine Ausnahme. Fast jeder vierte Soldat der preußischen Armee hatte sich im Vormärz freiwillig verpflichtet. Als es 1830 quer durch Europa zu revolutionären Unruhen kam, brach auch in den von Russland besetzten polnischen Gebieten ein Aufstand los. Die Aufrührer forderten die staatliche Selbständigkeit Polens und setzten den russischen Zaren als polnischen König ab. Zu diesem Zeitpunkt »hielt es der preußische Staat für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen«. Einzelne Truppenteile wurden bis an die Westgrenze Preußens verlagert. So kam Johann Bebel nach Mainz.

Dort lernte er seine spätere Frau Wilhelmine Simon kennen. Als die Regimenter zurück nach Posen verlegt wurden, entschied sich Johann Bebel »in Rücksicht auf seine Braut« gegen seine Heimat und blieb im Rheinischen. Seine Entscheidung wurde ihm erleichtert, da er zu einem in Köln stationierten Infanterieregiment wechseln konnte und auch sein Bruder sich entschloss, nicht nach Posen zurückzukehren. Zweiundzwanzig und sechsundzwanzig Jahre waren Johann und Wilhelmine alt, als sie sich 1830 in Mainz trafen. Bis zu ihrer Hochzeit sollten allerdings noch acht Jahre vergehen. Warum diese ehelose Phase in der Beziehung so lange dauerte, obwohl sich Johann ja mit dem Regimentswechsel für Wilhelmine entschieden hatte, muss offenbleiben. Vermutlich sollte die eine oder andere Beförderung, die mit dem Aufstieg zum Unteroffizier dann auch erreicht wurde, noch abgewartet werden. Und Wilhelmine hoffte in ihrer Stellung als Dienstmädchen möglicherweise, noch ein wenig für einen gemeinsamen Haushalt sparen zu können.

Zwar stammte sie aus »einer alteingesessenen, nicht unbemittelten Kleinbürgerfamilie« Wetzlars. Doch auf eine gesicherte Existenzgrundlage konnte auch sie nicht blicken. Als eines von sieben Kindern eines Wetzlarer Bäckers und Landwirts konnte Wilhelmine auf kein großes Erbe hoffen, obwohl die Familie um 1800 noch zu den höchstbesteuerten Stadtbürgern Wetzlars zählte, ehe der Abstieg begann. Als Mädchen hatte Wilhelmine keine Chance, ein Handwerk zu erlernen und im Betrieb ihres Vaters zu arbeiten. Sie ergriff den typisch weiblichen Beruf des Dienstmädchens, der sie zunächst nach Frankfurt führte.

Regionale Migration war in den Jahren vor der Revolution 1848, dem Vormärz, keine Seltenheit. Dabei gab es klare Wanderungsstrategien und man folgte keineswegs blind der Abenteuerlust. Vielmehr hatten sich Wanderrouten ausgebildet; man ließ sich von Verwandten und Bekannten Informationen zukommen, wanderte in Etappen von Ort zu Ort, um Chancen auszuloten. Von daher war auch für Wilhelmine Simon in den 1820er-Jahren der Umzug von der Reichsstadt Wetzlar mit ihren rund 5000 Einwohnern in die Großstadt Frankfurt, die 1825 zehnmal so viele Einwohner zählte, einfacher zu bewältigen. Sie folgte damit »dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien«. Eingebunden in einen fremden Haushalt, jederzeit dienstbereit, meist ohne Arbeitsentgelt, sondern nur durch Sachleistungen sowie Kost und Logis entlohnt, waren Stellenwechsel unter Dienstmädchen keine Seltenheit. So machte sich Wilhelmine von Frankfurt aus auf den Weg in das vierzig Kilometer entfernte Mainz, wo sie schließlich auf Johann Bebel traf.

Unfreiwillig mobil blieb das frisch vermählte Paar auch in den ersten Ehejahren. Obwohl Johann Bebel in keinen Krieg ziehen musste, war das preußische Soldatenleben für einfache Mannschaftsdienstgrade und Unteroffiziere alles andere als gesund; und der Verdienst garantierte nur das Allernötigste. August Bebel und seine im April 1841 und im Oktober 1842 geborenen Brüder Carl Julius und Carl Friedrich lebten in einer Familie am Rand einer »Ökonomie des Notbehelfs und der Notdürftigkeit«. Im Vergleich zu den Bevölkerungsgruppen, die von der grassierenden Armut ergriffen wurden, ging es den Bebels mit einer festen Unterkunft in der Kaserne und einem kleinen, aber dafür regelmäßigen Einkommen zwar noch relativ gut. Aber von einem Modell der bürgerlichen Lebensführung, wie es sich um 1800 ausgebildet hatte, in dem der Mann als Alleinverdiener die gesamte Familie versorgen konnte, während die Frau sich dem Haushalt widmete, waren Johann und Wilhelmine weit entfernt.

August Bebels Mutter musste Geld hinzuverdienen: »Meine Mutter erhielt die Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt, sie hatte das Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir innehatten. So sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit Rübenöl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch«, rekonstruierte über sechzig Jahre später August Bebel in seiner Autobiografie seine Kindheitserinnerungen. Aus den Marketenderinnen, die früher die Heere begleitet hatten, waren stationäre Dienstleisterinnen geworden. Die »Lebensgemeinschaft von Soldat und Frau« blieb so auch im 19. Jahrhundert ein prägendes Bild.

Wie weit Bebels Erinnerungen ein realistisches Bild wiedergeben, muss offenbleiben. Sicher ist, dass die berufliche und finanzielle Lage seiner Eltern angespannt blieb und sich verschlimmerte. Zwar erhielt Johann Bebel, als seine Ausmusterung aus der preußischen Infanterie bevorstand, eine Stelle als Grenzaufseher in Herzogenrath, einem Ort siebzig Kilometer westlich von Köln; doch Johann Bebel erkrankte noch während seiner dreimonatigen Probezeit im Frühjahr 1843 schwer, sodass er die Stelle wieder aufgeben musste. Es ging zurück in die Deutzer Kasematten, und Johann kam in das Militärlazarett. »Nach dreizehnmonatiger Krankheit starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die Kasematten verlassen.«

Der jungen Familie drohte ein Abrutschen in jene neue Form struktureller Armut, für die man in den 1840er-Jahren den Neologismus »Pauperismus« geschaffen hatte. In der Brockhaus Real-Enzyklopädie von 1846 hieß es: »Pauperismus ist ein neuerfundener Ausdruck für eine neue, höchst bedeutsame und unheilvolle Erscheinung, den man in Deutschland durch die Worte Massenarmuth oder Armenthum wiederzugeben gesucht hat. Es handelt sich dabei nicht um die natürliche Armuth, wie sie als Ausnahme in Folge physischer, geistiger oder sittlicher Gebrechen, oder zufälliger Unglücksfälle immerfort Einzelne befallen mag; auch nicht um die vergleichsweise Dürftigkeit, bei der doch eine sichere Grundlage des Unterhalts bleibt. Der Pauperismus ist da vorhanden, wo eine zahlreiche Volksclasse sich durch die angestrengteste Arbeit höchstens das nothdürftige Auskommen verdienen kann, auch dessen nicht sicher ist, in der Regel schon von Geburt an und auf Lebenszeit solcher Lage geopfert ist, keine Aussicht der Änderung hat […] und dabei immer noch sich in reißender Schnelligkeit ergänzt und vermehrt.«

Doch im Gegensatz zu dem Heer der von Armut betroffenen Unterschichten, die keinen Halt mehr fanden, konnte die Witwe mit ihren Kindern auf ein familiäres Netzwerk zurückgreifen. Johann Bebels Zwillingsbruder Ferdinand nahm die Familie bei sich auf, und bereits im Oktober 1844 heirateten Ferdinand und Wilhelmine. Auch Ferdinand war als pensionsberechtigter Invalide vom Militärdienst in eine Versorgungsstelle im Zivilleben gewechselt und arbeitete zur Zeit der Hochzeit als Aufseher im Gefängnis und Armenhaus von Brauweiler. Erneut lebte die Familie innerhalb der Institution, in der der Vater arbeitete; nun umgaben nicht Festungs- und Kasernenmauern, sondern Gefängnismauern den Lebensraum der kleinen Kinder.

Erinnerte sich August Bebel noch durchaus freudig an das Kinderspiel auf dem Festungsgelände, an die Soldaten, von denen er »verhätschelt oder auch gehänselt« wurde, so wirkte die Gefangenen- und Besserungsanstalt furchteinflößend, beängstigend. Auf dem Weg zur Wohnung hatte der kaum fünfjährige August »mehr als einmal mitangesehen«, wie Insassen misshandelt wurden, obwohl das eigentliche Ziel »einer jeden Besserungsanstalt« darin bestehen sollte, »die Besserung der Detinirten in dem Maaße zu bewirken, daß sie späterhin dem bürgerlichen Leben ohne Nachtheile für dasselbe zurückgegeben« werden.

Gewalt erfuhren August Bebel und seine Brüder auch im Familienleben. Bebel beschrieb seinen Stiefvater als widersprüchlichen Menschen. Zwar sei er »aufs emsigste für unser Wohl bemüht gewesen«, »ein gutherziger Mann«; doch im Zustand »maßloser Erregung« mussten die Kinder auch »schwere körperliche Züchtigungen« erleiden. Als am 19. Oktober 1846 – neun Monate nach dem Tod des jüngsten Bruders Carl Friedrich – der Stiefvater starb, empfand August Bebel dessen Tod »als eine Befreiung von schwerem Druck«. Finanziell standen Wilhelmine Bebel und ihre beiden Söhne nun erneut vor dem Nichts, da die Mutter keinen »Anspruch auf staatliche Unterstützung« hatte. Wieder halfen die familiären Beziehungen aus der Not; dafür war dieses Mal die Rückkehr in Wilhelmines Heimat Wetzlar notwendig, auch weil Hilfsbedürftige lediglich in ihrer Heimatgemeinde Anspruch auf kommunale Armenhilfe hatten. »Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln wurde der Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster gesetzt, um von dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per Wagen das Lahntal hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir abends gegen 10 Uhr die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten, war diese mit Menschen überfüllt, und es herrschte ein Tabaksqualm zum Ersticken. Da uns niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde wie wir waren, uns dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie nur müde Kinder schlafen können.«

So bedrückend diese Reise für die Bebels gewesen sein mochte, zeigt sie aber auch, dass sie noch über finanzielle Reserven verfügten. Nicht nur, dass die Bebels ihren Hausstand nicht hatten verkaufen müssen, sie hatten auch Geld, die Möbel und Habseligkeiten transportieren zu lassen und selbst mit dem Schiff zu fahren. Rund fünfzehn Jahre nachdem Wilhelmine Wetzlar verlassen hatte, war sie wieder am Ausgangspunkt ihrer Migration angekommen. Ihre Mutter, drei Schwestern und ein Bruder lebten hier noch. Als Scheitern wird Wilhelmine diese Rückkehr wohl nicht empfunden haben; der Tod ihrer Ehemänner hatte sie in diese Zwangslage gebracht, und eine reale Chance für den sozialen Aufstieg war mit der Dienstmädchen-Wanderung nie verbunden gewesen. Auch wenn Wilhelmines nächste Verwandte in Wetzlar über keine Reichtümer mehr verfügten, waren sie nicht völlig mittellos.

Wilhelmine erbte nach dem Tod ihrer Mutter einige Parzellen Land, von denen sie für den Lebensunterhalt der Familie allerdings ein paar verkaufen musste. Da auch dieses Geld nicht ausreichte, wurde auf jene Strategien des Notbehelfs zurückgegriffen, wie sie in den Unterschichten gang und gäbe waren: Alle Familienmitglieder mussten zum Haushaltseinkommen beitragen. Wilhelmine nähte im Stücklohn Militärhandschuhe, August ging »zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer Gartenwirtschaft« und im Herbst half er mit seinem Bruder bei der Kartoffellese. Als auch dieses Einkommen nicht mehr reichte und Wilhelmine erkrankte, meldete sie ihre beiden Söhne für das Militärwaisenhaus in Potsdam an, gab es doch bereits mit der Anmeldung eine monatliche Unterstützung. Bei dem Waisenhaus handelte es sich um eine Institution, die sich die Erziehung, Ausbildung und Disziplinierung von Soldatenkindern zum Ziel setzte. Nach der Schulzeit war eine neunjährige Dienstzeit als Soldat Pflicht. Unter den Soldaten hatte das Waisenhaus offensichtlich keinen guten Ruf: Wilhelmine hatte ihrem ersten Mann versprechen müssen, ihre Kinder nie dort anzumelden.

Die wirtschaftliche Lage der Witwe in Wetzlar war jedoch so prekär, dass sie sich zunächst über den Wunsch ihres Mannes hinwegsetzte. Erst als der jüngere Sohn Carl Julius 1853 ins Waisenhaus eingezogen werden sollte – August war bereits 1851 als körperlich zu schwach abgelehnt worden –, widerrief Wilhelmine den Aufnahmeantrag. Dafür erhielt sie seit dem Januar 1851 Armenunterstützung durch die Stadt. Diese Unterstützung erwähnte August Bebel in seinen Erinnerungen nicht, markierte dieser Schritt doch den Abstieg in jene Bevölkerungsschichten, die nicht mehr von ihrer eigenen Arbeit und Leistung leben konnten. Für den Arbeiterführer, der später auf sein erfolgreiches Leben zurückblickte, blieb diese Episode ausgespart. Bis zum 2. Juni 1853 erhielt Wilhelmine Geld von der städtischen Fürsorge, dann starb sie nur 49 Jahre alt.

Wieder sicherte die Familie die Zukunft der beiden Waisenkinder August und Carl Julius. Der Schwager, für den die Mutter Militärhandschuhe genäht hatte, wurde zum Vormund bestimmt; bei der verwitweten Tante Johannette Göckus kamen die Kinder unter. Göckus betrieb selbständig eine Wassermühle, beschäftigte einen Müller und eine Magd. Trotz der Aufnahme in den Haushalt der Tante und obwohl die beiden Jungen aus dem Erbe der Mutter noch über kleine Parzellen verfügten, bekamen sie Unterstützung durch einen städtischen Waisenfonds. Bis zu ihrer Entlassung aus der Handwerkslehre gewährte er ihnen regelmäßig Kleidung und monatlich zwanzig Silbergroschen Unterhalt.

Kindheit in den Unterschichten im 19. Jahrhundert hieß immer auch Arbeit. August Bebel hatte diese Erfahrung in allen Facetten durchlebt und durchlitten. Verschont blieb er von jener verbrecherisch-ausbeuterischen Form der Kinderarbeit in der aufkommenden Industrialisierung, die die Vereinheitlichung und Vereinfachung von Arbeitsprozessen dazu nutzte, Arbeit durch billige Kinderarbeit zu ersetzen. Bebels Arbeit in der Mühle seiner Tante war dagegen eingebettet in den alltäglichen Arbeitsablauf, das hieß, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zum Funktionieren der Mühle und zu ihrem Umsatz beizutragen. An dieser Kinderarbeit gibt es nichts zu verklären, aber sie war unhinterfragter Alltag in den Unterschichten. Es blieb dennoch Zeit zum Schlittschuhlaufen, zum Herumstromern in der Stadt und Wetzlars Umgebung.

Bebel hatte sogar das Glück, dass wie zuvor seine Eltern auch die Pflegetante ihm die Schule nicht verwehrte. Ob hier die Strategie randbürgerlicher Schichten zum Tragen kam, die ihren Kindern Chancen für ihr späteres Leben eröffnen wollten (was beim städtisch-kleinbürgerlichen Hintergrund der Wetzlarer Verwandtschaft nicht ausgeschlossen war), ob die seit Beginn des 19. Jahrhunderts stärker durchgesetzte Schulpflicht und die Verbesserung der Volksschulen Bebels Schulstart ermöglichten oder ob es schlicht Glück und Zufall war, muss offenbleiben. Jedenfalls war August bereits mit viereinhalb Jahren von seinem Stiefvater in Brauweiler eingeschult worden. In Wetzlar besuchte er die Armenschule; da diese aber mit der Bürgerschule zusammengelegt wurde, war das Niveau für eine kleinstädtische Schule durchaus anspruchsvoll. In seiner Autobiografie sah Bebel sich als guten, wenngleich vorlauten Schüler. Dank seiner Leistungen erhielt er sogar von einem Lehrer zusätzliche Mathematikstunden, in denen ihm das Rechnen mit Logarithmen beigebracht wurde.

Das trotz hoher regionaler Mobilität funktionierende familiäre Sicherheitsnetz, eine rudimentäre, aber eben doch vorhandene basale Armenunterstützung, vor allem aber die Fähigkeit, in ökonomischen Krisenzeiten alle Einkommensquellen, Beziehungen und Netzwerke zu mobilisieren, verschonten die Bebels vom Strudel des Pauperismus. Sie befanden sich am Rand dieses Strudels, wurden aber nicht erfasst. Wäre August Bebel und seine Familie in diesen Sog geraten, hätten sie sich kaum daraus befreien können. So war dank Schulbildung und dank der Existenzsicherung auf einfachem, niedrigem Niveau die Tür einen Spalt offen, um das Leben ein klein wenig selbst gestalten zu können.

11:29 08.08.2013

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