Unter dem Radar

Leseprobe "Wir gehen nicht zur Schule. Dad hat Angst, dass die Regierung uns dazu zwingt, aber das kann sie nicht, weil sie gar nichts von uns weiß. Vier der sieben Kinder meiner Eltern haben keine Geburtsurkunde."
Unter dem Radar
Foto: Shaun Curry/AFP/Getty Images

Prolog

Ich stehe auf dem roten Eisenbahnwaggon, der verlassen neben der Scheune abgestellt ist. Der Wind rauscht, peitscht mir die Haare übers Gesicht und schickt mir ein Frösteln in den ofenen Hemdkragen. So nahe am Berg stürmt es oft kräftig, als atmet der Gipfel selbst aus. Das Tal unter mir ist friedlich, ungestört. Derweil tanzt unsere Farm: Die schweren Koniferen wiegen sich langsam, Wüstenbeifuß und Disteln dagegen beben, neigen sich vor jedem Windstoß, jedem Luftloch. Hinter mir steigt sanft ein Hügel an, heftet sich an den Fuß des Berges. Wenn ich den Blick hebe, sehe ich die dunklen Umrisse der Indianerprinzessin.

Der Hügel ist mit wildem Weizen überzogen. Sind Koniferen und Wüstenbeifuß Solisten, die einzigartige Bewegungen zur Szenerie beitragen, so ist das Weizenfeld das Ballettkorps, in dem jeder Halm den anderen in ihren Bewegungsstößen folgt und Millionen Ballerinas sich eine nach der anderen neigen, wenn Böen ihre goldenen Köpfe biegen. Diese Kuhlen währen nur einen Augenblick, und allein durch sie kann man Wind sehen.

Wende ich mich zu unserem Haus am Hang, sehe ich andersartige Bewegungen, hohe Schatten, die steif durch die Ströme stoßen. Meine Brüder sind wach, schauen nach dem Wetter. Ich stelle mir meine Mutter am Herd vor, wie sie die Kleiepfannkuchen brät. Ich stelle mir meinen Vater vor, wie er gebeugt an der Hintertür steht, die Stiefel mit den Stahlkappen schnürt und die schwieligen Hände in Schweißerhandschuhe schiebt. Unten auf dem Highway rollt der Schulbus vorbei, ohne anzuhalten.

Ich bin erst sieben, aber mir ist klar, dass meine Familie mehr als alles andere dadurch abweicht: Wir gehen nicht zur Schule.

Dad hat Angst, dass die Regierung uns dazu zwingt, aber das kann sie nicht, weil sie gar nichts von uns weiß. Vier der sieben Kinder meiner Eltern haben keine Geburtsurkunde.

Wir haben keine Patientenakte, weil wir zu Hause geboren wurden und nie einen Arzt oder eine Schwester zu Gesicht bekommen haben. Auch Schulakten haben wir nicht, weil wir nie einen Fuß in ein Klassenzimmer gesetzt haben. Mit neun bekomme ich dann eine nachträgliche Geburtsurkunde ausgestellt, aber jetzt gibt es mich immer noch nicht, jedenfalls nicht für den Staat Idaho oder die Bundesregierung.

Aber natürlich gab es mich. Wir waren damit aufgewachsen, uns auf die Tage des Gräuels vorzubereiten, darauf, dass die Sonne sich verdunkelt und vom Mond etwas wie Blut tropft. Im Sommer weckte ich Pfirsiche ein, im Winter erneuerte ich die Notvorräte. Sollte die Welt der Menschen scheitern, würde meine Familie davon unberührt weitermachen.

Ich war mit den Rhythmen des Berges vertraut, Rhythmen, deren Wandel nie grundlegend war, immer nur zyklisch. Jeden Morgen erschien dieselbe Sonne, schwenkte übers Tal und ging hinterm Gipfel wieder unter. Der Schnee, der im Winter fiel, schmolz stets im Frühling. Unser Leben war ein Kreislauf – der Kreislauf des Tages, der Kreislauf der Jahreszeiten –, Kreisläufe immerwährenden Wandels, die, wenn abgeschlossen, bedeuteten, dass sich rein gar nichts verändert hatte. Ich glaubte, dass meine Familie ein Teil dieses unsterblichen Musters war, dass wir in gewisser Hinsicht ewig waren. Doch die Ewigkeit gehörte nur zum Berg.

Mein Vater erzählte oft eine Geschichte über ihn. Er sei ein großes, altes Ding, ein Dom von einem Berg. In der Kette gebe es noch weitere Berge, größere, imposantere, unserer aber, Buck Peak, sei am besten gestaltet. Sein Sockel erstrecke sich über mehr als einen Kilometer, seine dunkle Form schwelle sanft aus der Erde und erhebe sich zu einer makellosen Turmspitze. Von fern könne man am Hang des Berges den Eindruck eines Frauenkörpers erkennen: die Beine aus gewaltigen Schluchten geformt, die Haare ein Strauß Kiefern, der sich über dem Nordkamm des Gipfels ausfächere. Ihre Haltung sei beherrschend, ein Bein in einer machtvollen Bewegung nach vorn gereckt, eher ein Schreiten als ein Schritt.

Mein Vater nannte den Berg die Indianerprinzessin. Er sagte, sie erscheine jedes Frühjahr am Beginn der Schneeschmelze, und sie blicke nach Süden und halte nach den Büfeln Ausschau, die ins Tal zurückkehren. Dad sagte, die Prärie-Indianer hätten ihr Erscheinen als Zeichen des Frühlings begrifen, als Signal dafür, dass der Berg taute, der Winter vorbei war und es Zeit war, nach Hause zu gehen.

Alle Geschichten meines Vaters drehten sich um unseren Berg, unser Tal, unseren struppigen kleinen Flecken Idahos. Nie erzählte er mir, was ich tun solle, wenn ich den Berg verließe, wenn ich Meere und Kontinente überquerte und mich auf fremdem Terrain befände, wo ich den Horizont nicht mehr nach der Prinzessin absuchen konnte. Nie sagte er mir, wie ich wüsste, wann es Zeit sei, nach Hause zu kommen.

13:47 20.09.2018

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