Ware und Wert

Leseprobe "Der konsumorientierte Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, funktioniert nur so lange, wie die Konzerne ihre Produkte radikal unter Preis verkaufen können. Das wird nicht mehr lange andauern."
Ware und Wert
Foto: China Photos/Getty Images

Das »System Billig«

Warum wir vom Wert der Waren nichts mehr wissen

Was ist nur los mit uns? Natürlich sind wir auf der Seite des Guten. Wir trennen unseren Müll, wir sparen Strom, wir wollen die Energiewende. Wir unterschreiben jederzeit gegen Tierversuche. Bildung für alle ist unser erklärtes Ziel. Den Einmarsch in Krisengebiete lehnen wir ab, doch wenn unsere Truppen einmal dort sind, dann sollen sie bitte nur humanitär wirken und bald wieder abziehen. Diskriminierung geht gar nicht, weder als Rassismus noch als Sexismus. Unseren Kindern bringen wir bei, dass es keine Rolle spiele, wie viel der Papa der Banknachbarin in der Schule verdient, und dass man trotzdem mit ihr spielen dürfe, selbst wenn deren Mama im Supermarkt an der Kasse sitzt. Kurzum: Wir sind sehr bemüht, alles richtig zu machen und gerecht zu sein.

Zugleich aber verhalten wir uns ausgesprochen unvernünftig. Wir füllen unsere Kühlschränke mit Lebensmitteln und werfen mindestens ein Drittel davon einfach wieder weg. Wir fahren viele Kilometer mit dem Auto zu Verbrauchermärkten auf der grünen Wiese vor der Stadt oder zu weit entfernten Super-Mega-Möbelhäusern, nur weil dort Sonderangebote locken – seien es nun Schweinebäuche für 49 Cent oder Einbauküchen zum Schnäpp- chenpreis von 500 Euro. Wir gehen zum Discounter, weil man dort sehr wenig zahlt für Butter, Milch und Mehl und manchmal auch für Champagner oder Lachs, und wundern uns, warum deren Eigentümer ganz oben stehen auf der Liste der reichsten Menschen des Landes. Andererseits lassen wir uns manche Dinge auch ganz schön was kosten: Zum Beispiel kaufen wir in rauen Mengen Computer und Smartphones von Apple, obwohl sie oft viel teurer und nicht viel oder gar nicht besser sind als die Produkte der Konkurrenz aus Südkorea. Selbst dann, wenn wir uns eigentlich als verantwortungsbewusste Verbraucher verstehen, weil wir auf biologisch erzeugte Produkte setzen, sind wir nicht vor dem gefeit, was wir vielleicht einen »Rückfall« nennen, was in Wahrheit aber fest zu unserem inneren Programm zu gehören scheint: Veranstaltet der Bioladen an der Ecke wegen Umbaus einmal eine Woche lang einen Ausverkauf mit 30 Prozent Rabatt, dann fahren wir die Ellenbogen aus. Dann kann man das Raubtierwesen Mensch einmal so richtig kennenlernen. Da kämpfen wir genauso energisch um den ersten Zugriff auf die Waren wie einstmals unsere Eltern in den Wirtschaftswunderjahren, wenn der Sommerschlussverkauf begann.

Natürlich sind wir entsetzt, wenn wir von all den Auswirkungen eines fehlgeleiteten Wachstumsdenkens erfahren, die unsere Wohlstandsgesellschaft als Begleiterscheinungen offenbar so mit sich bringt. Nicht nur wenn sich unter der Ölplattform Deepwater Horizon über Wochen und Monate hinweg völlig unkontrolliert Rohöl ins Meer ergießt und den Golf von Mexiko verseucht. Auch wenn wir erfahren, wie das Fleisch, das wir essen, eigentlich zustande kommt. Wie es erzeugt, aufgezogen, kurzzeitig am Leben erhalten und dann geschlachtet wird, und mit welchen Mitteln das geschieht. »Mittel« ist dabei das richtige Wort, denn nur allzu oft greift die industrialisierte Landwirtschaft auf die Segnungen der Chemie- und Pharmaindustrie zurück. Und so hat es letztlich sogar einen seltsamen Beigeschmack, einem Freund im Erkältungsfall das gute alte Hausmittel einer heißen Hühnersuppe zu empfehlen. Denn die Tiere, die bei uns als Suppenhühner verkauft werden, sind in aller Regel ausgediente Legehühner aus riesigen Legebatterien. Und diese Tiere werden zeit ihres kurzen Lebens mit einem Medikamentencocktail inklusive diverser Antibiotika vollgestopft, damit in so einem riesigen Stall auch ja keine Tierseuchen ausbrechen. Bei so viel Pharmazie ist es eigentlich kein Wunder, dass der Schnupfen schnell vorbei ist ...

Mit schöner Regelmäßigkeit entbrennen in den Ländern des Westens heftige Diskussionen, sobald wieder einmal in einer Fernsehreportage entsetzliche Bilder über Nutztierhaltung zu sehen waren. Eine Zeit lang ist die Empörung groß, gesetzliche Maßnahmen werden erwogen und vielleicht sogar umgesetzt. Aber nach einer Weile ebbt die Diskussion ab. Bis nach der nächsten Fernsehreportage wieder alle sagen: »Wenn ich das gewusst hätte ...« Manche beschließen spontan, künftig kein Fleisch mehr zu essen und sich vegetarisch zu ernähren, andere wollen wenigstens auf »artgerechte Haltung« achten. Was ein schillernder Begriff ist, wenn man bedenkt, dass unsere Nutztiere heute zum großen Teil eigentlich schon Kunstprodukte sind: gezüchtete Wesen aus Frankensteins Versuchsküche, die nur auf die Welt gekommen sind, um dem Menschen als Fleischberg zu dienen, um seine schier unstillbare Gier nach Nahrung zu befriedigen.

Die Beispiele lassen sich fortführen: vergiftete Felder und Wälder; Hungeraufstände in Entwicklungsländern, aber auch in sogenannten Schwellenstaaten; Überschwemmungskatastrophen an Asiens Küsten – das alles macht die Menschen mit Recht wütend, sobald sie erfahren, wer daran schuld ist oder schuld sein könnte. Sie schimpfen auf Sweatshops in weit entfernten Weltgegenden, in denen ausbeuterische Firmenleitungen ungelernte Arbeiterinnen und Arbeiter zu Hungerlöhnen 16 Stunden am Tag schuften lassen. Und sie prangern die Ausbeutung von Häftlingen in diktatorischen Systemen an, die zum Beispiel Werkstücke für die Produkte internationaler Großkonzerne herstellen müssen. Die gleichen Menschen kaufen aber weiterhin ihre Klamotten bei H&M, KiK und Co., weil sie dort eben recht günstig sind. Und sie haben das Billy-Regal in der Wohnung stehen, auch wenn IKEA unter anderem deshalb so groß geworden ist, weil Häftlinge in der DDR die Pressspanplatten herstellten, die der Konzern für seine Do-it-yourself-Möbel brauchte. Es ist, auch das ist klar, immer eine Frage des Geldes: Viele können sich schlichtweg weder teure Kleidung noch teure Möbel leisten. Viele wollen es aber auch gar nicht so genau wissen. Wie passt das alles eigentlich zusammen?

Der Widerspruch zwischen Moral und Wirklichkeit

Genau genommen passt es natürlich überhaupt nicht zusammen, dass wir einerseits hohe moralische Ansprüche an uns selbst und an andere haben, auf der anderen Seite aber ein System am Laufen halten, das permanent gegen diese moralischen Ansprüche verstößt. Dieses System besteht darin, die wahren Kosten einer Ware zu verschleiern, um sie günstiger verkaufen zu können. Man kann es das »System Billig« nennen. »Billig« bedeutet: Der Konsument zahlt einen niedrigen Preis. »Billig« bedeutet aber auch: Der Produzent spart sich Kosten, um mehr zu verdienen. Schon hier beginnt der Widerspruch, der im System enthalten ist, aber er geht noch sehr viel weiter. Denn zur Herstellung einer Ware ist ein gewisser Aufwand nötig. Man kann diesen Aufwand immer weiter verringern, aber irgendwann gelangt man an den Punkt, wo das nicht mehr geht, ohne ein anderes Produkt zu bekommen – oder irgendjemand anderen übers Ohr zu hauen, indem man ihm entweder minderwertige Waren verkauft oder ihn um seinen gerechten Lohn betrügt.

Im Grunde handelt es sich beim »System Billig« um den Ausdruck einer soziokulturellen Entwicklung, die mittlerweile zwei Jahrhunderte zurückreicht. Dass der Mensch seinen Vorteil sucht, liegt in seiner Natur, und dass er sein Überleben mit dem geringstmöglichen Aufwand sichern will, ist ebenso klar. Seit dem Beginn der Industrialisierung hat sich aber vieles verändert. Ein Mensch des Mittelalters kannte den immanenten Wert nahezu aller Dinge, die ihn umgaben. Er wusste – wenigstens in groben Zügen –, wie sie hergestellt wurden und welcher Aufwand mit ihrer Produktion verbunden war. Die Waren hatten also einen erkennbaren Wert, und dem mittelalterlichen Menschen leuchtete unmittelbar ein, dass er für eine Ware auch einen bestimmten Preis zahlen musste und er sie nur dann zu einem günstigeren Preis bekommen konnte, wenn er Gewalt oder Zwang anwandte.

Mit dem Beginn der Industrialisierung – und später dann durch die Globalisierung – begann auch die Entwertung der Warenwerte im Bewusstsein der Menschen. Die Menge der Dinge, von denen man nicht mehr so genau wusste, wie sie hergestellt wurden und wer sie eigentlich herstellte, wuchs von Jahr zu Jahr. Damit einher ging zwangsläufig ein Verlust des Gefühls für den wahren Wert einer Sache – wenn sie so günstig zu haben ist, dann wird das schon seine Richtigkeit haben, schließlich sieht der Händler nicht so aus, als sei er am Verhungern. Also wird er wohl auch noch etwas daran verdienen.

Auf diese Weise akzeptiert der Käufer in zunehmendem Maße, dass die Waren immer weniger wert werden, und er nimmt es beinahe als selbstverständlich hin, dass er Dinge für wenig Geld erwirbt, die er eigentlich für viel kostbarer und teurer gehalten hat. Weil ihm der wahre Wert der Waren immer weniger bewusst ist, hat er vielleicht das dumpfe Gefühl, dass irgendetwas an dem niedrigen Preis nicht stimmen kann. Aber da er nun mal nichts Genaueres darüber weiß, wie die gewünschte Ware überhaupt zustande gekommen ist, macht er sich auch keine großen Gedanken mehr darüber.

Das »System Billig« lebt davon, dass seine wahren Kosten erst einmal verborgen bleiben. Und das »System Billig« hat ein merkwürdiges Janusgesicht. Von vorne sieht man nur die strahlende Fassade, die schönen Gewinn für wenig Einsatz verspricht. Dahinter, auf der anderen Seite aber, stehen die, auf deren Kosten der schöne Gewinn hergestellt wird, die aufkommen müssen für den Teil des Preises, den sich der Konsument auf der Vorderseite spart.

Die – das müssen nicht immer nur Menschen sein: Oft sind es Tiere, Natur, Umwelt, Lebensbedingungen. Das Spektrum ist vielschichtig. Es ist nicht so, dass die Konsumenten derlei nicht ahnen würden. Meistens jedenfalls. Und so hat der Begriff »billig« bei vielen keinen allzu guten Ruf. Zwar wollen alle möglichst billig einkaufen – aber niemand möchte es so nennen. Der Begriff »billig« hat den Beiklang des Minderwertigen, und das nicht zu Unrecht. Warum wohl wird so gut wie gar nicht mit diesem Begriff geworben? So sehr es nämlich in Mode gekommen, ja nachgerade zum Maß aller Dinge geworden ist, dass eine Ware möglichst billig sein muss, umso mehr versucht der Handel anscheinend, diesen Begriff zu vermeiden.

Es ist dann die Rede von »Tiefstpreisen« oder gar »Dauertiefstpreisen«, von »preisgünstigen Angeboten« und dergleichen. In den Werbeslogans vermeidet man das Wort »billig« ebenfalls, wenn einem nicht eh schon alles egal ist. Etwas Billiges erwirbt man nämlich interessanterweise nur mit latent schlechtem Gewissen – hauptsächlich deshalb, weil der Billigkauf zeigt, dass man sich Teureres nicht leisten kann. Zwar gibt es auch die »Sparfüchse«, also jene Menschen, die als besonders schlau gelten, weil sie auf verschlungenen Pfaden ein Produkt zu einem besonders günstigen Preis ergattern konnten. Aber die Sparfüchse haben eine Sonderstellung; der Begriff fällt eigentlich nur im Zusammenhang mit höherwertigen Konsumgütern. Den alltäglichen Knauserer würde man niemals einen Sparfuchs nennen. Eher schon einen Geizkragen.

Die Marketingstrategen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nach Kräften bemüht, den schlechten Ruf des »Systems Billig« aufzupolieren, indem sie das moralisch eigentlich Verpönte zum neuen Trend erklärten und die versteckte Attraktivität der gesellschaftlich unerwünschten Verhaltensweise hervorhoben. Jedes »Du sollst nicht!« wird ja nur gesagt, weil der Mensch sich insgeheim denkt: »Ich will aber!« Zu den besten und erfolgreichsten Beispielen dafür zählen die Slogans »Geiz ist geil« und »Ich bin doch nicht blöd«. Beide arbeiteten mit einer gezielten Provokation und sorgten entsprechend auch für Diskussionen – das beste Mittel, um eine Marke noch bekannter zu machen, als sie ohnehin schon ist.

Aber damit wurde natürlich auch salonfähig, was zuvor zumindest als ein bisschen »bäh« gegolten hatte: den eigenen Vorteil über alles stellen. In den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hätte das dem Zeitgeist noch gänzlich widersprochen. So etwas passte ganz und gar nicht zu Love, Peace & Happiness. Erst in den Achtzigern entstand eine machtvolle Gegenbewegung, die dem neoliberalen Marktglauben entsprach und in Margaret Thatchers Satz gipfelte: »There is no such thing as society!« Der deutsche Durchschnittsproll bündelte diese Einstellung in dem nicht weniger aussagekräftigen Satz »Ich bin doch kein Sozialamt!«. Mit anderen Worten: »Hört mir auf mit dem Gemeinwohl! Das Einzige, was wirklich zählt, ist mein Ego.«

Die wahre geistig-moralische Wende

Tatsächlich waren die Achtzigerjahre ein Schlüsseljahrzehnt für die weitere gesellschaftliche Entwicklung. Als 1982 in Deutschland Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, mokierten sich viele über die »geistig-moralische Wende«, die er damals ausrief. Heute, mit dem Abstand von 30 Jahren, muss man sagen: Es hat damals wirklich eine geistig-moralische Wende stattgefunden, die viel tiefer ging und sämtliche gesellschaftlichen Überzeugungen gründlicher durcheinanderwirbelte, als die größten Pessimisten damals auch nur ahnen konnten – Helmut Kohl vielleicht sogar mit eingeschlossen. Dessen Vision vom Wandel tendierte ja eher ins Konservativ-Biedermeierliche, nach dem Motto »Ehrliche Arbeit muss sich wieder lohnen«.

Stattdessen uferte die neoliberale Wirtschaftsideologie in einen beinahe gnadenlosen Egozentrismus aus. Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass am Ende dieses merkwürdigen Jahrzehnts der endgültige Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und der Untergang des Ostblocks standen. Dass die Bankrotterklärung eines Systems, das von sich behauptete, einzig das Wohl der Menschheit im Auge zu haben – so unsinnig und verlogen diese Behauptung auch war –, ausgerechnet am Ende der Achtzigerjahre erfolgte, ist eine feine Ironie der Geschichte.

Nach dem Ende des Zeitalters der großen Ideologien hatte sich, was den Sektor »Welterklärung« anging, eine gewisse Leere breitgemacht. Mit dem Untergang des Kommunismus hatte zugleich ja auch die soziale Marktwirtschaft ausgedient. Das Adjektiv »sozial« wurde durch »frei« ersetzt. Der Neoliberalismus durfte seinen Sieg als Kriegsgewinnler feiern, und zwar ganz auf jene archaische, ja archetypische Weise, mit der Sieger eben ihre Erfolge feiern: indem sie nämlich die Unterlegenen ausplündern, in dem eroberten Gebiet auf Raubzüge gehen und dabei alles mitnehmen, was nicht niet- und nagelfest ist und was die Sieger eben so gebrauchen können.

Allerdings: So ganz ohne Ideologie lebt sich’s auch nicht unbedingt einfach. Zwar gibt es immer noch den Neoliberalismus, aber der bietet in seiner kalten, streng auf das Wirtschaftliche ausgerichteten Funktionalität doch arg wenig Erwärmendes. Fürs Herz hat er nichts im Programm außer der Freude an nackten Zahlen, und das ist ein bisschen dürftig. Denn der Mensch lechzt, wie es scheint, nach Sinnstiftung, und wenn er keine echte Religion mehr findet, braucht er eben eine Ersatzreligion.

Der Konsumismus als Ersatzreligion

Die scheint der Mensch nun im Konsum gefunden zu haben. Viel wichtiger als in früheren Jahrhunderten ist der Grundsatz geworden: »Haste was, biste was!« Der italienische Schriftsteller und Philosoph Pier Paolo Pasolini hat dieses Phänomen schon Mitte der Siebzigerjahre beschrieben und als wegweisend für die globalisierte Zukunft erkannt. Er beschrieb den Konsumismus als totalitaristisch, weil er seine Idee des Konsumierens auf die gesamte Welt ausdehnen wolle. Der Mensch werde überall zum Konsumieren verpflichtet und hoffe, dadurch ein »Gefühl von Freiheit« zu erhalten. Bereits vor Pasolini hatte der französische Soziologe Jean Baudrillard von der »Spektakelrealität« gesprochen, in welcher der moderne Mensch kraft seines Konsums lebe. Und der deutsche Sozialpsychologe Erich Fromm beschrieb seine Zeitgenossen als Charaktere, die ihre innere Leere, ihre Langweile und ihren Überdruss durch Kaufen und Konsumieren kompensieren müssten.

Für viele klingt das heute nach dem wohlfeilen Kulturpessimismus gelehrter Menschen, die eben naturgemäß keinen besonderen Spaß am Geldausgeben hätten. Aber letztlich ist das Unsinn. Denn die herrschende Form des Konsumismus besteht nicht nur darin, mit großen Einkaufstüten aus den Fußgängerzonen ins traute Heim zurückzukehren. Konsumismus meint eine ganze Lebenseinstellung, die darauf gründet, dass man seine Umgebung so weit wie möglich vereinnahmt und übernimmt, alles natürlich stets zum günstigsten Preis. Nach dem »System Billig« eben. Das »Gefühl von Freiheit«, von dem etwa Pasolini spricht, besteht für viele lediglich darin, mittels eines Schnäppchenkaufs den ökonomischen Beschränkungen ein Schnippchen zu schlagen. Mehr nicht.

In Wirklichkeit ist diese Verheißung des »Systems Billig« aber eine Art Opium fürs Volk, eine Ersatzreligion für all jene, die ganz pragmatisch glauben wollen. Eine Religion, in der man sich nichts mehr erarbeiten muss, in der man sich nicht durch Leiden im Diesseits ein besseres Leben im Jenseits verdient. Vielmehr handelt es sich um eine Pseudoreligion, die auf Schläue und Gewitztheit basiert und auf dem Prinzip, andere für sich arbeiten und gegebenenfalls auch leiden zu lassen.

Die inneren Widersprüche des Konsumismus sind jedoch so offensichtlich, dass sie von vielen verschiedenen Seiten – von links außen bis ultrarechts – immer wieder benannt werden. »Das Geld muss uns dienen, nicht über uns herrschen«, meldete etwa im Mai 2013 die Nachrichtenagentur AFP, und weiter hieß es: »Es herrscht eine Ideologie der totalen Marktfreiheit und Finanzspekulation, die dem Staat das Recht auf Kontrolle entzieht.« Es handelte sich dabei nicht um Äußerungen von Sahra Wagenknecht oder des griechischen Linkspopulisten Alexis Tsipras, sondern um Zitate aus einer Rede des 2013 gewählten Papstes Franziskus, die er bei einer Audienz für Mitglieder des diplomatischen Corps hielt. »Die Anbetung des Goldenen Kalbes aus den alten Zeiten hat ein neues und herzloses Bild im Kult des Geldes und der Diktatur der Wirtschaft gefunden«, so der Papst. Der neue Götze seien der »Geldfetischismus und die Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne menschliche Ziele«. Überall würden die Menschen »auf ein einziges Bedürfnis reduziert: den Konsum. Und schlimmer noch, der Mensch selbst wird sogar als Konsumgut angesehen, das man benutzen und dann wegwerfen kann.«

Gestandene Globalisierungskritiker würden das vermutlich nicht viel anders formulieren. Möglicherweise würden sie aber noch stärker auf die Folgen des Konsumismus für Natur, Umwelt und Gesellschaft hinweisen, und vielleicht auch darauf, dass eine Änderung unserer westlichen Lebensweise unausweichlich sei. Wie es etwa der Unternehmer und Gründer des Global Institute for Tomorrow, Chandran Nair aus Malaysia, immer wieder betont. Der gewohnte Lebensstandard der Industrienationen eignet sich nämlich nicht als Blaupause für die wachsende Weltbevölkerung. »Das Recht auf individuelle Freiheit wird hinter das Recht auf sanitäre Anlagen, Elektrizität, sauberes Wasser, sauberes Essen und Bildung zurücktreten«, sagte er im Frühjahr 2013 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung und nannte ein griffiges Beispiel: »Der westliche Konsument bezahlt für ein T-Shirt höchstens zehn Prozent des wahren Preises. Wenn im Jahr 2060 fünf Milliarden Asiaten an eure Tür klopfen und sagen: ›Wir wollen das auch‹, wird es keinen Ort mehr geben, an den man die wahren Kosten auslagern kann.«

Für die Waren werde man spätestens dann den Preis zahlen müssen, den sie wirklich kosten. Der Preis fürs Autofahren, so Nair, liege in Wirklichkeit um 1 000 Prozent über dem, was man in Europa heute dafür ausgebe. Und ein iPad müsste in Wirklichkeit 5000 Dollar kosten – es sei nur wegen der Arbeitsbedingungen bei dem chinesischen Hersteller so günstig. Nairs Schlussfolgerung: »Der konsumorientierte Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, funktioniert nur so lange, wie die Konzerne ihre Produkte radikal unter Preis verkaufen können.«

00:44 03.10.2013

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