Neue Einblicke

Leseprobe "Es ergibt sich aus meiner Recherchemethode, dass ich Beobachtungen und Erkenntnisse schildern kann, die kein anderer Journalist und offensichtlich auch kein staatlicher Ermittler gewonnen hat."
Neue Einblicke
Foto: Adam Berry/Getty Images

Anmerkung

»Blut muss fließen« ist ein Zitat aus dem antisemitischen Blutlied. Es basiert auf dem Heckerlied, das anno 1848/49 von Aufständischen gesungen wurde und damals noch einen anderen Text hatte. Mit verändertem Inhalt – »Blut muss fließen knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik« – wurde es nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Schlachtlied der SA.

In den 1990er Jahren veröffentlichte die Mannheimer Skinhead-Band »Tonstörung« eine Rockversion des Titels, die zu einem Evergreen in der Neonazi-Bewegung geworden ist und bei fast jedem Konzert angestimmt wird, zumindest vom Publikum, das den Text auswendig grölt: »Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib. [...] Zerrt die Konkubine aus dem Fürstenbett, schmiert die Guillotine mit dem Judenfett. [...] In der Synagoge hängt ein schwarzes Schwein, in die Parlamente schmeißt die Handgranaten rein.«

Thomas Kuban

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Vorwort

Dieses Buch ist der Abschlussbericht einer rund 15-jährigen Recherche in der Neonazi-Szene. Knapp neun Jahre davon war ich mit versteckten Kameras unterwegs. Unter taktischen und handwerklichen Aspekten hätte ich diese Recherche noch mehrere Jahre fortsetzen können, aber das mangelnde Medieninteresse an meinen Arbeitsergebnissen hat mich gezwungen, aus finanziellen Gründen aufzuhören.

Dieses berufliche Großprojekt hat mich in neun europäische Länder geführt. Ich habe erlebt, wie sich die neonazistische Jugendkultur international ausbreitet: in Deutschland, Österreich, Italien, Ungarn, Polen, Frankreich, Belgien, England und der Schweiz. Mein Schwerpunktgebiet war die konspirativ organisierte Rechtsrockszene. Von dort aus bin ich den Nationalisten und Rassisten in das Black-Metal-, Hooligan- und Rockermilieu gefolgt. Und ich habe mir die Geschäftsstrukturen angeschaut, die aus der CD-Produktion heraus entstanden sind.

Außerdem war ich in der politischen Grauzone unterwegs. Meine statistische Bilanz: rund 90 Undercover-Drehs, darunter knapp 50 Neonazi-Konzerte, von denen ungefähr 30 konspirativ organisiert waren. Hinzu kamen ungezählte Veranstaltungsbesuche ohne Kamera-Ausrüstung. Es ergibt sich aus meiner Recherchemethode, dass ich Beobachtungen und Erkenntnisse schildern kann, die kein anderer Journalist und offensichtlich auch kein staatlicher Ermittler gewonnen hat.

Dieses Buch bietet Informationen, die in keinem Verfassungsschutzbericht und in keiner ministerialen Lagebeschreibung stehen. Ich berichtete über meine Ergebnisse im Gesamtzusammenhang und vergleiche sie mit Darstellungen der Sicherheitsbehörden. Ich habe erlebt und beobachtet, wie »die Politik«, »der Verfassungsschutz«, »die Polizei« und obendrein »die Medien« im Umgang mit der Neonazi-Bedrohung versagt haben – in einem Ausmaß, das ich vor meinen Recherchen nicht einmal ansatzweise für möglich gehalten hätte. Meine Überraschung darüber ist zwar inzwischen verflogen, aber das Entsetzen ist geblieben.

Folgende Feststellung ist mir allerdings wichtig: In allen Bereichen, in denen ich katastrophale Fehlleistungen aufzeige, gibt es auch Leute, die eine gute bis exzellente Arbeit machen! Einige von ihnen habe ich kennengelernt. Sie kritisieren die mangelhaften Strukturen und Handlungsbilanzen der »Apparate« in ähnlicher Weise wie ich in diesem Buch, im Unterschied zu mir aber normalerweise nicht öffentlich.

Was die journalistische Arbeit betrifft, so halte ich es für das wichtigste Ziel, die Realität so originalgetreu wie irgend möglich darzustellen. In konspirativen Strukturen der Neonazi-Szene ist das in offizieller Mission nicht möglich. Berichterstatter bekommen keinen Zutritt – und wenn im Einzelfall doch, dann präsentieren ihnen die Kader kein authentisches Bild von der Wirklichkeit. Um unzensierte Einblicke zu gewinnen, blieb mir nichts anders übrig, als mich in die Bewegung einzuschleusen. Dem ersten Dreh mit Spionagetechnik sind fast sechs Recherchejahre vorausgegangen. Eine neonazistische Skinhead-Party nahe meiner Wohnsiedlung hatte im Jahr 1997 mein Interesse an der Szene geweckt. Einige Wochen später lernte ich zufällig einen »Nazi- Jäger« kennen, der ein Keller und Büro füllendes Archiv aufgebaut hatte. Er vermittelte mir Grundlagenwissen, kopierte mir Skin-Zines, wie die Szenehefte heißen, und schickte mir erste Hinweise auf konspirativ organisierte Veranstaltungen.

»Nationale Info-Telefone« bildeten mein erstes Informationsmedium. Es handelte sich um Anrufbeantworter, die mit Nachrichten für die Szene besprochen wurden. Zwei Jahre lang habe ich regelmäßig die entsprechenden Nummern angewählt und eine Art Tagebuch geführt, in das ich alle Informationen notiert habe, die mir wichtig erschienen. Auf diese Weise erfuhr ich die Termine von Feiern, Hüttenwochenenden, nationalen Fußballturnieren, Rechtsschulungen, Demonstrationen, Mahnwachen und Konzerten – aber auch von Hausdurchsuchungen, polizeilichen Anwerbeversuchen in der Szene (um V-Leute zu gewinnen) und Kontenbeschlagnahmungen. Die Nummern der Kontakt-Handys für Veranstaltungen habe ich in einer Liste erfasst, die alsbald mehrere Seiten lang war.

Besonders ergiebig waren das Nationale Infotelefon Karlsruhe und das Nationale Infotelefon Schweiz. Sie informierten regelmäßig über Rechtsrockkonzerte. Die nationalistischen Badener hatten abseits der Informationen sogar einen gewissen Unterhaltungswert. So berichteten sie im Februar des Jahres 2000 von dem »wohl teuersten Hakenkreuz der Geschichte« an der Tür eines Kameradschaftsraumes, das eine Geldstrafe von 14000 Mark nach sich gezogen haben soll. Der NIT-Sprecher spottete: »Früher konnte sich das Hakenkreuz noch jeder leisten.« Ein anderes Mal gab er sich als Kriegsgegner aus. Als der Bundestag über den Bundeswehreinsatz im Kosovo debattierte, forderte der Karlsruher: »Kein Blut für albanische Hütchenspieler.« Und wieder ein anderes Mal gab er Tipps für Kameraden: »Haltet euer Maul gegenüber den Behörden.«

Insgesamt existierten mehr als 20 dieser Infotelefone in Deutschland sowie im deutschsprachigen Ausland. Sie wurden zunehmend vom Internet abgelöst, dessen Foren für mich wie geschaffen waren, um mit Pseudonymen zu experimentieren. Meine Legenden waren meist nahe an der Realität. Begonnen habe ich als junger Szeneeinsteiger, um ungeniert Fragen stellen zu können. Später habe ich als Skinhead-Veteran CD-Kritiken und Konzertberichte geschrieben, die Zweifel an meiner Szenezugehörigkeit erst gar nicht aufkommen ließen. Ich habe mit bis zu 40 Identitäten gleichzeitig gearbeitet – mit einzelnen mehr als zehn Jahre lang.

Insider-Infos, die ich unter einem Pseudonym gewonnen hatte, konnte ich unter neuen Namen einsetzen, um Vertrauen aufzubauen. Den Mail-Accounts folgte eine Vielzahl von Handys, was die Recherchekosten steigen ließ. Über meine Persönlichkeitsprofile musste ich Buch führen, um nicht durcheinanderzukommen. Außer Wohnort, Alter, Beruf und Vorlieben galt es beispielsweise, gewisse Rechtschreibschwächen und andere sprachliche Marotten zu pflegen, um authentisch zu wirken. NPD-Feste mit Liedermachern gehörten zu den ersten Veranstaltungen, in die ich mich hineinwagte – vorzugsweise Open-Airs, die Fluchtmöglichkeiten boten.

Ich riskierte es damals noch, als Fremdkörper aufzufallen, schon alleine wegen meiner leicht wuscheligen, da gelockten Haare. Junge Neonazis hatten damals kaum Normalo- Frisuren, wie es heute oft der Fall ist. Die NPD bot sich für den Einstieg in eine verdeckte Recherche an. Die Partei trat und tritt gegenüber Unbekannten kontaktfreudig auf, weil sie Wähler gewinnen will. Neue Sympathisanten werden großzügig mit Infomaterial versorgt. Mitglieder von Freien Kameradschaften reagieren hingegen tendenziell misstrauisch auf Fremde.

Um junge Leute zu rekrutieren, hat sich die NPD zunehmend dem Bereich angenähert, der mich vor allem interessierte: der neonazistischen Skinhead-Musikszene. Deren Konzertfahrten mit konspirativen Handynummern sowie Treffpunkten in Industriegebieten und auf Park-and-Ride-Plätzen gehören zur braunen Erlebniskultur. Das reizt nicht nur Jugendliche, das hat auch mich unter Recherchegesichtspunkten gereizt. Ich wollte diese konspirativen Strukturen knacken. Denn Musik ist das wirkungsvollste Instrument in der neonazistischen Nachwuchswerbung. Demonstrationen und Vortragsveranstaltungen wirken kaum als Publikumsmagneten – Konzerte hingegen sehr wohl.

Von den Freien Kameradschaften über internationale Vereinigungen wie Blood & Honour und Hammerskin-Nation bis hin zur NPD setzen alle Kräfte auf rhythmisch verpackte Botschaften. Um Missverständnissen vorzubeugen: Niemand wird Nazi, nur weil er mal Nazi-Musik zu hören bekommt. Aber wenn junge Leute fremdenfeindliche Ressentiments haben (und das haben – wie ihre erwachsenen Vorbilder – viele), dann kann Musik wie eine Droge zum Anfixen wirken. Das damit verbundene Gemeinschaftsgefühl bei Konzerten kann dazu beitragen, dass Vorurteile zu Überzeugungen werden. Und daraus kann Aktionspotenzial entstehen.

Auch der mutmaßliche Rechtsterrorist Uwe Mundlos soll sich in den 90er Jahren »insbesondere mit bestimmten Mitgliedern von Blood & Honour [...] bei Skinheadkonzerten getroffen« haben. So steht es in einem Gutachten, das im Auftrag der Thüringer Landesregierung erstellt worden ist. Die Idee, ein Neonazi-Konzert mit versteckter Kamera zu filmen, ist im Sommer 2003 entstanden. Ein Kollege, der meine bisherigen Recherchen kannte, wechselte für einige Zeit zu einem Boulevard-Fernsehmagazin, das einen gewissen politischen Anspruch hatte. Es war die Zeit, als die deutsche Neonazi-Kultband »Landser« vor Gericht stand. Deshalb wollte die Redaktion zeigen, was in der Skinhead-Szene los ist. Der Kollege vermittelte einem Redakteur den Kontakt zu mir.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine Vielzahl geheimer Gigs in verschiedenen Ländern Europas ausfindig gemacht. Betreten hatte ich die Hallen aber nie, das war mir zu gefährlich. Die Songs konnte ich auch von draußen hören, und ich erkannte immer mehr Bands an ihren Liedern. Vereinzelt war es mir möglich, durch ein Fenster das Konzertgeschehen zu verfolgen. Außerdem habe ich dokumentiert, wer anreist. Nur mit dem Verkauf der Rechercheergebnisse wollte es nicht klappen. Und wenn ich doch mal einen Bericht im Politikteil einer Tageszeitung platzieren konnte, fiel die finanzielle Bilanz nach folgendem Muster aus: Rechercheinvestitionen in Höhe von 500 Euro (für Fahrtkosten und Übernachtung beispielsweise) wurden mit einem Zeilengeld honoriert, bei dem am Ende 200 Euro herauskamen. Die Redaktionen degradierten meine Arbeit zum ehrenamtlichen Engagement. Erschwerend wirkte es sich aus, dass ich aus Sicherheitsgründen versuchte, anonym zu veröffentlichen – also unter wechselnden Identitäten. Ich hatte folglich nie die Chance, mir »einen Namen zu machen«. Ein dauerhaft gleiches Pseudonym schien mir zu riskant zu sein, weil es den Neonazis Anhaltspunkte geboten hätte, an was ich arbeite. Und das hätte die Gefahr einer Enttarnung erhöht. Unter diesen Rahmenbedingungen musste ich meinen Lebensunterhalt in einem anderen Job verdienen.

Umso hoffnungsvoller stimmte mich der erste Fernsehauftrag. Meine Aufgabe war es, ein Team des Boulevard-Magazins an einen geheimen Konzertort zu lotsen und mit dem Redakteur hineinzugehen, der eine versteckte Funkkamera am Körper trug. Doch die Freude über dieses Projekt währte nicht lange. Es entstanden Konflikte in Sicherheitsfragen, weil der Kollege sich nicht an vorherige Absprachen hielt. Zudem eröffnete mir der Kameramann, der das Aufnahmegerät im Auto bediente, kurz vor dem Dreh, dass die Funksignale nicht durch Mauern dringen könnten. Am Konzertort angekommen, war das Scheitern vorprogrammiert. Die Bands spielten in einer Tanzbar mit entsprechend gedämmten Wänden. Immerhin ein paar Bildblitzer transportierte der Sender nach draußen. Am Ende gab es aber keine fünf Sekunden brauchbares Material. Eine Wiederholung des Vorhabens bei einem anderen Konzert und vor allem mit anderer Technik kam für mich aus Sicherheitsgründen mit diesem Redakteur nicht mehr in Frage.

Einige Wochen später unternahm ich einen neuen Versuch. Ich schrieb an sämtliche Fernseh-Politmagazine in Deutschland, die ich kannte, und wies sie auf eine mögliche Videorecherche in der Skinhead-Musikszene hin – in einer Szene, in der junge Leute für den militanten Neonazismus begeistert werden. Das hatte auch der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) erkannt. Er bezeichnete die Skinhead-Musik als »Einstiegsdroge Nummer Eins ins gewaltbereite Milieu«. Trotzdem war das Treiben der Rechtsrocker staatlich und medial ziemlich unerforscht. Die konspirative Vorgehensweise der Akteure machte ihre Verfolgung zeitlich und finanziell sehr aufwendig und die Dokumentation dieses Treibens beinahe unmöglich. Ich war einer der Wenigen, die sich trotzdem an ihre Fersen geheftet hatten. Mich reizte diese Pionierarbeit, auch was die Recherchemethode betraf, die ich mir selbst erschlossen habe.

Anfangs glaubte ich außerdem, eine journalistische Marktlücke entdeckt zu haben. Auf das Fernsehen schien das im Besonderen zuzutreffen. Denn es ist auf bewegte Bilder angewiesen, die Neonazis normalerweise nur von sich anfertigen lassen, wenn es unvermeidlich ist – bei Demonstrationen beispielsweise. Nicht aber auf Konzerten. Mit dem Spiegel TV Magazin kam schließlich eine Zusammenarbeit zustande. Ein freier Kameramann, ein Recherchekollege und ich besuchten im September 2003 im Auftrag des Magazins ein Konzert in einem Stadtteil von Bad Salzuflen. Die Ausrüstung des Kameramannes funktionierte. Aufgrund der Akkulaufzeit waren die Aufnahmen jedoch auf eine gute halbe Stunde begrenzt. Das reichte inhaltlich noch nicht.

Ich schlug daher vor, am 4. Oktober 2003 ein internationales Konzert zu drehen, das deutsche Neonazis im Elsass planten. Dass »Noie Werte« mit dem singenden Rechtsanwalt Steffen Hammer spielen sollte, war mir bekannt – wer die »Überraschungsband« sein würde, nicht. Ich spekulierte auf die süddeutsche Gruppe »Race War«, gegen die in Deutschland ermittelt wurde. Deshalb agierten die Musiker besonders konspirativ, was zu der Ankündigung als Überraschungsgast passte. Ich lag richtig, und es kam ein erster Fernsehbeitrag mit meiner Beteiligung zustande.

Die Arbeit mit dem Spiegel TV Magazin war ein unbeschreiblicher Motivationsschub. Ich war sprichwörtlich im siebten Himmel – aber mir war bewusst, dass ich dort nicht würde bleiben können. Zumindest nicht sofort. Ich begann in der Folgezeit, mit aller Kraft darauf hinzuwirken, dass es nicht bei diesem einen Einsatz als Undercover-Joker blieb. Um meine Rolle als Neonazi zu perfektionieren, hörte ich fast nur noch Rechtsrock. Auf Konzerten und in Neonazi-Läden kaufte ich mehr als 300 CDs, um die Lieder kennenzulernen und im Smalltalk über die neusten Scheiben bestehen zu können. Teilweise wusste ich in Szeneangelegenheiten besser Bescheid als die Nazi-Skins selbst. Fast jede Nacht war ich im Internet, um meine Pseudonym-Kontakte zu pflegen und »Heimatseiten« der Szene zu durchforsten. Eine mehrstündige Prozedur, immer und immer wieder. Ich fuhr abends bis zu einer Stunde lang zu Internet-Cafés, um meine Fake- Accounts in verschiedenen Regionen verorten zu können. Denn jede E-Mail hat eine Art Poststempel im Anhang, eine IP-Adresse. Der Zahlencode verrät, aus welcher Gegend der elektronische Brief abgeschickt worden ist.

Die Herausforderungen der Undercover-Recherche beschäftigten mich pausenlos. Ich konnte bald nicht mehr abschalten. In jeder freien Minute dachte ich über neue Identitäten und bessere Kameralösungen nach. Perfektion war notwendig, um die Lebensgefahr zu minimieren. Hätte der »Saalschutz« der Nazis Verdacht geschöpft und meine Kamera entdeckt, dann wäre ich zusammengeschlagen und zusammengetreten, womöglich zum Krüppel oder totgeprügelt worden. Im Internet konnte ich lesen, was die Neonazis mit mir machen wollten: »Wenn wir den erwischen, dann stellen wir ihn auf die Bühne – der Rest ergibt sich von selbst ...« Was würde das vor Ort bedeuten? Mehr als zehn Personen gleichzeitig können kaum auf einen eindreschen. Bei Rechtsrockkonzerten sind Hunderte, manchmal Tausende Nazis. Aus dieser Meute heil herauskommen? Keine Chance. Bis zum theoretisch möglichen Eingreifen der Polizei, die oft nicht einmal vor Ort war, wäre es zu spät gewesen.

Die Angst war daher mein ständiger Begleiter. Nur in dem Bewusstsein, dass die Technik ideal platziert und der erdachte Lebenslauf schlüssig war, ließen sich diese Undercover-Einsätze mental durchstehen. Und zur perfekten Legende gehörte es, nach den ersten Drehs nicht mehr alleine loszuziehen. Denn wer Hunderte Kilometer weit zu einem Konzert fährt, lädt sich das Auto bis unters Dach mit Kameraden voll, um sich die Spritkosten teilen zu können – wer alleine am konspirativen Treffpunkt ankommt, fällt auf. Ich musste folglich Kollegen finden, die mit mir Kopf und Kragen riskierten. Zudem fuhr ich ab und zu mit Nazis, obwohl das mit logistischen Schwierigkeiten verbunden war. Schließlich musste ich unbeobachtet sein, wenn ich die Ausrüstung vollends anbringen und einschalten wollte. Die Wahl fiel in der Regel auf eine Autobahntoilette. Eine weitere Herausforderung: In einer Fahrgemeinschaft war die persönliche Nähe nicht zu vermeiden – im Laufe des Abends musste ich zu den Kameraden jedoch auf Distanz gehen. Erstens, damit ich mich ihnen nicht zu sehr einprägte. Und zweitens, damit sie mir nach Fernsehbeiträgen nicht aufgrund der Kameraperspektive auf die Spur kommen würden.

Trotz 200-prozentiger Vorbereitung durchlebte ich vor jedem Dreh eine Phase, in der ich am liebsten alles abgeblasen hätte. Warum noch einmal dieses Risiko eingehen? Das ist die Frage, die ich mir gefühlte hunderttausend Mal gestellt habe und auf die ich keine Antwort gefunden habe, die mir in diesen Situationen weitergeholfen hätte. Ich musste dann versuchen, in meine Rechercherolle hineinzufinden und das Gefühl der Angst mit dem Lebensgefühl der Nazis zu verdrängen. Das gelang mir weitgehend, indem ich mir spätestens auf der Anfahrt ohrenbetäubende Nazi-Mucke reingezogen habe. Die emotionale Ebene der Musik, die ihre jungen Hörer für die Botschaften der politischen Texte empfänglich machen soll, habe ich psychologisch für mein Rollenspiel genutzt. Genauso Springerstiefel und Bomberjacke, die nicht nur anders aussehen als Turnschuhe und Anorak, sondern sich auch anders anfühlen: Die Schritte werden größer, die Arme schwingen breiter neben dem Körper – der Gang wirkt entschlossener, das Gesamtbild martialisch. Mode und Melodien haben geholfen, für ein paar Stunden lang wie ein anderer Mensch zu wirken – Zeitabschnitte, in denen es mir gelang, mich wie ein Nazi zu verhalten. Dazu gehörten ausländerfeindliche und staatskritische Äußerungen im Smalltalk, ein meist mürrischer Gesichtsausdruck und die Begeisterung, wenn die Hassparty tobte – aber nie ein Hitlergruß. Wer wie ich die Liedtexte auswendig mitsingt, muss keine strafbaren Handlungen begehen, um nicht aufzufallen. Im Laufe der Zeit wurde ich sogar zum Oldschool-Skinhead, der jungen Kameraden »von früher« erzählen konnte. Was ursprünglich als einmalige Aktion geplant war, entwickelte sich für mich zu einem zweiten Leben – ich lebte als (Video-) Kamerad mit und in der Neonazi-Szene. Diese Arbeit kostete mich einen sechsstelligen Euro-Betrag und mein Privatleben. Ich hatte keine Zeit mehr für Kinobesuche, Grillfeste und Hobbys, die ganzen Jahre über. Einen Freundeskreis zu pflegen, wäre auch unter Sicherheitsaspekten zu riskant gewesen. Ich wäre gefragt worden, was ich an den Wochenenden gemacht habe, an denen ich mit den Nazis unterwegs war...

Die »Kameradschaft« im Beruf verdammte mich privat zum Einzelgänger. Hätte ich über die Belastung und meine unermessliche Frustration, die insbesondere durch unzählige und inhaltlich absurde Themenabsagen von Fernsehredaktionen entstanden ist, nicht immer wieder mit meinen engsten Familienangehörigen sowie einzelnen Kolleginnen und Kollegen reden können, wäre ich bei diesem Rechercheprojekt mental gescheitert – wirtschaftlich bin ich es. Dass dieses Buch nun erscheinen kann und der Filmemacher Peter Ohlendorf einen gleichnamigen Dokumentarfilm über meine Arbeit gemacht hat, bringt mein bisheriges Lebenswerk immerhin zu einem inhaltlich befriedigenden Abschluss. Ich bekomme dadurch eine Möglichkeit, die mir Redaktionen allzu oft verwehrt haben: Ich kann meine Rechercheergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

10:59 22.11.2012

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