Fegefeuer und Alltag

Leseprobe "Mehrere Mitglieder des Sonderkommandos nutzten die mit der 'Arbeit' verbundene größere Bewegungsfreiheit, um Kassiber und auch umfangreiche Blattsammlungen in Flaschen u. a. zu verstecken und diese zu vergraben."
Fegefeuer und Alltag

Foto: Sean Gallup/Getty Images

[Aus dem Vorwort]

Genau und einfühlsam – Pavel Polians Edition der Schriftrollen von Auschwitz

Was wir heute „Auschwitz“ nennen, war während des Zweiten Weltkrieges ein etwa 40km² großer „Sonderbezirk“ der SS nahe der Stadt Oświęcim im damals von Deutschland besetzten Polen. In dem Bezirk gab es Wohnungen für SS-Leute, eine großen BUNA-Fabrik von IG-Farben, landwirtschaftliche Produktionsstätten und Fischzuchtanlagen. Im Zentrum des Bezirks standen zwei Lager, Auschwitz-1 und Auschwitz-Birkenau, die in sich vielfältig unterteilt waren – Männer und Frauen, Juden und Roma, politische und kriminelle Häftlinge waren in besonderen jeweils mit Stacheldraht umzäunten Abteilungen untergebracht. Die meisten Lagerinsassen waren Juden aus allen Teilen des besetzten Europa westlich des Bug. Die Häftlinge waren in Zügen nach Auschwitz gebracht worden und wurden auf dem Lagerbahnhof (der „Rampe“) danach begutachtet, wer noch arbeiten konnte („selektiert“). Der größere Teil – Frauen und Kinder, zu Alte und zu Junge - wurden unmittelbar in Bunker gebracht, die als Waschräume getarnt waren. Sobald die Türen geschlossen waren, wurden von oben Ungezieferbekämpfungsmittel (Zyklon-B) hineingeworfen, die zu Erstickungstod führten. Der Todeskampf der Ermordeten dauerte meist mehrere Minuten.

Die Leichen der in diesen Massenmorden umgebrachten Menschen wurden in besonderen, von der Fa. Topf und Söhne gebauten Öfen verbrannt. Um die Leichen in die Öfen zu schaffen, die Asche fortzubringen und nicht verbrannte Knochen zu zertrümmern stellte die SS „Sonderkommandos“ aus den zur Arbeit selektierten Häftlingen zusammen. Im Mai 1944 bestand das Kommando aus 874 Mann, von denen nur 25 keine Juden (sondern nichtjüdische sowjetische Kriegsgefangene, Polen und ein Deutscher) waren. Mehrere Mitglieder des Sonderkommandos nutzten die mit der „Arbeit“ verbundene größere Bewegungsfreiheit, um Kassiber und auch umfangreiche Blattsammlungen in Flaschen u. a. zu verstecken und diese zu vergraben: Nachrichten aus der Hölle. Am 7. Oktober 1944 machte das Sonderkommando einen Aufstand, in dem ein Ofen zerstört werden konnte und aus dem heraus immerhin 12 Männern die Flucht gelang. Sie gehörten zu den wichtigsten Zeugen.

Vergleiche mit der Hölle, mit dem siebten Kreis des Infernos und Analogien zum Anus Mundi, dem Arsch der Welt, werden oft benutzt, um Auschwitz allgemein und die Lage des Sonderkommandos im Besonderen zu beschreiben. Die Arbeiter des Kommandos waren durch Stigmatisierung mit dem gelben Stern, Ausgrenzung aus ihren Nachbarschaften, Deportation aus ihrer Heimat in Viehwagen, Selektion und Trennung von ihren Familien auf der Rampe isoliert und in ihrer Selbstachtung verletzt worden. Sie wurden durch Hunger und Schläge körperlich gefügig gemacht. Man befahl ihnen eine Arbeit, die Brechreiz hervorruft und psychisch die Grundregeln jenes Ich zu zerstören drohte, mit dem und nach dem sie bis dahin gelebt hatten. Das massenweise „ganze Verbrennen“ von menschlichen Leichen, die letzte Phase des Holocaust, sollte die Opfer zu bloßer Materie, zu gleichförmiger Asche verwandeln und allgemein - gegen die Jahrtausende alte Kultur des Menschen sowie konkret gegen die Gebote ihrer Religion - das Gedächtnis an die Juden vernichten.

Für einen Historiker ist es leichter, diesen letzten Aspekt des Verbrechens zu begreifen zu suchen, als Aspekte des bewussten Zerbrechens und Zermahlens von Menschen. Die Verbrennung der Leichen sollte nicht nur den Genozid der Deutschen an den Juden Europas verdecken, sondern auch die historische Existenz der Opfer und insbesondere der Juden nachträglich auslöschen, sollte den Beitrag von Menschen mosaischen Glaubens zur polnischen und deutschen, zur europäischen und zur globalen Geschichte sozusagen im Nachhinein zur Geschichtsfälschung, zu >fake.news< machen. Deshalb bildeten die Verbrennungsöfen das Zentrum von „Auschwitz“ und das „Sonderkommando“ das Zentrum des Gedenkens, und die in der Asche überlieferten Papierrollen bilden heute Zeugnis des jüdischen Überlebenswillens selbst unter entsetzlichsten Bedingungen. Die Todgeweihten des Sonderkommandos (dass einige überlebten, hatte keiner erwartet) weigerten sich, an den Erfolg des nationalsozialistischen Rassenwahns zu glauben und gaben der Nachwelt, die sie nach dem Sieg über den Nationalsozialismus erwarteten, Botschaften: was wir erdulden, ist ungeheuerlich, aber findet und straft die Verbrecher!

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Salmen Gradowski: Texte

[Der Weg zur Hölle]

Gewidmet meiner Familie, die in Birkenau-Auschwitz verbrannt wurde.

Meiner Frau Sonia

Meiner Mutter Sara

Meiner Schwester Ester Rachel

Meiner [Schwester] Liba

Meinem Schwiegervater Rafael

Meinem Schwager Wolf

Komm her zu mir, du Mensch der freien Welt – einer Welt ohne Zäune –, und ich berichte dir davon, wie […] eingezäunt und in Ketten gelegt wurde. Komm her zu mir, du glücklicher Weltbürger, der du dort lebst, wo es das Glück, die Freude und das Behagen noch gibt, und ich lege dir dar, wie die Gauner und Verbrecher unserer Zeit das Glück eines Volkes in Trauer, die Freude ins ewige Unglück verwandelt, dem Behagen ein Ende bereitet haben.

Komm her zu mir, du freier Weltbürger! Dein Leben wird von menschlicher Moral geleitet, deine Existenz schützt das Gesetz. Ich aber werde dir darlegen, wie die modernen Verbrecher und niederträchtigen Banditen die Moral ausgerottet und alle Lebensgesetze getilgt haben.

Komm her zu mir, du freier Weltbürger! Eine neue Chinesische Mauer grenzt dein Land von uns ab, und die Höllenfürsten können euch nicht ergreifen. Ich aber berichte dir davon, wie sie ein ganzes Volk in ihrer teuflischen Umarmung gefangen hielten, ihre monströsen Krallen blutrünstig in seinen Hals gestoßen und es erwürgt haben.

Komm her zu mir, du freier Mensch, der das Glück hatte, der Herrschaft dieser modernen unmenschlichen Piraten nicht gegenüberstehen zu müssen! Ich erzähle und zeige dir, wie und mit welchen Methoden sie Millionen von Menschen eines Volkes zugrunde gerichtet haben, das für sein märtyrerhaftes Schicksal längst berühmt ist.

Komm her zu mir, du freier Mensch, der das Glück hatte, in die Hände dieser abscheulichen, kultivierten zweibeinigen Tiere nicht geraten zu sein. Ich erzähle dir, mit welch raffinierten sadistischen Methoden sie Millionen von Menschen eines einsamen hilflosen Volkes – des Volkes Israels –, das von niemandem Hilfe bekommen hatte, zugrunde gerichtet haben.

Komm her und sieh, wie ein Kulturvolk gemäß einem teuflischen Gesetz […], welches dem Kopf des größten Gauners und hinterhältigsten Verbrechers entsprungen ist, wie die sadistische Welt ihn noch nicht gekannt hatte.

Komm […]

Komm jetzt, solange die Vernichtung noch auf vollen Touren läuft.

Komm jetzt, solange die Vernichtung noch mit allem Eifer herrscht.

Komm jetzt, solange der Todesengel sich an seiner Macht berauscht.

Komm jetzt, solange in den Öfen noch das Feuer wütet.

Komm, stell dich hierhin, warte nicht darauf, bis die Flut vorbeigerauscht ist, die Finsternis sich verflüchtigt hat und die Sonne wieder scheint. Sonst wirst du vor Verwunderung erstarren und deinen Augen nicht trauen. Wer weiß es schon, ob mit der Flut nicht auch diejenigen verschwinden, die deren lebendige Zeugen sein und dir die Wahrheit berichten könnten.

Wer weiß es schon, ob die Zeugen dieser finsteren Horrornacht das Frühlicht noch erleben. Vielleicht wirst du denken, schuld an dieser entsetzlichen Katastrophe sei der Kanonendonner, es sei der Krieg, der die Vernichtung gebracht habe, die unser Volk ereilt hat. Vielleicht wirst du denken, dass die vollständige Liquidierung der Juden Europas sich infolge eines Naturereignisses zugetragen habe, dass die Erde plötzlich aufgegangen sei, dass eine übernatürliche Kraft die Juden von überall her versammelt und der Abgrund sie verschluckt habe.

Du wirst nicht glauben, dass solch eine grausame Vernichtung von Menschen erdacht sein könnte, obschon sie sich bereits in wilde Tiere verwandelt haben.

Komm mit mir mit, mit mir, dem einsamen am Leben gebliebenen Sohn des Volkes Israel, der aus seinem Haus vertrieben worden ist, der gemeinsam mit seiner Familie, mit Freunden und Bekannten vorläufige Ruhe in Erdbaracken fand und von dort ins vermeintliche Arbeitslager überstellt wurde. Inmitten eines riesigen Judenfriedhofs fand er sich wieder, wo ich gezwungen worden bin, zum Wächter der Höllenpforte zu werden, welche Abermillionen von Juden aus ganz Europa passiert haben und noch hindurchgehen.

Ich war bei den Juden, als sie auf der Rampe standen. Ich teilte mit ihnen die letzten Minuten, und sie eröffneten mir ihre letzten Geheimnisse. Ich begleitete sie bis zum letzten Schritt: Danach fielen sie in […] des Todesengels und verschwanden für immer aus dieser Welt. Sie erzählten mir alles: Wie sie aus dem Haus vertrieben worden waren, welche Qualen sie hatten ertragen müssen, bevor sie hierhin gerieten und dem Teufel geopfert wurden.

Komm her, mein Freund. Steh auf, verlasse deine gemütlichen warmen Paläste, fasse Mut, sei tapfer, und schreite mit mir den europäischen Kontinent durch, wo der Teufel seine Herrschaft errichtet hat. Ich stelle konkrete Fakten bereit und berichte dir davon, wie eine hochzivilisierte Rasse das schwache, schutzlose und keines Unrechts schuldige Volk Israels vernichtet hat.

Fürchte dich vor diesem weiten und schrecklichen Wege nicht. Fürchte dich nicht vor den Bildern des Grauens, der Bestialität, die du wirst sehen müssen. Habe keine Angst, und ich zeige dir alles, der Reihe nach. Du wirst deine Augen nicht abwenden können von dem, was du sehen wirst; dein Herz wird stumpf, deine Ohren werden taub werden.

Nimm dir Dinge mit auf den Weg – Dinge, die dir in Kälte und Nässe, in Hunger und Durst dienen; wir werden schließlich in frostiger Nacht auf verlassenen Feldern verbringen und meine elenden Brüder auf ihrem letzten Weg – beim Todesmarsch – begleiten; wir werden Tage und Nächte wandern, von Durst und Hunger gepeinigt. Wir werden auf Europas langen Wegen irren, auf denen die modernen Barbaren Millionen von Juden dem schrecklichen Ziel entgegentreiben: hin zum Altar, auf dem sie geopfert werden.

Lieber Freund, du bist zu unserer Reise schon bereit – doch ich habe eine Bedingung.

Verabschiede dich von Frau und Kind: Du wirst, nachdem du die entsetzlichen Szenen gesehen hast, nicht länger leben wollen, in einer Welt, in der der Teufel dergleichen treiben kann.

Verabschiede dich von Freunden und Bekannten: Du wirst mit unvorstellbarem Sadismus und undenkbarer Grausamkeit konfrontiert werden; deinen Namen aus der menschlichen Familie tilgen wollen, und du wirst den Tag verdammen, an dem du das Licht der Welt erblicktest.

Sage ihnen, deiner Frau und deinem Kind, dass, wenn du von dieser Reise nicht zurückkommst, dann nur, weil dein menschliches Herz sich als zu schwach erwiesen hat, um die Last jener entsetzlichen Taten zu ertragen, die deine Augen sahen.

Sage deinen Freunden und Bekannten, dass, wenn du nicht zurückkehrst, dann nur, weil das Blut in deinen Adern gefror und zu fließen aufhörte, als du Zeuge dieser sadistischen Szenen wurdest, als du sahst, wie unschuldige wehrlose Kinder meines hilflosen Volkes starben.

Sage ihnen, du wirst auch dann nicht zu ihnen zurückkommen, wenn dein Herz zu Stein geworden ist, und dein Hirn sich in einen kalten denkenden Mechanismus verwandelt hat, und deine Augen nur noch dazu fähig sind, das Geschehen fotografisch zu fixieren. Sollen sie dich irgendwo in urzeitlichen Wäldern suchen: Du wirst der von Menschen bewohnten Welt entfliehen und inmitten wilder Tiere Trost suchen, nur um sich nicht bei den kultivierten Höllenfürsten aufhalten zu müssen. Denn selbst einem Tier setzt die Kultur Grenzen: Seine Krallen werden weniger scharf, es selbst wird weniger grausam. Umgekehrt verhält es sich beim Menschen, wenn er sich zum Tier wandelt. So wird er umso grausamer, je mehr Kultur er hat. Je mehr Zivilisation, umso mehr Barbarisches ist in ihm. Je höher seine Entwicklung, desto entsetzlicher seine Taten.

Komm mit mir mit. Wir werden uns auf den Flügeln des Stahladlers erheben und über dem großen tragischen Horizont Europas fliegen, von wo aus wir alles durch eine mikroskopische Linse beobachten und überall durchdringen werden.

Fasse mich an der Hand, du wirst noch Entsetzlicheres sehen.

Sei stark, ersticke die Gefühle in dir, vergiss Frau und Kind, Freunde und Bekannte, vergiss die Welt, aus der du kommst. Stelle dir vor, du siehst keine Menschen, sondern abscheuliche Tiere, die es zu vernichten gilt, weil der Anblick sonst unerträglich ist.

Sei tapfer, wenn du in feuchten Gräbern noch lebende Kinder siehst – du wirst sie noch in einer weitaus entsetzlicheren Lage sehen.

Sei tapfer, wenn du in einer frostigen Nacht eine gewaltige Judenschar siehst, die aus den Gräbern getrieben und dann wer weiß wohin geführt werden.

Dein Herz soll nicht erschaudern, wenn du das Gewimmer der Kinder, das Geschreie der Frauen, das Gestöhne der Greise und Kranken hörst – was dir zu sehen und zu hören bevorsteht, ist weitaus schlimmer.

Erschrick nicht, wenn du im Morgengrauen die Leichen alter Väter und Mütter auf der Straße und die blutbesudelten Leichen jener Kranken siehst, die die Strapazen der schweren Strecke nicht aushalten konnten.

Denk nicht an die, die schon von uns gegangen sind – stoße lieber einen Seufzer für die noch Lebenden aus.

Zittere nicht, wenn du siehst, wie die Masse in Bahnwaggons getrieben wird – als wären sie nichts als totes Inventar – in solcher Enge, dass ihnen keine Luft zum Atmen bleibt. Sie werden an einen anderen, viel entsetzlicheren Ort gebracht.

Nun, mein Freund, da ich dir alle Anweisungen gegeben habe, können wir jetzt einen Flug über einem der zahllosen polnischen Lager unternehmen, in denen Juden aus Polen und anderen Ländern eingeschlossen sind, die […] hierhin geschickt wurden, von wo aus es keinen Weg zurück gibt, weil die Ewigkeit selbst hier ihre Grenzen errichtet hat.

Tritt näher, mein Freund, wir rauschen jetzt über das Lager, wo ich und meine Familie wie Zehntausende andere Juden auch einige Zeit verbrachten. Ich werde dir erzählen, was sie in diesen entsetzlichen Minuten getan hatten, ehe sie zu ihrem letzten Bestimmungsort aufbrachen.

Mein Freund, hör dir genau an, was hier passiert.

Es herrscht bedrückte Stimmung in dem Lager: Für heute ist eine Aussiedlung von Menschen aus mehreren Schtetln gleichzeitig angesetzt. Alle sind erschüttert, wer wegfahren muss genauso wie diejenigen, die erst morgen dran sein könnten. Es ist offensichtlich, dass die Führung das Lager im Eilverfahren liquidiert. Folgende Auskünfte kommen an: Auch aus der Stadt fahren regelmäßig die Transporte ab, und alles geschieht mit der gleichen Grausamkeit wie hier auch. Die Gendarmen sperren mehrere Straßen ab, gehen von Haus zu Haus, führen Junge und Alte, Kranke und Gebrechliche hinaus, als wären sie die gefährlichsten Verbrecher, und alle werden in der großen Synagoge zusammengetrieben und von dort aus unter verstärkter Bewachung zu den Zügen geführt, wo bereits Güterwaggons – die für den Viehtransport – für sie bereitstehen. Dort werden sie hineingepfercht wie abscheuliche Bestien. Die Menschen werden so dicht aneinandergedrängt, dass sie von Anfang an nicht genug Luft zum Atmen haben. Wenn sie sehen, dass das Gedränge nicht mehr auszuhalten ist, dass Menschen in der Luft hängen, dann werden die Türen geschlossen und mit Metallschiebern verriegelt, und die Waggons fahren unter Wachschutz in unbestimmter Richtung ab – an jenen Ort, der als Arbeitsort der konzentrierten Juden dienen soll. Wer sich zu verstecken versucht, oder wer verdächtigt wird, sich vor der Arbeit drücken und fliehen zu wollen, wird an Ort und Stelle erschossen. An der Türschwelle der großen Synagoge von Grodno klebt Blut Dutzender junger Menschen: Sie wurden bezichtigt, erkannt zu haben, was man mit ihnen vorhat, und dem Schicksal, die Opferstätte als Erste zu besteigen, entkommen zu wollen.

Als die Machthaber – die raffinierten Gauner, die niederträchtigen Verbrecher – gesehen hatten, dass das System zur Verschickung der Menschen direkt aus der Stadt in den Zug ihnen künftig ernste Schwierigkeiten bereiten könnte, weil ein gewisses Risiko besteht, dass Gruppen verzweifelter junger Menschen, die frei von familiären Verpflichtungen sind, sich zusammenfinden, mit Gewalt reagieren und in die Wälder gehen könnten, um sich dort inmitten der wilden Tiere zu verstecken – Hauptsache, man ist nicht unter denen –, oder in den tiefsten Wäldern abtauchen könnten, wo einzelne Gruppen heldenhafter Kämpfer sich verstecken, die ihr Leben für unser aller Freiheit und Glück opfern. Sie werden die Unterdrücker bei deren Kampf um Macht und Herrschaft behindern. Die haben sich ihrerseits, um all das zu vermeiden, damit ihr verbrecherischer Plan verlässlicher ist, anderer raffinierter Methoden bedient, deren Zweck es ist, das Bewusstsein zu betäuben und zu benebeln. Sie haben das Gerücht verbreitet, dass der Konzentrationspunkt für die Juden aus Grodno ein Lager in der Provinz sein werde, das gerade in diesem Moment für uns geleert werde. Von diesem Opium der Illusion waren selbst diejenigen trunken, die es geschafft hatten, die Intuition, die realitätsnahen Vorstellungen von den Geschehnissen und der Zukunft zu bewahren, diejenigen, die zum Kampf und Widerstand bereit gewesen wären.

Nun hat also die Konzentration der Juden aus Grodno im Lager begonnen.

12:51 28.11.2019

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