Vom Glücksspiel

Leseprobe "Die Menschen betreiben mit den Meeren in gewisser Weise ein gigantisches Experiment. Wie es ausgehen wird, können wir nicht vorhersehen. Wir kennen ja noch nicht einmal alle Lebewesen im Meer."
Vom Glücksspiel
Foto: Roberto Schmidt/AFP/Getty Images

Vorwort

Dieses Buch über die Ozeane ist als Weckruf gedacht. Als Mahnung an uns alle, die Meere endlich zu schützen. Denn wir behandeln die Ozeane schlecht. So schlecht, dass die Meere inzwischen ächzen. Und wir Menschen bürden ihnen immer mehr Lasten auf: Die Ozeane leiden unter dem Klimawandel, unter den Auswirkungen der globalen Erwärmung. Die Ozeane spüren zudem das Kohlendioxid (CO2), den Hauptverursacher der Erderwärmung – ein Gas, das wir in die Luft blasen, wenn wir Kohle, Öl oder Gas verbrennen, um Energie zu erzeugen –, in Form der Versauerung. So gesehen ist das CO2 ein Umweltgift. Wir beuten die Meere ohne Gnade aus. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Überfischung. Mit unseren modernen Fangmethoden haben wir die globalen Fischbestände in einer Größenordnung dezimiert, womit noch vor ein paar Jahrzehnten niemand gerechnet hätte. Mindestens ein Drittel der weltweiten Fischbestände ist überfischt oder zusammengebrochen. Es könnten aber auch fünfzig Prozent sein.

Die Datenlage ist schlecht, und die einschlägigen Studien widersprechen sich zum Teil. Es ist aber müßig, darüber zu streiten. Der Fakt der Überfischung bleibt. Mitte der 1970er-Jahre waren es Schätzungen zufolge „nur“ etwa zehn Prozent der weltweiten Fischbestände, die überfischt waren. Heute gelten fast neunzig Prozent der Bestände zumindest als gefährdet. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) waren im Jahr 2012 47 Prozent der untersuchten Fischbestände im Atlantik und achtzig Prozent der Bestände im Mittelmeer überfischt. Eine Folge: In den vergangenen fünfzehn Jahren ist der Fischfang in den EU-Ländern um ungefähr vierzig Prozent zurückgegangen. Außerdem verenden überflüssigerweise jedes Jahr Millionen Tonnen Jungfische und andere Meeresbewohner als Beifang. Und man dringt immer mehr in die Tiefsee vor, um auch diese zu befischen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es technisch kaum möglich, Netze tiefer als 500 Meter hinabzulassen. Heute fischt man schon bis in 2000 Metern Tiefe. Die Fangflotten der Industrieländer sind mittlerweile gezwungen, weite Reisen zu unternehmen, um die enorme Nachfrage in ihren Heimatländern zu bedienen. Ihre eigenen Gewässer geben nicht mehr viel Fisch her. Damit besteht die Gefahr, dass man vielen Millionen Küstenbewohnern, etwa vor den Küsten Westafrikas, die Existenzgrundlage entzieht. Aufgrund dessen würde sich zudem der Nord-Süd-Konflikt verschärfen, der große Unterschied im Wohlstand zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern. Worin man eine Form des modernen Kolonialismus erkennen kann.

Die Überfischung der Weltmeere ist ein ökologisches Desaster und eine ökonomische Sackgasse. Darüber sind sich die Experten einig. Wir versuchen, den Verlust der Nahrung aus dem Meer durch Aquakultur zu kompensieren, durch Farmen im Meer. Dabei begehen wir die gleichen Fehler wie bei der Massentierhaltung auf Land. Die Tiere werden auf viel zu engem Raum gehalten, und Krankheiten wird mit Tonnen von Antibiotika vorgebeugt. Eine nicht nachhaltige Aquakultur verseucht die Meere, das sollten wir bedenken, wenn wir spottbillige Meeresfrüchte kaufen. Wir benutzen die Ozeane zudem als riesige Müllkippe. Ein spektakuläres Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: die Dreifach-Katastrophe aus Seebeben, Tsunami und Kernschmelze in Fukushima im März 2011. Seit der Reaktorkatastrophe sind Millionen Tonnen hoch verstrahlten Kühlwassers aus der japanischen Atomanlage in den Pazifischen Ozean gelangt. Niemand weiß genau, wie viel dieser Brühe bis jetzt ins Meer geflossen ist und immer noch fließt. Von den Verantwortlichen wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Die Betreiberfirma Tepco ist inzwischen zum Sinnbild einer Wirtschaftsweise geworden, die auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt. Schon gar nicht auf die Ozeane. Frei nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut.“ Über die Langzeitfolgen der Radioaktivität wissen wir nur sehr wenig.

Die Menschen betreiben mit den Meeren in gewisser Weise ein gigantisches Experiment. Wie es ausgehen wird, können wir nicht vorhersehen. Wir kennen ja noch nicht einmal alle Lebewesen im Meer. Vermutlich birgt die Tiefsee Millionen noch unentdeckter Spezies, wenn man die Mikroben mit einrechnet. Die Zusammenhänge sind außerdem viel zu komplex. So kennen wir beispielsweise die Auswirkungen der Überfischung auf die gesamte marine Lebewelt nicht. Fische sind schließlich Teil von Ökosystemen. Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste. Es sollte also stets das Vorsorgeprinzip gelten. Wenn die Wissenschaft nicht ganz genau weiß, wie die Meeresökosysteme auf die vielen menschlichen Einflüsse reagieren werden, dann ist das schon für sich genommen ein sehr guter Grund dafür, die Ozeane nicht weiter dermaßen zu schinden, wie wir es während der letzten Jahrzehnte getan haben.

Die Belastbarkeit der Ozeane hat Grenzen. Wir sind dabei, sie auszuloten. Zum Teil haben wir sie schon längst überschritten. Egal ob Radioaktivität, Öl, Gifte, Plastik, Kunstdünger oder Abwässer: „Immer rein ins Meer“ – dieser Parole folgen wir unbeirrt. Das Meer erscheint uns eben unermesslich groß. Was kann da schon das bisschen Abfall anrichten? Die Ozeane werden damit schon irgendwie fertig werden. Das glauben wir jedenfalls. Ihre Hilferufe hören wir nicht. Das können wir auch gar nicht. Das Meer macht sich nicht durch Geräusche bemerkbar, wenn es leidet. Nein, es akkumuliert still unsere Sünden und ändert sich nur ganz allmählich, sodass wir es kaum wahrnehmen können. Was sich ändert, ist seine Temperatur. Sie steigt langsam, aber kontinuierlich. Was sich ändert, sind die chemischen und biologischen Eigenschaften der Ozeane. So erhöht sich stetig der Säuregrad der Meere, weil wir pausenlos riesige Mengen Kohlendioxid in die Luft blasen und die Meere einen beträchtlichen Teil des Stoffes aufnehmen, aus dem bekanntermaßen die globale Erwärmung hervorgeht. Was sich ändert, sind, für uns kaum spürbar, die Meeresströmungen. Unsere Unvernunft kann vielleicht sogar dazu führen, dass langsam einigen Meeresregionen buchstäblich die Luft ausgeht. Die Todeszonen der Meere, die Sauerstoffminimumzonen, wie die Wissenschaftler sie in ihrer langweiligen und nichtssagenden Sprache nennen, könnten sich ausdehnen. Weil sich das Wasser erwärmt oder die Meeresströmungen wegen der globalen Erwärmung vielleicht des Öfteren einen etwas anderen Weg nehmen könnten und dann die sauerstoffarmen Meeresgebiete noch seltener oder überhaupt nicht mehr aufsuchen würden, um das lebenswichtige Gas dorthin zu schaffen.

Oder weil die Menschen wegen der Art und Weise, wie sie Landwirtschaft betreiben, immer mehr Salze wie Nitrat oder Phosphat in die Küstengewässer einleiten – die Wissenschaft spricht treffenderweise von Nährstoffen –, die gigantische Algenblüten auslösen können. Denn wenn tote Algen absinken und sich in ihre Bestandteile auflösen, wird enorm viel Sauerstoff verbraucht. Und der fehlt dann den anderen Meeresbewohnern. Jede(r) kennt die dadurch bedingten Ereignisse von gelegentlich auftretendem, massenhaftem Fischsterben, nicht nur in entlegenen Regionen der Welt, sondern auch in unseren heimischen Küstengewässern. Wir machen außerdem eine Menge Lärm im Meer. Ja, wir lassen sogar Sprengsätze explodieren. Verursachen damit einen derart hohen Lärmpegel, den wir uns selbst niemals zumuten würden. Wie etwa bei der Suche nach den noch verbleibenden fossilen Energiereserven. Bei seismischen Untersuchungen des Meeresbodens werden „Schallwellen“ eingesetzt, die über mögliche Erdgas- und Erdölvorkommen Auskunft geben sollen. Wir Wissenschaftler haben eine seltsam abwiegelnde Sprache. Auf gut Deutsch würde man einfach nur von unerträglichem Krach sprechen, mit dem die Industrie den Meeresboden kilometertief erkundet. Diese Experimente werden mit sogenannten „Airguns“ durchgeführt, Druckluftkanonen also, mit denen man zeitlich aufeinander abgestimmte, extrem laute Explosionen erzeugt. Dabei handelt es sich um Druckluftknalle mit bis zu 265 Dezibel. In Wohngebieten sind in Deutschland nachts gerade mal 35 Dezibel erlaubt. Die enormen Druckwellen werden typischerweise alle zehn Sekunden abgefeuert, 24 Stunden am Tag, und das über Wochen oder sogar Monate. Das verletzt oder tötet auf der Stelle viele Lebewesen in der unmittelbaren Nähe der Detonationen, führt dazu, dass viele Meeresbewohner ihre Habitate verlassen, und beeinträchtigt natürlich auch den Fischfang in diesen Gewässern.

Der Lärm kann zudem das Gehör von Walen beeinträchtigen, als wären sie nicht schon genug gebeutelt. Für die Wale ist das Gehör das wichtigste Sinnesorgan. Die Fähigkeit zu hören ist für alle Schlüsselfunktionen ihres Lebens wie etwa die Nahrungssuche, die Orientierung und das Sozialverhalten unersetzlich. Lärm kann auch dazu führen, dass die Wale ihre natürlichen Lebensräume verlassen und vielleicht an Küsten stranden, um dann elendig zugrunde zu gehen. Jegliche Beeinträchtigung des Hörvermögens, sei es durch physischen Schaden oder durch die Überlagerung mit anderen Geräuschen, kann die Lebensfähigkeit einzelner Wale und selbst ganzer Walpopulationen stark herabsetzen. Der durch den Menschen verursachte Lärm trägt in der marinen Umwelt bereits zu einem recht hohen Hintergrundlärmpegel bei, und der nimmt stetig zu. Die menschgemachte Hintergrundlärmbelastung hat sich in einigen Regionen in den letzten fünfzig Jahren verdoppelt bis verdreifacht.

Aber die ohrenbetäubende Suche nach den Rohstoffen ist immer nur der Anfang. Findet man das ersehnte Öl oder Gas, geht die Umweltzerstörung erst richtig los. Dann nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Wen stört schon der Austritt von Öl am Meeresboden. Wir sehen es ja schließlich nicht. Und erzählen wird es uns auch niemand, zumindest nicht freiwillig. Es sei denn, das Öl kommt an die Oberfläche und verschmiert ganze Küsten, wie zuletzt 2010 im Golf von Mexiko. Auf hoher See lassen Schiffe pausenlos illegal Öl ab. Das ist ein offenes Geheimnis. Zuletzt wurde uns dieser Sachverhalt im März 2014 vor Augen geführt, als man nach der verschollenen Boeing der Malaysia Airlines im Indischen Ozean suchte und eine kilometerlange Ölspur sichtete, von der man anfänglich annahm, dass es sich um die Absturzstelle des Jets handeln könnte. Wie sich allerdings schnell herausstellte, stammte das Öl von einem Schiff, ein alltäglicher Vorgang, der sich vermutlich jedes Jahr tausendfach im offenen Ozean wiederholt, ohne dass es jemand mitbekäme. Die Ozeane und ihre Bewohner leiden unter den Menschen, das wissen wir schon lange. Wir verdrängen es aber und wollen es nicht wahrhaben.

Die industrielle Ausbeutung der Ozeane hat ein Ausmaß erreicht, das die marinen Ökosysteme aufs Äußerste beansprucht oder ganz zerstört. Die Küstengebiete sind enormen Belastungen ausgesetzt, gerade dort tritt die Funktion der Ozeane als Mülldeponie deutlich hervor. Heute schon kann man Weltkarten zeichnen, auf denen die extrem gefährdeten Gebiete zu sehen sind. Viele Meeresgebiete sind bereits ziemlich gestresst. Über vierzig Prozent der Ozeane unterliegen einem starken menschlichen Einfluss. Es sind zwar nur 0,5 Prozent aller Meeresgebiete extrem stark belastet, die Fläche ist mit ca. 2,2 Millionen Quadratkilometern jedoch sechsmal größer als die Fläche Deutschlands. Und es sind eben nicht nur die chinesischen Randmeere, die uns Sorgen bereiten. Das denken wir doch insgeheim. Die Dinge passieren doch immer nur ganz weit weg. Die Menschen in der alten Welt und gerade wir in Westeuropa sind doch die Guten, die Vorreiter für eine saubere Umwelt. Weit gefehlt.

Ein Beispiel: Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat im Mai 2014 die neue Rote Liste der Meeresorganismen vorgestellt. Die Roten Listen beschreiben die Gefährdungssituation der Tier-, Pflanzen- und Pilzarten und stellen mit ihren Gesamtartenlisten eine Inventur der Artenvielfalt dar. Etwa alle zehn Jahre werden sie unter Federführung des BfN für ganz Deutschland herausgegeben. Die aktuelle Rote Liste ist die bisher umfassendste nationale Gefährdungsanalyse für Meeresorganismen. Sie entstand in sechsjähriger Arbeit und beruht auf den Analyseergebnissen für gut 1700 Arten. Von allen untersuchten, in den deutschen Küsten- und Meeresgebieten vorkommenden Fischarten, bodenlebenden Wirbellosen – das sind Tiere ohne Wirbelsäule – und Großalgen wie Seetang stehen inzwischen dreißig Prozent auf der Roten Liste und sind damit als gefährdet einzustufen.

Lediglich 31 Prozent sind nachweislich nicht gefährdet. Vor allem die Fischerei und Nährstoffeinträge beeinträchtigen die Arten und Lebensgemeinschaften in Nord- und Ostsee. Darüber hinaus zerstören Abbau- und Baggerarbeiten den Lebensraum festsitzender Arten. Von den 94 untersuchten Fischarten stehen schon 22 auf der Roten Liste, vier weitere auf der sogenannten Vorwarnliste. Für 21 Arten liegen nicht genug Daten für eine sichere Einordnung vor. Auf der neuen Roten Liste stehen auch Knorpelfische wie der Dornhai und der Glattrochen. Ihre Lage ist laut BfN als kritisch zu bewerten. Hauptursache für ihren Schwund sei die übermäßige Fischerei mit Grundschleppnetzen, die selbst in den Meeresschutzgebieten weitgehend unkontrolliert stattfinde.

[...]

06:27 25.09.2014

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