Aus dem Inneren

Leseprobe "Im Flugzeug war es entsetzlich kalt. Ich wurde auf eine Liege gelegt; die Wachen fesselten mich. Ich fühlte, dass man eine Decke über mich legte: Sie war zwar dünn, aber es war eine nette Geste."
Aus dem Inneren
Foto: John Moore/Getty Images

Chronik einer Freiheitsberaubung

Februar 2000 Nachdem er zwölf Jahre in Übersee – vor allem in Deutschland und kurz in Kanada – studiert, gelebt und gearbeitet hat, beschließt Mohamedou Ould Slahi, in seine Heimat Mauretanien zurückzukehren. Auf der Reise in seine Heimat wird Mohamedou zweimal im Auftrag der USA festgenommen: Zuerst von der senegalesischen Polizei, anschließend von mauretanischen Behörden. Mohamedou Slahi wird von amerikanischen FBI-Agenten wegen angeblicher Beteiligung am sogenannten Millennium-Plot – dem Plan, den Flughafen von Los Angeles zu bombardieren – vernommen. Die Behörden kommen zu dem Schluss, es gäbe keine Anhaltspunkte für seine Mitwirkung, und lassen ihn am 14. Februar 2000 wieder frei.

2000 bis Herbst 2001 Mohamedou lebt bei seiner Familie und arbeitet als Elektroingenieur in Nouakchott, Mauretanien.

29. September 2001 Er wird verhaftet, zwei Wochen lang im Gefängnis festgehalten, erneut von Agenten des FBI wegen des Millennium-Plots verhört. Wieder wird Slahi freigelassen; die mauretanischen Behörden bekräftigen öffentlich seine Unschuld.

20. November 2001 Mauretanische Polizeibeamte suchen Mohamedou zu Hause auf und bitten ihn, sie zwecks einer weiteren Vernehmung zu begleiten. Er entspricht dem Wunsch und fährt im eigenen Auto zum Polizeirevier.

28. November 2001 Ein Flugzeug der CIA bringt Mohamedou von Mauretanien in ein jordanisches Gefängnis in Amman, wo er siebeneinhalb Monate vom jordanischen Geheimdienst verhört wird.

19. Juli 2002 Ein weiteres Flugzeug der CIA bringt Mohamedou von Amman weg. Er wird nackt ausgezogen, seine Augen werden verbunden. Man zieht ihm eine Windel an, legt ihn in Ketten und transportiert ihn zur Luftwaffenbasis Bagram in Afghanistan. Mit diesen Ereignissen beginnt das Guantanamo-Tagebuch.

4. August 2002 Nachdem er zwei Wochen lang in Bagram verhört wurde, wird Mohamedou mit 34 anderen Häftlingen in ein Militärflugzeug verfrachtet und nach Guantanamo geflogen. Am 5. August 2002 trifft die Gruppe ein und wird in der Einrichtung registriert.

2003 bis 2004 Vernehmungsbeamte des amerikanischen Militärs unterziehen Mohamedou einem »Sondervernehmungs-Plan« (Special Interrogation Plan), der von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld persönlich abgesegnet ist. Die Foltermaßnahmen bestehen in Monaten extremer Isolation, einer endlosen Abfolge körperlicher, seelischer und sexueller Erniedrigungen, Todesdrohungen, Drohungen gegen seine Familie und einer vorgetäuschten Entführung in ein Geheimgefängnis.

3. März 2005 Mohamedou verfasst handschriftlich einen Antrag auf eine Habeas Corpus-Verfügung.

Sommer 2005 Mohamedou verfasst in seiner Isolationszelle handschriftlich die 466 Seiten, die die Grundlage des vorliegenden Buches bilden.

12. Juni 2008 Das Oberste Bundesgericht entscheidet im Fall Boumediene vs. Bush mit 5 zu 4 Stimmen, dass Guantanamo-Häftlinge das Recht haben, aufgrund des Habeas Corpus-Gesetzes eine Haftprüfung zu beantragen.

August bis Dezember 2009 James Robertson, Richter beim Amtsgericht, verhandelt Mohamedous Haftprüfungsantrag.

22. März 2010 Richter Robertson genehmigt Mohamedous Gesuch und ordnet seine Freilassung an.

26. März 2010 Die Obama-Regierung legt Berufung ein.

17. September 2010 Das Bundesberufungsgericht Washington D.C. gibt Mohamedous Fall an den Bundeshof zur erneuten Anhörung zurück. Der Fall ist noch anhängig.

Heute (Januar 2015) Mohamedou sitzt nach wie vor in Guantanamo in Haft, in derselben Zelle, in der viele der Ereignisse stattfanden, die er in diesem Buch schildert.

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Vorbemerkungen des Herausgebers Larry Siems

Dieses Buch ist eine redigierte Fassung des 466 Seiten umfassenden Manuskripts, das Mohamedou Ould Slahi im Sommer und Herbst des Jahres 2005 von Hand in seiner Gefängniszelle in Guantanamo niederschrieb. Es wurde zweimal herausgegeben: Zuerst von der Regierung der USA, die über 2500 Schwärzungen vornahm, den Text also massiv zensierte; anschließend von mir. Mohamedou konnte an keiner der beiden Bearbeitungen teilnehmen oder auf sie reagieren.

Mohamedou hat jedoch immer gehofft, dass sein Manuskript an die Öffentlichkeit gelangen würde. Er wendet sich direkt an uns – vor allem an amerikanische Leser –, aber er hat die weltweite Veröffentlichung in dieser überarbeiteten Form ausdrücklich autorisiert, verbunden mit dem dringenden Wunsch, dass die Überarbeitung den Inhalt originalgetreu wiedergibt. Mohamedou betraute mich mit dieser Aufgabe; als ich das Manuskript für den Druck vorbereitete, habe ich versucht, seinem Wunsch zu entsprechen.

Mohamedou Ould Slahi schrieb diese Erinnerungen auf Englisch, in seiner vierten Sprache, die er überwiegend in amerikanischer Haft lernte. Dieser Lernprozess wird im Buch immer wieder, häufig sehr amüsant, beschrieben und stellt an sich bereits eine bemerkenswerte Leistung dar. Außerdem trägt Mohamedous Entscheidung für Englisch zu einigen der markantesten literarischen Effekte des Werks bei, wenn es sie nicht sogar überhaupt erst hervorbringt. Meine Zählung hat ergeben, dass er ein Vokabular von weniger als 7000 Wörtern benutzt – der Umfang entspricht ungefähr demjenigen, der den homerischen Epen zugrunde liegt. Manchmal wird man beim Lesen an diese Epen erinnert, etwa wenn er formelhafte Wendungen für immer wieder auftretende Phänomene und Ereignisse verwendet. Und wie die Schöpfer der großen Epen setzt er diese Wendungen so ein, dass sie eine enorme Bandbreite an Handlungen und Emotionen vermitteln. Beim Überarbeiten wollte ich vor allem dieses Gefühl erhalten und Mohamedous Leistung gerecht werden.

Das Manuskript, das Mohamedou 2005 in seiner Zelle nieder- schrieb, ist teilweise unvollständig und streckenweise fragmentarisch – ein Entwurf. Einige Abschnitte scheinen stärker überarbeitet zu sein als andere Passagen: Manchmal ist die Handschrift kleiner und genauer, was beides auf mögliche Entwurfsvorstufen schließen lässt. An anderen Stellen wirkt die Schrift eher flüchtig und ist stärker auseinandergezogen, wie ein erster Entwurf. In der Art des Erzählens treten signifikante Variationen auf. Die Abschnitte, in denen über gerade erst erlebte Geschehnisse berichtet wird, haben einen weniger linearen Erzählduktus – wie man es nicht anders erwarten würde, bedenkt man die Intensität der Ereignisse und die unmittelbare Nähe der Figuren, die er beschreibt. Auch die Gesamtform des Werks bleibt offen: Am Schluss sind mehrere Rückblenden angefügt, die auf die Zeit vor den im Hauptteil beschriebenen Ereignissen zurückgreifen. Wie bin ich mit diesen Herausforderungen umgegangen?

Als Lektor habe ich alles getan, was jeder Lektor tut, der sämtliche Erwartungen seines Autors erfüllen möchte: Er reduziert Fehler, aber auch unnötige Umwege, und bemüht sich zugleich, Stimme und Vision des Autors klarer zu konturieren. Demgemäß habe ich das Manuskript in zweierlei Hinsicht bearbeitet. Zeile für Zeile bestand diese Arbeit hauptsächlich darin, Tempusformen, Wortstellungen und einige ungeschickte Redewendungen umsichtig anzupassen sowie hin und wieder um der Klarheit willen den Text zu verdichten oder umzuordnen. Außerdem habe ich die Rückblenden, die am Schluss stehen, in den Hauptbericht eingefügt und das Manuskript als Ganzes gestrafft. Den Text von Mohamedou Ould Slahi habe ich von ursprünglich 122 000 auf knapp 100 000 Wörter in der vorliegenden Fassung gekürzt: Diese redaktionelle Entscheidung habe ich als Herausgeber getroffen, und ich kann nur hoffen, dass Mohamedou ihr zustimmen würde.

Während der Bearbeitung war ich mit mehreren Herausforderungen konfrontiert, die vor allem mit der ersten Bearbeitung zusammenhingen, die der Text zuvor durchgemacht hatte: mit der Zensur durch die Regierung. Es handelt sich dabei um Veränderungen, denen der Text von derselben Regierung unterworfen wurde, die nach wie vor das Schicksal des Autors kontrolliert. Sie setzt überdies seit mehr als dreizehn Jahren Geheimhaltung als das entscheidende Mittel ein, um ihre Kontrolle auszuüben. Insofern sind die schwarzen Balken auf den einzelnen Seiten einprägsame Verweise auf die unveränderte Situation des Autors. Gleichzeitig dienen die Eingriffe – absichtlich oder unabsichtlich – häufig dazu, den Sinn der Erzählung zu verzerren, die Kontur der Figuren einzutrüben und den aufgeschlossenen, zugewandten Ton der Stimme des Autors abzudämpfen.

Jedes Lektorieren beruht auf penibler Lektüre. Wird ein zensurierter Text lektoriert, schließt das automatisch die Anstrengung mit ein, herauszufinden, was hinter den Schwärzungen und Löschungen steht. Die Anmerkungen, die den Text am Fuß der Seite begleiten, dokumentieren diese Bemühungen.

In diesen Fußnoten enthalten sind Vermutungen, die im Zusammenhang mit den zensierenden Eingriffen entstanden und auf dem Kontext basieren, in dem die Streichungen auftauchen. Außerdem werden Informationen vorweggenommen, die erst an anderen Stellen des Manuskripts genannt werden oder aus den mittlerweile öffentlich zugänglichen zahlreichen Quellen zu Mohamedou Ould Slahis Martyrium stammen sowie zu den Vorfällen und Ereignissen, die er hier beschreibt. Diese Quellen umfassen freigegebene Regierungsdokumente, die aufgrund von Anfragen und Prozessen im Zusammenhang mit dem Freedom of Information Act zugänglich wurden. Des Weiteren enthalten die Fußnoten Nachrichtenberichte und Veröffentlichungen mehrerer Autoren und Enthüllungsjournalisten sowie eingehende Recherchen aus dem Justizministerium und dem US-Senat.

Ich habe in diesen Anmerkungen nicht versucht, den ursprünglichen, unzensierten Text zu rekonstruieren oder geheimes Material zu entschlüsseln. Ich wollte vielmehr, so gut es ging, die Informationen liefern, die am plausibelsten mit den Zensureingriffen korrespondierten, sofern diese Informationen in Staatsarchiven zugänglich sind, sich aus sorgfältiger Lektüre des Manuskripts ergeben oder für die Lesbarkeit und Wirkung des Texts von Belang sind. Sollten in diesen Vermutungen Fehler auftauchen, sind sie ganz allein mir anzulasten. Keiner von Mohamedou Ould Slahis Anwälten mit Sicherheitsüberprüfung hat diese einleitenden Worte oder die Fußnoten überprüft, in irgendeiner Weise dazu beigetragen, oder meine darin geäußerten Vermutungen bestätigt oder zurückgewiesen. Auch sonst hat niemand mit Zugang zum unbearbeiteten Manuskript diese einleitenden Worte oder die Fußnoten überprüft, dazu in irgendeiner Weise beigetragen, oder meine darin geäußerten Vermutungen bestätigt oder zurückgewiesen.

Zahlreiche redaktionelle Herausforderungen, die damit verbunden waren, dieses bemerkenswerte Manuskript in Druck zu geben, hängen unmittelbar damit zusammen, dass die Regierung der USA das Werk bis heute ohne zufriedenstellende Erklärung der Zensur unterwirft, die den Autor der Möglichkeit berauben, an diesem Prozess teilzuhaben. Ich freue mich auf den Tag, wenn Slahi ein freier Mann sein wird und wir sein Werk zur Gänze kennenlernen, so wie er selbst es veröffentlicht hätte. Bis es so weit ist, hoffe ich, dass diese Version die Leistung des Originals einzufangen vermag, auch wenn sie uns gleichzeitig auf jeder Seite daran erinnert, wie viel noch zu entdecken bleibt.

Den Lesern des Guantanamo-Tagebuchs werden Ungenauigkeiten oder Ungereimtheiten im laufenden Text auffallen. Mohamedou Ould Slahi war es nach der Niederschrift des Tagebuchs nicht möglich, den Text zu überarbeiten. Für mich, den Herausgeber, und andere Personen gab es keine Gelegenheit, mit Mohamedou Kontakt aufzunehmen, um solche Fragen zu klären. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses Tagebuch für sich spricht.

[...]

Das Guantanamo Tagebuch
Jordanien - Afghanistan - GTMO
Juli 2002 bis Februar 2003

Juli 2002, 10 Uhr abends. Die Musik hatte aufgehört. Die Unterhaltungen der Wachen verstummten allmählich. Der Lastwagen leerte sich. Ich fühlte mich allein in dem großen Leichenwagen. Lange musste ich nicht warten: Ich spürte die Gegenwart anderer Menschen, ein schweigendes Team. Ich erinnere mich an kein einziges Wort von der Ankündigung, die dann folgte. Jemand entfernte die Ketten von meinen Handgelenken. Er machte die eine Hand frei, ein anderer Typ packte und verbog sie, während eine dritte Person neue Ketten befestigte, die sicherer und schwerer waren. Meine Hände waren jetzt vor mir gefesselt.

Jemand riss mir meine Kleider mit einer Art Schere vom Körper. Was soll das jetzt um alles in der Welt?, dachte ich. Ich fing an, mir Sorgen zu machen wegen dieses Ausflugs, den ich weder wollte noch initiiert hatte. Irgendjemand traf über meinen Kopf hinweg sämtliche Entscheidungen. Ich hatte alle möglichen Sorgen, nur nicht die, eine Entscheidung treffen zu müssen. Mir schossen viele Gedanken durch den Kopf. Die zuversichtlicheren gingen in die Richtung: Vielleicht bist du in der Hand von Amerikanern, aber mach dir keine Gedanken, die wollen dich nur heimbringen und sicherstellen, dass alles geheim bleibt. Die weniger zuversichtlichen waren eher von der Art: Jetzt hast du es echt verbockt! Die Amerikaner haben es geschafft, dir irgendwelchen Mist anzuhängen, und jetzt stecken sie dich für den Rest deines Lebens in ein US-Gefängnis.

Ich wurde bis auf die Haut ausgezogen. Es war erniedrigend, doch wegen der Augenbinde blieb mir der scheußliche Anblick meines nackten Körpers erspart. Während der gesamten Prozedur war das einzige Gebet, das mir noch einfiel, das Notgebet Ya hayyu! Ya kay- yum! O ewig Lebender, O Immerwährender ..., das ich die ganze Zeit vor mich hinmurmelte. Jedes Mal, wenn ich in eine ähnliche Situation kam, vergaß ich all meine Gebete – nur nicht dieses Notgebet, das ich aus dem Leben unseres Propheten, Friede sei mit ihm, gelernt habe.

Einer aus dem Team wickelte eine Windel um meinen Intimbereich. Nun war ich wirklich ganz sicher, dass das Flugzeug in die USA flog. Ich fing jetzt an, mir gut zuzureden, dass »alles gut wird«. Meine einzige Sorge war jetzt nur noch, dass meine Familie mich im Fernsehen in einer derart entwürdigenden Situation sehen könnte. Ich war so dürr. Ich war schon immer dünn, aber nie derartig abgemagert: Meine normale Kleidung war so weit geworden, dass ich aussah wie eine kleine Katze in einer großen Tasche. Als das US-Team damit fertig war, mir die Sachen anzuziehen, die man für mich angefertigt hatte, nahm mir jemand für einen Augenblick die Binde ab. Ich konnte nichts sehen, weil er die Taschenlampe direkt auf meine Augen richtete. Er steckte von Kopf bis Fuß in einer schwarzen Uniform. Dann öffnete er seinen Mund, streckte seine Zunge heraus und bedeutete mir, dasselbe zu tun, einfach Ah zu sagen wie beim Arzt, was ich befolgte. Ich sah ein Stück von seinem sehr hellhäutigen, mit blonden Härchen bewachsenen Arm, was meine Theorie bestätigte, dass ich mich in den Händen von Onkel Sam befand.

Die Augenbinde wurde heruntergezogen. Die ganze Zeit hörte ich laute Flugzeugmotoren; ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Flugzeuge starteten und landeten. Ich hatte das Gefühl, mein »Spezial«-Flugzeug käme näher, oder der Lastwagen näherte sich dem Flugzeug, das weiß ich nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich daran, dass zwischen dem Lastwagen und dem Aufgang zum Flugzeug kein Abstand war, als die Eskorte mich vom Lastwagen herunternahm. Ich war so erschöpft, krank und müde, dass ich nicht gehen konnte, meine Begleiter mussten mich die Stufen hinaufschleifen wie eine Leiche.

Im Flugzeug war es entsetzlich kalt. Ich wurde auf eine Liege gelegt; die Wachen fesselten mich, höchstwahrscheinlich am Boden. Ich fühlte, dass man eine Decke über mich legte: Sie war zwar dünn, aber es war eine nette Geste.

Ich entspannte mich und überließ mich meinen Träumen. Ich dachte an die einzelnen Mitglieder meiner Familie, die ich nie wiedersehen würde. Wie traurig sie sein würden! Ich weinte leise und ohne Tränen; aus irgendeinem Grund hatte ich all meine Tränen am Anfang der Expedition vergossen, als hätte ich da die Grenze zwischen Leben und Tod überschritten. Ich wünschte, ich hätte mich den Menschen gegenüber anständiger verhalten. Ich wünschte, ich wäre meiner Familie gegenüber gütiger gewesen. Jeden Fehler, den ich in meinem Leben begangen hatte, bedauerte ich, in meinem Verhältnis zu Gott, zu meiner Familie, zu allen Menschen!

Ich dachte über das Leben in einem amerikanischen Gefängnis nach; dachte an die Dokumentationen, die ich gesehen hatte, die Härte im Umgang mit den Gefangenen. Ich wünschte mir blind zu sein oder sonst irgendeine Art von Behinderung zu haben, dann würden sie mich von den übrigen Gefangenen isolieren, mich menschlich behandeln und mir Schutz gewähren. Ich überlegte, wie wohl die erste Anhörung durch einen Richter verlaufen würde. Habe ich eine Chance, in einem Land, das so viel Hass gegenüber Muslimen empfindet, ein faires Gerichtsverfahren zu bekommen? Oder bin ich schon verurteilt, bevor ich auch nur die Möglichkeit habe, mich zu verteidigen?

Unter der warmen Decke überfluteten mich die schmerzlichsten Träume. Immer wieder machte sich Harndrang bemerkbar. Die Windel nützte mir gar nichts: Ich konnte mein Gehirn nicht dazu überreden, meiner Blase das entscheidende Signal zu schicken. Je mehr ich mich bemühte, desto sturer wurde mein Gehirn. Die Wache neben mir schüttete mir aus einem Becher immer wieder Wasser in den Mund, was meine Lage noch verschlimmerte. Ich konnte mich dagegen nicht wehren – schluck oder erstick! Ständig auf einer Seite zu liegen machte mich völlig fertig, aber jeder Versuch, meine Position zu ändern, scheiterte, denn eine starke Hand drückte mich immer wieder zurück.

Ich hatte das Gefühl, das Flugzeug sei ein großer Jet, und nahm deshalb an, wir seien direkt in die U S A unterwegs. Nach fünf Stunden verlor das Flugzeug dann jedoch an Höhe und landete sanft. Bis in die USA, das wusste ich, war es noch ein Stück weiter. Wo sind wir? In Ramstein, Deutschland? Ja! Das muss Ramstein sein: In Ramstein befindet sich ein amerikanischer Militärflughafen für Transitflugzeuge aus dem Nahen Osten; hier wird wahrscheinlich aufgetankt. Doch als das Flugzeug gelandet war, tauschten die Wa- chen die Metallketten gegen Plastikfesseln aus, die auf dem Weg zu einem Hubschrauber heftig in meine Handgelenke einschnitten. Während ich aus dem Flugzeug herausgezogen wurde, klopfte mir eine der Wachen auf die Schulter, als wollte er sagen: »Alles wird gut.« In meiner Qual vermittelte mir diese Geste die Hoffnung, dass unter den Leuten, die mich umgaben, immerhin auch einige menschliche Wesen waren.

Als ich die Sonne sah, fragte ich mich: Wo bin ich? Doch, das muss Deutschland sein: Es war Juli, da geht die Sonne früh auf. Aber warum Deutschland? Ich hatte doch in Deutschland nichts verbrochen! Was für einen Mist hängen sie mir an? Aber das deutsche Rechtssystem bot für mich sehr viel bessere Aussichten; ich kannte die Abläufe und beherrschte die Sprache. Außerdem ist das deutsche System vergleichsweise transparent, und es gibt nicht diese Verurteilungen zu zwei- bis dreihundert Jahren. Ich brauchte mir also keine Sorgen zu machen: Ich werde vor einen deutschen Richter gestellt, der mir darlegt, was die Regierung gegen mich vorzubringen hat, und dann werde ich für kurze Zeit in Untersuchungshaft kommen, bis mein Fall entschieden ist. Ich werde nicht gefoltert, und ich werde nicht in die fiesen Visagen von Vernehmungsbeamten blicken müssen.

Nach ungefähr zehn Minuten landete der Hubschrauber, und ich wurde in einen Lastwagen verfrachtet, rechts und links flankiert von Wachen. Der Fahrer und sein Nachbar unterhielten sich in einer Sprache, die ich noch nie gehört hatte. Ich dachte, was zum Geier reden die jetzt, womöglich Philippinisch? Ich vermutete das, weil ich weiß, dass die Amerikaner auf den Philippinen militärisch ziemlich präsent sind. Ja, natürlich, das mussten die Philippinen sein: Die machen mit den USA gemeinsame Sache und hängen mir irgendeinen Mist an. Was würde ich von ihrem Richter zu hören bekommen? Aber ich wollte jetzt eigentlich nur noch ankommen und pissen gehen, danach sollten sie mit mir machen, was sie wollten. Bitte lasst mich ankommen!, dachte ich, danach könnt ihr mich umbringen!

Die Wachen zogen mich nach fünfminütiger Fahrt aus dem Lastwagen, und ich hatte das Gefühl, dass sie mich in eine Halle brachten. Sie zwangen mich, mich hinzuknien und meinen Kopf zu senken: Ich sollte in dieser Stellung bleiben, bis sie mich holten. Sie brüllten mich an: »Beweg dich nicht!« Bevor ich auch nur irgendetwas denken konnte, hatte ich die bemerkenswerteste Pinkelerfahrung meines ganzen Lebens. Es war eine ungeheure Erleichterung; ich fühlte mich befreit und wie zu Hause. Plötzlich waren all meine Sorgen wie weggewischt, und innerlich musste ich grinsen. Kein Mensch nahm davon Notiz.

Ungefähr eine Viertelstunde später zogen ein paar Wachen mich hoch und schleppten mich in einen Raum, in dem offenbar schon viele Häftlinge »bearbeitet« worden waren. Als ich den Raum betrat, nahmen die Wachen mir das Zeug vom Kopf ab. Meine Ohren taten furchtbar weh, auch mein Kopf; mein ganzer Körper rebellierte gegen mich. Ich konnte mich kaum aufrecht halten. Die Wachen zogen mich aus, und da stand ich nun, nackt, wie meine Mutter mich zur Welt gebracht hat. Zum ersten Mal stand ich vor US-Soldaten – nicht Soldaten im Fernsehen, das hier war Wirklichkeit. Ich reagierte auf die natürlichste Weise und bedeckte meinen Intimbereich mit den Händen. Still für mich begann ich das Notgebet zu rezitieren: Ya hayyu! Ya kayyum! Keiner hielt mich davon ab; einer der Militärpolizisten starrte mich allerdings mit hasserfüllten Augen an. Später befahl er mir, mich gefälligst nicht im Raum umzusehen.

Ein Mediziner unterzog mich einer kurzen ärztlichen Untersuchung, danach zog man mir afghanische Kleidungsstücke an. Ja, es waren tatsächlich afghanische Kleidungsstücke, und das auf den Philippinen! Natürlich war ich gefesselt, Hände und Füße waren an meiner Taille festgebunden. Außerdem steckte man meine Hände in Fausthandschuhe. Jetzt kann’s losgehen! Nur was? Keine Ahnung!

Das Begleitteam zog mich mit verbundenen Augen in einen benachbarten Vernehmungsraum. Sobald ich mich in dem Raum befand, fingen mehrere Leute an zu schreien und schwere Gegenstände gegen die Wände zu werfen. In dem Gebrüll konnte ich folgende Fragen ausmachen:

»Wo ist Mulla Omar?«
»Wo ist Osama bin Laden?«
»Wo ist Jalalu din Hakani?«

Blitzschnell schoss es mir durch den Kopf: Die Personen, die in diesen Fragen genannt wurden, hatten einst ein Land geführt und waren jetzt ein Haufen Flüchtlinge! Die Vernehmungsbeamten machten einiges falsch. Erstens hatten sie mich soeben über den neuesten Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt: Afghanistan war erobert worden, aber die Führungsschicht hatte man nicht geschnappt. Zweitens: Ich hatte mich ungefähr zur selben Zeit der Polizei gestellt, als der Krieg gegen den Terrorismus begann, und seither saß ich in Jordanien im Gefängnis, vom Rest der Welt buchstäblich abgeschnitten. Wie sollte ich also wissen, dass jetzt die USA in Afghanistan das Sagen hatten, und dass die Oberhäupter geflohen waren? Ganz zu schweigen von deren gegenwärtigem Aufenthaltsort.
Demütig erwiderte ich: »Ich weiß es nicht!«
»Du bist ein Lügner«, schrie mich einer in schlechtem Arabisch an.

[...]

01:05 22.01.2015

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