Damals und Heute

Leseprobe "Was weiß man wirklich darüber, wie sich die Verteilung von Einkommen und Vermögen seit dem 18. Jahrhundert entwickelte, und welche Lehren lassen sich für das 21. Jahrhundert daraus ziehen?"
Damals und Heute
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Einleitung

Die Verteilung der Vermögen ist heutzutage eine der interessantesten und meistdiskutierten Fragen. Aber was weiß man wirklich über ihre langfristige Entwicklung? Führt die Dynamik der privaten Kapitalakkumulation zwangsläufig zu einer immer stärkeren Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen weniger, wie Marx im 19. Jahrhundert angenommen hat? Oder führen die ausgleichenden Kräfte von Wachstum, Wettbewerb und technologischem Fortschritt von selbst zu einer Verringerung der Ungleichheit und einer harmonischen Stabilisierung in den fortgeschrittenen Entwicklungsphasen, wie Simon Kuznets im 20. Jahrhundert glaubte? Was weiß man wirklich darüber, wie sich die Verteilung von Einkommen und Vermögen seit dem 18. Jahrhundert entwickelte, und welche Lehren lassen sich für das 21. Jahrhundert daraus ziehen? Diese Fragen versuche ich in diesem Buch zu beantworten.

Gleich zu Beginn sei gesagt: Die hier vorgelegten Antworten sind unvollständig. Aber sie basieren auf historischen und komparativen Daten, die umfangreicher sind als die in allen früheren Arbeiten verwendeten; sie beziehen sich auf drei Jahrhunderte und mehr als 20 Länder und sind in einen neuen theoretischen Rahmen eingebettet, der die entscheidenden Tendenzen und Mechanismen verständlicher macht. Durch die Fortschritte und die Ausbreitung des Wissens konnte die marxistische apokalyptische Vision zwar vermieden werden, aber dadurch hat sich an den Tiefenstrukturen des Kapitals und den Ungleichheiten nichts geändert – jedenfalls nicht in dem Maße, wie man es sich in den optimistischen Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg vorstellen konnte. Wenn die Kapitalrendite dauerhaft höher ist als die Wachstumsrate von Produktion und Einkommen, was bis zum 19. Jahrhundert der Fall war und im 21. Jahrhundert wieder zur Regel zu werden droht, erzeugt der Kapitalismus automatisch inakzeptable und willkürliche Ungleichheiten, die das Leistungsprinzip, auf dem unsere demokratischen Gesellschaften basieren, radikal infragestellen.

Es gibt jedoch Mittel und Wege, mit denen die Demokratie zum Wohl der Allgemeinheit die Kontrolle über den Kapitalismus und die Privatinteressen wiedererlangen kann, ohne protektionistischen und nationalistischen Tendenzen Vorschub zu leisten. Dieses Buch möchte dazu einige Vorschläge machen, wobei es sich auf die Lehren aus den historischen Erfahrungen stützt, deren Darstellung den Hauptteil des Werkes bildet.

Eine Debatte ohne Quellen?

Lange Zeit speisten sich die intellektuellen und politischen Diskussionen über die Verteilung der Vermögen aus vielen Vorurteilen und sehr wenigen Fakten. Es wäre falsch, die Bedeutung der intuitiven Annahmen zu unterschätzen, die jeder in Bezug auf die Einkommen und Vermögen seiner Zeit entwickelt, ohne über einen theoretischen Rahmen und repräsentative Statistiken zu verfügen. Wir werden z. B. sehen, dass Film und Literatur, insbesondere der Roman des 19. Jahrhunderts, eine Fülle von sehr genauen Informationen über den Lebensstandard und die Vermögensverhältnisse der verschiedenen sozialen Gruppen und vor allem über die Tiefenstruktur der Ungleichheit, ihre Rechtfertigungen und ihre Auswirkungen auf das Leben eines jeden enthalten.

Vor allem die Romane von Jane Austen und Honoré de Balzac schildern auf eindrucksvolle Weise die Verteilung der Vermögen in Großbritannien und in Frankreich in der Zeit von 1790 bis 1830. Die beiden Romanschriftsteller kennen sich in der ihre Gesellschaft prägenden Vermögenshierarchie sehr gut aus. Sie spüren ihren verborgenen Grenzen nach und wissen um die unerbittlichen Folgen für das Leben dieser Männer und Frauen, um ihre Bündnisstrategien, ihre Hoffnungen und ihr Unglück. Sie beschreiben die Auswirkungen mit einer Wahrhaftigkeit und Eindringlichkeit, die keine Statistik und keine wissenschaftliche Analyse zu bieten vermag. Die Verteilungsfrage ist zu wichtig, um sie allein den Ökonomen, Soziologen, Historikern und Philosophen zu überlassen. Sie interessiert jedermann, und das ist gut so.

Die konkrete Realität der Ungleichheit ist für all jene unmittelbar erfahrbar, die von ihr betroffen sind, und ruft naturgemäß dezidierte und gegensätzliche politische Urteile hervor. Ob Bauer oder Adliger, Arbeiter oder Industrieller, Kellner oder Bankier: Jeder erhält von seiner Warte aus Einblicke in die Lebensbedingungen bestimmter Menschen, in die Macht- und Herrschaftsverhältnisse zwischen sozialen Gruppen und bildet sich seine eigene Vorstellung von dem, was gerecht und was ungerecht ist. Die Frage der Verteilung der Vermögen wird immer diese sehr subjektiv-psychologische, durch und durch politische und konfliktträchtige Dimension haben, die keine noch so wissenschaftliche Analyse aufheben kann.

Glücklicherweise wird die Demokratie niemals durch die Expertenrepublik ersetzt werden. Dennoch sollte die Verteilungsfrage auch systematisch untersucht werden. Ohne Quellen, Methoden und genau definierte Begriffe kann man alles oder auch das Gegenteil behaupten. Manche glauben, die Ungleichheit nehme ständig zu und die Welt werde immer ungerechter. Für andere nimmt die Ungleichheit naturgemäß ab oder gleicht sich von selbst aus; ihrer Ansicht nach darf vor allem nichts unternommen werden, das dieses schöne Gleichgewicht stören könnte. Vor dem Hintergrund dieses Dialogs von Tauben, in dem jedes Lager seine eigene intellektuelle Trägheit gern mit der des gegnerischen Lagers rechtfertigt, ist eine systematische Erforschung des Sachverhalts gefragt – auch wenn diese nie rein wissenschaftlich wird sein können. Die wissenschaftliche Analyse wird die heftigen politischen Konflikte, die sich an der Frage der Ungleichheit entzünden, niemals beenden.

Die sozialwissenschaftliche Untersuchung ist und wird immer unzureichend sein; sie hat nicht den Ehrgeiz, Ökonomie, Soziologie und Geschichte in exakte Wissenschaften zu verwandeln. Aber indem sie geduldig Fakten und wiederkehrende Abläufe ermittelt und die ausschlaggebenden ökonomischen, sozialen und politischen Mechanismen unvoreingenommen analysiert, kann sie dafür sorgen, dass die demokratische Diskussion kenntnisreicher geführt wird und sich auf die richtigen Fragen konzentriert. Sie kann dazu beitragen, den Inhalt der Debatte immer wieder neu zu bestimmen, die Gewissheiten ins Wanken zu bringen, die Hochstapeleien aufzudecken und alles immer wieder zu bezweifeln und infrage zu stellen. Das ist meiner Ansicht nach die Rolle, die die Intellektuellen, darunter die Sozialwissenschaftler, spielen sollten. Sie sind Bürger wie alle anderen, haben aber mehr Zeit, um sich dem Studium dieser Fragen zu widmen (und werden dafür auch noch bezahlt – ein beachtliches Privileg). Festzuhalten ist, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Vermögensverteilung lange Zeit auf relativ wenigen gesicherten Fakten und auf vielen rein theoretischen Spekulationen basierten. Bevor ich die Quellen, auf die ich mich gestützt habe und die ich in diesem Buch zusammengetragen habe, genauer darlege, ist es angebracht, kurz die Geschichte der zu diesen Fragen angestellten Überlegungen darzustellen.

Malthus, Young und die Französische Revolution

Als am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Großbritannien und in Frankreich die klassische politische Ökonomie entsteht, liegt der Fokus aller Analysen bereits auf der Verteilungsfrage. Es ist für jedermann sichtbar, dass radikale Veränderungen begonnen haben, insbesondere ein anhaltendes – in dieser Höhe bis dahin unbekanntes – Bevölkerungswachstum, die Anfänge der Landflucht und die Industrielle Revolution. Wie werden sich diese Umwälzungen auf die Verteilung des Reichtums, die Gesellschaftsstruktur und das politische Gleichgewicht der europäischen Gesellschaften auswirken? Für Thomas Malthus, der 1798 seine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz veröffentlicht, steht zweifelsfrei fest: Die Überbevölkerung stellt die Hauptbedrohung dar. Seine Quellen sind dürftig, aber er versucht, sie so gut wie irgend möglich auszuwerten. Er ist insbesondere durch die Reiseberichte Arthur Youngs beeinflusst, eines englischen Agronomen, der 1787/88, also kurz vor der Französischen Revolution, das Königreich Frankreich von Calais über die Bretagne und die Franche-Comté bis zu den Pyrenäen bereiste und von dem Elend auf dem Land berichtete. In dieser fesselnden Schilderung ist keineswegs alles falsch.

Damals ist Frankreich das bei weitem bevölkerungsreichste Land Europas und damit ein idealer Untersuchungsgegenstand. Um 1700 zählte das Königreich Frankreich bereits mehr als 20 Millionen Einwohner, während das Vereinigte Königreich auf kaum mehr als 8 Millionen (und England etwa auf 5 Millionen) kam. In Frankreich war die Bevölkerung im ganzen 18. Jahrhundert, vom Ende der Herrschaft Ludwigs XIV. bis zu der von Ludwig XVI., stetig gewachsen, so dass die französische Bevölkerung in den 1780er Jahren nahezu 30 Millionen beträgt. Alles deutet darauf hin, dass diese demografische Dynamik, die es in den vorausgegangenen Jahrhunderten so nicht gegeben hatte, in diesen Jahrzehnten zu der Stagnation der Löhne in der Landwirtschaft und zu dem Anstieg der Bodenrente geführt hat, die zur explosiven Lage im Jahr 1789 beigetragen haben. Ohne darin die alleinige Ursache für die Französische Revolution zu sehen, kann man davon ausgehen, dass diese Entwicklung die Unbeliebtheit des Adels und des bestehenden politischen Systems nur vergrößern konnte.

Der von Young 1792 veröffentlichte Bericht enthält allerdings auch nationalistische Vorurteile und grobe Vergleiche. Unser großer Agronom ist höchst unzufrieden mit den Herbergen, in denen er abstieg, sowie mit der Kleidung und dem Benehmen der Bediensteten, die ihm Essen brachten, das er angewidert beschreibt. Aus seinen häufig belanglosen und anekdotenhaften Beobachtungen und Beschreibungen möchte er Konsequenzen für die Weltgeschichte ableiten. Ihn beunruhigen vor allem die politischen Exzesse, zu denen das Elend der Massen führen könnte. Young ist überzeugt, dass allein das politische System Großbritanniens mit getrennten Kammern für den Adel und den dritten Stand und einem Vetorecht für den Adel eine harmonische und friedliche Entwicklung gewährleisten kann, die von verantwortungsbewussten Menschen getragen wird. Für ihn ist Frankreich dem Untergang geweiht, als es 1789/90 zulässt, dass beide Stände im selben Parlament tagen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sein gesamter Bericht von seiner Furcht vor der Revolution bestimmt wird.

Wenn man über die Verteilung des Reichtums spricht, ist die Politik nie sehr fern, und man kann sich oft nur schwer den Vorurteilen und Klasseninteressen seiner Zeit entziehen. Als Pfarrer Malthus 1798 seine berühmte Abhandlung veröffentlicht, sind seine Schlussfolgerungen noch radikaler als die Youngs. Wie sein Landsmann ist auch er in höchstem Maße beunruhigt über die politischen Nachrichten aus Frankreich, und um sicherzugehen, dass derartige Exzesse eines Tages nicht auf das Vereinigte Königreich übergreifen, möchte er alle Unterstützungsmaßnahmen für die Armen abgeschafft und die Geburtenrate dieser Menschen streng kontrolliert sehen, andernfalls werde die ganze Welt in Überbevölkerung, Chaos und Elend untergehen. Die – überzogene – Schwarzmalerei der Prognosen von Malthus ist nur zu begreifen, wenn man sich klarmacht, welche Angst in einem Gutteil der europäischen Eliten in den 1790er Jahren herrscht.

Ricardo: Das Knappheitsprinzip

Rückblickend ist es leicht, sich über diese Schwarzseher lustig zu machen. Man muss jedoch zur Kenntnis nehmen, dass die ökonomischen und sozialen Veränderungen am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts objektiv beeindruckend, ja traumatisierend waren. Die meisten Beobachter der damaligen Zeit – nicht nur Young und Malthus – hatten düstere, wenn nicht gar apokalyptische Vorstellungen von der langfristigen Entwicklung der Vermögensverteilung und der Gesellschaftsstruktur. Das gilt insbesondere für David Ricardo und Karl Marx, die zweifellos die zwei einflussreichsten Ökonomen des 19. Jahrhunderts waren und davon ausgingen, dass sich eine kleine soziale Gruppe – die Grundbesitzer bei Ricardo, die Industriekapitalisten bei Marx – zwangsläufig einen ständig wachsenden Teil der Produktion und des Einkommens aneignen würden.

Ricardo, der 1817 sein Werk Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung veröffentlicht, richtet das Hauptaugenmerk auf die langfristige Entwicklung des Bodenpreises und der Höhe der Bodenrente. Ebenso wie Malthus verfügt er praktisch über keine statistische Quelle, die dieses Namens würdig wäre. Trotzdem kennt er den Kapitalismus seiner Zeit sehr gut. Er stammt aus einer Familie von jüdischen Finanzleuten portugiesischer Herkunft und scheint weniger politische Vorurteile zu haben als Malthus, Young oder Smith. Er ist zwar vom Malthusschen Modell beeinflusst, denkt aber weit darüber hinaus. Ihn interessiert vor allem das folgende logische Paradox: Wenn die Bevölkerung und die Produktion dauerhaft wachsen, wird der Boden im Verhältnis zu den anderen Gütern knapper. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage müsste folglich zu einer anhaltenden Erhöhung des Bodenpreises und des an die Grundbesitzer gezahlten Pachtzinses führen. Letztere werden somit einen immer größeren Teil des Nationaleinkommens und der Rest der Bevölkerung einen immer kleineren Teil erhalten, was das soziale Gleichgewicht zerstören würde.

Für Ricardo besteht die einzige logisch und politisch befriedigende Lösung in einer immer höheren Besteuerung der Bodenrente. Wir werden sehen, dass sich diese düstere Vorhersage nicht bewahrheitet hat: Die Bodenrente ist zwar lange Zeit hoch geblieben, aber letztlich ist der Wert der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Verhältnis zu den anderen Vermögensformen in dem Maße gesunken, in dem der Anteil der Landwirtschaft am Nationaleinkommen zu- rückging. Ricardo, der in den 1810er Jahren schrieb, konnte nicht ahnen, welches Ausmaß der technische Fortschritt und das Industriewachstum im Laufe des Jahrhunderts annehmen würden. Wie Malthus und Young war auch er nicht in der Lage sich vorzustellen, dass die Menschen sich einst von dem Mangel an Nahrungsmitteln und den Unwägbarkeiten der Landwirtschaft würden befreien können. Dennoch ist seine Annahme in Bezug auf den Bodenpreis nicht uninteressant: Das «Knappheitsprinzip», von dem er ausgeht, kann dazu führen, dass manche Preise während vieler Jahrzehnte exorbitant hoch sind, was sich auf ganze Gesellschaften destabilisierend auswirken kann.

Das Preissystem spielt eine unersetzliche Rolle bei der Koordinierung der Handlungen von Millionen – ja Milliarden von Menschen im Rahmen der neuen Weltwirtschaft. Das Problem ist, dass es weder Grenzen noch Moral kennt. Es wäre falsch, die Bedeutung dieses Prinzips für die Analyse der weltweiten Verteilung der Vermögen im 21. Jahrhundert zu verkennen – man braucht nur im Modell Ricardos den Preis der Agrarflächen durch die Immobilienpreise in den Metropolen oder durch den Ölpreis zu ersetzen. Wenn man die in den Jahren 1970 bis 2010 beobachtete Tendenz für die Zeit von 2010 bis 2050 oder von 2010 bis 2100 fortschreibt, ergeben sich beträchtliche ökonomische, soziale und politische Ungleichgewichte sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb der Länder, die durchaus an Ricardos apokalyptische Vision denken lassen.

Es gibt im Prinzip einen sehr einfachen ökonomischen Mechanismus, der für ein Gleichgewicht sorgt: das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wenn ein Gut knapp und sein Preis zu hoch ist, muss die Nachfrage nach diesem Gut sinken, wodurch sich die Lage wieder entspannt. Anders gesagt: Wenn die Immobilienpreise und der Ölpreis steigen, genügt es, sich auf dem Land niederzulassen oder das Fahrrad zu nehmen (oder beides gleichzeitig). Aber abgesehen davon, dass dies ein wenig unangenehm und kompliziert sein dürfte, kann eine solche Anpassung einige Jahrzehnte dauern, in denen die Eigentümer von Immobilien und Öl so beträchtliche Forderungen gegenüber der restlichen Bevölkerung anhäufen können, dass ihnen schließlich dauerhaft alles gehört, einschließlich der Dörfer und Fahrräder.

Wie immer, muss das Schlimmste nicht eintreten. Es ist verfrüht, dem Leser anzukündigen, dass er seine Miete im Jahr 2050 an den Emir von Katar zahlen muss: Diese Frage wird zu ihrer Zeit zu untersuchen sein, und die Antwort, die wir darauf geben werden, wird differenzierter, wenn auch nur mäßig beruhigend sein. Aber es muss einem schon jetzt klar sein, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage eine solche Möglichkeit nicht ausschließt, nämlich ein erhebliches und dauerhaftes Auseinanderklaffen der Verteilung der Vermögen, bedingt durch extreme Ausschläge bestimmter relativer Preise. Das ist die wichtigste Botschaft des von Ricardo eingeführten Knappheitsprinzips. Wir müssen nicht würfeln.

Marx: Das Prinzip der unbegrenzten Akkumulation

Als Marx 1867 den ersten Band von Das Kapital veröffentlicht, also genau ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung der Grundsätze von Ricardo, haben sich die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse grundlegend gewandelt: Es geht nicht mehr um die Frage, ob die Landwirtschaft eine wachsende Bevölkerung wird ernähren können oder ob der Bodenpreis astronomische Höhen erreicht, sondern darum, die Dynamik eines sich voll entfaltenden Industriekapitalismus zu verstehen.

Das auffälligste Merkmal der Zeit ist die elende Lage des Industrieproletariats. Trotz oder vielleicht wegen des Wirtschaftswachstums und der massenhaften Landflucht, die durch das Bevölkerungswachstum und die Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft verursacht wird, leben die Arbeiter zusammengepfercht in Elendsvierteln. Die Arbeitstage sind lang, die Löhne sehr niedrig. In den Städten entwickelt sich eine neue Not, die sichtbarer, schockierender und mitunter noch extremer ist als die Armut auf dem Land im Ancien Régime. Germinal, Oliver Twist oder Die Elenden sind nicht der Fantasie der Romanschriftsteller entsprungen, ebenso wenig wie die Gesetze, die die Kinderarbeit in den Fabriken unter acht Jahren (so in Frankreich 1841) sowie in den Bergwerken unter zehn Jahren (so im Vereinigten Königreich 1842) verbieten.

Der Tableau de l état physique et moral des ouvriers employés dans les manufactures, der 1840 in Frankreich von dem Arzt Villermé veröffentlicht wird und den Anstoß zu der zaghaften Gesetzgebung von 1841 gibt, beschreibt die gleiche erbarmungswürdige Realität wie das Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England, das Engels 1845 herausbringt. Alle uns verfügbaren historischen Daten deuten darauf hin, dass die Kaufkraft der Löhne erst in der zweiten Hälfte – oder sogar erst im letzten Drittel – des 19. Jahrhunderts nennenswert steigt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1800–1860) stagnieren die Arbeiterlöhne auf einem sehr niedrigen Niveau – sie liegen ungefähr bei denen des 18. Jahrhunderts und der vorausgegangenen Jahrhunderte und in manchen Fällen noch darunter. Diese lange Phase stagnierender Löhne, die sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich zu beobachten ist, ist umso bemerkenswerter, als es in dieser Zeit ein rasches Wirtschaftswachstum gibt. Der Anteil des Kapitals – Gewinne aus Industrieunternehmen, Bodenrente, Mieten in den Städten – am Nationaleinkommen steigt in den beiden Ländern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an, so weit sich das der unvollständigen Quellenlage entnehmen lässt. Er wird in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts leicht zurückgehen, da die Löhne teilweise nachziehen.

Die von uns gesammelten Daten weisen jedoch darauf hin, dass vor dem Ersten Weltkrieg keine strukturelle Verringerung der Ungleichheiten stattfindet. In der Zeit von 1870 bis 1914 kommt es bestenfalls zu einer Stabilisierung auf einem sehr hohen Niveau; in mancherlei Hinsicht existiert sogar eine nach oben offene Spirale der Ungleichheit, wobei insbesondere die Vermögen eine immer stärkere Konzentration aufweisen. Es ist schwer zu sagen, wohin dieser Weg geführt hätte, wäre es nicht zu den ökonomischen und politischen Verwerfungen im Gefolge der Kriegsjahre 1914–1918 gekommen. In der historischen Analyse und mit dem zeitlichen Abstand, den wir heute haben, erscheinen sie als die einzigen Kräfte, die seit der Industriellen Revolution zur Verringerung der Ungleichheiten geführt haben.

Das Anwachsen des Kapitals und der Gewinne aus Industrieunternehmen im Vergleich zu den Arbeitseinkommen ist in den 1840er Jahren so offenkundig, dass es jedermann bewusst ist, auch wenn damals niemand über repräsentative nationale Statistiken verfügte. In diesem Kontext entwickeln sich die ersten kommunistischen und sozialistischen Bewegungen. Die zentrale Frage lautet schlicht: Wozu ist die Entwicklung der Industrie gut, wozu sind all diese technischen Neuerungen gut, all diese Arbeit, diese Wanderungsbewegungen, wenn nach einem halben Jahrhundert industriellen Wachstums die Lage der Massen noch genauso schlecht ist und man sich gezwungen sieht, für Kinder unter acht Jahren die Arbeit in den Fabriken zu verbieten? Das Versagen des bestehenden politischen und ökonomischen Systems scheint auf der Hand zu liegen, ebenso die Frage: Was kann man über die langfristigen Entwicklungsperspektiven eines solchen Systems sagen?

Dieser Aufgabe widmet sich Marx. 1848, am Vorabend des «Völkerfrühlings», hatte er das Kommunistische Manifest veröffentlicht, einen kurzen und wirksamen Text, der mit den berühmten Worten «Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus» beginnt und mit der nicht weniger berühmten Vorhersage einer Revolution endet: «Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.» In den folgenden zwei Jahrzehnten wird Marx die umfassende Abhandlung verfassen, die diesen Schluss rechtfertigen und die wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus und seines Zusammenbruchs begründen sollte. Dieses Werk wird unvollendet bleiben: Der erste Band von Das Kapital wird 1867 veröffentlicht, und Marx stirbt 1883, ohne die beiden folgenden Bände fertiggestellt zu haben. Sie werden nach seinem Tod von seinem Freund Engels veröffentlicht werden, der sich auf die von Marx hinterlassenen mitunter unklaren Manuskriptfragmente stützt.

Wie Ricardo möchte auch Marx die Analyse der inneren logischen Widersprüche des kapitalistischen Systems zur Grundlage seiner Arbeit machen. Er will sich so zugleich von den bürgerlichen Ökonomen (die im Markt ein sich selbst regulierendes System sehen, das von sich aus ohne große Verwerfungen immer wieder einen Gleichgewichtszustand herstellen kann, ähnlich der «unsichtbaren Hand» von Adam Smith und dem Sayschen Theorem, wonach «das Angebot sich seine Nachfrage schafft») und von den utopischen Sozialisten à la Proudhon abgrenzen, die sich seiner Ansicht nach damit begnügen, das Elend der Arbeiter anzuprangern, ohne die ökonomischen Prozesse wissenschaftlich zu untersuchen. Marx geht von Ricardos Modell des Kapitalpreises und dem Knappheitsprinzip aus und versucht die besondere Dynamik des Kapitals besser zu verstehen. Dabei legt er eine Welt zugrunde, in der nicht das Bodenkapital, sondern das Industriekapital (Maschinen, Ausrüstungen usw.) vorherrschend ist, das potenziell unbegrenzt akkumuliert werden kann.

Seine wichtigste Schlussfolgerung könnte man in der Tat das «Prinzip der unbegrenzten Akkumulation» nennen, das heißt, die zwangsläufige Tendenz des Kapitals, sich ohne natürliche Grenze zu akkumulieren und zu konzentrieren – daher Marxens apokalyptische Vision: Es kommt entweder zu einem tendenziellen Fall der Profitrate (was den Motor der Akkumulation abwürgt und dazu führen kann, dass die Kapitalisten sich gegenseitig zerfleischen) oder zu einer unbegrenzten Zunahme des Anteils des Kapitals am Nationaleinkommen (was über kurz oder lang dazu führt, dass sich die Arbeiter vereinigen und aufbegehren). In all diesen Fällen ist kein stabiles sozio-ökonomisches oder politisches Gleichgewicht möglich.

[...]

14:36 06.11.2014

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