Verbindendes Gewässer

Leseprobe "Es handelte sich also in der Tat um eine mediterrane Gesellschaft, die allerdings auch über die Grenzen des Mittelmeeres hinausreichte, denn Ägypten diente als Brücke zwischen den Handelsräumen."
Verbindendes Gewässer
Foto: Boris Horvat/AFP/Getty Images

Überschreitung der Grenzen zwischen Christentum und Islam 900 bis 1050

I

Die Ausdehnung der muslimischen Herrschaft auf Marokko, Spanien und schließlich auch Sizilien bedeutete, dass die südliche Hälfte des Mittelmeeres zu einem muslimisch beherrschten Meer wurde, das dem Handel großartige neue Möglichkeiten bot. Jüdische Kaufleute nehmen in den historischen Quellen eine herausragende Stellung ein. Ob das darauf zurückgeht, dass zufällig solche Quellen überlebt haben, oder ob Juden tatsächlich erfolgreicher waren als koptische und syrische Christen oder muslimische Bewohner Nordafrikas, Spaniens und Ägyptens, ist unklar.

Es gibt Gründe für die Annahme, dass nichtmuslimische Kaufleute einen deutlichen Vorteil hatten. Muslime hatten rechtliche Beschränkungen zu beachten, die es ihnen verboten, in den Ländern der Ungläubigen zu leben oder auch nur Handel zu treiben. Über die Jahrhunderte führte das dazu, dass die Herrscher muslimischer Städte im Mittelmeerraum christlichen und jüdischen Kaufleuten die Tore öffneten, während die muslimischen Bewohner Bedenken hatten, sich nach Italien, Katalonien oder in die Provence zu wagen. Über jüdische Händler wissen wir deshalb so viel, weil Hunderte von Briefen und Geschäftsdokumenten aus ihrem Tätigkeitsbereich in der Sammlung der sogenannten Kairoer Geniza erhalten geblieben sind.

Mitte des 7. Jahrhunderts errichteten die arabischen Invasoren Ägyptens ihren Stützpunkt in Fustat (das bedeutet »Graben«) am Rande des modernen Kairo und verlegten wenig später ihre Hauptstadt in die Umgebung der großen Zitadelle von Neu-Kairo. Alt-Kairo oder Fustat wurde zum Hauptwohnort der jüdischen und koptischen Bevölkerung der Stadt. Im 11. Jahrhundert baute eine Gruppe von Juden die Ben-Esra-Synagoge wieder auf, zu der im oberen Stockwerk auch ein Lagerraum (Geniza) gehörte, der nur über eine Leiter erreichbar war und in den sie ihre nicht mehr benötigten Papiere und Manuskripte stopften. Sie wollten vermeiden, irgendetwas zu vernichten, das den Namen Gottes trug, wobei sie diesen Gedanken schließlich auf alles ausdehnten, was in hebräischen Buchstaben geschrieben war.

Man hat sehr zutreffend gesagt, die Geniza-Sammlung sei »das genaue Gegenteil eines Archivs«, da es darum ging, Dokumente wegzuwerfen, ohne sie zu zerstören, ja sie über dem Boden zu begraben, statt einen zugänglichen Raum zu schaffen, auf dessen Inhalte man systematisch zurückgreifen konnte.

Diese Manuskripte erregten die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern, als zwei Schottinnen eine Schrift nach Cambridge brachten, die den hebräischen Text des Weisheitsbuchs Jesus Sirach (oder Ecclesiasticus) zu enthalten schien, das bis dahin nur in der aus der griechischen Fassung übersetzten Version der Septuaginta erhalten geblieben war und von den Juden (wie später auch von den Protestanten) den nichtkanonischen Apokryphen zugeordnet wurde. Ob es sich nun um ein verlorenes hebräisches Original oder um die hebräische Übersetzung eines griechischen Originals handelte, in jedem Fall war es eine wichtige Entdeckung.

In Cambridge war der Talmudgelehrte Solomon Schechter so begeistert davon, dass er nach Kairo reiste, über den Kauf des Inhalts dieser Synagogen-Geniza verhandelte und gut drei Viertel aller Manuskripte nach Cambridge holte, bei denen es sich vielfach nur um winzige Fetzen zerrissener, zertretener und zerknüllter Texte handelte, die sich in einem so chaotischen Zustand befanden, dass es ein ganzes Jahrhundert dauerte, sie zu sortieren (andere Stücke waren bereits einzeln auf den Markt gelangt und befanden sich an vielen Orten verstreut, von St. Petersburg bis nach New York).

Die Geniza enthielt zahlreiche (oft leider undatierte) Briefe von Kaufleuten sowie Korrespondenzen vieler großer Gestalten des mittelalterlichen Judentums, insbesondere des spanischen Philosophen Moses Maimonides und des spanischen Dichters Juda Halevi.

Bis zur Auswertung der Handelskorrespondenz in der Geniza-Sammlung musste man Informationen über das Wirtschaftsleben in der islamischen Welt des Mittelalters aus Hinweisen in Chroniken, aus Gerichtsakten und aus archäologischen Funden erschließen. Ebenso wichtig wie die Entdeckung und Bewahrung dieses Materials war daher der Entschluss Shlomo Dov Goiteins (der zunächst in Israel und dann in Princeton lebte), das Material in der Absicht zu erforschen, das soziale und ökonomische Leben einer, wie er es nannte »mediterranen Gesellschaft« zu rekonstruieren.

Dieser Satz wirft die Frage auf, wie typisch die »Geniza-Juden« für die Handelsgesellschaften des Mittelmeerraums jener Zeit waren, aus der die meisten Dokumente stammen, nämlich etwa der Zeit von 950 bis 1150. Es ist nicht einmal sicher, dass die Mitglieder der Ben-Esra-Synagoge typisch für die ägyptischen Juden waren. Ihre Synagoge folgte der alten »palästinensischen« Liturgie, dem Vorläufer jener Liturgie, die später von Juden in Italien und Deutschland übernommen wurde. Eine andere Synagoge diente den Bedürfnissen der »babylonischen« Juden, zu denen nicht nur irakische Juden gehörten, sondern alle, die dieser rivalisierenden Liturgie folgten, nicht zuletzt die sephardischen Juden der Iberischen Halbinsel.

In Ägypten gab es außerdem viele karäische Juden, die die Autorität des Talmud ablehnten, und auch einige Samariter. Immerhin gelang es den Ben-Esra-Juden, viele wohlhabende tunesische Juden, die in Fustat wohnten, zu bewegen, sich ihrer Synagoge anzuschließen. Das mag erklären, weshalb die Geniza-Dokumente mehr Informationen über Verbindungen nach Tunesien und Sizilien enthalten als über Kontakt mit Spanien oder dem Irak.

II

Die Geniza-Dokumente geben nicht nur Auskunft über das Leben derer, die in Fustat wohnten. Diese Juden korrespondierten mit Angehörigen, Freunden und Handelsagenten in fast dem gesamten Mittelmeerraum, von al-Andalus über Sizilien bis hin nach Byzanz, auch wenn die Kontakte mit Städten des christlichen Westens begrenzt waren. Es gibt zahlreiche Hinweise auf muslimische Kaufleute, denen man oft Waren anvertraute, die über Land transportiert werden sollten (entlang der nordafrikanischen Küste herrschte ein reger Handelsverkehr).

Das hatte seinen Grund in der Tatsache, dass viele Juden Skrupel hatten, am Sabbat über Land zu reisen, was nur schwer zu vermeiden war, wenn man eine Karawane begleitete. Seereisen waren am Sabbat weniger problematisch, solange man nicht gerade an diesem Tag in See stach. Vielleicht war es diese einfache Tatsache, nämlich ihre Vorliebe für Seereisen, die aus den Geniza-Juden so unternehmungslustige Kaufleute machte, die bereit waren, das Mittelmeer zu überqueren.

Sie schufen eine eng verflochtene Gemeinschaft mit eigenen Eliten und eigenen Bräuchen, die enge Verbindungen quer über das Mittelmeer knüpfte – so wurden Heiratsallianzen zwischen Familien in Fustat und in Palermo geschlossen, und manche Kaufleute besaßen in mehreren Häfen Häuser, aber auch Ehefrauen. Einen Hinweis auf die Reichweite dieser Kontakte gibt ein Brief, der im 11. Jahrhundert in Fustat abgeschickt wurde. Ein gewisser Ibn Yiju schrieb an seinen Bruder Joseph auf Sizilien, bot ihm die Hand seiner Tochter für dessen Sohn an und teilte ihm mit, dass sein eigener Sohn gestorben war, als er selbst im fernen Jemen weilte.

Es handelte sich also in der Tat um eine mediterrane Gesellschaft, die allerdings auch über die Grenzen des Mittelmeeres hinausreichte, denn Ägypten diente als Brücke zwischen den Handelsräumen des Mittelmeeres und des Indischen Ozeans, mit dem das Land über den kurzen Landweg nach Aidab am Roten Meer verbunden war. Kaufleute schufen hier ein erweitertes Handelsnetz, das den westlichen Mittelmeerraum mit dem Jemen und Indien verband. Auf diesem Wege gelangten Gewürze über Ägypten in den Mittelmeerraum.

Die Geniza-Juden waren bestens in der Lage, den neuen Reichtum zu nutzen, der sich in den muslimischen Gebieten des Mittelmeerraums entwickelte. Ägypten war das ökonomische Kraftwerk der Region. Alexandria wurde wieder zu einem dynamischen Zentrum des Seehandels und des Seeverkehrs. Kairo erlebte einen Boom als zentrales Glied in der Kette, die Alexandria über den Nil und die Wüste mit dem Roten Meer verband. Zugleich wurde Kairo zur Hauptstadt, als die Fatimidendynastie 969 ihr Machtzentrum von Tunesien dorthin verlegte. In Kairo herrschten sie als Kalifen, die mit den Abbasidenkalifen in Bagdad und den Umayyadenkalifen in Córdoba konkurrierten.

Die Fatimiden waren Schiiten, aber ihnen war bewusst, dass sie über ein Volk herrschten, zu dem auch zahlreiche sunnitische Muslime und viele christliche Kopten und Juden gehörten, denen sie rücksichtsvoll begegneten. Sie schwangen das Banner der Schiiten hauptsächlich, um sich gegen ihre sunnitischen Rivalen im Westen und Osten zu behaupten. Die Fatimiden errangen die Vormachtstellung im Nahen Osten, indem sie die Handelsströme des Roten Meeres durch Ägypten führten und dadurch große Gewinne erzielten, die sich an ihren überaus schönen Goldmünzen ablesen lassen. Das erreichten sie auf Kosten der Abbasiden, die bis dahin sehr luxuriös von den über den Persischen Golf, den Tigris und den Euphrat führenden Handelsrouten gelebt hatten und deren Goldmünzen angesichts ihrer schrumpfenden Gewinne immer mehr an Qualität verloren.

Ebendiese durch das Rote Meer laufenden Handelswege vermochten die Geniza-Kaufleute zu nutzen, wenn sie Luxusgüter aus dem Osten an ihre Kunden im Mittelmeergebiet verkauften.

Diese jüdischen Kaufleute spezialisierten sich auf bestimmte Güter. Am Getreidehandel hatten sie keinen besonderen Anteil. Es muss jedoch einen sehr regen Getreidehandel gegeben haben, denn zu den markantesten Folgen der Schaffung der islamischen Welt gehörte der erneute Aufschwung der Städte in der Levante und in Nordafrika – tatsächlich wurden einige ganz neu gegründet, Garnisonsstädte wie Fustat und Qairawan, Hafenstädte wie Mahdia (al-Mahdiyyah) und Tunis, durch die das Gold der Sahara strömte.

Zahlreiche Stadtbewohner waren auf eine externe Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und auch mit Rohstoffen wie Textilfasern und Metallen angewiesen, die sie für ihre Gewerbe benötigten. In den Städten florierten Gruppen spezialisierter Handwerker, die Güter für den Export produzierten und aus großer Entfernung herangeschaffte Lebensmittel kauften. So kam es, dass die Tunesier von sizilianischem Getreide abhängig waren, aber sie selbst exportierten (direkt oder über die Geniza-Kaufleute) Leinen- und Baumwolltextilien, wobei die Baumwolle ihrerseits vielfach aus Sizilien stammte.

Diese Symbiose zwischen Ländern, die durch das Mittelmeer voneinander getrennt waren, fand sich überall in diesem Raum. Das islamische Spanien bezog Getreide aus Marokko und verkaufte fertige Güter – Textilien, Keramik, Metallerzeugnisse – an die Marokkaner. Wenn die Verhältnisse es zuließen, wandten die Ägypter sich wie schon in früheren Zeiten an das byzantinische Zypern und Kleinasien, um dringend benötigtes Holz zu erhalten.

Die Geniza-Kaufleute nutzten alle Chancen, die ihnen die ökonomische Expansion bot. Da sie mit den geschäftlichen Instrumenten, die ihnen das jüdische Gesetz vorschrieb, nicht zufrieden waren, folgten sie in der Regel muslimischen Geschäftspraktiken, die das Risiko einer Handelsfahrt dem zu Hause gebliebenen stillen Partner aufbürdete und nicht dem reisenden Agenten, wie die Rabbiner es verlangten.

Das bedeutete, dass jüngere Kaufleute ihre Karriere als Agenten oder Faktoristen im Dienste führender Kaufleute machen konnten, ohne den vollständigen Ruin zu riskieren, falls ihr Geschäft fehlschlug. Für den Transfer von Zahlungen entwickelte man ausgefeilte Methoden. Man kannte Gutschriften, Wechsel und Schecks, die unverzichtbar waren, wenn ein Kaufmann auf Reisen Schulden begleichen, Waren kaufen und Ausgaben decken musste.

Die Geniza-Kaufleute handelten mit großen Mengen Flachs und Seide, und Seidenballen dienten oft als Investition, die man irgendwo lagerte, bis man Bargeld benötigte. Der Flachs kam aus Ägypten und wurde nach Sizilien und Tunesien exportiert, während Seide gelegentlich aus Spanien und Sizilien kam. In Sizilien produzierte man Imitate persischer Seide – die Praxis des Imitierens war in der islamischen Welt weit verbreitet und galt nicht als Fälschung, sondern als Zeichen des Respekts. Die Geniza-Kaufleute waren Meister in der Unterscheidung verschiedener Qualitätsstufen bei Seide. Sie wussten, dass die beste spanische Seide beim Eintritt in den ägyptischen Bestimmungshafen 33 Dinar pro Pfund erzielte, während der Preis sizilianischer Seide minderer Qualität unter zwei Dinar pro Pfund sinken konnte.

Flachs wurde in sehr viel größeren Mengen gehandelt, teils gesponnen, teils ungesponnen, und es gab ein Leinenmischgewebe, das nach Fustat benannt war. Italienische Kaufleute benutzen die Bezeichnung bis heute für Leinen- und Baumwollgewebe jeglicher Herkunft, selbst aus Deutschland, und so fand das Wort Eingang in moderne europäische Sprachen: italienisch: fustagno, englisch: fustian; französisch: futaine (deutsch: Barchent).

Die Welt der Geniza-Kaufleute reichte bis an den westlichen Rand der damals bekannten Welt. Zwar war al-Andalus, das muslimische Spanien, kein besonderer Schwerpunkt der geschäftlichen Aktivitäten der Geniza-Kaufleute, aber es gibt dennoch zahlreiche Hinweise auf Kollegen, die aus Spanien kamen. Einige von ihnen, die mit dem Beinamen al-Andalusi oder ha-Sefardi (der Spanier) belegt wurden, bereisten den gesamten Mittelmeerraum, so etwa die Familie des Jacob al-Andalusi, die Mitte des 11. Jahrhunderts auf Sizilien, in Tunesien und in Ägypten lebte. Der Großkaufmann Halfon ben Nethanel war von 1128 bis 1130 in Spanien, dann zwischen 1132 und 1134 in Indien und kehrte 1138 bzw. 1139 nach al-Andalus zurück.

Sizilien war einer der Knotenpunkte des Geniza-Netzwerks. Als die Muslime die Insel im 9. Jahrhundert eroberten, war die erste Stadt, die den Invasoren in die Hand fiel, das im Westen gelegene Mazara. Sie wurde der wichtigste Zielhafen für Schiffe aus Ägypten. Auf kleineren Schiffen transportierte man Waren aus Mahdia und anderen tunesischen Häfen nach Mazara, wo sie auf größere Schiffe umgeladen und ostwärts verfrachtet wurden. Einige der Schiffe, die zwischen al-Andalus, Sizilien und Ägypten verkehrten, waren sehr groß. So trafen im Jahr 1050 in Palermo zehn große Schiffe aus Alexandria ein, die etwa 500 Passagiere an Bord hatten In Mazara gab es einen berühmten Markt für ägyptischen Flachs, und in Ägypten warteten Händler ängstlich auf Nachrichten über die dortigen Flachspreise, um beurteilen zu können, wie viel Flachs sie nach Westen schicken sollten.

In der Gegenrichtung transportierte man Seide, die eine wichtige Rolle in der Aussteuer ägyptischer Bräute spielte, neben diversen anderen hochwertigen Textilien: Kissen, Bettdecken, Teppichen und einem Kleidungsstück, das mandill oder »Mantille« genannt wurde und das Haar der Braut bedecken sollte. Auf Sizilien gab es große Weideflächen, und so kann es kaum erstaunen, dass hochwertiges Leder, zuweilen auch vergoldet, und Schafskäse zu den hochgeschätzten Exportgütern der Insel gehörten. Den Käse transportierte man sogar bis nach Ägypten.

Das alles heißt nicht, dass auf ganz Sizilien Friede herrschte. Im Ostteil der Insel kam es zu byzantinischen Angriffen (der Kaiser war entschlossen, dieses Kronjuwel für Konstantinopel zurückzugewinnen), und es gab Kämpfe zwischen rivalisierenden Emiren.

Ein ergreifender, im frühen 11. Jahrhundert nach Ägypten geschickter Brief beschreibt die schlimmen Erfahrungen eines gewissen Joseph ben Samuel zu Zeiten neuerlicher byzantinischer Angriffe auf Sizilien. Er war in Tunesien geboren, lebte aber in Ägypten und besaß ein Haus in Palermo. Ein Schiffbruch verschlug ihn nackt und mittellos an die nordafrikanische Küste. Zum Glück fand er in Tripolis einen Juden, der ihm etwas Geld schuldete, so dass er sich neue Kleider kaufen und auf den Weg nach Palermo machen konnte, wo er jedoch feststellen musste, dass ein Nachbar sein Haus abgerissen hatte. Er klagte, dass er nicht die Mittel habe, um vor Gericht zu gehen. Zugleich war er allerdings in der Lage, zehn Pfund Seide und eine Handvoll Goldmünzen nach Ägypten zu schicken. Er war bereit, sich der Bedrohung durch byzantinische Flotten auszusetzen, und hatte die Absicht, nach Ägypten zu kommen, um seine Frau und seinen Sohn nach Palermo zu holen, aber er fragte sich, ob sie dazu bereit war oder ob er sich von ihr scheiden lassen müsse.

Es war üblich, dass reisende Kaufleute einen bedingten Scheidungsbrief aufsetzten für den Fall, dass sie ohne Zeugen starben und ihre Frauen deshalb nach jüdischem Recht nicht wieder heiraten durften. Solch eine Scheidung konnte seine Frau, wenn sie dies wünschte, nun in die Wege leiten, doch Joseph wandte ein, dass er seine Frau doch liebe und den Scheidungsbrief nur aus Furcht vor Gott und dem Schicksal geschrieben habe, das in der Ferne auf ihn warten mochte. Traurig fährt er fort:

»Und dann, o Gott, o Gott, mein Herr, der kleine Junge! Kümmere dich um ihn gemäß den religiösen Geboten, die ich so gut kenne. Wenn er stärker wird, lass ihn Zeit mit einem Lehrer verbringen.«

Die Geniza-Dokumente sind reich an Informationen über die Schifffahrt. Die meisten Schiffseigner waren Muslime. Es war gut, früh an Bord zu sein und ein Auge auf seine Ladung zu haben, bevor das Schiff in See stach. Es war üblich, einen Tag vor der Abfahrt an Bord zu gehen und die Nacht im Gebet und mit dem Schreiben von Briefen und letzten Anweisungen zu verbringen. Natürlich gab es keine festen Fahrpläne. Es kam vor, dass Schiffe im Hafen bleiben mussten, weil Stürme drohten, Nachrichten über Piraten eintrafen oder staatliche Maßnahmen getroffen wurden, die ein Auslaufen verhinderten, etwa wenn ein Schiff, das im Hafen von Palermo am Ende der Segelsaison nach Spanien auslaufen sollte, von den Behörden beschlagnahmt wurde und sämtliche Passagiere dort strandeten und den ganzen Winter über bleiben mussten. Einer beklagte sich, dass er »mit abgeschlagenen Händen und Füßen« in Palermo festsaß – wobei der Ausdruck nicht wörtlich zu nehmen war.

Auch die Dauer einer Überfahrt ließ sich nicht vorhersagen. Im Jahr 1062 brauchte ein Schiff für die Fahrt von Alexandria nach Mazara 17 Tage, aber in einem anderen Brief heißt es, dass ein Kaufmann namens Parahya Yiju eine gute Woche unterwegs war, als er versuchte, von Palermo nach Messina zu segeln (das er nicht mochte und schmutzig fand). Ein kleines Schiff brauchte mehr als zwei Monate für die Fahrt von Alexandria nach Almería, ein anderes 50 Tage, um nach Palermo zu gelangen, aber 13 Tage waren ebenfalls möglich. Die Passagiere brachten ihr eigenes Bettzeug, Geschirr und Besteck mit, und manche schliefen auf ihrer Ladung, was vielleicht nicht so unbequem war, wenn sie aus Flachs bestand. Es gab keine Kabinen, so dass man die Zeit an Deck verbrachte. Die Briefe geben uns nur wenig Information über die Ver- pflegung, die wahrscheinlich sehr einfach war.

Nach Goiteins Eindruck waren Schiffbrüche außergewöhnliche Ereignisse – sie erregen nur die Aufmerksamkeit der Historiker, weil die Berichte darüber unvermeidlich sehr farbig sind. Schiffe erreichten in aller Regel ihr Ziel, und die Geniza-Leute hatten keine Angst vor dem Meer.

Seereisen waren wahrscheinlich nicht gefährlicher als Reisen über Land. Die Kapitäne versuchten, in Sichtweite der Küste zu bleiben, wenn sie an der nordafrikanischen Küste entlangsegelten, und es gab Wachtürme, von denen aus man den Schiffsverkehr im Auge behielt, und zwar offenbar auch zum Nutzen der Schiffe und nicht allein zur Überwachung von Zollpflichten. Man schickte Botschaften zurück nach Alexandria, um Schiffsbewegungen zu bestätigen, und Geschäftsleute erhielten die Nachricht, dass ihre Sendung auf dem Weg war.

Es gibt zahlreiche Hinweise auf die Bewegung von – nach der Art der Quelle natürlich jüdischen – Büchern und Gelehrten, die verdeutlichen, dass man auf den Handelswegen nicht nur Flachs, sondern auch Ideen transportierte. Um 1007 schickte man eine Anfrage wegen eines religiösen Problems von Marokko nach Bagdad, die man einer Richtung Osten wandernden Karawane muslimischer Kaufleute mitgab.

Was den Juden möglich war, das fiel auch Muslimen nicht schwer, und Abschriften von Werken der griechischen Medizin und Philosophie gelangten über die gesamte Länge des Mittelmeeres bis nach Südspanien. Zwar verstand niemand die medizinische Schrift des Dioskorides, als sie im 10. Jahrhundert in Cordóba eintraf, auch wenn der Arzt des Kalifen, der Jude Hasdai ibn Schaprut, angeblich gemeinsam mit einem griechischen Mönch eine arabische Fassung erstellte.

Es bestand ein gewisses Maß an ökonomischer, kultureller und religiöser Einheit entlang der Linie, die Spanien mit Ägypten und Syrien verband. Trotz der religiösen Spaltung in Schiiten und Sunniten und trotz der politischen Aufspaltung in die Herrschaftsbereiche der Umayyaden, Fatimiden und Abbasiden gab es innerhalb der muslimischen Welt Wechselwirkungen in Handel und Kultur.

Verstärkt wurden diese noch durch den ständigen Strom muslimischer Pilger, die über das Mittelmeer nach Mekka reisten, wie auch durch die Aktivitäten von Kaufleuten diverser Religionszugehörigkeiten. Ausgenommen waren davon weitgehend die Einwohner des christlichen Westeuropa. Im 10. und 11. Jahrhundert wagten sich lateinische Kaufleute aus Italien und der Provence noch immer nur vorsichtig in diese Gewässer. Nur wenige christliche Städte schickten Schiffe in muslimische Meeresgebiete, wobei das Geheimnis des Erfolges, wie sie wussten, in der Kollaboration mit dem muslimischen Feind lag. Eine dieser Städte war Venedig, mit dessen Frühgeschichte wir uns bereits befasst haben. Eine weitere war die nicht weniger bemerkenswerte Hafenstadt Amalfi mit ihrer höchst ungewöhnlichen Lage an der felsigen Küste der sorrentinischen Halbinsel.

09:22 31.10.2013

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