Gleiche Voraussetzungen

Leseprobe "Homosexuelle Eltern sind einfach wie alle anderen Eltern auch: genauso warm, wunderbar, kompetent, rätselhaft, selbstaufopfernd, sorgenvoll, kränkend, überbehütend und gewalttätig."
Gleiche Voraussetzungen
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Vorwort

von Jesper Juul

Die erste homosexuelle Familie kam 1982 in meine Klinik für Familientherapie, und seitdem habe ich mit solchen Familien, ob mit oder ohne Kindern, immer wieder therapeutisch gearbeitet. Etwa zur gleichen Zeit hatte ich ab und zu in Los Angeles und San Francisco zu tun und nahm unter anderem an einer großen Konferenz teil, bei der es um die Erziehungskompetenz afroamerikanischer Eltern ging. Gerade eben war die erste umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema veröffentlicht worden mit dem Ergebnis, dass es zwischen schwarzen und weißen Eltern hinsichtlich ihrer Erziehungsbemühungen keinerlei Unterschied gibt. Wenig überraschend und für die Moralapostel und Salonrassisten in den Reihen der Wissenschaft ein herber Rückschlag.

Später dann griff das wissenschaftliche Spezialistentum um sich, es wurde nur noch nach isolierten »Fakten« gesucht, und die Forscher steckten die Eltern für ihre Untersuchungen in alle nur erdenklichen Schubladen: Homosexuelle, Adoptivfamilien, alleinstehende Adoptivmütter, alleinstehende Väter, Einwandererfamilien, Eltern mit Kindern von Leihmüttern usw. Oft geschah dies mit dem Hintergedanken, für irgendetwas »Schuldige« zu finden, bzw. unter dem Vorwand, wenn man genau hinsehe, meine man es mit den betroffenen Kindern doch nur gut. Nur ganz selten ging es darum, wie es den Eltern geht, wie diese selbst sich entwickeln und an ihren Aufgaben wachsen, obwohl doch jeder, der sich mit der Entwicklung von Kindern beschäftigt, wissen sollte, dass die Lebensqualität der Eltern bestimmt, wie Kinder aufwachsen. Solche Studien waren wirklich nützlich, weil sie den Selbstwert und das soziale Selbstbewusstsein der Eltern stärkten, und ich bin mir sicher, dass auch das vorliegende Buch dazu beitragen wird. Bei anderen Untersuchungen aber handelte es sich eher um Stilübungen junger Forscher, die vereinfachenden Fragebögen und bloßen statistischen Auswertungen vertrauten und keinen oder nur minimalen menschlichen Kontakt mit den betroffenen Eltern und Kindern aufbauten. Offenbar entziehen sich die menschliche Liebe und die unzähligen Arten, wie sie sich ausdrückt, in hohem Maße der traditionellen Wissenschaft, weswegen diese sich auf eine Vielzahl bedeutender und weniger bedeutender Persönlichkeitseigenschaften stürzt, die die qualitativen und phänomenologischen Forschungsansätze erfordern. Aber selbst derartigen Forschungsbemühungen ist es unmöglich, die Liebe auf irgendeine angemessene Formel zu bringen.

Nach meiner klinischen Erfahrung findet sich kein bedeutender Unterschied, was die Qualität des Zusammenlebens von hetero- oder homosexuellen Paaren betrifft. Natürlich gibt es Unterschiede im Lebensstil, Haltungen, die sich in sozialen Netzwerken ausdrücken, und dergleichen mehr, aber die Faktoren, auf die es wirklich ankommt – die persönliche Geschichte beider Partner, erlittene Traumata, der Wille zur Veränderung, innere und äußere Eigenschaften –, gelten für alle Erwachsenen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Es sind genau diese Faktoren, mit denen wir uns, bezogen auf uns selbst und andere, konfrontiert sehen, wenn wir einen anderen Menschen lieben oder seine Liebe empfangen. Und es hängt von unseren Fähigkeiten und unserem Willen ab, wie wir auf die entsprechenden Herausforderungen und Provokationen eingehen, die solche Liebe mit sich bringt. Dasselbe gilt für Kinder, die mit homosexuellen Eltern aufwachsen, weshalb unsere wissenschaftlichen Studien sich auf einen längeren Zeitraum erstrecken sollten – ungefähr, bis diese Kinder dreißig Jahre alt sind. Erst dann bekommen wir angemessene und sichere Aussagen, inwieweit sich die sexuelle Orientierung der Eltern eventuell gut oder schlecht auf ihre Kinder ausgewirkt hat. Bis dahin bekommen wir nur die Beschreibungen von Pädagogen, Lehrern und Psychologen, was deren äußeres Verhalten betrifft, was ja keinem echten Forschungsinteresse entspricht, es sei denn, man interessiert sich dafür, wie zuverlässig solche Aussagen sind.

Eine wesentliche Ursache für die Schwierigkeiten, mit denen unsere wissenschaftlichen Bemühungen konfrontiert sind, liegt darin, dass wir alle auf gewisse Weise mit zwei verschiedenen Erinnerungsarten operieren: einer emotionalen und einer existenziellen. Wenn wir in einer Familie aufwachsen, in der wir uns geliebt fühlen, aber gleichzeitig auch vernachlässigt oder verletzt, werden sich viele von uns als Jugendliche oder Erwachsene an eine »glückliche« Kindheit zurückerinnern und dabei den existenziellen Schmerz verdrängen, der immer auf Verletzungen und dem Gefühl des Versagens folgt, und der erst in Verbindung mit Lebenskrisen und traumatischen Ereignissen im Erwachsenenalter zum Vorschein kommt. Ich kenne Kinder und junge Menschen, denen es in ihrer Regenbogenfamilie schlecht ging und die doch kaum dazu in der Lage waren, auf den Verlust eines Elternteils, wenn der Vater oder die Mutter außen vor blieb, adäquat zu reagieren. Ich habe auch Homosexuelle getroffen, die hinsichtlich solcher Probleme infrage stellten, ob ich als heterosexueller Therapeut überhaupt mit ihnen arbeiten könne – Vorurteile und der Hang zur Projektion kommen in allen Bevölkerungsgruppen vor.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Homosexuelle mit oder ohne Kinder in manchen Ländern mehr ausgegrenzt werden als in anderen, aber das war schließlich auch schon der Fall bei alleinstehenden Müttern (und später alleinstehenden Vätern), Einwandererfamilien usw. Wie ein Kind damit aufwächst, hängt ganz davon ab, wie seine Eltern solchem sozialen Druck begegnen. Ob sie ständig den Kopf einziehen, um dem Schmerz sozialer Ausgrenzung zu entgehen, oder ob sie bereit sind, ihn zuzulassen. Beides drückt der Art und Weise, wie sich ein Kind gegenüber anderen Menschen und der Gesellschaft verhält, dann seinen jeweiligen Stempel auf: Was soll ich machen, wenn mich mein Mitschüler mobbt, weil ich zwei Väter oder zwei Mütter habe? Soll ich mich in mein Schneckenhaus zurückziehen wie meine Eltern? Soll ich mich mit ihm schlagen, weil ich mich der Passivität meiner Eltern wegen schäme? Oder soll ich die entspannte Offenheit und Ehrlichkeit meiner Eltern auch für mich übernehmen? Aber wie mache ich das, wenn ich mich doch so schwach oder einsam im Vergleich zu ihnen fühle? Alle Kinder stellen sich solche Fragen, egal, ob sie heterosexuelle oder homosexuelle Eltern haben. Es lässt sich ja auch gar nicht vermeiden, dass wir unsere Kinder manchmal schmerzlichen Situationen aussetzen, und unser Erfolg als Eltern hängt ausschließlich damit zusammen, wie gut es uns gelingt, damit umzugehen. Für Kinder aus Regenbogenfamilien ist es deshalb von großer Bedeutung, wie ihre Eltern mit moralischen Vorurteilen oder Berührungsängsten ihrer Umwelt umgehen, und immer spielen dabei die Qualität und die Art und Weise der persönlichen und sozialen Beziehungen die Hauptrolle.

Wenn wir uns die Situation eines Kindes genau ansehen, kommt es im Alltag auf Faktoren an, die ich abschließend mit folgendem Beispiel ansprechen möchte: Mathias ist neun Jahre alt und lebt mit zwei lesbischen Frauen zusammen. Sein Lehrer entdeckt, dass die anderen Kinder begonnen haben, ihn wegen der Sexualität seiner Eltern zu mobben. Der Lehrer hat nun mehrere Wahlmöglichkeiten: Er kann das einfach ignorieren; er kann das Mobbing moralisch verwerflich finden und es entsprechend scharf verurteilen; er kann die Eltern benachrichtigen und sonst nichts tun; er kann eine Schulstunde dafür verwenden, um mit der ganzen Klasse darüber zu sprechen, usw. Was er macht oder nicht macht, wird für Mathias sowohl in sozialer wie auch in existenzieller Hinsicht von lebenslanger Bedeutung sein, und es macht keinen Unterschied, ob es sich um eine Situation wie die eben beschriebene handelt, oder ob Mathias einen Vater hat, der im Gefängnis sitzt, eine Mutter, die in der Psychiatrie untergebracht ist, taube Eltern oder einen berühmten Fußballspieler als Vater.

Homosexuelle Eltern sind einfach wie alle anderen Eltern auch: genauso warm, wunderbar, kompetent, rätselhaft, selbstaufopfernd, sorgenvoll, kränkend, überbehütend und gewalttätig. Eltern aber, die dazu bereit sind, die Hilfe ihrer Kinder anzunehmen, um sich selbst besser kennenzu- lernen, werden Kinder haben, die später als Erwachsene ihr Leben am besten bestehen.

Aus dem Dänischen übersetzt von Claus Koch

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Einleitung

Was haben Regenbogenfamilien und Spaghetti miteinander zu tun? Mehr, als man denkt. Im katholischen Italien, das wie kaum eine andere europäische Nation das Bild der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie kultiviert, führten die Nudeln im vergangenen Herbst zum gesellschaftlichen Eklat. Guido Barilla, Chef des gleichnamigen Pasta-Imperiums, hatte in einem Radiointerview gesagt, er würde niemals mit homosexuellen Familien Werbung für seine Nudeln machen. Dann schob er nach: »Für uns ist das Konzept der heiligen Familie ein fundamentaler Wert.« Die Gleichstellung beim Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare lehne er ab.

Signore Barilla wähnte sich damit im Einklang mit vielen seiner Landsleute, dennoch hatte er die Rechnung ohne seine kritischen Konsumenten gemacht. Ein Shitstorm brach über Barilla herein, der im Verkaufsboykott endete. Seitdem fragt sich das Papst-Land verwundert: Wer oder was ist Familie?

Das italienische Beispiel zeigt zwei Dinge über den Umgang mit Regenbogenfamilien in Europa: Immer noch ist die klassische Hetero-Konstellation eine Konstante, an der sich Politik, Gesellschaft und Glaubensgemeinschaften orientieren, was sie auch künftig tun werden. Dennoch gehören gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Kindern zum Alltag und finden zunehmend Eingang in eine neue Definition des Familienbegriffs. Dabei überlassen Schwule und Lesben seine Deutungshoheit nicht länger der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft. Sie fordern ihre Rechte sehr selbstbewusst ein. Wie groß ihr Einfluss ist, zeigt beispielhaft der Pasta-Punktsieg gegen Barilla.

Das führt zu Konflikten. Zwar akzeptiert und toleriert die Mehrheitsgesellschaft weitgehend die rechtliche Gleichstellung von schwul-lesbischer Lebenspartnerschaft und Ehe, wie Umfragen zeigen – aber sobald Kinder ins Spiel kommen, wird offenbar eine rote Linie überschritten und der Kulturkampf beginnt. Im Januar unterschrieben mehr als 100.000 Menschen eine Petition gegen einen neuen Bildungsplan im grün-rot regierten Baden-Württemberg, der mehr »Akzeptanz für sexuelle Vielfalt« im Unterricht schaffen soll. Regenbogenfamilien sind Teil dieser Vielfalt, aber dass Schwule und Lesben gemeinsam und/oder mithilfe der Reproduktionsmedizin Kinder zeugen und großziehen, erscheint vielen Menschen nach wie vor als gewagtes Experiment mit ungewissem Ausgang.

Die Verteidigungsrede des Barilla-Chefs, er habe nichts gegen die Homo-Ehe, aber sehr wohl etwas gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, ist nicht nur typisch für das katholische Italien, sondern eben auch für Deutschland und andere europäische Länder. Auch der multinationale Möbelkonzern Ikea, gegründet in Schweden, einem Vorreiterland für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, zensierte im vergangenen Jahr das eigene Kundenmagazin für den russischen Markt – die Doppelseite mit zwei lesbischen Müttern und Kind verschwand.

Die Regenbogenfamilie spaltet, weil sie als Frontalangriff auf das Adam-und-Eva-Prinzip verstanden wird. Die Entkopplung von Sexualität und Elternschaft sowie die Aufhebung des Dualismus Mutter – Vater in der Erziehung erschüttert die Grundfesten uralter Überzeugungen, wie Kinder aufwachsen sollten. Offenbar stößt auch die an und für sich tolerante deutsche Gesellschaft hier an ihre Grenzen.

Das erklärt, warum die Debatte um gleichgeschlechtliche Eltern und ihre Rechte so präsent ist. Anders als etwa über die Kinderarmut, unter der in Deutschland sehr viel mehr Mädchen und Jungen leiden, wird über das gemeinsame Adoptionsrecht für Homosexuelle auf allen medialen Kanälen gestritten – obwohl es (rein quantitativ) nur sehr wenige Kinder betrifft. Dabei ist die Auseinandersetzung in weiten Teilen eine Stellvertreter-Debatte: Anders als von Befürwortern und Gegnern gleichgeschlechtlicher Elternschaft angeführt, geht es zumindest in der öffentlich-politischen Debatte nicht immer um das Wohl der Kinder, sondern vor allem um die vollständige rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen beziehungsweise um deren Verhinderung. Das eigentlich Private wird also mal wieder politisch.

Obwohl es bis zur Verwirklichung der kompletten Gleichstellung zwischen Ehe und Lebensgemeinschaft und dem damit verbundenen gemeinsamen Adoptionsrecht für Homosexuelle nur noch ein winziger juristischer Schritt zu sein scheint, ist die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung über Regenbogenfamilien noch lange nicht zu Ende. Sie beginnt erst, zumal die neue Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD das umstrittene Thema zunächst einmal zu den Akten gelegt hat, weil die Koalitionäre sich nicht einigen konnten. Zwar bekennen sich Union und SPD laut Koalitionsvertrag ausdrücklich zur »Regenbogenfamilie« und wollen Diskriminierungen von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften weiter abbauen. Doch das gemeinsame Adoptionsrecht für Schwule und Lesben ist vorerst von der politischen Agenda gestrichen.

Doch unabhängig vom politischen Zauder-und-Zöger-Kurs wird sich die überwiegend heterosexuell orientierte Gesellschaft langfristig daran gewöhnen müssen, dass Schwule und Lesben das gleiche Recht haben, eine Familie zu gründen, wie andere Paare. Darauf verweisen nicht nur die jüngsten Urteile des Bundesverfassungsgerichts, sondern auch die veränderten Lebenskonzepte von Lesben und Schwulen, die das Familienbild der Gesellschaft insgesamt verändern werden.

War Homosexualität in der Vergangenheit gleichbedeutend mit einem Leben ohne Nachwuchs, verwirklichen heute immer mehr ihren Kinderwunsch. In Deutschland wächst mit der rechtlichen Annäherung von Lebenspartnerschaft und Ehe sowie dem Abbau von Hürden im Adoptionsrecht für Schwule und Lesben eine ganz neue Generation von Regenbogenkindern heran, die direkt in gleichgeschlechtliche Partnerschaften hineingeboren werden beziehungsweise hineinwachsen – durch Samenspende, Adoption oder Leihmutterschaft. Das sind Kinder, die das klassische Vater-Mutter-Modell niemals kennenlernen werden. Dabei ist es für die Debatte nicht relevant, dass Kinder in schwulen und lesbischen Partnerschaften kein Massenphänomen sind und auch keines werden. Ihre Brisanz ergibt sich nicht aus der Quantität der Regenbogenfamilien, sondern aus ihrer vorgelebten Botschaft, dass Kinder nicht unbedingt Vater und Mutter brauchen, um glücklich aufzuwachsen.

Konservativen Schätzungen zufolge leben zurzeit in Deutschland nur einige Tausend Regenbogenkinder. Der Mikrozensus, eine regelmäßige bundesweite repräsentative Befragung, wies zuletzt für das Jahr 2008 rund 7.200 Mädchen und Jungen in rund 5.000 gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften aus. Der 2013 veröffentlichte Report »Familien in Baden-Württemberg« nennt rund 9.000 Kinder bundesweit, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Die Zahlen sind jedoch aufgrund der hohen Dunkelziffer zu niedrig, deshalb gehen Familienforscher von mindestens 18.000 Kindern aus. Lesben- und Schwulenverbände schätzen, dass es sogar noch mehr Regenbogenkinder in Deutschland gibt, vor allem in den Großstädten. Bei allen genannten Zahlen handelt es sich jedoch um Schätzungen beziehungsweise Hochrechnungen. Valide Befunde liegen bislang nicht vor.

Klar ist nur, dass gemessen an der großen Zahl heterosexueller Ehen und Lebensgemeinschaften mit Kindern die Regenbogenfamilie auch in Zukunft eher so selten bleiben wird wie die gleichnamige Naturerscheinung am Himmel. Im Jahr 2012 gab es in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund acht Millionen Familien mit 14,4 Millionen Kindern. Dagegen gab es 2012 nach Hochrechnungen nur rund 73.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften in Deutschland, und lediglich neun Prozent aller gleichgeschlechtlichen Paare leben mit Kindern zusammen.

Regenbogenfamilien sind also – rein rechnerisch – ein Randphänomen. Doch aufgrund seiner politischen Brisanz ist es auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft und spaltet diese. Während die einen Regenbogeneltern und ihre Kinder als Teil einer neuen familiären Vielfalt begrüßen, sehen andere dadurch klassische Strukturen und das Wohl der Kinder bedroht. Das neue Selbstbewusstsein der Homo-Eltern trifft eben auch auf eine verunsicherte Hetero-Generation, in der sich traditionelle Familienstrukturen immer weiter auflösen. In Großstädten wird jede zweite Ehe geschieden. Immer mehr Kinder wachsen in Patchwork-Familien oder bei nur einem Elternteil auf. Das schwächt das Ur-Argument der Regenbogen-Kritiker, ein Kind brauche Vater und Mutter, um gesund und glücklich aufzuwachsen.

Das gleichgeschlechtliche Modell wird umso mehr als Angriff auf das herkömmliche Familien- und Erziehungskonzept betrachtet, als Wissenschaftler Regenbogenkindern zunehmend bescheinigen, sogar Vorteile gegenüber Kindern in klassischen Hetero-Familien zu haben. Es heißt, sie seien sozial kompetenter und toleranter. Von schwulen Vätern wird berichtet, dass sie sich deutlich mehr als heterosexuelle Väter um ihre Kinder kümmerten, auch im Trennungsfall. Bei gleichgeschlechtlichen Eltern, so ein weiteres Argument, könnten Kinder vorurteilsfreier aufwachsen und somit lasse sich endlich das verwirklichen, was die aufgeklärte Gesellschaft sich schon so lange wünsche: eine demokratischere Erziehung ohne Geschlechterstereotypen.

Damit stellt sich die Frage: Zeigen uns homosexuelle Eltern den Weg zu einer moderneren und demokratischeren Familienstruktur? Sind Schwule und Lesben am Ende sogar die besseren Eltern?

01:37 20.03.2014

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