Kompromisse

Leseprobe "Dieses Abkommen bedeutete nicht nur eine Revolution im Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, es war überhaupt der sozialpolitische Gründungskompromiss der ersten deutschen Demokratie."
Kompromisse
Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Vorwort des Herausgebers

Am 12. Juni 2015 feierte Gesamtmetall das 125-jährige Verbandsjubiläum mit einem Festakt in Berlin. Bundespräsident Joachim Gauck erinnerte in seiner Festrede an das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918:

„Dieses Abkommen bedeutete nicht nur eine Revolution im Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, es war überhaupt der sozialpolitische Gründungskompromiss der ersten deutschen Demokratie. (...) Welche große, auch kulturelle Leistung es gewesen ist, ein Einverständnis zu erzeugen, das der ganzen Gesellschaft nützt, das sollte man sich immer wieder vor Augen führen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bei der Neuerrichtung der Demokratie im Westen hat man sich wieder an dieses Kooperationsabkommen erinnert. Man konnte es wiederentdecken, musste es nicht neu erfinden.“

An der Entstehung und Unterzeichnung des Abkommens war Gesamtmetall, genauer gesagt der Gesamtverband Deutscher Metall-Industrieller mit seinen Repräsentanten Anton von Rieppel und Ernst von Borsig direkt beteiligt.

Auch deshalb erscheint nun zum 100-jährigen Jubiläum des Abkommens eine von Gesamtmetall herausgegebene historiographische Darstellung dieser für die Entwicklung der Arbeitsbeziehungen in Deutschland sehr bedeutsamen Vereinbarung.

Zugleich ist es wertvoll und lehrreich, sich an den Beginn der Tarifautonomie in Deutschland zu erinnern, denn bis zum heutigen Tag ist die autonome Gestaltung der Arbeitsbedingungen durch Arbeitgeber und Gewerkschaften keine Selbstverständlichkeit. Beide Seiten mussten sie sich gemeinsam erkämpfen. Und der Erhalt der Tarifautonomie erfordert Kompromisse, die beiden Seiten vieles abverlangen. Heute sind die Tarifautonomie und deren Ausgestaltung, das liberale deutsche Tarifvertragsvertragsrecht, eine Säule der Sozialen Marktwirtschaft.

Tatsächlich aber geraten die Bedeutung, das Verständnis, aber auch die Wirkung der Tarifautonomie zunehmend in Bedrängnis. Einerseits sind Tarifverträge inzwischen bisweilen genauso komplex wie die Betriebswirklichkeiten, die sie zu regeln und zu berücksichtigen haben. Und das Tarifniveau ist hoch und muss von den Unternehmen im internationalen Wettbewerb auch erwirtschaftet werden können.

Auf der anderen Seite verändert sich die Haltung der Politik gegenüber den im harten Ringen gefundenen Kompromissen. Immer häufiger wird aus sozialpolitischem Sendungsbewusstsein oder diffusem Gerechtigkeitsgefühl heraus in bestehende tarifvertragliche Regelungen eingegriffen. Doch der Prozess der Kompromissfindung kann nur dann dauerhaft Bestand haben, wenn beide Seiten sich sicher sein können, dass die vereinbarte Lösung gilt. Jeder Eingriff in die Tarifautonomie durch den Staat, die Regierung oder das Parlament entwertet sie und führt zu einer gefährlichen Erosion. Niemand kann das ernsthaft wollen.

Wir verbinden die Veröffentlichung dieser Geschichte des Stinnes-Legien-Abkommens mit der Hoffnung auf eine Rückbesinnung auf die Ziele und den Wert der Tarifautonomie in Deutschland. Gemeinsam mit den Gewerkschaften wollen wir nach Wegen suchen, die Tarifautonomie zu bewahren, zu stärken und ihr zu neuer Bedeutung zu verhelfen – ganz im Sinne von Hugo Stinnes und Carl Legien.

Gedankt sei den Mitarbeitern aller Archive, die das Zustandekommen dieses Werkes unterstützt haben insbesondere Frau Dr. Angela Keller-Kühne vom Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Frau Dr. Eva Moser vom Bayerischen Wirtschaftsarchiv, Frau Mandy Dittrich und Frau Regine Grüner vom Bundesarchiv Berlin, Frau Christa Kaman vom Bundesarchiv Koblenz, Frau Brigitte Kikillus vom Bergbauarchiv, Frau Gerlinde Simon vom MAN-Archiv, Dr. Frank Wittendorfer vom Siemens Historischen Archiv sowie Prof. Dr. Manfred Rasch und Herrn Zielt vom ThyssenKrupp Konzernarchiv. Herr Christoph Roolf M.A. hat das Manuskript lektoriert und Dr. Andreas Beck den Band seitens des Verlages hilfreich und umsichtig betreut.

Wir danken Herrn Prof. Dr. habil. Dieter Krüger für seine intensive, anspruchsvolle und vor allem lesenswerte Arbeit.

Dr. Rainer Dulger
Präsident Gesamtmetall

Oliver Zander
Hauptgeschäftsführer Gesamtmetall

14:00 22.11.2018

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