Was will man machen?

Leseprobe "Als Teenager in den späten siebziger Jahren in Basildon kann man sich nur betrinken, prügeln oder eine Band gründen. Und genau hier beginnt die unglaubliche Geschichte von Depeche Mode."
Was will man machen?

A Book For The Masses

Seit mehr als 33 Jahren begeistern Depeche Mode Millionen von Menschen und haben doch nie Musik für die Massen gemacht. Der kaugummisüße Synthie-Pop von Speak & Spell, das metallisch scheppernde Some Great Reward-Album, das unglaubliche Music For The Masses, der weltweite Riesenhit Violator, das digital-minimalistische Exciter oder aktuell Delta Machine – Depeche Mode sind nie irgendwelchen Charttrends hinterhergelaufen, haben sich nicht durch Kritiker von ihrem Weg abbringen lassen. Und gerade deshalb hatten und haben sie umso mehr Erfolg bei ihrer riesigen Fangemeinde. Man kann es also kaum anders sagen: Depeche Mode sind ein Phänomen.

Mute-Labelmanagerin Anne Haffmanns wusste von Dennis Burmeisters Sammlung. Seit 25 Jahren sucht er aus aller Welt Promomaterial, Tonträger, Merchandisingprodukte, Zeitungsartikel, Tourposter und sogar goldene Schallplatten zusammen. Zu seiner Sammlung zählen auch Raritäten wie das erste Promotape von 1980, mit dem sich Depeche Mode damals noch erfolglos bei Plattenfirmen beworben hatten. Anne Haffmans empfahl Dennis, doch irgendwann ein Buch darüber herauszubringen. Aber wo sollte man bei den unzähligen Sammlerstücken anfangen?

Der Zufall wollte es, dass wir uns 2008 ausgerechnet im Büro von Mute Records in Berlin zum ersten Mal begegneten. Dennis als Grafik-Designer und Sammler, ich, Sascha, als Buchautor und Historiker für Jugendkultur. Aber vor allem waren wir zwei langjährige Depeche-Mode-Fans. Aufgewachsen in den Achtzigern, Dennis im mecklenburgischen Malchin, ich in Leipzig. Schnell kamen wir ins Gespräch, und plötzlich schien die Buchidee nicht mehr unmöglich.

Fünf Jahre später liegt Depeche Mode: Monument vor. Ziel war es, eine umfassende Werkschau der Band zu erstellen. Dieses Buch bietet erstmals die Möglichkeit, die drei Jahrzehnte Musikgeschichte und eine bis ins Detail ausgefeilte Einheit von Musik und Gestaltung nachzuvollziehen.

Die Geschichte von Depeche Mode ist auch immer die von ihrer sehr aktiven Fancommunity, die den Style und das Artwork der Band aufnehmen und weitertragen. Deshalb ist hier erstmalig umfassend die Geschichte der Fankultur in West und Ost, von Fanclubs, Fanzines, Fanpartys in einem sehr persönlichen Kapitel dokumentiert.

Maßgebend für Depeche Mode: Monument war der Veröffentlichungskatalog von Mute Records in Großbritannien, dem Mutterland von Band und Label, der sich als komplette Diskografie über das gesamte Buch erstreckt. Darüber hinaus haben wir (west-)deutsche Releases, Promosingles und ungewöhnliche Veröffentlichungen aus aller Welt abgebildet. Und wir sind sehr stolz, viele unveröffentlichte Fotos u. a. aus den Archiven von Tim Williams, Alan Wilder, Herbert R. Kollisch, Daryl Bamonte zeigen zu dürfen.

Wir bedanken uns an dieser Stelle nochmals herzlich für die Unterstützung von Mute Records, ehemaligen Intercord-Mitarbeitern, zahlreichen Fotografen, Fans, Sammlern und Freunden.

Wir wünschen eine schöne Zeitreise, viel Spaß beim Schwelgen in Erinnerungen, beim Wieder- und beim Neuentdecken.

Herzlich, Dennis Burmeister und Sascha Lange

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Basildon

Die Geburt einer Band

Basildon ist langweilig. Etwa 50 Kilometer östlich vom Londoner Stadtzentrum gelegen, ist in Basildon von der Coolness der pulsierenden Weltmetropole nichts zu spüren. Eine langweilige Neubausiedlung voller unzähliger kleiner Reihenhäuser, errichtet im Nachkriegsengland auf der grünen Wiese für 80 000 Einwohner. Als Teenager in den späten siebziger Jahren kann man sich hier nur betrinken, prügeln oder eine Band gründen. Und genau hier beginnt die unglaubliche Geschichte von Depeche Mode.

Dave Gahan, Andy Fletcher, Martin Gore und Vince Clarke, die Gründungsmitglieder der Band, wachsen in bescheidenen, aber nicht prekären Verhältnissen in Basildon auf. Vincent »Vince« John Martin, geboren am 3. Juli 1960 in South Woodford, wird seinen Nachnamen erst in der Anfangszeit von Depeche Mode in Clarke ändern, angeblich, damit das Arbeitsamt nichts von seiner Band erführe. Vince, die treibende Kraft bei der Entstehung der Band, ist seit Kindertagen bei der Pfadfindergruppe Boys’ Brigade der St. Paul’s Methodistenkirche von Basildon und lernt dort Andrew »Andy« Fletcher, geboren am 8. Juli 1961 in Nottingham, kennen. Während der Schulzeit nimmt Vince Geigenunterricht, wechselt aber später zur Gitarre. Zu dieser Zeit dominiert noch der Siebzigersound von Simon & Garfunkel, T. Rex, Pink Floyd und David Bowie die Radios und Plattenregale.

Mit der Zeit gehen Vince und Andy nicht mehr zur Boys’ Brigade, sondern besuchen die Treffen der Jugendgruppe ihrer Kirchengemeinde. Dorthin kommt auch gelegentlich der schüchtern wirkende Martin Lee Gore, geboren am 23. Juni 1961 in London, ein Schulfreund von Andy. Martin ist gut an der Gitarre, ein großer Fan der Sparks und Talking Heads und gründet 1977 schließlich seine erste Band, ein Duo namens Norman & The Worms. Vince formiert im selben Jahr in seinem Kirchenumfeld ebenfalls ein Duo namens Nathan, beeinflusst von der Musik Simon & Garfunkels. Zum Freundeskreis der künftigen Depeche-Mode-Mitglieder gehört auch Alison Moyet, die später mit Vince Clarke das Duo Yazoo gründen wird. Alison geht, wie Martin und Fletch, auf die Nicholas School und belegt sogar einige Kurse mit ihnen zusammen.

Zu dieser Zeit träumen viele Jugendliche in Großbritannien von einer eigenen Band und einem Auftritt bei Top Of The Pops, der vor dem MTV-Zeitalter populärsten Musikshow im britischen Fernsehen. Wer dort auftreten darf, hat es geschafft – so die weitläufige Meinung. 1977 bricht in Großbritannien der Punk aus, eine Seuche, eine Revolution. Wie ein Virus infiziert er die Gehirne zahlloser Teenager. Auf einmal ist es ganz einfach, eine Band zu gründen. Kein jahrelanger Musikunterricht, kein Notenlesen mehr. Mit nur zwei (Hand-)Griffen kann man einen Song auf der Gitarre spielen. Do-It-Yourself ist das Einzige, was man über Punk wissen muss. Aber Punk beschränkt sich nicht nur auf schnelle, aggressive Musik.

Als Joy Division aus Manchester 1979 ihr Debütalbum Unknown Pleasures und ein Jahr später Closer veröffentlichen, gründen sie damit, ohne es zu wissen, ein ganz neues Genre. Andere Bands folgen. Langsame melancholische Gitarrenriffs in Verbindung mit Synthesizern scheinen einer ganzen Generation von Jugendlichen direkt aus dem Herzen zu sprechen – New Wave ist geboren. Auch der Synthie-Minimalismus des 1978er Albums Die Mensch-Maschine der westdeutschen Elektroband Kraftwerk erlangt in der Punk- und New-Wave-Generation Kultstatus.

Durch die technische Weiterentwicklung elektronischer Musikinstrumente sind nun neben der klassischen Rockbandbesetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug ganz neue Kombinationen möglich. Waren Drumcomputer und Synthesizer noch wenige Jahre zuvor für Teenager der Arbeiterklasse unbezahlbar, können sich inzwischen immer mehr junge Musiker diese »Instrumente« leisten. Futuristisch anmutende Maschinen, die auch zur Ausrüstung von Han Solos Millennium Falcon gehören könnten, läuten ein neues Zeitalter ein – 1982 spricht das Magazin Der Spiegel im Zusammenhang mit den zahlreichen neuen elektronischen Bands aus Großbritannien auch von »Popmusik für die Star-Wars-Generation«. Die oftmals noch monophonen Synthesizer geben jeweils nur einen Ton von sich, so dass man zum Spielen nicht mehr als einen Finger braucht. Somit muss man sich nicht einmal mehr mit Akkorden auskennen, um Sounds und Melodien zu kreieren. Eines der radikalsten Beispiele für neue elektronische Musik aus der Zukunft ist zu dieser Zeit die westdeutsche Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft, kurz DAF, mit ihrer LP Die Kleinen und Die Bösen.

Basildon ist langweilig. Und gerade deshalb verbreiten sich die Do-It-Yourself-Genres Punk und New Wave dort rasant. Die 79er Cure-Platte Three Imaginary Boys beeindruckt Vince Clarke sehr, und er hat Lust, auch etwas in dieser Richtung zu machen. Sein Nathan-Gitarren-Duo ist bereits wieder Geschichte. Das nächste kurzlebige Gitarren-Bandprojekt ist No Romance In China, das er mit zwei Kumpels betreibt. Vince und Andy treffen sich in dieser Zeit nicht mehr in der Kirchengemeinde, sondern gehen mit Martin Gore und Vince’ Kumpel Robert Marlow ins Kulturzentrum von Basildon, um dort über ihre neuesten Lieblingsplatten zu sprechen: OMD, Fad Gadget, The Human League, The Normal und Kraftwerk. Martin interessiert sich in dieser Zeit sehr für deutsche Kultur und Sprache, auch weil er an einem Schüleraustausch mit Erfde in Schleswig-Holstein teilnimmt. Besonders begeistert ihn die westdeutsche Elektropunk-Musikszene mit Bands wie DAF, Palais Schaumburg und Der Plan.

Doch Musik bleibt zunächst ein Hobby. Im Sommer 1979 schließt Martin die Schule ab und arbeitet für die NatWest Bank in London. Andy Fletcher ist seit seinem Abschluss ebenfalls in London bei der Sun-Life-Versicherung angestellt.

Vince sucht sich erst gar keinen festen Job. Das klassische Arbeitsleben langweilt ihn genauso wie Basildon. Vince will Musik machen, und zwar richtig, nicht nur nach Feierabend. Doch bisher waren seine ersten Bands eher kurzlebig und so gründet er mit seinem Kumpel Andy Anfang 1980 eine neue mit dem etwas sperrigen Namen Composition Of Sound.

Ihr Sound soll genauso frisch und futuristisch klingen, wie die neuen elektronischen Bands, die sie gerade hören. Aber Vince besitzt nur eine Gitarre und Andy nur einen Bass. Also suchen sie nach weiteren Bandmitgliedern. »Sie nahmen mich, weil ich einer der wenigen Leute in Basildon war, die einen Synthesizer besaßen«, erinnert sich Martin Gore, der zu dieser Zeit außerdem mit Robert Marlow bei einer Band namens French Look spielt. Zunächst proben sie in der kleinen Garage bei Vince zu Hause. Er hat die Songs geschrieben, die Beats kommen aus einem billigen Drumcomputer. In dieser Zeit geben sie bereits einige Wohnzimmerkonzerte für Freunde.

10:14 06.06.2013

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