Schichten des Hasses

Leseprobe "Alle hassen den Jungen. Es ist ein vielschichtiger Hass, bei dem sich die Hassenden oft niederträchtig fühlen, weil sie einem so wohlmeinenden Jungen mit solchen Gefühlen begegnen."

§ 3

»Apropos: Woran denkst du beim Masturbieren?«

»...«

»...«

»Wie bitte?«

In der ersten halben Stunde hatte niemand ein Wort gesagt. Sie waren wieder auf der stumpfsinnigen monochromen Fahrt hoch ins regionale Hauptquartier in Joliet. In einem Gremlin aus dem Fahr­ zeugpark, der wegen des drohenden Vermögensverlusts eines AMC­ Händlers vor fünf Quartalen gepfändet worden war.

»Pass auf, ich glaube, wir können davon ausgehen, dass du mas­ turbierst. Über den Daumen gepeilt 98 Prozent aller Männer mastur­ bieren. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Die restlichen 2 Prozent sind meistenteils irgendwie behindert. Das Leugnen können wir also überspringen. Ich masturbiere; du masturbierst. Ist nun mal so. Alle machen es, alle wissen, dass es alle machen, und trotzdem spricht nie einer drüber. Das ist hier eine unendlich langweilige Fahrt, wir haben nichts Besseres zu tun, wir sitzen in dieser Luschenkutsche fest – brechen wir also unsere Verkrustungen auf. Diskutieren wir es aus.«

»Was denn für Verkrustungen?«

»Einfach woran du denkst. Überleg mal. Das ist eine total innerli­che Zeit. Eine der wenigen Situationen im Leben, wo man echt autark ist. Man braucht kein Außen. Man bereitet sich ausschließlich mit den eigenen Gedanken Lust. Diese Gedanken sagen viel über einen aus: wovon man träumt, wenn man seine Träume selber wählen und kontrollieren kann.«

»...«

»...«

»Titten.«

»Titten?«

»Du hast gefragt. Jetzt weißt du’s.«

»Das ist alles? Titten?«

»Was soll ich denn sonst sagen?«

»Nichts als Titten? In völliger Isolation? Nur abstrakte Titten?«

»Ach, leck mich doch.«

»Du meinst, die schweben da einfach so, zwei Titten, im leeren Raum? Oder schmiegen sie sich in deine Hände? Sind es immer die­ selben Titten?«

»Das soll mir eine Lehre sein. Du stellst mir eine solche Frage, ich sag mir scheiß drauf und beantworte sie, und für die Antwort krieg ich prompt ein DIF­Verfahren an den Hals.«

»Titten.«

»...«

»...«

»Ja, woran denkst du denn, Mr Verkrustungen?«

§ 4

Aus dem Peoria Journal Star Montag, 17. November 1980, S. C-2:

IRS-ANGESTELLTER VIER TAGE TOT

Abteilungsleiter im regionalen IRS-Komplex in der Gemeinde Lake James versuchen herauszufinden, warum niemandem auffiel, dass ein Mitarbeiter vier Tage lang tot an seinem Schreibtisch saß, bevor sich jemand erkundigte, ob ihm etwas fehle. Frederick Blumquist (53), der seit über dreißig Jahren als Steuerprüfer für die Behörde gearbeitet hatte, erlitt einen Herzinfarkt im Großraumbüro, das er sich mit fünfundzwanzig Kollegen im Regionalprüfzentrum der Behörde am Self-Storage Parkway teilte. Am vergangenen Dienstag verschied er still an seinem Schreibtisch, was aber erst am vergangenen Samstagabend auffiel, als ein Raumpfleger ihn fragte, wie er denn arbeiten könne, wenn das Licht in seinem Büro ausgeschaltet sei. 

Scott Thomas, Mr Blumquists Vorgesetzter, sagte: »Frederick kam morgens immer als Erster und ging abends als Letzter. Er arbeitete sehr konzentriert und gewissenhaft, von daher fand es niemand ungewöhnlich, dass er die ganze Zeit in derselben Position dasaß und kein Wort sagte. Er war immer ganz in seine Arbeit vertieft und blieb für sich.« Eine Obduktion durch die Gerichtsmedizin von Tazewell County ergab gestern, dass Blumquist bereits vier Tage lang tot gewesen war und einen Herzinfarkt erlitten hatte. Thomas zufolge gehörte Blumquist zur Zeit seines Todes ironischerweise einer speziellen Arbeitsgruppe von IRS- Wirtschaftsprüfern an, die die Steuerangelegenheiten ärztlicher Partnerschaften in der Gegend untersuchte.

§ 5

Das ist dieser Junge, der die grell orangefarbene Schärpe anlegt und die Kinder aus den unteren Klassen über den Zebrastreifen vor der Schule lotst. Nachdem er für Essen auf Rädern seine Frühstückstour durch das Seniorenstift in der City absolviert hat, dessen Geschäfts­führerin sich immer mit einem Hechtsprung in ihr Büro rettet, wenn sie sein Wägelchen durch den Korridor quietschen hört. Die stählerne Trillerpfeife hat er ebenso von seinem Taschengeld bezahlt wie die weißen Handschuhe, deren Handflächen er den Autos entgegen­streckt, während Kinder, die sich nicht allein angezogen haben, hinter ihm die Straße überqueren, manchmal sogar zu rennen versuchen, obwohl er sich eine Plakattafel mit einem Smiley und der Aufschrift GEHEN, NICHT RENNEN! angefertigt hat. Den Autos, deren Fahrer er kennt, winkt er, schenkt ihnen ein extra breites Lächeln und wirft ihnen aufmunternde Bemerkungen zu, während sich der Zebrastrei­fen leert, die Autos anfahren und an ihm vorbeibrettern, wobei man­che zum Scherz ein bisschen ausscheren und ihn um Haaresbreite verfehlen, und er lacht dann nur, tänzelt beiseite und setzt eine Mie­ne vorgeblichen Erschreckens ob der Kotflügel und hinteren Stoß­stangen auf.

Das eine Mal, wo ein Kombi ihn nicht verfehlte, war wirklich ein Unfall, und er schrieb der Dame mehrere Briefe und versicherte ihr absolut glaubhaft, dass ihm das klar sei, und er bat alle möglichen Leute, mit denen er sich bislang noch nicht hatte an­ freunden können, seinen Gips zu signieren, verzierte die Krücken sorgfältig mit bunten Bändern, Lametta und Glitzerlack, und noch bevor der von den Ärzten mit strengen Mienen verordnete Mindest­zeitraum von sechs Wochen verstrichen war, hatte er die Krücken schon der Pädiatrieabteilung vom Calvin Memorial gespendet, um die Genesung eines weniger glücklichen Kindes aufzuhellen, und am Ende der ganzen Angelegenheit fühlte er sich bemüßigt, für den jährlichen Essaywettbewerb in Sozialkunde einen sehr langen Essay zu der Frage zu verfassen, wie sogar eine durch einen Unfall ver­ursachte schmerzhafte und kräftezehrende Verletzung dabei helfen kann, neue Freunde zu gewinnen und auf Mitmenschen zuzugehen, und dass der Essay nicht gewann und nicht einmal ehrenvolle Erwäh­nung fand, machte ihm ehrlich nichts aus, weil er fand, das Schreiben des Essays sei schon an sich ein Gewinn gewesen, und er hatte aus dem ganzen Prozess der neun Überarbeitungen sehr viel über sich selbst gelernt und freute sich aufrichtig für seine Mitschüler, deren Essays Preise gewannen, und sagte ihnen, er sei mehr als hundert­prozentig sicher, dass sie sie verdient hätten, und wenn sie ihre Preisessays aufbewahren und vielleicht sogar Geschenke für ihre El­tern daraus machen wollten, würde er sie nur zu gern abtippen und laminieren und, wenn sie wollten, die Rechtschreibfehler korrigieren, falls er welche fände, und zu Hause legt sein Vater dem kleinen Leo­nard die Hand auf die Schulter und sagt, er ist stolz darauf, dass sein Sohn so ein guter Verlierer ist, und lädt ihn zur Entschädigung zu Dairy Queen ein, und Leonard sagt seinem Vater, er ist ihm sehr dankbar, und die Geste bedeutet ihm sehr viel, aber wenn er ganz ehrlich sein soll, ist es ihm noch lieber, wenn sein Vater das Geld, das er sonst für Eiscreme ausgeben würde, Easter Seals oder besser noch UNICEF spendet, um die Not der hungerleidenden Kinder in Biafra zu lindern, die, wie er schwören kann, von Eiscreme wahrscheinlich nie auch nur gehört haben, und er wettet, sie fühlen sich dann beide sogar besser als nach einem Besuch bei DQ, und während der Vater die Münzen in den Schlitz des besonders leuchtend orangefarbenen UNICEF­-Spenden­Pappsparkürbisses steckt, kleidet Leonard seine Besorgnis über das nervöse Zucken seines Vaters in Worte, zieht ihn ein bisschen wegen seines Zögerns auf, das mal vom Hausarzt der Familie untersuchen zu lassen, erwähnt noch, laut der Tabelle an der Zimmertür ist die jährliche Vorsorgeuntersuchung seines Vaters jetzt schon drei Monate überfällig und die empfohlene Auffrischungsimpfung gegen Tetanus sogar schon acht Monate.

Während der ersten und zweiten Stunde übernimmt er die Gang­aufsicht (nach Punkten ist er eine halbe Klasse weiter), verwarnt aber weit mehr, als dass er tatsächlich einträgt – er soll helfen, findet er, und niemanden zur Strecke bringen. Zusammen mit den Warnungen gönnt er seinen Gesprächspartnern meist ein Lächeln und meint, sie seien nur einmal jung und sollten das genießen, warum sie nicht in die Welt gingen und jeden Tag eine gute Tat vollbrächten, ab durch die Mitte. Er arbeitet für UNICEF und Easter Seals und initiiert in drei Klassen gleichzeitig eine Recyclingkampagne. Er ist gesund und frisch gewaschen und immer gepflegt genug, um Verbindlichkeit auszustrahlen und Respekt für die Gemeinschaft, der er angehört, und in der Klasse meldet er sich höflich bei jeder Frage, aber nur, wenn er sicher ist, dass er nicht nur die korrekte Antwort kennt, son­dern diese auch so formulieren kann, dass die Lehrerin damit die Dis­kussion des übergreifenden Themas voranbringen kann, das an dem Tag gerade dran ist, und oft geht er nach dem Unterricht noch kurz zur Lehrerin, um sich zu vergewissern, dass er ein solides Verständ­nis ihrer Lernziele mitbringt, und um zu fragen, ob er seine Diskussionsbeiträge im Unterricht womöglich noch irgendwie verbessern oder hilfreicher gestalten kann.

Die Mom des Jungen hat beim Backofenreinigen einen schreck­lichen Unfall erlitten und wird in Windeseile ins Krankenhaus ge­fahren, und obwohl er außer sich vor Sorge ist und beständig um ihre Stabilisierung und Genesung betet, bleibt er freiwillig zu Hause, übernimmt den Telefondienst, gibt nach einer alphabetischen Liste von Verwandten und besorgten Freunden der Familie Informationen weiter, sorgt dafür, dass Post und Zeitungen nicht im Briefkasten lie­gen bleiben, schaltet abends in unregelmäßigen Abständen die Lam­pen im Haus ein und aus, wie Officer Chuck, der Kontaktbereichs­beamte der Michigan State Police für Verbrechensprävention, das an staatlichen Schulen immer für den Fall empfiehlt, dass mal keine Erwachsenen zu Hause sind, ruft auch die (auswendig gelernte) Not­rufnummer der Gasgesellschaft an, um das möglicherweise schad­hafte Ventil oder den Stromkreis im Backofen überprüfen zu lassen, bevor womöglich noch ein weiteres Familienmitglied zu Schaden kommt, und arbeitet (heimlich) an einer gewaltigen Sammlung von Wimpeln und Fähnchen und WILLKOMMEN-­ZU-­HAUSE-­ und BESTE­-MOM-DER-­WELT-­Transparenten, die er mithilfe der (von ei­nem verantwortungsbewussten Erwachsenen aus der Nachbarschaft festgehaltenen und überwachten) ausziehbaren Leiter aus der Garage mit wasserlöslichem Leim sorgfältig an der Hausfassade anbringen will, um die Mom zu begrüßen und zu bejubeln, wenn sie mit einer medizinischen Unbedenklichkeitsbescheinigung von der Intensiv­station entlassen worden ist, was Leonard seinem Vater über das Münztelefon auf der Intensivstation mehrmals versichert, dass er persönlich keinerlei Zweifel an dieser medizinischen Unbedenklich­keitsbescheinigung hegt, jede Stunde ruft er pünktlich auf die Mi­nute an, bis eine technische Störung das Münztelefon lahmlegt und er nach dem Wählen nur noch einen hohen Ton hört, was er der Tele­fongesellschaft ordnungsgemäß unter der 1­616-Störfallnummer durchgibt, wobei er auch daran denkt, die (für alle Fälle notierte) spe­zielle achtstellige Inventarnummer des Münztelefons anzugeben, was die klein gedruckten technischen Angaben ganz hinten im Telefonbuch bei der 1­616­-Störfallnummer für eine schnelle und effizien­te Behebung des Problems empfehlen.

Er versteht sich auf mehrere Versionen von Kalligrafie, hat am Origami-­Lager teilgenommen (zwei Mal), kann aus freier Hand außergewöhnliche Skizzen der regionalen Flora anfertigen, alle sechs Nouveaux Quatuors von Telemann pfeifen und außerdem praktisch jede Vogelstimme nachahmen, die Audubon je untergekommen ist. Mit Wissenschaftsverlagen korrespondiert er manchmal über mög­liche Kategorien­ und/oder Grammatikfehler in ihren Fachbüchern. Von Buchstabierwettbewerben fangen wir gar nicht erst an. Er kann aus normalen Zeitungen über zwanzig verschiedene Admirals­, Cowboy­ und Geistlichenhüte sowie Kopfbedeckungen diverser Eth­nien falten und meldet sich freiwillig, um in den Kindergartenklassen der Carl­-P.-Robinson-­Grundschule zu hospitieren und das den Klei­nen beizubringen, ein Angebot, das der Rektor zu schätzen weiß, nach reiflicher Überlegung aber ablehnen muss.

Der Rektor kann den Jungen auf den Tod nicht ab, ohne das recht begründen zu können. Der Junge erscheint ihm im Schlaf, an den zerfaserten Rändern sei­ner Albträume – das gebügelte karierte Hemd und der streng gezoge­ne Scheitel, die Sommersprossen und das gewinnende Lächeln: Wo­mit kann er dienen? Der Rektor malt sich aus, wie er Leonard Stecyk einen Fleischerhaken in das strahlende Gesicht bohrt und den Jungen mit dem Gesicht nach unten hinter seinem VW-­Käfer über die un­ebenen neuen Vorstadtstraßen von Grand Rapids schleift. Die Fanta­sien tauchen aus dem Nichts auf und schockieren den Rektor, einen frommen Mennoniten.

Alle hassen den Jungen. Es ist ein vielschichtiger Hass, bei dem sich die Hassenden oft niederträchtig fühlen, ein schlechtes Gewissen haben und sich selbst hassen, weil sie einem so umfassend gebildeten und wohlmeinenden Jungen mit solchen Gefühlen begegnen. Aber dann hassen sie ihn unwillkürlich nur noch mehr, weil er in ihnen einen solchen Selbsthass schürt. Die ganze Angelegenheit ist äußerst verwirrend und verstörend. Man braucht viel Aspirin, wenn er in der Nähe ist. Die einzigen echten Kinderfreunde des Jungen sind die geistig oder körperlich Behinderten, die Dicken, die bei Mannschafts­spielen als letzte Gewählten, die non gratae – die spürt er auf. Alle dreihundertsechzehn Einladungen zur FRESSFETE anlässlich seines elften Geburtstags – dreihundertzweiundzwanzig, wenn man die Tonbandeinladungen für die Blinden mitzählt – sind im Offsetdruck hergestellt auf Qualitätspergament mit dazu passenden hochgradig hadernhaltigen Umschlägen, beschriftet mit einer verschnörkelten Kalligrafie aus der Zeit Philipps II., an der er drei Wochenenden ge­arbeitet hat, und jede Einladung listet detailliert und mit römischen Ziffern die Stationen des halbtägigen Ausflugs aus: Six Flags, Privat­führung durch das Blandford Nature Center durch einen Dr. rer. nat. und schließlich eine geschlossene Veranstaltung mit freien Spiel­ möglichkeiten in Shakee’s Pizza and Indoor Arcade am Remembrance Drive (der ganze Tag ist gratis und aus den Einnahmen der Papier-­ und­ Aluminium-­Sammelaktion finanziert, für deren Organisation und Leitung der Junge den ganzen Sommer über morgens um vier aufgestanden ist; der Überschuss der Sammlung geht ans Rote Kreuz und die Eltern eines Drittklässlers aus Kentwood mit offener Wirbelsäule im Endstadium, dessen größter Wunsch es ist, von seinem mo­torisierten Rollstuhl aus einmal im Leben Night Train Lane von den Detroit Lions live spielen zu sehen), und die Einladungen nennen die Party ausdrücklich so – eine FRESSFETE – in einer bauchigen Schrift­type für die Legende unter einer illustrierten Explosion von guter Laune, Wohlgefallen und hemmungslosem, alle Register ziehendem SPASS mit der halbfett gesetzten Klausel BITTE – KEINE GESCHEN­KE in jeder der vier Ecken jeder Karte; und die dreihundertsechs­ zehn via First-­Class-­Mail an alle Schüler, Lehrer, Vertretungslehrer, Referendare, Sekretärinnen und Raumpfleger der C.­P.­-Robinson­ Grundschule versandten Einladungen erbringen eine Teilnahme von insgesamt neun Feiernden (Eltern oder dipl. Krankenschwestern der Behinderten nicht mitgezählt), und dessen ungeachtet verbringt man eine unerschrocken schöne Zeit, und so lautet denn auch der Konsens auf den am Ende der Party ausgeteilten (ebenfalls pergamentenen) Fragebogen für die ehrliche Auswertung und Verbesserungsvorschlä­ge, und die gewaltigen Reste an Schokoladentorte, Fürst-­Pückler­ Eiscreme, Pizza, Chips, Karamell­-Popcorn, Hershey’s Kisses, Rot­kreuz­ und Officer­-Chuck­-Broschüren über Organ­/Gewebespenden bzw. das angemessene Verhalten, wenn man von Fremden angespro­chen wird, koscherer Pizza für die Orthodoxen, Designerserviet­ten und Diätsoda in Souvenirplastikgläsern mit der Aufschrift ICH ÜBERLEBTE LEONARD STECYKS FRESSFETE ZUM 11. GEBURTS­TAG 1964 mit ins Glas eingelassenen Strohhalmlemniskaten, die die Gäste als Erinnerungsstücke behalten sollten, werden dem Kinder­heim von Kent County gespendet und mit Transportmitteln hinge­bracht, die das Geburtstagskind organisiert hat, während das große Twister­-Gerangel noch im Gang ist, aus Sorge, dass geschmolzene Eiscreme, schale Getränke und trockenes Gebäck die Chance vertun würden, den vom Glück weniger Begünstigten zu helfen; und sein Vater, der den holzverkleideten Kombi fährt und sich mit einer Hand die zuckende Wange hält, bekennt erneut, der Junge neben ihm habe ein großes, gutes Herz, und er sei stolz auf ihn, und wenn seine Mut­ter je das Bewusstsein zurückerlange, was sie beide so sehr hoffen, werde sie, da sei er sicher, ebenfalls sehr stolz auf ihn sein. Der Junge bekommt Einsen und so viele vereinzelte Zweien, dass ihm seine Noten nicht zu Kopf steigen, und seine Lehrer schütteln sich schon, wenn sie nur seinen Namen hören. In der fünften Klasse führt er eine Bezirkssammlung durch, um einen Sonderfonds an Fünfcentstücken für Kinder zu bilden, die ihr Milchgeld beim Mit­tagessen schon ausgegeben haben, aber aus welchen Gründen auch immer noch mehr Milch brauchen oder jedenfalls trinken möchten. Die Jolly Holly Milk Company kriegt das spitz und lässt auf ihre kleinen Milchkartons ein Verslein über den Fonds sowie eine Strich­zeichnung des Jungen drucken. Zwei Drittel der Schule trinkt darauf­ hin keine Milch mehr, und der Sonderfonds wächst dermaßen an, dass der Rektor einen kleinen Safe für sein Büro beantragen muss.

Der Rektor schluckt inzwischen Seconal, um schlafen zu können, lei­det an einem feinschlägigen Tremor und muss nach zwei verschiede­nen Anlässen wegen Fehlverhaltens an Fußgängerüberwegen Buß­gelder zahlen. Eine Lehrerin, der der Junge die Skizze einer Neuorganisation der Kleiderhaken und Schuhablagen an der Wand im Klassenzimmer unterbreitet, sodass Jacke und Gummischuhe des Schülers, dessen Tisch der Klassenzimmertür am nächsten steht, der Tür ebenfalls am nächsten sind, und die des zweitnächsten am zweitnächsten usw., um den Abgang der Schüler in die Pause zu beschleunigen und Ver­zögerungen, potenzielle Reibereien und Zusammenballungen halb angezogener Schüler an der Tür zu reduzieren – Verzögerungen und Zusammenballungen, deren statistische Häufigkeit der Junge im lau­fenden Trimester mitsamt den erforderlichen Grafiken und Pfeilen penibel, aber wohlweislich anonymisiert festgehalten hat –, diese unkündbare und hoch respektierte Veteranin des Schulwesens also fuchtelt am Ende mit stumpfen Scheren herum, droht, erst den Jungen und dann sich selbst umzubringen, wird krankgeschrieben und bekommt dreimal wöchentlich Gute-Besserung-­Karten, die sauber getippte Zusammenfassungen der Aktivitäten und Fortschritte der Schüler in ihrer Abwesenheit enthalten, mit Glitzer bestreut und in vollkommenen Rauten gefaltet, die sich auf das leichteste Zusammen­ drücken der zwei langen Innenflächen (d.h. in den Karten) öffnen, und schließlich geben ihre Ärzte Anweisung, die Post der Lehrerin zurückzuhalten, bis eine Besserung oder wenigstens Stabilisierung ihres Zustands eine Lektüre zulässt. Kurz vor der großen UNICEF­-Sammlung zu Halloween 1965 lau­ern drei Sechstklässler dem Jungen nach der vierten Stunde in der südöstlichen Toilette auf, tun ihm unsägliche Dinge an und hängen ihn mit dem Gummiband seiner Unterhose an einem Kabinenhaken auf; nachdem er behandelt und aus dem Krankenhaus entlassen wor­den ist (einem anderen als dem, in dessen Sanatorium seine Mutter als Komapatientin gepflegt wird), weigert sich der Junge, die Namen seiner Angreifer zu nennen, und lässt ihnen später vorsichtig indi­vidualisierte Briefchen zukommen, in denen er ihnen mitteilt, er sei wegen des Vorgefallenen alles andere als nachtragend und er wolle sich dafür entschuldigen, sie mit seinem Verhalten unbeabsichtigter­ weise provoziert zu haben, und er hält sie dazu an, einen Schluss­strich unter die ganze Geschichte zu ziehen und sich deswegen keine Vorwürfe zu machen – schon gar nicht im späteren Leben, denn sei­nes Wissens könnten solche Geschichten einen als Erwachsenen ein Leben lang regelrecht heimsuchen, und er zitiert ein paar Artikel aus der Fachliteratur, die sich die Angreifer vielleicht mal anschauen könnten, weil sie die psychischen Langzeitfolgen von Selbstvorwür­fen dokumentieren –, und in diesen Briefchen verleiht er seiner per­sönlichen Hoffnung Ausdruck, dass der ganze bedauernswerte Vor­fall möglicherweise sogar in echte Freundschaft münden kann, und schließlich legt er noch die Einladung zu einem runden Tisch zur diskreten Konfliktlösung bei, dessen Termin er, gesponsert von einer kommunalen Schlichtungsstelle, auf den kommenden Dienstag nach Schulschluss hat legen lassen (»Imbiss inklusive!«), woraufhin in der Turnhalle der Spind des Jungen sowie je vier links und rechts angren­zende Spinde in einem Akt des pyromanischen Vandalismus zerstört werden, der, wie beim anschließenden Gerichtsverfahren beide Seiten übereinstimmend aussagen, völlig außer Kontrolle geraten und kei­neswegs als mutwilliger Versuch anzusehen ist, den Nachtwächter zu verletzen oder die Gebäudeschäden in der Jungen­-Umkleide anzu­richten, die er letztendlich verursacht hat, und bei diesem Gerichts­ verfahren richtet Leonard Stecyk an die Anwälte beider Seiten wie­derholt die Bitte, für die Verteidigung aussagen zu dürfen, und sei es nur als Leumundszeuge. Ein hoher Prozentsatz seiner Klassenkameraden versteckt sich – unternimmt richtige Ausweichmanöver –, wenn er im Anmarsch ist. Schließlich rufen selbst die Außenseiter und Kranken nicht mehr zurück. Seine Mutter muss umgelagert und ihre Gliedmaßen müssen zweimal täglich bewegt werden.

12:03 21.11.2013

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