Im Zentrum

Leseprobe "Eine Million Leute, eine Milliarde, wären jetzt furchtbar gern da, wo Mae in diesem Moment war, an dem ersten Tag, an dem sie für das einzige Unternehmen arbeitete, das wirklich richtig wichtig war."
Im Zentrum
Foto: Paula Bronstein/Getty Images

WAHNSINN, DACHTE MAE. Ich bin im Himmel. Das Gelände war riesig und weitläufig, ein wildes pazifisches Farbenmeer, und doch bis ins kleinste Detail sorgfältig geplant, von überaus gewandten Händen geformt. Früher war hier mal eine Schiffswerft gewesen, dann ein Autokino, dann ein Flohmarkt, dann ein Schandfleck, jetzt gab es hier sanfte grüne Hügel und einen Calatrava-Brunnen. Und einen Picknickbereich, mit Tischen, die in konzentrischen Kreisen aufgestellt waren. Und sowohl Sand- als auch Rasentennisplätze. Und ein Volleyballfeld, auf dem kleine Kinder aus der firmeneigenen Kita kreischend umherliefen, wie wogendes Wasser.

Inmitten von alledem befand sich auch eine Arbeitsstätte, hundertsechzig Hektar gebürsteter Stahl und Glas an der Zentrale des einflussreichsten Unternehmens der Welt. Der Himmel darüber war makellos und blau. Mae, die auf dem Weg vom Parkplatz zur Haupthalle war, bewegte sich durch das alles hindurch und versuchte, so auszusehen, als würde sie dazugehören. Der Fußweg schlängelte sich zwischen Zitronen- und Orangenbäumen hindurch, und seine dezenten roten Pflastersteine waren hier und da mit beschwörenden inspirationsbotschaften durchsetzt. »Träumt« stand auf einem, das Wort mit laser in den roten Stein geschnitten. »Bringt euch ein« stand auf einem anderen. Es gab Dutzende: »Sucht Gemeinschaft« »Seid innovativ« »Seid fantasievoll« Sie wäre fast auf die Hand eines jungen Mannes im grauen Overall getreten,der gerade einen neuen Stein einsetzte, auf dem »Atmet« stand.

An diesem sonnigen Montag im Juni blieb Mae vor dem Haupteingang stehen, über dem das in Glas geätzte Firmenlogo prangte. Das Unternehmen war noch keine sechs Jahre alt, doch sein Name und logo – ein Kreis um ein engmaschiges Gitter mit einem kleinen »c« für »Circle« in der Mitte – zählten bereits zu den bekanntesten auf der Welt. Hier auf dem Hauptcampus waren über zehntausend Mitarbeiter beschäftigt, aber der Circle hatte überall auf dem Globus Büros, stellte jede Woche Hunderte begabte junge Köpfe ein und war schon vier Jahre hintereinander zum beliebtesten Unternehmen der Welt gekürt worden.

Mae glaubte nicht, dass sie Chancen auf eine Stelle in so einem Unternehmen gehabt hätte, wenn Annie nicht gewesen wäre. Annie war zwei Jahre älter, und sie hatten während des Studiums drei Semester lang zusammengewohnt, in einem hässlichen Gebäude, das durch ihre außergewöhnliche Verbindung zueinander bewohnbar gemacht wurde. Sie waren so etwas wie Freundinnen, so etwas wie Schwestern oder Cousinen, die wünschten, sie wären Schwestern und hätten allen Grund, nie getrennt zu sein. Im ersten Monat ihres WG-Lebens hatte Mae sich eines Abends in der Dämmerung den Kiefer gebrochen, nachdem sie grippekrank und unterernährt während der Semesterabschlussprüfungen in Ohnmacht gefallen war. Annie hatte gesagt, sie solle im Bett bleiben, aber Mae war zum 7-Eleven gegangen, weil sie Koffein brauchte, und auf dem Gehweg unter einem Baum aufgewacht. Annie brachte sie ins Krankenhaus und wartete, während Maes Kiefer verdrahtet wurde, und sie blieb die ganze Nacht bei Mae am Bett, schlief auf einem Holzstuhl, und zu Hause dann versorgte sie Mae tagelang, während die nur durch einen Strohhalm essen konnte. Ein so hohes Maß an resolutem Engagement und Tüchtigkeit hatte Mae noch bei niemandem in ihrem Alter oder ungefähr in ihrem Alter erlebt, und von da an war sie auf eine Art loyal, wie sie es sich selbst nie zugetraut hätte.

Während Mae noch am Carleton College war und zwischen Kunstgeschichte, Marketing und Psychologie als Hauptfach hin und her schwankte – ihren Abschluss machte sie in Psychologie, obwohl sie keine Zukunftspläne in der Richtung hegte –, hatte Annie in Stanford ihren Master in Betriebswirtschaft gemacht und sich vor Jobangeboten nicht retten können. Vor allem der Circle hatte sie umworben, und schon wenige Tage nach der Abschlussfeier war sie hier gelandet. Jetzt hatte sie irgendeinen hochtrabenden Titel – Managing Director für Zukunftssicherung, witzelte Annie – und hatte Mae bedrängt, sich auch zu bewerben. Mae tat es, und obwohl Annie beteuerte, sich nicht für sie eingesetzt zu haben, kaufte Mae ihr das nicht ab und war ihr unendlich dankbar.

Eine Million Leute, eine Milliarde, wären jetzt furchtbar gern da, wo Mae in diesem Moment war, als sie dieses Atrium betrat, zehn Meter hoch und mit kalifornischem Licht durchflutet, an dem ersten Tag, an dem sie für das einzige Unternehmen arbeitete, das wirklich richtig wichtig war. Sie drückte die schwere Tür auf. Die Vorhalle war so lang wie ein Exerzierplatz, so hoch wie eine Kathedrale. Oben waren überall Büros, vier Etagen auf beiden Seiten, jede Wand aus Glas. Ihr wurde kurz schwindelig, und als sie nach unten blickte, sah sie in dem makellos glänzenden Fußboden ihr eigenes sorgenvolles Gesicht widergespiegelt. Sie spürte, wie hinter ihr jemand auf sie zukam, und formte den Mund zu einem Lächeln.

Mae drehte sich um und sah einen schönen jungen Kopf, der über einem scharlachroten Halstuch und einer weißen Seidenbluse schwebte.
»Ich bin Renata«, sagte sie.
»Hi, Renata. Ich wollte zu –«
»Annie. Ich weiß. Sie kommt gleich.«
Ein Ton, ein digitales Tropfgeräusch, kam aus Renatas Ohr.
»Sie ist gerade ...«
Renata blickte Mae an, sah aber etwas anderes. Netzhaut-Interface, vermutete Mae. Noch so eine Innovation, die hier entwickelt worden war.
»Sie ist im Wilden Westen«, sagte Renata, wieder auf Mae konzentriert, »müsste aber bald hier sein.«
Mae lächelte.
»Ich hoffe, sie hat eine volle Wasserflasche und ein treues Pferd.«
Renata lächelte höflich, lachte aber nicht. Mae wusste von der Unternehmenspraxis, jedes Gebäude auf dem Campus nach einer Geschichtsepoche zu benennen. Das war eine Methode, um einen riesigen Arbeitsplatz weniger unpersönlich, weniger businesslike wirken zu lassen. Jedenfalls besser als »Gebäude 3B-East«, wo Mae bislang gearbeitet hatte. Ihr letzter Tag bei den Strom- und Gaswerken in ihrer Heimatstadt war erst vor drei Wochen gewesen – die Geschäftsleitung war bestürzt, als sie kündigte –, doch es kam ihr jetzt schon unglaublich vor, dass sie so viel Zeit ihres Lebens dort vergeudet hatte. Gott sei Dank bin ich da weg, dachte Mae, raus aus diesem Gulag und allem, wofür er stand.

Renata empfing noch immer Signale aus ihrem unsichtbaren Ohrhörer.
»Oh, Moment, sie sagt gerade, dass sie da doch noch was erledigen muss.«
Renata blickte Mae mit einem strahlenden Lächeln an.
»Am besten, ich bring dich jetzt zu deinem Schreibtisch. Annie sagt, sie trifft dich dort in gut einer Stunde.«

Mae durchlief ein leises Kribbeln bei den Worten dein Schreibtisch, und sie musste gleich an ihren Dad denken. Er war stolz. So stolz, hatte er ihr auf die Mailbox gesprochen; er musste die Nachricht um vier Uhr morgens hinterlassen haben. Sie hatte sie abgehört, als sie aufgewacht war. So unglaublich stolz, hatte er gesagt, mit erstickter Stimme. Mae hatte die Uni erst seit zwei Jahren hinter sich, und jetzt war sie hier, angestellt beim Circle, mit Krankenversicherung, einer eigenen Wohnung in der Stadt, und sie lag ihren Eltern, die reichlich andere Sorgen hatten, nicht mehr auf der Tasche.

Mae folgte Renata aus dem Atrium nach draußen. Auf dem sonnengesprenkelten Rasen saßen zwei junge Leute auf einem künstlichen Hügel, in den Händen eine Art durchsichtiges Tablet, und unterhielten sich angeregt.

»Du arbeitest in der Renaissance, da drüben«, sagte Renata und deutete über den Rasen auf ein Gebäude aus Glas und oxidiertem Kupfer.
»Da sind alle von der Customer Experience untergebracht. Warst du schon mal hier?«
Mae nickte.
»Ja. Aber nicht in dem Gebäude.«
»Dann hast du ja den Pool schon gesehen und den Sportbereich.«
Renata deutete mit der Hand in Richtung eines blauen Parallelogramms und eines dahinter aufragenden eckigen Gebäudes, in dem das Fitnesscenter untergebracht war.
»Da drüben wird alles angeboten: Yoga, Crossfit, Pilates, Massagen, Spinning. Ich hab gehört, du machst Spinning? Dahinter sind die Bocciaplätze und die neue Tetherball-Anlage. Die Cafeteria ist gleich dahinten auf der anderen Seite der Wiese ...«
Renata zeigte auf die üppige, sanft hügelige Grünfläche, auf der sich eine Handvoll junger Leute im Businessoutfit ausgestreckt hatten wie Sonnenbadende.
»Und da wären wir.«

Sie standen vor der Renaissance, einem weiteren Gebäude mit einem über zehn Meter hohen Atrium, in dem sich ganz oben langsam ein Calder-Mobile drehte.
»Oh, ich liebe Calder«, sagte Mae.
Renata lächelte.
»Das weiß ich.«
Sie betrachteten es gemeinsam.
»Das da hat mal im französischen Parlament gehangen. Oder so ähnlich.«
Der Wind, der ihnen hineingefolgt war, drehte das Mobile jetzt so, dass einer seiner Arme auf Mae zeigte, als würde es sie persönlich willkommen heißen. Renata fasste sie am Ellbogen.
»Können wir? Hiermit geht’s hoch.«
Sie betraten einen Aufzug aus Glas, das leicht orange getönt war. Lämpchen gingen flackernd an, und Mae sah ihren Namen an den Wänden aufscheinen, zusammen mit ihrem Highschool-Jahrbuchfoto. WILLKOMMEN, MAE HOLLAND.

Ein Laut, so etwas wie ein Keuchen, entfuhr Maes Kehle. Sie hatte das Foto seit Jahren nicht mehr gesehen, und es hatte ihr auch nicht gefehlt. Das konnte nur auf Annies Mist gewachsen sein, sie damit zu überfallen. Das Foto zeigte tatsächlich Mae – breiter Mund, dünne Lippen, olivfarbene Haut, schwarzes Haar –, aber auf dem Foto, mehr als im wirklichen Leben, verliehen die hohen Wangenknochen ihr eine gewisse Strenge, und die braunen Augen lächelten nicht, waren nur klein und kalt, kampfbereit. Seit dem Foto – sie war damals achtzehn, wütend und unsicher – hatte sie an Gewicht zugelegt, und das war gut so, ihr Gesicht war weicher geworden, und sie hatte Rundungen bekommen, Rundungen, die ihr die Aufmerksamkeit von Männern vielerlei Alters und mit allen möglichen Intentionen einbrachten. Sie hatte seit der Highschool versucht, offener zu werden, positiver, aber der Anblick dieses Dokuments einer längst vergangenen Ära, als sie von der Welt das Schlimmste befürchtete, brachte sie aus dem Konzept. Als sie es kaum mehr ertragen konnte, verschwand das Foto.

»Ja, hier läuft alles mit Sensoren«, sagte Renata. »Der Aufzug liest deinen Ausweis und sagt dann Hallo. Annie hat uns das Foto gegeben. Ihr zwei müsst eng befreundet sein, wenn sie Highschoolfotos von dir hat. Jedenfalls, ich hoffe, es stört dich nicht. Wir machen das hauptsächlich für Besucher. Die sind meistens ziemlich beeindruckt.«

Während der Aufzug nach oben fuhr, erschienen auf jeder Glaswand die empfohlenen Aktivitäten des Tages, wobei Bilder und Text von einem Panel zum nächsten wanderten. Zu jeder Ankündigung gab es ein Video, Fotos, Animation, Musik. Um zwölf gab es eine Vorführung von Koyaanisqatsi, um eins eine Selbstmassage-Demonstration, Kräftigung der Rumpfmuskulatur um drei. Ein Kongressabgeordneter, von dem Mae noch nie etwas gehört hatte, grauhaarig, aber jung, würde um halb sieben eine Town Hall abhalten. Auf den Aufzugtüren sprach er irgendwo anders an einem Rednerpult, die Hemdsärmel hochgekrempelt und die Hände zu ernsten Fäusten geformt, hinter ihm wogende Fahnen. Die Türen öffneten sich, teilten den Abgeordneten in zwei Hälften.

»Da wären wir«, sagte Renata und trat auf einen schmalen Laufsteg aus Stahlgittern. Mae blickte nach unten und spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie konnte bis ins Erdgeschoss sehen, vier Stockwerke tief. Mae versuchte einen Scherz.
»Ich schätze, ihr lasst hier oben nur Leute arbeiten, die schwindelfrei sind.«
Renata blieb stehen und blickte Mae mit ernsthaft besorgter Miene an. »Natürlich. Aber in deinem Profil stand doch –«
»Nein, nein«, sagte Mae. »ich hab kein Problem damit.«
»Im Ernst. Wir können dich weiter unten unterbringen, wenn –«
»Nein, nein. Wirklich. Alles bestens. Tut mir leid. Sollte bloß ein Witz sein.«
Renata war sichtlich verunsichert.
»Okay. Aber sag mir bitte Bescheid, wenn irgendwas nicht in Ordnung ist.«
»Mach ich.«
»Wirklich? Annie ist nämlich wichtig, dass ich auf so was achte.«
»Mach ich. Versprochen«, sagte Mae und lächelte Renata an, die sich wieder eingekriegt hatte und weiterging. Der Laufsteg erreichte den Hauptraum, breit und mit Fenstern und durch einen langen Flur geteilt. Auf beiden Seiten waren Büros mit Glasfronten vom Boden bis zur Decke, sodass die Mitarbeiter drinnen zu sehen waren. Alle hatten sie ihre Arbeitsplätze aufwendig, aber geschmackvoll dekoriert – ein Büro war voll mit Segelrequisiten, von denen die meisten irgendwie in der Luft schwebten, aufgehängt an den offenen Balken, in einem anderen standen Bonsaibäume aufgereiht. Sie kamen an einer kleinen Küche vorbei, die Schränke und Regale aus Glas, das Besteck magnetisch, in einem ordentlichen Gittermuster am Kühlschrank angeheftet, alles erhellt von einem riesigen mundgeblasenen Kronleuchter, in dem bunte Glühlampen strahlten und dessen Arme sich orange und pfirsichfarben und pink ausstreckten.

»Okay, da wären wir.« Sie blieben vor einer Bürobox stehen, grau und klein und mit einem Material ausgekleidet, das aussah wie synthetisches Leinen. Mae stockte das Herz. Das Kabuff sah fast genauso aus wie das, in dem sie die letzten achtzehn Monate gearbeitet hatte. Es war das Erste, das sie im Circle sah, das nicht innovativ war, das Ähnlichkeit mit der Vergangenheit hatte. Das Material, mit dem die Wände der Box verkleidet waren, war – sie konnte es nicht fassen, es schien einfach unmöglich – Jute. Mae wusste, dass Renata sie beobachtete, und sie wusste, dass ihre Miene so etwas wie Entsetzen verriet. Lächele, dachte sie. Lächele.

»Ist das okay?«, sagte Renata, deren Augen hektisch über Maes Gesicht huschten. Mae zwang ihren Mund, eine gewisse Zufriedenheit anzudeuten.
»Super. Sieht gut aus.«
Damit hatte sie nicht gerechnet.
»Okay. Dann lass ich dich jetzt allein, damit du dich mit dem Arbeitsplatz vertraut machen kannst, und gleich kommen Denise und Josiah und zeigen dir alles.«
Mae verzog den Mund zu einem Lächeln, und Renata machte kehrt und ging. Mae setzte sich hin und stellte fest, dass die Stuhllehne halb kaputt war und der Stuhl sich nicht bewegen ließ, weil die Rollen klemmten, alle. Ein Computer war auf den Schreibtisch gestellt worden, doch es war ein uraltes Modell, das sie sonst nirgendwo im Gebäude gesehen hatte. Mae war verwirrt und merkte, dass ihre Laune in ebenjenen Abgrund sank, in dem sie die letzten paar Jahre verbracht hatte.

11:57 04.09.2014

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