Nie ohne Hund

Leseprobe "Da wir bis zur Scheidung meiner Eltern auch Hunde hatten, waren sie für mich ein Sinnbild für die heile Familie. Für Loriot waren sie mehr. Ich glaube, er hat in seinem Leben nie ohne Hund gelebt."
Nie ohne Hund
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Hunde

»Hunde sind sprichwörtlich – zum Beispiel: Ein Hund wäscht den anderen … oder: Morgenhund hat Gold im Mund … oder: Der Glückliche schlägt keine Hunde … oder aber: Ich sei, gewährt mir die Bitte, bei euren Hunden der Dritte.« (»Loriots Kommentare«)

Neben einigen anderen Sketchen avancierte auch der obligatorische Zeichentrickfilm in »Loriot 4« zu einem Klassiker: »Bello, der sprechende Hund«. Loriots Kunst, dem Hund eine Stimme zu geben, habe ich weiter oben schon behandelt. Dass er sich so gut in Hunde einfühlen konnte, war das Ergebnis langjähriger professioneller und privater Studien, beginnend mit seinem Frühwerk »Auf den Hund gekommen«, verspielt erfinderisch weitergeführt mit »Hundnase« und »Schwanzhund« (in »Ödipussi«) und gipfelnd in seinem berühmtesten Ausspruch, ein Leben ohne Mops sei möglich, aber sinnlos.

Die tiefen Einblicke, die er in das Wesen unser vierbeinigen Freunde gewonnen hatte, führten zwischenzeitlich sogar dazu, dass Loriot in der Maske eines Zeichentrickhundes zum Schlagerstar wurde. Wums Gesang »Ich wünsch’ mir ’ne kleine Miezekatze« brachte seinem Autor und Sänger, wie schon erwähnt, eine Goldene Schallplatte ein und der »Aktion Sorgenkind« viel Geld. Meines Wissens hat der Opernfreund Loriot als Mensch nie gesungen, diesen Traum konnte er nur als Hund ausleben.

Der Verleger Gerd Haffmans, Loriots langjähriger Lektor, antwortete auf die Frage im FAZ-Fragebogen, wer oder was er hätte sein mögen: »Mops bei Bülows.« Loriot antwortete auf dieselbe Frage: »Mime, mein Mops« – das sagt alles. Und auf die Frage einer Interviewerin, ob man sich über Hunde lustig machen dürfe, antwortete Loriot 2008, die Würde der Tiere achtend, dass man das nicht generell beantworten könne. Man müsse sich immer fragen, ob der Hund absichtlich oder unfreiwillig komisch sei: »Das heißt, hat der Hund gewollt, dass man über ihn lacht?«

Die ersten beiden Möpse, die ich im Hause Bülow kennenlernte, waren zwei ältere englische Herren namens Henry und Gilbert. Der Bobtail Olaf war mir sympathisch, aber doch ein bisschen zu groß. Als kleiner Junge war ich von einem Schäferhund gebissen worden und hatte seitdem eine gewisse Scheu vor großen Hunden. Und doch rührte mich die Selbstverständlichkeit, mit der Bülows ihre Hunde als vollwertige Familienmitglieder ansahen.

Da wir bis zur Scheidung meiner Eltern auch Hunde hatten, waren die Tiere für mich ein Sinnbild für die heile Familie. Für Loriot waren sie mehr. Ich glaube, er hat in seinem Leben nie ohne Hund gelebt. Selbst als junger Soldat in Russland hatte er zeitweilig einen Hund – auch der Unglückliche schlug keine Hunde …

Das Leben mit Hunden diktierte große Teile des Tagesablaufs der Familie. »Seit Jahrzehnten bestimmen die Verdauungsrhythmen dreier Hunde das gesellschaftliche Leben der Familie. Sie zwingen uns, nach kulturell genutzter Freizeit hastig heimzukehren, nötigen zum Aufenthalt im Freien, nächtlich bei ungünstiger Witterung.«

Genau so war es. Die Frage »Gehst du noch mit den Hunden?« führte allabendlich zu kleinen ehelichen Diskussionen (»Ich war gestern.« – »Dafür gehe ich morgen.« – »Morgen wollte ich eigentlich gehen …«), die sich sehr anregend auf die in den Sketchen gezeigten Gespräche zwischen Mann und Frau auswirkten. Übrigens ebenso wie die Frage, wer von den beiden am nächsten Morgen welches der drei Autos nehmen dürfe – alle vorzugsweise mit dem Kennzeichen »TÖL-PL«.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass Bülows extra miteinander uneins waren, um Loriot zu inspirieren. Mit den Möpsen fremdelte ich zunächst. Sie schienen mir hässlich, ihr Röcheln klang unschön, und ihre eingedrückten kurzen Nasen störten mich. Erst nach und nach lernte ich die Vorzüge dieser erstaunlichen Tiere kennen. Sie erwiesen sich als äußerst intelligent und durchsetzungsfähig. So gelang es schon der ersten Generation Bülow’scher Möpse, ihr Herrchen dahingehend zu erziehen, dass er sie allabendlich mit kleinen Köstlichkeiten vom Tisch versorgte.

Für diesen gelungenen Dressurakt bedankte sich Loriot später im Vorwort zu seinem Buch »Möpse & Menschen«: »Bei geeigneter Fortbildung und sinnvoller Tätigkeit erweist sich der Mops ohnehin dem Menschen überlegen. Beispielweise ist er in der Lage, auf einem festlich gedeckten Tisch herumzulaufen, ohne etwas umzustoßen. Auch vermag er ein halbes Pfund entwendeter Markenbutter auf einen Sitz zu verzehren, ohne Schaden an seiner Gesundheit zu nehmen.«

Möpse haben immer Hunger. Selten habe ich mehr Erregung bei einem Lebewesen gesehen als bei einem Mops kurz vor der Fütterung. Bülows frühere Haushälterin fasste diese außergewöhnliche Eigenschaft der Möpse in dem bemerkenswerten bayerischen Satz zusammen: »Geh, Mime, du bist scho a rechter Hungerkünstler …«

Mime war einer der beiden Möpse der zweiten Generation. Nachdem Henry (1966–1981) und Gilbert (1967–1980) das Zeitliche gesegnet hatten, wurde nach angemessener Trauerzeit Ersatz angeschafft. Die Namenssuche für die zwei Mopswelpen gestaltete sich kompliziert. Englische Hundenamen waren nicht mehr zeitgemäß, und die Anschaffung der beiden Tiere fiel in die Wochen um die Bayreuther Festspiele. Schnell kam man überein, dass die Möpse nach Figuren aus Wagner-Opern getauft werden sollten.

Bei einer abendfüllenden, von gut gekühltem Weißwein begleiteten Diskussion im sommerlichen Gartenpavillon wurden alle Wagner-Figuren durchgegangen. Als Favoriten der albernen Familienrunde kristallisierten sich zunächst »Pogner« und »Kothner« heraus, zwei Meister aus den »Meistersingern von Nürnberg«, der reiche Goldschmied und Vater der jugendlichen Heldin Eva sowie der Bäckermeister, der durch seinen Satz »Der Sänger sitzt« für den sichersten Lacher in jeder »Meistersinger«-Aufführung sorgt. Die Namen erschienen uns passend für Hunde, die ihr Hinterteil so demonstrativ zur Schau stellen, wie Möpse dies gerne tun. Einzig die Tatsache, dass, wenn man einen der beiden rufen würde, immer beide erscheinen würden, ließ den Pogner-Kothner-Plan scheitern.

Schließlich wurden es zwei Protagonisten aus dem »Ring«. Die Entscheidung war auf »Wotan« und »Mime« gefallen, den Göttervater und den Nibelungen-Zwerg und Bruder von Wotans Gegenspieler Alberich. War es Wotans Wut darüber, dass ein so niederes Tier wie ein Mops seinen heiligen Namen tragen sollte – Mops Wotan bekam kurz nach seiner göttlich-germanischen Taufe ein so heftiges Augenleiden, dass er auf einem Auge zu erblinden drohte. Dazu muss man wissen, dass Wotan einäugig ist. Loriot verstand den Wink des Gottes. »Wotan« wurde flugs in »Wutz« umgetauft und gesundete postwendend. »Wutz« und »Mime« ist, wie allen Hunden im Hause Bülow, ein langes Leben beschieden gewesen.

Als meine Töchter klein waren, waren sie Hunden gegenüber sehr ängstlich. Um ihnen die Scheu vor den Tieren abzugewöhnen, erwiesen sich Wutz und Mime als die perfekten Lehrmeister. Möglicherweise hatten die Kinder das Gefühl, ein Hund mit einer so kurzen Schnauze könne nicht zubeißen, jedenfalls nahm die Begegnung mit den Bülow’schen Möpsen meinen Töchtern endgültig jegliche Angst vor Hunden.

Die dritte Mops-Generation spiegelt wieder, dass inzwischen einfache deutsche Vornamen in Mode gekommen waren. Die Möpse wurden »Paul« und »Emil« getauft. Paul ist inzwischen von uns gegangen, Emil erfreut sich zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Buches als älterer Herr einer stabilen Gesundheit.

Als Loriot’scher Mops genoss man gewisse Privilegien. Wenn Bülows von München nach Berlin flogen, wurde Emil, der sie regelmäßig in die Hauptstadt begleitete, nicht auf die Goldwaage gelegt. Auch wenn er das Höchstgewicht eines kabinentauglichen Schoßhundes manchmal leicht überschritt, durfte er doch in einer Tasche als Handgepäck mitgenommen werden. Emil ist meines Wissens auch der einzige Hund, dem es je erlaubt war, das Cockpit eines Flugzeugs zu betreten. Als Loriot und seine Frau bei einem ihrer Flüge vom Piloten nach vorn gebeten wurden, nahmen sie den Mops mit, ein auch für ihn vermutlich unvergessliches Erlebnis.

Am 26. Oktober 2007 gelang Emil dann der Sprung ins Fernsehen, obwohl die Frage »Sollen Hunde fernsehen?« schon im Mai 1967 in Loriots zweiter »Cartoon«-Sendung durchaus kritisch beantwortet wurde: »Es häufen sich die Fälle, in denen Hunde nach mehrstündigem abendlichen Fernsehen schlecht einschlafen, schwer träumen oder tagelang stottern.« Es war einer der letzten Fernsehauftritte von Emils Herrchen in der Talkshow von Reinhold Beckmann. Den Nachmittag vor der Aufzeichnung verbrachten Bülows in einem Hamburger Luxushotel, zu dem Hunde unverständlicherweise keinen Zutritt hatten.

Nun sind Möpse, wenn man Loriot glauben darf, keine Hunde im engeren Sinne, sondern Lebewesen höherer Ordnung. Ob das Hotel das aber auch so sah? Was tun? Ich kam erst abends nach Hamburg, Bülows wollten sich nach der anstrengenden Autofahrt von Berlin ausruhen und den Mops niemandem sonst anvertrauen. Das Hotel andererseits wollte seine prominenten Stammgäste nicht vor den Kopf stoßen. Also nahm ein Angestellter des Hauses, während Frauchen und Herrchen durch die Lobby das Hotel betraten, Emil an die Leine und schmuggelte ihn mit Wissen der Direktion durch den rückwärtig gelegenen Wäschetrakt ins Haus, ohne dass ein anderer Gast sich durch die Anwesenheit des Mopses hätte gestört fühlen können. Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wurde Emil auf der Etage in Loriots Zimmer geleitet. Als es abends zur Sendung ins Studio ging, musste Emil die clandestine Prozedur ein weiteres Mal über sich ergehen lassen, diesmal in umgekehrter Richtung.

Nach so vielen Jahren und so vielen Begegnungen mit Möpsen lag es nahe, sie auch im Film mit größeren Aufgaben zu betrauen. 2000 bekam ich die Anfrage, aus dem DDR-Kinderbuch-Klassiker »Detektiv Pinky« einen Kinofilm zu machen. In dem Film »Pinky und der Millionenmops« spielt der Mops eines Millionärs eine, ja die entscheidende Rolle. Der Mops wird vom Millionär zum Alleinerben seines Vermögens bestimmt und kurze Zeit später entführt. Ich zögerte keine Sekunde, nahm den Auftrag an und freute mich, endlich einmal einen Mops als Hauptdarsteller zu haben. Der trainierte Film-Mops hieß Oscar und machte seine Sache sehr gut. Bei der Premiere des Films in Leipzig wurden das Team und die Hauptdarsteller auf die Bühne gebeten, darunter auch der von den Zuschauern frenetisch bejubelte Mops.

Was keiner wusste, gestand mir anschließend die Hundetrainerin: Oscar war leider verhindert, er drehte gerade einen anderen Film und konnte nicht zur Premiere kommen. Deshalb hatte man kurzerhand entschieden, einen anderen Mops auf die Bühne zu bringen. Aufmerksame Zuschauer hätten es merken können, denn es handelte sich um eine Mops-Dame. Der Zufall wollte es, dass die junge Dame die leibliche Schwester von Loriots Emil war. Als ich Emil später davon erzählte, grunzte er zufrieden und bettelte weiter nach etwas Essbarem.

Der Verleih des Films plante, als Werbeaktion für »Pinky und der Millionenmops« eine Reihe von Mops-Karikaturen für einen karitativen Zweck zu versteigern. Die Auktion kam leider nie zustande, aber Loriot hatte schon, mit preußischer Disziplin, eine außergewöhnlich schöne Mopszeichnung angefertigt, die nun an ihn zurückging. Nachdem sie mehrere Jahre wohlverwahrt in einer Schublade geschlummert hatte, schenkte Loriot mir die Zeichnung 2007 zum Abschluss der Arbeit an unserer ersten DVD-Box.

In Loriots Familie spielten aber nicht nur Hunde eine Rolle. Es gab in Ammerland früher sogar zwei Esel, und von seinen Eltern erzählte Vicco gern eine Geschichte um deren Kater »Herrn Schulze«. Ausgefallene Namen für Haustiere hatten offenbar bei Bülows Tradition. Loriots Mutter hatte seinen Vater nach einer Dienstreise vom Bahnhof abgeholt und fuhr mit ihm in der vollbesetzten Straßenbahn nachhause. Da der Vater etwas schwerhörig war, hatte die Mutter die Angewohnheit, sehr laut mit ihm zu sprechen, so dass alle Fahrgäste den Dialog mithören konnten. Der Vater fragte die Mutter: »Sag mal, was hast’n du gestern Abend noch so gemacht?« – »Och, ich hab erst noch ein bisschen gelesen und dann bin ich mit Herrn Schulze ins Bett gegangen.«

13:38 26.12.2013

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