Ewiger Kreislauf

Leseprobe "Dieses Buch befasst sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Fortschritt und Ungleichheit. Es beschreibt, wie Fortschritt Ungleichheit erzeugt und Ungleichheit manchmal nützlich sein kann."
Ewiger Kreislauf
Foto: Philippe Merle/AFP/Getty Images

Vorwort

The Great Escape – im deutschen Titel Gesprengte Ketten oder wörtlich übersetzt »Der Große Ausbruch» – ist ein Film über eine Gruppe britischer Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager ausbrechen. Der »Große Ausbruch«, von dem in diesem Buch die Rede sein soll, schildert, wie die Menschheit die Ketten von Entbehrung und frühem Tod sprengte, wie es Menschen gelang, allmählich ihre Lebensumstände zu verbessern und wie sie dabei anderen mit gutem Beispiel vorangingen.

Einer dieser Menschen war mein Vater. Leslie Harold Deaton wurde im Jahr 1918 in einem rauen Bergbauort namens Thurcroft im Kohlenrevier von South Yorkshire geboren. Seine Großeltern, Alice und Thomas, hatten in der Hoffnung, die Arbeit in dem neuen Bergwerk würde ihnen ein besseres Auskommen verschaffen, die Landarbeit aufgegeben. Ihr ältester Sohn, mein Großvater Harold, kämpfte im Ersten Weltkrieg, kehrte in die Zeche zurück und wurde dort schließlich Vorarbeiter.

Für meinen Vater war es in der Zwischenkriegszeit schwierig, in Thurcroft eine gute Schulbildung zu erhalten, weil nur wenige Kinder in die Highschool aufgenommen wurden. Leslie verdingte sich als Gelegenheitsarbeiter in der Zeche. Wie die anderen Jungen wünschte er sich nichts sehnlicher, als eines Tages »vor Ort« zu arbeiten. Der Wunsch erfüllte sich nicht. 1939 wurde er eingezogen und mit dem vom Pech verfolgten britischen Expeditionskorps nach Frankreich entsandt. Nach dem Fiasko schickte man ihn nach Schottland, wo er eine Ausbildung zum Kommandosoldaten erhielt. Dort lernt er meine Mutter kennen und hatte das »Glück«, wegen Tuberkulose ausgemustert und in ein Sanatorium eingewiesen zu werden. Glück deshalb, weil das Kommandounternehmen in Norwegen scheiterte und er dabei sehr wahrscheinlich sein Leben verloren hätte. Er wurde im Jahr 1942 aus dem Kriegsdienst entlassen und heiratete meine Mutter, Lily Wood, die Tochter eines Tischlers aus der Kleinstadt Galashiels im Süden Schottlands.

Nachdem Leslie in Yorkshire nicht die Chance bekommen hatte, die Highschool zu besuchen, ging er auf die Abendschule. Dort eignete er sich Kenntnisse über Vermessungstechnik an, die im Bergbau nützlich waren. Während des allgemeinen Arbeitskräftemangels des Jahres 1942 machten ihn diese Fertigkeiten für eine Firma von Bauingenieuren in Edinburgh interessant, die ihn als Bürogehilfen einstellte. Er beschloss, selbst Bauingenieur zu werden, und, praktisch von Null anfangend, ein Jahrzehnt harte Arbeit zu investieren, die schließlich mit einem erfolgreichen Abschluss belohnt wurde. Die Kurse, insbesondere in Mathematik und Physik, verlangten ihm sehr viel ab. Die Abendschule, die er besuchte, die heutige Heriot-Watt University in Edinburgh, schickte mir unlängst seine Prüfungsergebnisse, und daraus geht hervor, wie sehr er sich abgequält haben muss.

Leslie trat eine Stelle als Wasserversorgungsingenieur in den Scottish Borders an. Er kaufte das kleine Landhaus, in dem die Großmutter meiner Mutter gelebt hatte und wo in früheren Zeiten Sir Walter Scott hin und wieder zu Gast gewesen sein soll. Für mich war der Umzug aus der Stadt Edinburgh – mit ihrem Dreck, dem Ruß und dem miserablen Wetter – in ein Dorf auf dem Land – mit seinen Wäldern, Hügeln und Forellenbächen und, im Sommer 1955, endlosem Sonnenschein – ein großer Ausbruch ganz eigener Art.

Mein Vater machte sich nun daran, in klassischer Manier dafür zu sorgen, dass es mir einmal besserginge als ihm. Irgendwie gelang es ihm, meine Lehrer zu überreden, mich außerhalb des regulären Unterrichts auf die Stipendiatsprüfung an einer renommierten Public School, also einer Privatschule, in Edinburgh vorzubereiten. Dort würde ich einer der zwei Schüler meines Jahrgangs werden, für die der Schulbesuch kostenlos war. Die Jahresgebühren überstiegen das Gehalt meines Vaters. Und schließlich studierte ich an der Universität Cambridge Mathematik und wurde später Professor für Wirtschaftswissenschaften, zuerst in Großbritannien und dann in Princeton in den Vereinigten Staaten. Meine Schwester studierte in Schottland und wurde Lehrerin.

Von meinen Dutzend Cousinen und Cousins waren wir die Einzigen, die eine Hochschule besuchten, und natürlich hatte niemand aus der vorherigen Generation auch nur eine solche Chance gehabt. Die beiden Enkel von Leslie leben in den Vereinigten Staaten. Meine Tochter ist Partnerin in einer erfolgreichen Firma für Finanzplanung in Chicago und mein Sohn Partner bei einem ebenso erfolgreichen Hedgefonds in New York. Beide erhielten eine umfassende und vielseitige Ausbildung an der Princeton University – die in ihrer Tiefe, ihrem breiten Spektrum an Möglichkeiten und ihrer Unterrichtsqualität meiner eigenen, wenig anregenden und sehr eingeschränkten Erfahrung als Student in Cambridge weit überlegen ist. Beide von ihnen genießen einen Lebensstandard, der weit über das hinausgeht, was sich Leslie einmal hätte vorstellen können – auch wenn er lange genug gelebt hat, um einen Großteil davon mitzuerleben und sich darüber zu freuen. Seine Urenkel leben in einer Welt des Wohlstands und der Chancen, die in dem Kohlenrevier von Yorkshire eine illusionäre Wunschvorstellung gewesen wäre. Der »Ausbruch« meines Vaters aus Thurcroft ist ein Beispiel für das, worum es in diesem Buch geht. Er wurde nicht in bittere Armut hineingeboren, auch wenn das nach heutigen Maßstäben so erscheint, und er beschloss sein Leben in relativem Wohlstand.

Ich habe keine Zahlen für die Bergarbeiterdörfer in Yorkshire, aber von 1000 Kindern, die im Jahr 1918 in England geboren wurden, haben über 100 ihren fünften Geburtstag nicht erlebt, und in Thurcroft war die Sterblichkeit vermutlich noch höher. Heute erleben Kinder in Subsahara-Afrika mit höherer Wahrscheinlichkeit ihren fünften Geburtstag als Kinder, die 1918 in England geboren wurden. Leslie und seine Eltern überlebten die große Grippe-Pandemie von 1918–1919, auch wenn sein Vater bereits in jungen Jahren von einer wegrollenden Lore in der Zeche getötet wurde. Auch der Vater meiner Mutter starb jung, an den Folgen einer Infektion, die er sich nach einer Blinddarmoperation zugezogen hatte. Doch obwohl Leslie schon in seiner Jugend Bekanntschaft mit Tuberkulose machte – dem »Weißen Tod« oder der »Weißen Pest«, wie man sie damals nannte –, wurde er 90 Jahre alt. Seine Urenkel haben gute Chancen, das 100. Lebensjahr zu erreichen.

Der Lebensstandard ist heute sehr viel höher als vor 100 Jahren, und mehr Menschen entgehen heute dem Tod in früher Kindheit und leben lange genug, um von diesem Wohlstand zu profitieren. Knapp 100 Jahre nach der Geburt meines Vaters sterben in Großbritannien nur noch fünf von 1000 Kindern in den ersten fünf Lebensjahren, und selbst wenn diese Zahl in der Region, die vom Kohlenrevier in Yorkshire übriggeblieben ist – die Zeche Thurcroft wurde im Jahr 1991 geschlossen – etwas höher liegt, beträgt sie doch nur noch einen Bruchteil der Sterblichkeit von 1918. Die Chance auf Bildung, die für meinen Vater so schwer erreichbar war, wird heute als selbstverständlich erachtet. Selbst in meinem Geburtsjahrgang hat noch nicht einmal jeder zehnte junge Brite studiert, während heutzutage die Mehrheit eine Hochschulausbildung hat.

Der »Ausbruch« meines Vaters und die Zukunft, die er für seine Kinder und Kindeskinder aufbaute, sind nicht ungewöhnlich, aber auch bei weitem nicht die Regel. Nur sehr wenige aus Leslies Geburtsjahrgang in Thurcroft haben eine berufliche Qualifikation erworben, die Schwestern meiner Mutter nicht, und auch nicht deren Ehemänner. Ihr Bruder und seine Familie wanderten in den 60er Jahren nach Australien aus, als sie nach der Stilllegung der Bahnlinie durch die Scottish Borders nicht mehr in der Lage waren, sich ihr Existenzminimum selbst durch ein ganzes Bündel von Handlangertätigkeiten zu sichern. Meine Kinder sind finanziell erfolgreich und gut abgesichert, aber sie (und wir) haben damit auch außergewöhnliches Glück. Die Kinder vieler gut ausgebildeter und finanziell erfolgreicher Menschen haben heute große Mühe, den gleichen Lebensstandard wie ihre Eltern zu erreichen. Für viele unserer Freunde ist die Zukunft ihrer Kinder und die Ausbildung ihrer Enkel ein permanenter Anlass zur Sorge.

Das ist die andere Seite der Geschichte. Obwohl mein Vater und seine Familie wie der damalige Durchschnitt der Bevölkerung länger lebten und materiell bessergestellt waren als ihre Vorfahren, war nicht jeder so motiviert oder strebsam wie mein Vater, und es hatte auch nicht jeder so viel Glück wie er. Mein Vater strengte sich unglaublich an, aber er hatte auch Glück – das Glück, nicht unter denjenigen zu sein, die im Kindesalter starben, das Glück, durch den Krieg aus der Zeche herauszukommen, das Glück, nicht am »falschen« Kommandounternehmen teilzunehmen, das Glück, nicht an Tuberkulose zu sterben, und das Glück, bei einer entspannten Lage auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden.

Ausbrüche lassen Menschen zurück, und das Glück ist manchen gewogen, anderen dagegen nicht. Es eröffnet Chancen, aber nicht jeder bringt die gleichen Voraussetzungen oder die gleiche Entschlossenheit mit, sie zu ergreifen. Die Geschichte des Fort chritts ist daher auch die Geschichte der Ungleichheit. Dies gilt ganz besonders heute, wo der Wohlstand etwa in den Vereinigten Staaten alles andere als gleich verteilt ist. Einigen wenigen geht es unbeschreiblich gut. Aber viele rackern sich ab. Auf der Welt insgesamt sehen wir das gleiche Muster des Fortschritts – von einigen, die »fortkommen«, und von anderen, die in schrecklicher Armut, Entbehrung, Krankheit und Tod zurückbleiben.

Dieses Buch befasst sich mit dem ewigen Spannungsverhältnis zwischen Fortschritt und Ungleichheit. Es beschreibt, wie der Fortschritt Ungleichheit erzeugt und wieso Ungleichheit manchmal nützlich sein kann (indem sie anderen den Weg weist oder Anreize dafür schafft, sich anzustrengen, um den Rückstand aufzuholen) und manchmal schädlich (wenn diejenigen, denen der Ausbruch gelungen ist, ihre Positionen dadurch schützen, dass sie die Fluchtwege hinter sich versperren). Diese Geschichte ist viele Male ausgebreitet worden – ich will sie aber hier so erzählen, wie es noch nie zuvor geschehen ist.

Der Gedanke liegt nahe, bei der Befreiung aus der Armut ginge es im Wesentlichen um Geld – darum, mehr Geld zur Verfügung zu haben und nicht mit der quälenden Angst leben zu müssen, ob man morgen noch genug haben wird, vielleicht weil eine Notlage eintritt, für die man finanziell nicht gewappnet ist und die womöglich den Betreffenden mitsamt seiner Familie in den Abgrund reißt.

Um Geld geht es tatsächlich. Aber genauso wichtig oder vielleicht sogar noch wichtiger sind eine bessere Gesundheit und die erhöhte Wahrscheinlichkeit, lange genug zu leben, um es zu einem gewissen Wohlstand zu bringen. Eltern, die mit der beständigen Angst und der realen Bedrohung leben, dass ihre Kinder sterben werden, oder Mütter, die zehn Kinder gebären, in der Hoffnung, fünf davon würden das Erwachsenenalter vielleicht erreichen, leiden unter entsetzlichen Entbehrungen, die die Geldsorgen vieler dieser Menschen noch verschlimmern. Die gesamte Geschichte hindurch und auch heutzutage noch sind überall auf der Welt Krankheit und Tod von Kindern, endlos wiederkehrende Erkrankungen von Erwachsenen und zermürbende Armut untrennbare Begleiter, die oftmals dieselben Familien heimsuchen, und zwar immer und immer wieder.

Viele Bücher erzählen die Geschichte des Wohlstands, und viele andere befassen sich mit dem Thema Ungleichheit. Daneben gibt es unzählige Bücher, die der Geschichte der menschlichen Gesundheit nachgehen und den engen Zusammenhang beleuchten, der zwischen Gesundheit und Wohlstand besteht, die zeigen, dass sich die Ungleichheit von Wohlstand in ungleicher Gesundheit widerspiegelt. Hier erzähle ich beide Geschichten zugleich, und ich hoffe, Demographen und Historiker werden einem Ökonomen erlauben, ihr angestammtes Terrain zu betreten. Aber man leistet der Geschichte des menschlichen Wohlstands, all jener Dinge also, die das Leben lebenswert machen, keinen guten Dienst, wenn man nur einen Teil von dem betrachtet, was wirklich von Bedeutung ist. Der Große Ausbruch hält sich daher nicht an die üblichen Grenzziehungen zwischen akademischen Fachgebieten.

Ich habe während meiner Laufbahn als Ökonom eine Menge intellektuelle Schulden angehäuft. Richard Stone war vielleicht derjenige, der mich am meisten beeinflusst hat. Er hat mir beigebracht, wie wichtig Messverfahren sind – wie wenig wir ohne exakte Messdaten aussagen können und wie sehr es darauf ankommt, richtig zu messen. Von Amartya Sen habe ich eine neue Sichtweise auf das erfahren, was das Leben lebenswert macht, und gelernt, dass wir das Wohlbefinden als etwas Ganzheitliches erforschen müssen und nicht nur Teile davon betrachten dürfen. Die Frage, wie man Wohlbefinden misst, steht im Zentrum dieses Buches.

Meine Freunde, Kollegen und Studenten waren so freundlich, verschiedene Fassungen des gesamten Manuskripts oder Teile davon zu lesen. Ihre klugen und kenntnisreichen Kommentare haben es unermesslich besser gemacht. Besonders dankbar bin ich denjenigen, die anderer Meinung sind als ich und die sich dennoch die Zeit genommen haben, nicht nur zu kritisieren und zu überzeugen, sondern auch zu loben und zuzustimmen, wenn sie es konnten. Ich danke Tony Atkinson, Adam Deaton, Jean Drèze, Bill Easterly, Jeff Hammer, John Hammock, David Johnston, Scott Kostyshak, Ilyana Kuziemko, David Lam, Branko Milanovic, Franco Peracchi, Thomas Pogge, Leandro Prados de las Escosura, Sam Preston, Max Roser, Sam Schulhofer-Wohl, Alessandro Tarozzi, Nicolas van de Walle und Leif Wenar. Mein Lektor bei Princeton University Press, Seth Ditchik, hat entscheidenden Anteil daran, dass ich das Projekt in Angriff nahm, und unterstützte mich von Anfang an auf vielfältige Weise.

An der Princeton University profitiere ich seit über 30 Jahren von einem exzellenten wissenschaftlichen Umfeld. Das National Institute of Aging und das National Bureau of Economic Research haben meine Forschungsarbeiten über Gesundheit und Wohlbefinden finanziell gefördert, und die Ergebnisse dieser Forschungen sind in dieses Buch mit eingeflossen. Ich habe häufig mit der Welt- bank zusammengearbeitet. Die Bank ist fortwährend mit drängenden praktischen Problemen konfrontiert, und die Kooperation mit ihr hat mich gelehrt, welche Fragen wichtig sind und welche nicht. In den letzten Jahren war ich außerdem als Berater für die Gallup Organization tätig, ein führendes US-amerikanisches Meinungsforschungsinstitut. Das Institut hat als Erstes weltweite Erhebungen über das Wohlbefinden durchgeführt, und einige der Informationen, die Gallup dabei zusammentrug, sind in den ersten Teil des Buches eingegangen. Ihnen allen bin ich dankbar.

Abschließend möchte ich mich ganz besonders bei Anne Case bedanken, die das Manuskript mehrfach gründlich gelesen hat. Ihr verdanke ich zahllose Verbesserungen, und ohne ihre unentwegte Ermunterung und Unterstützung würde es dieses Buch nicht geben.

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Einleitung

WORUM ES IN DIESEM BUCH GEHT

Das menschliche Leben ist heute besser als zu jedem früheren Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte. Mehr Menschen denn je sind wohlhabend und weniger Menschen als jemals zuvor leben in bitterer Armut. Die Lebenserwartung ist gestiegen, und Eltern müssen nicht mehr hilflos mitansehen, dass im Schnitt ein Viertel ihrer Kinder stirbt. Trotzdem erleben noch immer Millionen den Schrecken bitterer Not und vorzeitigen Todes. Die Ungleichheit in der Welt ist enorm.

Ungleichheit ist oftmals eine Folge des Fortschritts. Nicht jeder wird zur gleichen Zeit reich, und nicht jeder erhält sofort Zugang zu den neuesten lebensrettenden Maßnahmen, seien es nun sauberes Wasser, Impfstoffe oder neue Medikamente zur Vorbeugung gegen Herzkrankheiten. Ungleichheiten wirken ihrerseits auf den Fortschritt zurück. Entweder im guten Sinne, wenn indische Kinder sehen, was man durch Bildung erreichen kann, und dann ebenfalls zur Schule gehen. Oder im schlechten Sinne, wenn die Gewinner versuchen, andere daran zu hindern, ihnen zu folgen, indem sie die Leitern hinter sich hochziehen. Diejenigen, die es soeben zu Wohlstand gebracht haben, nutzen womöglich ihren Reichtum, um Politiker dazu zu bewegen, den Zugang zum öffentlichen Bildungs- oder Gesundheitswesen einzuschränken, auf den sie selbst nicht mehr angewiesen sind.

Dieses Buch erzählt Geschichten darüber, wie der Wohlstand langsam zunahm, wie und warum es zu Fortschritten kam und wie sich im Anschluss daran das Wechselspiel zwischen Fortschritt und Ungleichheit gestaltete.

Der berühmte Kinofilm Gesprengte Ketten über den Ausbruch von Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg basiert auf den Heldentaten von Roger Bushell (im Film Roger Bartlett, gespielt von Richard Attenborough), einem Südafrikaner in der Royal Air Force, der hinter deutschen Linien abgeschossen wurde, wiederholt ausbrach und immer wieder in Gefangenschaft geriet. Bei seinem dritten, in dem Film geschilderten Versuch floh er zusammen mit 250 Gefangenen durch Tunnels, die sie gemeinsam aus dem Lager Stalag Luft III nach draußen gruben. Gesprengte Ketten beschreibt die Planung des Ausbruchs, die Findigkeit beim Graben der drei »Tom«, »Dick« und »Harry« genannten Tunnels und das Improvisationstalent und hohe technische Geschick der Männer bei der Anfertigung von Zivilkleidung und dem Fälschen von Papieren, alles unter den Argusaugen der Bewacher. Alle bis auf drei der Kriegsgefangenen wurden jedoch schließlich wieder aufgegriffen und Bushell selbst auf persönlichen Befehl Hitlers hingerichtet. Doch das eigentliche Thema des Films ist nicht das weitgehende Scheitern dieses Ausbruchsversuchs, sondern das unauslöschliche Verlangen des Menschen nach Freiheit, selbst unter unglaublich widrigen Umständen.

Wenn ich in diesem Buch von Freiheit spreche, meine ich damit die Freiheit, ein gutes Leben zu führen und Dinge zu tun, die das Leben lebenswert machen. Der Mangel an Freiheit ist gleichbedeutend mit Armut, Entbehrung und schlechter Gesundheit – lange Zeit das Los eines Großteils der Menschheit und noch immer das Schicksal eines empörend hohen Prozentsatzes der heutigen Weltbevölkerung. Ich werde Geschichten von wiederholten Ausbrüchen aus dieser Art Gefängnis erzählen und beschreiben, wie es dazu kam und warum und was im Anschluss geschah. Es ist eine Geschichte des materiellen und physischen Fortschritts, des wachsenden Wohlstands und einer besseren Gesundheit – die Geschichte davon, wie Menschen die Ketten der Armut sprengen.

Der Titel meines Buches »Der Große Ausbruch« geht, wie bereits erläutert, auf den Film Gesprengte Ketten zurück; oft habe ich mich gefragt, wieso manche Kriegsgefangene keinen Ausbruchsversuch unternahmen. Alle Kriegsgefangenen hätten im Lager bleiben können, aber stattdessen brachen einige aus, einige starben, manche wurden ins Lager zurückgebracht, und andere haben sich in ihr Schicksal gefügt. Dies liegt in der Natur der meisten »großen Ausbrüche«: Nicht jeder schafft es, aber das macht den Ausbruch in keiner Weise weniger wünschens- oder bewundernswert. Doch wenn wir über die Folgen des Ausbruchs nachdenken, dürfen wir nicht nur an die Helden des Films denken, sondern müssen uns auch denjenigen zuwenden, die in Stalag Luft III und anderen Lagern zurückblieben. Weshalb sollten wir uns für sie interessieren? Der Film tat es jedenfalls nicht – sie sind nicht die Helden und spielen nur eine Nebenrolle. Es gibt keinen Film mit dem Titel Die ihre Ketten nicht sprengten.

Und doch sollten wir uns über sie Gedanken machen. Schließ- lich haben die allermeisten Kriegsgefangenen in deutschen Lagern keinen Ausbruchsversuch unternommen. Vielleicht hätte ihnen die Flucht geschadet, nämlich dann, wenn sie dafür bestraft oder ihnen gewisse Privilegien, die sie genossen, gestrichen worden wären. Man kann sich auch vorstellen, dass die Wachposten nach einem erfolgreichen Ausbruchsversuch alle weiteren Versuche erschwerten. Hat die Flucht ihrer Schicksalsgefährten die Kriegsgefangenen, die noch in den Lagern einsaßen, dazu angespornt, ihrerseits den Ausbruch zu versuchen? Sie hätten zweifellos von den Methoden der großen Ausbrecher lernen und womöglich deren Fehler vermeiden können. Oder nahmen ihnen die Schwierigkeiten und der sehr begrenzte Erfolg des Unternehmens jeglichen Mut? Vielleicht machte sie der Neid auf die Geflohenen und die düstere Einschätzung ihrer eigenen Chancen auch ganz unglücklich und niedergeschlagen, wodurch die Lagerhaft für sie noch unerträglicher wurde.

Wie bei allen guten Filmen gibt es noch andere Interpretationen. Die Freude über den erfolgreichen Ausbruch wird durch das Ende des Films fast zunichtegemacht, denn die meisten Geflohenen können ihre Freiheit nur kurz genießen.

Die Menschheit begann vor rund 250 Jahren die Ketten von Tod und Entbehrung zu sprengen, und diese Befreiung dauert bis heute an. Aber dies muss keineswegs immer so weitergehen, und viele Bedrohungen – Klimawandel, Politikversagen, Epidemien und Kriege – könnten diesem Prozess ein Ende bereiten. Tatsächlich gab es viele vormoderne »Ausbrüche«, bei denen genau diese Kräfte den steigenden Lebensstandard zerstörten. Wir können und sollten die Erfolge feiern, aber es gibt keinen Grund zu naivem Optimismus.

Viele bedeutende Episoden im Fortschritt der Menschheit haben ein Vermächtnis der Ungleichheit hinterlassen, auch diejenigen, die für gewöhnlich als äußerst segensreich beschrieben werden. Die Industrielle Revolution, die in Großbritannien im 18. und 19. Jahrhundert begann, setzte ein Wirtschaftswachstum in Gang, das Hunderte Millionen von Menschen aus materieller Not herausführte. Die andere Seite dieser Revolution ist das, was Historiker die »Große Divergenz« nennen: Großbritannien, nur wenig später gefolgt von Nordwesteuropa und Nordamerika, setzte sich vom Rest der Welt ab. Dadurch entstand jene gewaltige Kluft zwischen dem Westen und den übrigen Ländern, die sich bis heute nicht geschlossen hat.Die heutige weltweite Ungleichheit ist weitgehend das Produkt des modernen Wirtschaftswachstums.

Wir sollten keineswegs glauben, der Rest der Welt sei vor der Industriellen Revolution immer rückständig und schrecklich arm gewesen. Jahrzehnte vor Kolumbus war China fortschrittlich und reich genug, um unter dem Kommando von Admiral Zheng He eine Flotte aus riesigen Segelschiffen – Flugzeugträger im Vergleich zu den »Ruderbooten« des Kolumbus – zur Erkundung des Indischen Ozeans entsenden zu können. Noch 300 Jahre früher war die Stadt Kaifeng eine verräucherte Metropole mit einer Million Einwohnern, deren qualmende Hütten 800 Jahre später in Lancashire keinesfalls als Fremdkörper gewirkt hätten. Druckereien produzierten Millionen von Büchern, die so billig waren, dass auch arme Menschen sie sich leisten konnten. Aber diese Epochen dauerten in China wie auch andernorts nicht lang, und sie waren sicherlich kein Ausgangspunkt von stetig zunehmendem Wohlstand. Im Jahr 1127 wurde Kaifeng Opfer einer Invasion von Stämmen aus der Mandschurei, deren Dienste man unvorsichtigerweise in Anspruch genommen hatte, um einen Krieg zu führen (doch wenn man sich mit gefährlichen Verbündeten einlässt, sollte man sie auf jeden Fall gut bezahlen). Das Wirtschaftswachstum in Asien wurde immer wieder angeschoben und abgewürgt, von habgierigen Herrschern, Kriegen oder beidem. Erst in den letzten 250 Jahren hat langfristiges und anhaltendes Wirtschaftswachstum in einigen Regionen der Welt – und dessen Fehlen in anderen – zu einer dauerhaften Kluft zwischen Ländern geführt. Das Wirtschaftswachstum war die treibende Kraft der internationalen Einkommensungleichheit.

Die Industrielle Revolution und die »Große Divergenz«« gehören zu den eher positiven »Ausbrüchen« in der Geschichte. Es gibt viele Fälle, in denen der Fortschritt in einem Land auf Kosten eines anderen ging. Vom Zeitalter der Imperien im 16. und 17. Jahrhundert, das der Industriellen Revolution vorausging und sie mitverursachte, haben viele Menschen in England und den Niederlanden profitiert – den Ländern, die bei diesem Gerangel der Mächte am besten abschnitten. Um das Jahr 1750 herum verdienten ungelernte Arbeiter in London und Amsterdam deutlich mehr als ihre Kollegen in Delhi, Peking, Valencia und Florenz. Englische Arbeiter konnten sich sogar ein paar Luxusartikel leisten, etwa Zucker und Tee. Aber den Völkern in Asien, Lateinamerika und der Karibik, die erobert und ausgeplündert wurden, hat man nicht nur damals Schaden zugefügt. Oftmals wurden ihnen auch wirtschaftliche und politische Institutionen aufgebürdet, die sie zu jahrhundertelanger Armut und Ungleichheit verdammten.

Die heutige Globalisierung geht, wie Globalisierungen früherer Zeiten, mit wachsendem Wohlstand und zunehmender Ungleichheit einher. Länder, die vor nicht allzu langer Zeit noch arm waren, wie China, Indien, Korea oder Taiwan, haben sich die Globalisierung zunutze gemacht und sind rasch gewachsen, viel schneller als die heutigen reichen Länder. Gleichzeitig haben sie sich von noch ärmeren Ländern abgesetzt, viele davon in Afrika, was neue Ungleichheiten geschaffen hat. Während einige die Ketten sprengen, bleiben andere zurück. Die Globalisierung und neue Produktionsweisen haben zu einer ständigen Zunahme des Wohlstands in reichen Ländern geführt, auch wenn die Wachstumsraten heute niedriger sind – nicht nur im Vergleich zu den schnell wachsenden armen Ländern, sondern auch zu den früheren Verhältnissen in den reichen Ländern selbst.

Mit sinkender Wachstumsgeschwindigkeit klafft auch die Einkommensschere zwischen den Menschen innerhalb der meisten Länder immer weiter auseinander. Ein paar Glückliche haben ungeheure Vermögen angehäuft und frönen einem Lebensstil, der selbst die größten Könige und Kaiser der vergangenen Jahrhunderte in den Schatten stellt. Dagegen hat sich bei den meisten anderen Menschen die materielle Lage nur geringfügig verbessert, und in einigen Ländern – darunter den Vereinigten Staaten – geht es Menschen in der Mitte der Einkommensverteilung nicht besser als ihren Eltern. Sie stehen finanziell natürlich viel besser da als noch frühere Generationen. Man kann nicht sagen, sie hätten die Fesseln der Armut nicht abgestreift. Dennoch haben viele Menschen heute gute Gründe, sich besorgt zu fragen, ob ihre Kinder und Enkelkinder die Gegenwart im Rückblick weniger als eine Zeit des relativen Mangels denn als ein lange untergegangenes goldenes Zeitalter betrachten werden.

Wenn Ungleichheit die Dienerin des Fortschritts ist, dann machen wir einen großen Fehler, wenn wir nur den durchschnittlichen Fortschritt oder, schlimmer noch, nur den Fortschritt der Erfolgreichsten betrachten. Die Industrielle Revolution wurde uns als eine Geschichte dessen erzählt, was in den führenden Ländern geschah. Aber den Rest der Welt klammerte man einfach aus – als würde sich dort nichts ereignen, oder als sei dort noch nie etwas geschehen. Damit tat man nicht nur dem größten Teil der Menschheit Unrecht, man ignorierte obendrein auch noch die erzwungenen Beiträge derjenigen, denen man Schaden zufügte oder die man, bestenfalls, zurückließ. Ein objektiver Ansatz, die »Entdeckung« der Neuen Welt zu beschreiben, verlangt von uns, nicht nur die Auswirkungen zu betrachten, die sie auf die Alte Welt hatte. Innerhalb von Ländern sagt die durchschnittliche Rate des Fortschritts, wie etwa die Wachstumsrate des Volkseinkommens, nichts darüber aus, ob das Wachstum dem Gros der Bevölkerung zugutekommt – wie es in den Vereinigten Staaten in den ersten 25 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war – oder ob nur eine kleine Gruppe sehr vermögender Personen davon profitiert – wie es in jüngerer Zeit geschah.

Ich erzähle die Geschichte des materiellen Fortschritts, aber diese Geschichte dreht sich sowohl um Wachstum als auch um Ungleichheit.

Die Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands innerhalb der Bevölkerung ist genauso eindrucksvoll wie die Zunahme des Wohlstands. Im vergangenen Jahrhundert ist die Lebenserwartung in den reichen Ländern um 30 Jahre gestiegen, und sie nimmt weiterhin alle zehn Jahre um zwei bis drei Jahre zu. Kinder, die früher vor ihrem fünften Geburtstag gestorben wären, erreichen heute ein hohes Alter, und Erwachsene in mittleren Lebensjahren, die früher an einer Herzkrankheit gestorben wären, sehen heute ihre Enkelkinder heranwachsen und studieren. Unter all den Dingen, die das Leben lebenswert machen, gehören zusätzliche Lebensjahre gewiss zu den wertvollsten.

Auch hier hat der Fortschritt Ungleichheiten hervorgebracht. Das Wissen, dass Tabakkonsum tödlich ist, hat in den vergangenen 50 Jahren Millionen von Menschenleben gerettet, aber es waren gebildete, vergleichsweise wohlhabende Akademiker, die als Erste mit dem Rauchen aufhörten und so ein »Gesundheitsgefälle« zwischen Reich und Arm schufen. Die Erkenntnis, dass Krankhei- ten durch Erreger verursacht werden, war um das Jahr 1900 herum noch völlig neu, und Akademiker und gebildete Menschen waren die Ersten, die dieses Wissen im Alltagsleben beherzigten. Wir wissen seit fast 100 Jahren, wie man mit Hilfe von Impfstoffen und Antibiotika das Leben von Kindern retten kann, und trotzdem sterben alljährlich noch immer rund zwei Millionen Kinder an Krankheiten, die sich durch Impfstoffe verhüten lassen. Reiche werden in modernsten Kliniken in São Paulo oder Neu-Delhi mit den neuesten Therapieverfahren behandelt, während nur ein, zwei Kilometer entfernt arme Kinder an Unterernährung und leicht zu verhütenden Krankheiten sterben. Die Erklärung dafür, warum der Fortschritt solche Ungleichheiten hervorbringt, ist von Fall zu Fall verschieden. Dass arme Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit rauchen, hat nicht die gleiche Ursache wie die Tatsache, dass so viele arme Kinder nicht geimpft werden. Wir werden darauf später genauer eingehen, vorerst wollen wir lediglich festhalten, dass der gesundheitliche Fortschritt Gesundheitsungleichheiten erzeugt, so wie der materielle Fortschritt Lebensstandards immer weiter auseinanderklaffen lässt.

Diese »Gesundheitsungleichheiten« sind eine der größten Ungerechtigkeiten in unserer heutigen Welt. Wenn neue Erfindungen oder neue Erkenntnisse gemacht werden, muss irgendjemand der Erste sein, der davon profitiert, und die Ungleichheiten, die dadurch entstehen, dass man eine Zeitlang warten muss, sind ein angemessener Preis für den Fortschritt. Es wäre absurd zu wünschen, die Erkenntnisse über die gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens wären unter Verschluss gehalten worden, nur um neue gesundheitliche Ungleichheiten zu verhindern. Dennoch rauchen Arme noch immer mit höherer Wahrscheinlichkeit als Reiche, und die Kinder, die heute in Afrika sterben, wären selbst vor 60 Jahren in Frankreich oder den Vereinigten Staaten nicht mehr gestorben. Weshalb bestehen diese Ungleichheiten fort, und was können wir gegen sie tun?

In diesem Buch geht es vor allem um zwei Themen: materielle Lebensstandards und Gesundheit. Sie sind nicht die einzigen Dinge, die für ein gutes Leben wichtig sind, aber sie sind grundlegende Dinge. Wenn man Gesundheit und Einkommen gemeinsam betrachtet, vermeidet man einen Fehler, der heutzutage, wo das Wissen spezialisiert ist und jedes Fachgebiet seine eigene eng beschränkte Sichtweise des menschlichen Wohlergehens hat, allzu häufig gemacht wird. Volkswirte konzentrieren sich auf das Einkommen, Gesundheitsexperten auf die Mortalität (Sterblichkeit) und die Morbidität (Erkrankungshäufigkeit), während sich Demographen vor allem für Geburten, Todesfälle und die Größe von Populationen interessieren. All diese Faktoren tragen zum Wohlbefinden bei, aber keiner davon ist das Wohlbefinden. Die Aussage versteht sich eigentlich von selbst, aber die Probleme, die daraus erwachsen, sind weniger offenkundig.

Ökonomen – mein eigener Berufsstand – glauben, den Menschen ginge es besser, wenn sie mehr Geld zur Verfügung haben. Das stimmt zwar, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn also ein paar Menschen viel mehr Geld bekommen und die Mehrzahl wenig oder gar nichts, ohne dabei schlechter wegzukommen als vorher, behaupten Ökonomen in der Regel, der Wohlstand insgesamt habe zugenommen. Und tatsächlich ist die Idee, dass »finanziell besser gestellt« gleichbedeutend mit »besser« sei, sehr verführerisch (sie wird auch »Pareto-Kriterium« genannt). Allerdings wird diese Idee gänzlich untergraben, wenn man das Wohlbefinden allzu eng definiert. Das Wohlergehen der Menschen, nicht nur ihr materieller Lebensstandard, muss sich verbessern oder darf sich zumindest nicht verschlechtern. Einmal angenommen, die Reichen würden von der Politik begünstigt werden oder das öffentliche Gesundheits- oder Bildungswesen untergraben, so dass diejenigen, denen es weniger gutgeht, in der Politik oder im Gesundheits- oder Bildungswesen schlechter dastehen. In diesem Fall mögen diejenigen, denen es weniger gut ergangen ist, zwar mehr Geld erhalten, aber sie sind nicht bessergestellt. Man kann eine Gesellschaft oder eine gerechte Verteilung nicht allein anhand des Lebensstandards messen. Trotzdem wenden Volkswirte das Pareto-Argument regelmäßig und zu Unrecht auf das Einkommen an und ignorieren dabei andere Aspekte des Wohlbefindens.

Selbstverständlich ist es ebenfalls ein Fehler, Gesundheit oder irgendeinen anderen Teilaspekt des Wohlbefindens isoliert zu betrachten. Es ist eine gute Sache, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu verbessern und sicherzustellen, dass diejenigen, die medizinischer Behandlung bedürfen, diese auch erhalten. Aber wir können keine Prioritäten im Gesundheitswesen festlegen, ohne auf deren Kosten zu achten. Und wir sollten auch Langlebigkeit nicht als ein Maß des sozialen Fortschritts heranziehen. Es ist besser, in einem Land mit hoher Lebenserwartung zu leben, aber nicht, wenn dort eine totalitäre Diktatur herrscht.

Wohlbefinden lässt sich nicht anhand des »durchschnittlichen Wohlbefindens« beurteilen, ohne Ungleichheit in den Blick zu nehmen, und Wohlbefinden als Ganzes lässt sich auch nicht anhand einer oder mehrerer seiner Teilaspekte beurteilen. Wenn dieses Buch viel länger wäre und ich, sein Autor, ein viel größeres Wissen besäße, würde ich über weitere Aspekte des Wohlbefindens schreiben, etwa Freiheit, Bildung, Selbstbestimmung, Würde und die Fähigkeit zu gesellschaftlicher Teilhabe. Aber es genügt schon, dass wir uns im selben Buch mit Gesundheit und Einkommen befassen, um den Fehler zu vermeiden, der daraus entsteht, nur das eine oder das andere zu betrachten.

Es bestehen kaum Zweifel, dass unsere Vorfahren gern all das gehabt hätten, was wir heute besitzen, wenn sie sich unsere Welt hätten vorstellen können. Und nichts spricht dafür, dass sich Eltern jemals daran gewöhnen werden, ihre Kinder sterben zu sehen. (Wenn Sie mir nicht glauben, sollten Sie – als einen Bericht von vielen – Janet Brownes Schilderung der Qualen lesen, die Charles Darwin durchlitt, als seine beiden ersten Kinder starben.) Der Wunsch, Leid und Not zu entkommen, ist immer vorhanden. Aber er geht nicht immer in Erfüllung. Neue Erkenntnisse, neue Erfindungen und neue Methoden sind die Schlüssel zum Fortschritt.

Manchmal geht die Inspiration von einsamen Erfindern aus, die sich etwas vollkommen Neues ausdenken. Meistens aber sind neue Vorgehensweisen und Methoden Nebenprodukte von etwas anderem. So hat etwa das Lesen enormen Auftrieb erfahren, als die Protestanten angehalten wurden, die Bibel selbst zu studieren. Noch häufiger bringt das soziale und ökonomische Umfeld Innovationen hervor, die einen konkreten Bedarf befriedigen. Die Löhne in Großbritannien waren hoch, nachdem das Land im Zeitalter der Imperien prosperierte, und diese hohen Löhne boten zusammen mit den reichen Kohlevorkommen Anreize für Tüftler und Fabrikanten, jene Erfindungen zu machen, die die Industrielle Revo- lution antrieben. Die britische Aufklärung mit ihrem unermüdlichen Streben nach Selbstverbesserung, lieferte den fruchtbaren intellektuellen Boden für jene Erfindungen. Die Cholera-Epidemien im 19. Jahrhundert gaben den Anstoß zu bahnbrechenden Entdeckungen, die schließlich in der Keimtheorie der Krankheitsentstehung gipfelten. Intensive Forschungsanstrengungen im Rahmen der HIV/AIDS-Pandemie führten zur Entdeckung des Virus und zur Entwicklung von Medikamenten, die die Krankheit zwar nicht heilen, aber die Lebenserwartung der Infizierten deutlich verlängern. Allerdings gibt es auch Fälle, in denen die Inspiration ausblieb und Bedürfnisse und Anreize keine magische oder auch nur eine banale Lösung produzierten. Die Malaria plagt die Menschen seit Zehntausenden von Jahren, vielleicht sogar seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte, und wir haben noch immer keine 100-prozentig wirksame Präventions- oder Behandlungsmethode. Die Not mag die Mutter der Erfindung sein, aber nichts garantiert eine erfolgreiche Schwangerschaft.

Auch Ungleichheit beeinflusst den Erfindungsprozess, manchmal zum Positiven und manchmal zum Negativen. Die Leiden der sozial Benachteiligten sind eine dringliche Aufforderung, neue Wege zu finden, um die Kluft zu schließen, und sei es auch nur, weil die Tatsache, dass einige keinen Mangel leiden, beweist, dass Entbehrung kein Naturgesetz ist. Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung der oralen Rehydratationstherapie in den Flüchtlingslagern von Bangladesch während der 1970er Jahre. Millionen von Kindern, die an Durchfall litten, wurden hier durch eine billige und leicht herzustellende Trinklösung vor Dehydrierung und drohendem Tod bewahrt.

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12:33 19.01.2017

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Zentrales Thema

Zentrales Thema

Biographie Angus Deaton ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Princeton University und einer der weltweit führenden Ökonomen. 2015 erhielt er den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis
Wechselwirkung

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Einblicke Die Zusammenhänge zwischen Fortschritt und Ungleichheit sind ein zentraler Aspekt in der Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System. Versuch einer Sammlung
Bruchstellen

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Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "De­a­ton geht den Grün­den für den Fort­schritt nach, der das Le­ben der Men­schen in den ver­gan­ge­nen 250 Jah­ren so nach­hal­tig verbes­ser­te wie nie zu­vor. Aber eben nicht aller."