Weltweites Problem

Leseprobe "Diese Krise stellt uns vor neue Herausforderungen und kann nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden. Vielmehr zwingt sie uns zu einer globalen Antwort auf vielen Ebenen."
Weltweites Problem
Foto: Moadh Al-Dulaimi/AFP/Getty Images

Einleitung

Die Hügel von Raqqa, die ausgetrockneten und steinigen Felsschluchten des Euphrat­-Tals, die Jezira – all das erlangte an einem verfluchten Morgen im August 2014 traurige Berühmtheit. Der Film im Internet zeigt eine mit einem orange­ farbenen Overall bekleidete Geisel. Der Henker verhöhnt sie und lässt sein Messer aufblitzen. Eine kurze Predigt als äu­ßerste Provokation, dann die letzte Botschaft des Opfers an seine Familie. – Eine weitere Ermordung unter der Sonne Syriens.

Die makabre Inszenierung der Hinrichtung von James Foley hat die von ihren Machern erhoffte Wirkung noch übertroffen. Sie hat den Westen geschockt. Die großen Ferien waren zu Ende. Obama berief eine Krisensitzung ein; Cameron brach seinen Urlaub ab. Nach drei Jahren des Wartens, der Untätigkeit, der Unentschlossenheit erschien plötz­lich und ungebeten die Gewalt auf unseren Bildschirmen. Sie zwang uns zu einer Reaktion. Der Islamische Staat trat auf den Plan.

Dabei hatten wir diesen Islamischen Staat seit seiner mehr oder weniger gütlichen Trennung von der Organisation Jabhat al ­Nusra, dem offiziellen Handlanger von al­ Qaida in Sy­rien, doch kommen sehen. Diese unerbittliche Entwicklung ging mit einer Entfesselung der Gewalt, der Zersplitterung der Opposition, mit wachsender Hoffnungslosigkeit und Frustration einher. Im Frühjahr hatten wir geglaubt, seine Entwicklung würde eine Atempause einlegen, während sich die bewaffneten Gruppen in Syrien in Bruderkämpfe ver­strickten, aber die Verschlechterung der Situation im Irak gab ihm neuen Auftrieb. Der Islamische Staat eroberte beinah mühelos die Stadt Mosul und errichtete dann ein Kalifat. Bes­ser gesagt, er führte es wieder ein, denn das Kalifat hatte in der Geschichte des Islams bis 1924 ununterbrochen bestanden.

Auf einen Schlag – durch diese Hinrichtung in der syri­schen Wüste – war es, als ob wir uns der Herausforderung bewusst würden, die zugleich von Syrien, vom Irak und von dieser sich ›Islamistischer Staat‹ nennenden Gruppierung ausgeht. Tote hatte es bereits zu Tausenden, zu Hunderttau­senden gegeben. Aber dieser eine traf uns mit voller Wucht. Es ging nicht mehr um Syrer oder Araber, die sich gegenseitig umbringen. Es ging um unsere eigenen Leute, um westliche Beteiligte. Mitten im syrischen Bürgerkrieg war ein Amerika­ner aus New Hampshire von einem Briten aus dem Osten Londons kaltblütig ermordet worden.

Nimmt man allein die syrische Krise zum Maßstab, so sind die Schäden beträchtlich: Eine halbe Million Schwerverletzte, zweihunderttausend Vermisste, eingesperrte Kämpfer und Zivilisten werden gefoltert. Sie kehren sicherlich nie mehr zurück. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung des Landes ist in Mitleidenschaft gezogen. Fast die Hälfte der Syrier musste ihr Zuhause verlassen. In Massen sammeln sich Flüchtlinge oder Vertriebene in unsicheren Lagern. Wie soll man die ver­schiedenen Bruchstücke der syrischen Gesellschaft nach ei­nem solchen Ausbruch von Gewalt und Ausschreitungen wie­der zusammenfügen?

Die irakische Gesellschaft wurde auf das Heftigste erschüttert. In den letzten 35 Jahren hat sie einen schrecklichen Krieg gegen den Iran erlebt, eine zerstörerische internationale Inter­vention, gefolgt von einem kriminellen Embargo, dann von einer neuen Invasion und den Qualen einer schlecht zu Ende geführten Besatzung. In der Regel lässt der wieder abrückende Eindringling die drängendsten Fragen unbewältigt zurück.

Der Abzug der letzten amerikanischen Truppen hat 2011 paradoxerweise für eine neue Periode der Instabilität unter der Fuchtel des sehr autoritären und fanatischen Premierministers Nuri al­ Maliki gesorgt, so dass in weiten Teilen des Iraks die amerikanische Besatzung von einer noch heimtückischeren Art der Besatzung abgelöst wurde – einer ›Selbst­-Besatzung‹, der Besatzung eines Landes durch seine eigenen Sicherheits­kräfte. Es war ein seltsames Spektakel, diese irakischen Solda­ten zu sehen, wie sie Straßensperren bewachen und dabei die Bevölkerung von oben herab mit Blicken mustern, wie sie die Haltung ihrer amerikanischen Vorgänger nachäffen.

Diskriminierung, Ausgrenzung, Parallelgesellschaften. Das ist die explosive Mischung des Islamischen Staates. Im Westen wird er zu einer Option für junge Leute in der Identitätskrise, die nach einer Möglichkeit suchen, ihrem Widerstand gegen die Ungerechtigkeit und Widersprüchlichkeit der Welt Aus­druck zu verleihen. In der Region Syrien­/Irak findet er seine Anhänger innerhalb der Bevölkerung, die Gewalt und Hoff­nungslosigkeit ausgesetzt ist. Die Schwäche der einzelnen Staaten ist das Einfallstor für diese Gruppe, die dort ihren Nährboden findet.

Damit stellt uns diese Krise vor neue Herausforderungen. Sie zwingt uns zu einer globalen Antwort. Eine Reaktion, die sich einzig auf die Arbeit der Polizei, der Justiz und des Geheimdienstes stützte, wäre zum Scheitern verurteilt. Eine allei­nige Militäroperation wäre es ebenfalls, mit welchen Mitteln auch immer ausgestattet. Denn abgesehen von der verborge­nen Arbeit der Spezialeinheiten, ist der Einsatz von Boden­truppen ausgeschlossen, solange niemand sich daran beteili­gen will. Wenn die Frustration junger Leute aus unseren Vorstädten sich mit der Wut der Einwohner des Euphrat-­Tals verbindet, die von den Sicherheitskräften ihres eigenen Landes verfolgt werden, ist klar, dass alle öffentlichen Akteure zusam­menarbeiten müssen. Die Diplomatie muss Druck ausüben, um einen politischen Umbruch in den betroffenen Haupt­städten zu erzwingen. Humanitäre Organisationen müssen handeln, denn es gibt keinen besseren Nährboden für Extre­mismus als die Hoffnungslosigkeit ganzer Bevölkerungen.

Zugegebenermaßen wird das eine schwierige Aufgabe. Mächte mit gegensätzlichen Interessen mischen in der Krise in Syrien und im Irak mit. Sie erhoffen sich die Stärkung ihrer Position. Eine Achse verbindet Moskau mit Teheran in dem geteilten Gefühl, es gehe dort um das eigene Überleben. Die Monarchien der Golfstaaten sehen dort eine Möglichkeit, dem Einfluss des »schiitischen Halbmonds« entgegenzuwir­ken und gleichzeitig die konservativen Kräfte des Arabischen Frühlings zu stärken. Die Türkei musste zunächst ihr diplo­matisches Modell der guten Nachbarschaft zu Grabe tragen und versucht inzwischen die kurdischen Ansprüche im Keim zu ersticken und gleichzeitig den Zulauf der Dschihadisten in Schach zu halten, ohne dabei dem Umstand Rechnung zu tra­gen, dass die Menschen in der Region ihren neo­ottomani­schen Imperialismus misstrauisch beobachten. Der Westen betrachtet die Krise wie so oft vor allem unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit. Besonders besorgt zeigt er sich um die Sicherheit Israels. Der Westen bleibt verstrickt in Widersprü­che, sobald er aufgefordert ist, zu den unumgänglichen Fragen nach den Menschenrechten und dem Schutz der zivilen Be­völkerung klar Stellung zu beziehen.

Diese Region der Welt ist die Wiege unserer Zivilisation. Im Zweistromtal zwischen den beiden Flüssen Euphrat und Tigris wurde die Schrift erfunden. Hier wurde sie erstmals für die Kulturtechniken Literatur, Rechnen, Recht und Handel ge­nutzt. Hier wurde der Grundstein für Medizin und Philoso­phie gelegt. Hier haben die Menschen gelernt, gemeinschaft­lich zusammenzuleben, um die Natur zu beherrschen. Hier wurde die Basis für das Staatswesen und die Verwaltung ge­schaffen.

Während der Monate meiner Gefangenschaft in den Kellern des Islamischen Staates ging ich in Gedanken immer wieder durch das Berliner Pergamonmuseum. Mit geschlossenen Au­gen stellte ich mir das Ishtar­-Tor vor, die Fragmente des Gil­gamesch-­Epos, die Tafeln und kleinen Rollen mit den ältesten uns erhaltenen Schriftzeichen. Und das prächtige Aleppo­-Zimmer! Ich erinnerte mich auch an meinen Besuch der Zik­kurat von Ur im Süden des Iraks zwei Jahre zuvor oder an meine Reportage im Haus des Propheten Abraham, das von Saddam Hussein recht ungeschickt rekonstruiert worden war. Ich war beseelt von diesen Erinnerungen an die sumerische, hethitische, babylonische, assyrische Kultur, aber auch an das abbasidische und das omejadische Kalifat, das ein deutlich aufgeklärteres war als dasjenige des schrecklichen »Kalifen Ibrahim«.

Welch eine gewaltige Diskrepanz zwischen der Unmenschlichkeit dessen, was ich erlebt habe, und dem Reichtum, den diese Kulturen in unserer gemeinsamen Geschichte hinterließen.

Aber wir sollten uns vergegenwärtigen, was die Dschihadisten vergessen haben, was selbst die Machthaber dieser Länder, in denen das Kulturerbe leichtfertig verwüstet wird, vergessen ha­ben: Der Irak und Syrien sind die Wiege unserer Zivilisation. Es sind unsere Wurzeln, die durch den gegenwärtigen Konflikt zer­stört werden. Wenn diese Weltgegend zusammenbricht, ist auch unsere Welt bedroht.

09:59 19.05.2016

Buch der Woche: Weitere Artikel


Vor Ort

Vor Ort

Biographie Der freie Journalist Nicolas Hénin hat einen Großteil seiner Karriere im Irak und in Syrien verbracht. 2013 wurde er von Dschihadisten entführt und konnte nach 10 Monaten befreit werden
Ursache und Wirkung

Ursache und Wirkung

Einblicke Der sogenannte Islamische Staat kann längst nicht mehr als singuläres Phänomen betrachtet werden. Vielmehr ist er das Resultat weltweiter Zusammenhänge, die uns alle betreffen
Besonnener Blick

Besonnener Blick

Netzschau Rezensionen und Stimmen aus dem Netz: "Die Analyse, die der Journalist Nicolas Hénin in seinem Buch vorlegt, entspricht seinem Auftreten: zurückhaltend, ruhig, nie belehrend."