Ausnahmesituation

Leseprobe "Nach und nach begannen wir, über die grundlegendsten und intimsten Dinge zu sprechen, Dinge, über die er sich womöglich nicht einmal mit seiner Familie ausgetauscht hatte."
Ausnahmesituation
Foto: Mario Tama/Getty Images

Vorwort

Es war seltsam, das erste Mal in Campo Grande zu landen. Die Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso do Sul liegt rund 400 Kilometer östlich des Punktes, an dem Brasilien, Paraguay und Bolivien aufeinandertreffen. Etwa genauso weit ist sie vom nördlich liegenden Pantanal entfernt, dem größten tropischen Sumpfgebiet der Erde. Zunächst fühlte ich mich, als sei ich gar nicht in Brasilien.

Die Stadt, nur knapp über hundert Jahre alt und am Reißbrett entworfen, ist von breiten, mit Bäumen gesäumten Avenidas durchzogen. Ich staunte über die Vielzahl der Geschäfte und ihre gewaltigen Schaufenster. In den Metzgereien waren buchstäblich Dutzende von Rinderhälften ausgestellt. Ein John-Deere-Händler präsentierte gleich mehrere Traktoren-Reihen hintereinander. Ich fühlte mich viel eher an das ländliche Texas der 1960er Jahre erinnert, als an das sinnliche Rio de Janeiro oder das geschäftige São Paulo.

Wenn man am klar definierten Stadtrand die hoch aufragenden Gebäude hinter sich lässt, sieht man sich mit einem derart roten Erdreich konfrontiert, dass man glaubt, es sei hingemalt. Der Kontrast zu dem satten Grün der Vegetation verwandelt die Umgebung fast schon in eine Comic-Landschaft.

Genau dort, wo auf einmal alles nur mehr grün und rot ist, nahm ich eine unbeschilderte Abzweigung von der südlichen Stadtumfahrung. Auf dem unbefestigten Weg musste ich erst an ein paar Ölfässern vorbei, bevor ich schließlich einen Drahtzaun erreichte. Von hier aus war fast das ganze Staatliche Hochsicherheitsgefängnis zu sehen. Nicht nur die moderne Bauweise der Anlage beeindruckte mich, auch die in blassen Rot- und Gelbtönen gehaltenen Außenmauern waren auffallend.

Nachdem sich das erste Tor automatisch geöffnet hatte, musste ich nur noch ein letztes Hindernis überwinden – die Panzersperren. Die Kunst des Gefängnisausbruchs hat in Brasilien eine reichhaltige Geschichte, kein Wunder also, dass Campo Grande in diesem Punkt kein Risiko eingeht. Bei dem Gebäudekomplex handelt es sich um eine von vier über dieses riesige Land verteilten Spezialeinrichtungen, welche speziell für die als extrem gefährlich eingestuften Kriminellen gebaut wurden. Campo Grande besitzt keinerlei Ähnlichkeit mit den berühmteren Städten Brasiliens, und auch sein Gefängnis ist anders als die meisten anderen.

Zunächst einmal war das Wachpersonal durchweg freundlich und höflich. Einige konnten ziemlich gut Englisch, was im Landesinneren von Brasilien eher ungewöhnlich ist. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten gaben sie sich die größte Mühe, mich bei allem zu unterstützen.

Es gab keinerlei Anzeichen für das Elend, die Überbelegung oder die latente Gewalt, die mit dem Strafvollzug meist in Verbindung gebracht wird. Campo Grande strahlt eine Aura von Ordnung und Vorhersehbarkeit aus. Der Gefängnisalltag ist für die Insassen kein Zuckerschlecken, aber es liegen weder Berichte über Menschenrechtsverletzungen noch Beschwerden über willkürliche Gewaltanwendung vor. Nicht ein einziger Insasse der vier Spezialeinrichtungen wurde Opfer eines Mordversuchs vonseiten eines Mithäftlings, und es kam bislang auch zu keinem registrierten Ausbruchsversuch. In den anderen Gefängnissen des Landes ist so etwas fast schon an der Tagesordnung.

Der Hauptgrund für die ungewöhnlich straffe Gefängnisverwaltung liegt in der Prominenz der Häftlinge. In der Vergangenheit konnten berüchtigte Bankräuber oder Bosse von Drogenkartellen selbst noch vom Gefängnis aus ihren Geschäften nachgehen. In den Stadt- und Bezirksgefängnissen ist es völlig normal, die schlecht bezahlten Wächter zu schmieren, damit sie nicht so genau hinsehen, wenn Mobiltelefone, Drogen, Spielkonsolen, Fernsehgeräte oder auch Frauen hineingeschmuggelt werden.

Abgesehen von Briefen, die einer strengen Kontrolle unterliegen, können die Häftlinge von Campo Grande nur über ihre Anwälte oder die wenigen zugelassenen Familienmitglieder mit der Außenwelt kommunizieren. Das stellt selbst für extrem gut organisierte Kriminelle ein echtes Hindernis dar.

Nachdem ich meine persönlichen Gegenstände in einem Spind eingeschlossen hatte, musste ich ein paar Sicherheitskontrollen und biometrische Checks über mich ergehen lassen. Mitnehmen durfte ich meine Uhr, meine Brille und, mit amtlicher Spezialgenehmigung, mein digitales Aufnahmegerät – sonst nichts. Erst nach mehrmaliger Überprüfung dieser Sachen führten mich zwei Bundespolizisten in einen zirka drei mal sechs Meter großen Raum.

Links befand sich ein Schreibtisch mit einem Computer und einer Videokamera darauf. Die rechte Wand war mit einem Tuch abgehängt, auf dem in großen Buchstaben Sistema Penitenciário Federal (Bundesgefängnisbehörde) stand.

Der Raum war normalerweise für Häftlinge vorgesehen, um von hier aus per Videoschaltung an ihrer Gerichtsverhandlung teilzunehmen – sei es in Rio de Janeiro, São Paulo, Manaus oder Recife.

Mir gegenüber saß der Mann, wegen dem ich gekommen war – Antônio Francisco Bonfim Lopes. Bis zu seiner Inhaftierung im November 2011 war er der meistgesuchte Verbrecher Rio de Janeiros, wenn nicht sogar ganz Brasiliens. In seiner Heimat ist er allerdings nicht unter seinem richtigen Namen bekannt, sondern unter dem Spitznamen Nem, oder wie er auf Portugiesisch vollständig lautet, O Nem da Rocinha – Nem aus Rocinha.

Das erste Mal hatte ich von Nem im Jahr 2007 gehört, als ich an einer geführten Tour durch Rocinha teilnahm, der größten Favela Brasiliens, vielleicht sogar ganz Südamerikas. In Rio gibt es an die tausend solcher Armensiedlungen, aber Rocinha ist etwas Besonderes, denn es liegt genau zwischen den drei reichsten Stadtteilen. Bei meinem ersten Besuch war Rocinha bereits eine richtiggehende Touristenattraktion. Man konnte in einem Minivan die Hauptstraße, die Estrada da Gávea, hinauffahren und an diversen Punkten anhalten, um die bunt bemalten, eng ineinander verschachtelten Hütten anzusehen, in denen ein Teil der 100 000 Bewohner lebt. Nach einem kurzen Abstecher in eine selbstorganisierte Kinderbetreuungsgruppe konnte man dann ein im naiven Stil gemaltes Bild erwerben und so etwas Geld in die bettelarme Favela zurückfließen lassen.

Einer der Tourbegleiter erzählte damals, dass der Mann, der Rocinha regiere, Nem hieße und der Kopf des hiesigen Drogenkartells sei. Mit vollem Ernst behauptete er, Nem sei derjenige, »der hier in Rocinha für Ruhe und Frieden sorgt«.

Vier Jahre danach trat Nem mir erneut ins Bewusstsein, als er kurz nach Mitternacht ein paar Kilometer von Rocinha entfernt verhaftet wurde. Situation und Umstände waren dramatisch. Ich begann, ein wenig zu recherchieren, und stieß zu meiner Überraschung auf Interviews, die Nem kurz vor seiner Verhaftung gegeben hatte. Die Medien hatten ihn zuvor immer wieder als skrupellosen Killer dargestellt, der durch den Drogenhandel das Leben unzähliger junger Menschen ruiniert hatte. Die Interviews deuteten allerdings in eine ganz andere Richtung. Nems Antworten waren klug und ließen erkennen, dass er die politische und soziale Bedeutung der Rolle, die er als Präsident, Premierminister und gleichzeitig mächtigster Geschäftsmann einer mittelgroßen Stadt spielte, sehr wohl verstand.

Im brasilianischen Winter des Jahres 2012 schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich mich vorstellte und um ein Treffen bat. Jetzt, acht Monate später, war ich tatsächlich in Campo Grande: vor mir saß Nem, Staatsfeind Nr. 1. Den Gefängnisvorschriften entsprechend, war es natürlich ausgeschlossen, dass ich ihn berührte oder ihm auch nur die Hand schüttelte. Unter den gegebenen Umständen fiel unsere erste Begrüßung also ziemlich steif aus.

Er trug die im Gefängnis übliche Kombination aus blauem T-Shirt und ebensolcher Baumwollhose. Als er aufstand, um wieder hinausgeführt zu werden, sah ich, dass er groß und schlank war, schätzungsweise 1,85 Meter. Er hatte braune Haut, ein auffallend schmales Gesicht und einen leichten Überbiss. Da er sein Haar kurz trug, war von den Locken, die auf den im Internet kursierenden Bildern seinen Kopf umspielen, nichts zu sehen. Das Faszinierendste an ihm waren allerdings seine pechschwarzen Augen, so dunkel, dass Iris und Pupille ineinander überzugehen schienen. Es war offensichtlich, dass diese Augen der Hauptgrund für seine körperliche Präsenz waren: sie konnten direkt in deine Seele blicken, ohne dabei selbst etwas von sich preiszugeben.

Er verwendete mir gegenüber durchgängig die höfliche Anrede o senhor, Herr. Da ich mit den Feinheiten der portugiesischen Sprache noch nicht so vertraut war, sagte ich zu Beginn einfach Antônio zu ihm.

Irgendwann ließ ich versehentlich meinen Stift fallen. Als ich ihn aufheben wollte, sah ich, dass seine Beine an den Metalltisch gefesselt waren, der wiederum am Fußboden festgeschraubt war. Nem wollte weder Kaffee noch Wasser zu sich nehmen, denn dazu hätte er die Hände über die Tischkante heben und seine Handschellen zeigen müssen (bei späteren Treffen wurde auf diese verzichtet). Es schien, als fühle er sich von der misslichen Lage, in der er sich befand, ziemlich gedemütigt.

In Kontrast dazu war er überaus bereit, über sein Leben zu reden, sowohl sein privates als auch sein berufliches. Da er sich in Untersuchungshaft befand, wie im Übrigen noch heute, konnte er über gewisse Themen nicht sprechen, denn sie hätten strafrechtliche Vorgänge berührt, die noch nicht abgeschlossen waren.

Im Verlauf der nächsten zwei Jahre besuchte ich ihn insgesamt zehn Mal. Die ersten beiden Treffen dauerten jeweils zwei Stunden, die folgenden jeweils drei. Einen Häftling im Gefängnis zu interviewen, ist immer seltsam, aber die Begegnungen mit Nem waren besonders merkwürdig. Ich entwickelte eine intensive Beziehung zu Antônio – stets unter den sonderbarsten Umständen und ein Stück weit vielleicht auch gerade deshalb. Nach und nach begannen wir, über die grundlegendsten und intimsten Dinge zu sprechen, Dinge, über die er sich womöglich nicht einmal mit seiner Familie ausgetauscht hatte. Wir sprachen über Drogen, über Gewalt, über die Probleme und Aufgaben eines Anführers, über Glauben, die Familie sowie das Überleben in einer feindlichen Umgebung.

Was nun folgt, ist Nems Geschichte. Obwohl seine Aussagen dabei eine zentrale Rolle spielen, habe ich selbstverständlich nicht nur seine Version berücksichtigt. Ich habe mit seiner Familie, seinen Freunden und seinen Feinden gesprochen, außerdem mit den Polizeibeamten, die ihn verhört, den Politikern, die mit ihm verhandelt, den Journalisten, die über ihn geschrieben, sowie den Anwälten, die ihn vertreten haben. Nems Geschichte erzählt viel über das Brasilien der Gegenwart – im Guten wie im Schlechten. Sie erzählt aber auch, wie Männer und Frauen unter widrigsten Bedingungen nicht nur überleben, sondern darüber hinaus auch Erfolg haben können. Wie sie es schaffen, sich auf dem schmalen Grat zu bewegen, der Leben und Tod voneinander trennt.

12:53 21.01.2016

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