Wandel und Konstanz

Leseprobe "Damals war der Kreml weder prächtig noch ruhevoll; seine Mauern sahen aus wie ein Flickwerk aus Lehm und Bauholz, und seine Verteidigungsanlagen wurden durch giftige Sumpfflächen ergänzt."
Wandel und Konstanz
Foto: Sergei Karpukhin/AFP/Getty Images

1 Grundsteine

Es vermittelt das Gefühl eines gerechten Gleichgewichts, die Geschichte einer ikonischen Festung mit einer wirklichen Ikone zu beginnen. Generationen von Künstlern haben im Kreml gearbeitet, womit wir unter zahlreichen potentiellen Bildern wählen können. Viele der besten wurden ursprünglich für die eigenen Kathedralen und Klöster des Kreml gemalt, darunter Werke von Meistern wie Theophanes dem Griechen und seinem brillanten, im 15. Jahrhundert wirkenden Schüler Andrej Rubljow. Unbeschwert, ewig, bindungslos blicken die heiligen Gesichter weiterhin aus einer goldenen Unendlichkeit in unsere frenetische Welt. In der Epoche, in der sie entstanden, gehörte die Zeit noch Gott, und sündige Menschen (jedenfalls solange sie der Botschaft glaubten, die von der Kunst der Ikonenmaler übermittelt wurde) konnten nur dann Erlösung finden, wenn sie ihre wenigen Jahre auf Erden dem Muster des Himmels anpassten.

Doch Meditation und Reue waren nie der eigentliche Zweck des Kreml. Ein besseres Sinnbild seiner Gründungsgeschichte, in einem ganz anderen Stil, ist Simon Uschakows Meisterstück von 1668, Pflanzung des Baumes der russischen Herrschaft. Es war und ist ein heiliges Kunstwerk, aber es repräsentiert auch einen historischen Text. Heutzutage findet die Botschaft der Ikone so viel Widerhall, dass man dem Original einen Ehrenplatz in der Moskauer Tretjakow-Galerie eingeräumt hat. Das Gemälde, obwohl von bescheidener Größe, hat eine ganze Wand für sich, und die sorgfältige Ausleuchtung des Goldes schafft eine Aura besonderer Ehrfurcht. Schon bevor man es anschaut, weiß man, dass es eine Kostbarkeit ist, doch der Aufbau des Bildes erweist sich als Überraschung. Auf den ersten Blick gibt die Ikone einen herkömmlichen Lebensbaum wieder, ein Motiv, das eher an Orientteppiche als an russische Malerei denken lässt. Bei genauerer Betrachtung nimmt man tatsächlich den verästelten Baum wahr, aber die Frucht (oder die Blüte, denn dies ist eine Zauberpflanze) besteht aus Kameen, darunter ein großes Bild der Jungfrau und kleinere mancher herrschender Fürsten, Zaren und heiliger Männer Moskaus. Sie folgen aufeinander und schmücken Äste, die sich zum Himmelstor erheben. Wie im Tretjakow-Führer hilfreich erwähnt wird, ließ sich Uschakow von traditionellen Darstellungen der Genealogie Jesu Christi inspirieren.

Noch interessanter ist das Bild, wenn man sich die Wurzeln des Baumes ansieht, denn hier wird die Vorstellungskraft von konkreten Gebäuden überlagert. Wie ein Rahmen innerhalb eines Rahmens ziehen sich die befestigten Mauern und Türme des Moskauer Kreml am unteren Teil des Gemäldes dahin, und hier findet man auch die historischen Hauptgestalten der Ikone. In einer Ecke – einem Impresario gleich, der eine überaus erfolgreiche Vorführung präsentiert – sieht man den unverkennbaren Alexej Michailowitsch Romanow (1645–1676), den Zaren zu Uschakows Zeit. Aber im Zentrum von allem befinden sich die beiden Männer, die den Baum gepflanzt haben und sich nun fürsorglich über ihr Werk beugen. Zur Linken, mit einer Art mittelalterlicher Gießkanne in der Hand, steht ein Priester, und gemalte Lettern teilen uns mit, dass wir es mit Peter, dem Oberhaupt der russischen Kirche des frühen 14. Jahrhunderts, zu tun haben. Zur Rechten, zuständig für die Pflanze selbst, sehen wir einen Fürsten, Iwan I., der Moskau 16 Jahre lang – von 1325 bis zu seinem Tod im Jahr 1341 – regierte.

Man benötigt ein paar historische Kenntnisse, um zu verstehen, was Uschakow erklären möchte. Unter anderem ist sein Gemälde ein politisches Manifest im Namen seines Zaren. Wie der Baum, will das Bild verdeutlichen, sind Alexej und seine Erben in der Vergangenheit Moskaus verwurzelt; und wie die frommen Zaren früherer Zeiten – vor allem wie der Gründer im Vordergrund – sind sie Teil einer kontinuierlichen Linie, die Russlands Boden stets gepflegt und entwickelt hat. Dies zu betonen war sinnvoll zu Alexejs Zeit, den er hatte den Thron erst als zweites Mitglied seiner Familie bestiegen. Anfang des 17. Jahrhunderts, während eines langwierigen Bürgerkriegs, hatte sich Russland beinahe aufgelöst. Als der Frieden 1613 schließlich wiederkehrte, hatte ein Bürgerrat das Land nach einem neuen Zaren absuchen müssen.

Die Thronbesteigung von Alexejs Vater Michail Romanow war folglich kein so organischer Prozess, wie die Bilder der Ikone andeuten, und der recht verfallene Kreml, den er ererbte, ließ sich nicht mit der makellosen roten Festung auf dem Gemälde vergleichen. Der Pinsel des Künstlers löschte die Erinnerung an Aufruhr und Mord, und Uschakow drängte eine neue Generation zu glauben, dass die Geschichte Moskaus gesegnet sei. Sein Kreml war kein gewöhnlicher Ort, sondern stellte die Verbindung zwischen Russland und dem Himmel her und wurde von der Gottesmutter persönlich beschützt.

Aber die Gründungsszene enthält noch eine weitere Botschaft, und sie wird von der Pflanzung des Baumes übermittelt. Peter, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Russland, und Iwan I., der gerade ernannte Fürst von Moskau, legten 1326 nämlich den ersten Stein einer neuen Kathedrale. Sie erscheint auf der Ikone als hoch aufragendes Gebäude mit erlesenen goldenen Kuppeln, doch die Detailgenauigkeit ist weniger wichtig als die Symbolik eines Aktes, der den Moment kennzeichnete, in dem Moskau, mit dem Kreml im Kern, seinen Anspruch geltend machte, die religiöse und politische Hauptstadt der russischen Welt zu sein. Damals war der Kreml weder prächtig noch ruhevoll; seine Mauern sahen aus wie ein Flickwerk aus Lehm und Bauholz, und seine Verteidigungsanlagen wurden durch giftige Sumpfflächen ergänzt. Die Welt um ihn herum befand sich im Krieg, und sein Fürst war nicht einmal der unbestrittene Souverän des russischen Volkes. Aber manche Bäume gedeihen auf kargen und sogar ausgetrockneten Böden.

Als Uschakow eine Wurzel für seine symbolische Pflanze finden wollte, war es kein Fehler, die Zeremonie von 1326 zu wählen. Ironischerweise hatte sich der Fürst – Iwan I. –, den er malte, zudem seinerseits auf die Historie berufen, als er jenen ersten bedeutungsschweren Stein legte. Die Geschichte des Kreml, wie die von Russland als Ganzem, ist zerstückelt und hat viele ihrer Bestandteile verloren. Doch inmitten der Brände, Revolutionen und Palastrevolten sieht man als einzigen roten Faden die Entschlossenheit aufeinanderfolgender russischer Herrscher, die Geschichte umzuschreiben, damit die Gegenwart, wie immer sie aussehen mag, so tief verwurzelt und organisch zu sein scheint wie Uschakows Baum.

Es gibt keine verlässlichen Unterlagen über die Anfänge des Kreml. In den Chroniken, also den wichtigsten schriftlichen Quellen für die Periode, wird 1147 und wiederum 1156 eine Fürstenresidenz in Moskau erwähnt, aber niemand weiß genau, wer als Erster etwas Festungsähnliches auf dem Hügel über den Flüssen Moskwa und Neglinnaja errichtete. Die Daten werden angefochten, obwohl sich die Existenz einer Mauer aus dem 12. Jahrhundert bestätigt hat. In den 1950er Jahren entdeckten Archäologen ihre Überreste in einer Tiefe, die den korrekten Jahrzehnten entspricht, und obwohl die Funde unvollständig sind und durch etliche spätere Bauarbeiten beeinträchtigt wurden, stehen sie im Einklang mit den Details eines höchst imposanten Holz-Erde-Walls. Allein schon die Riesenbalken dürften unverrückbar gewesen sein. Der Bau umfasste eine viel kleinere Fläche als der heutige Kreml, aber er wirkt uneinnehmbar.

Der Holzwall war jedoch nicht das einzige Bauwerk auf dem keilförmigen Hügel, wie weitere Ausgrabungen bald deutlich machten. Unter den Wällen, in den tieferen Schichten, ruhen Knochen, Rippen und Gliedmaßen von Schweinen und Rindern, Rückstände von über Jahrhunderte gegessenen Mahlzeiten sowie die Überreste von Pferden und Hunden. Hinzu kommen die Knochen von wilden Pelztieren wie Elchen, Hasen, Bibern und Wildschweinen. Eine Spinnwirtel aus rosa Schiefer, hergestellt von einem Handwerker in Kiew, deutet auf Handelsbeziehungen zum Dneprtal hin, ebenso wie Glasperlen und Metallarmbänder in den kältesten Erdspalten. Noch tiefer schließlich ist nichts als Stille.

Der Hügel, auf dem der Kreml steht, dürfte sich immer gut für eine Festung geeignet haben. Er war leicht zu verteidigen und besaß eine Menge Nutzholz, doch in seinen frühen Jahren war er, selbst nach russischen Maßstäben, sehr entlegen. Während sich in anderen Regionen des Nordens prosperierende Häfen und Märkte entwickelten, versteckte sich dieser Ort im Wald, überwuchert von Dornensträuchern und gehüllt in fauligen Nebel. Das Gewirr aus Eichen und Birken war an allen Seiten so dicht, dass es mühelos eine ganze Armee verschlucken konnte. Genau das soll im Jahr 1176 geschehen sein, als es zwei verfeindeten Fürsten und ihrem Gefolge gelang, aneinander vorbeizuscheppern, da das Dröhnen und Klirren ihrer Tiere vom Blättergespinst erstickt wurde. Es war leichter, sich an den Flüssen zu orientieren, aber auch sie konnten trügerisch sein, und die hiesigen Jäger schlugen häufig eine Schneise durch die trockeneren Teile des Waldes, wenn sie sich auf die Suche nach Elchen und Wildschweinen machten.

Wichtige Routen konnte man eine Zeit lang offen halten, indem man sie mit Baumstämmen bedeckte – eine uralte Technik, die noch tausend Jahre später in Gebrauch sein sollte, als sowjetische Soldaten ihre berühmten »Knüppeldämme« verlegten –, doch viele früh entstandenen Pfade wurden im Lauf des Jahres durch Nesseln, Gestrüpp und Schlamm wieder unkenntlich gemacht. Selbst wenn ein Reisender ihn wiederfinden konnte, bot sich der kühle Boden oberhalb der Flussbiegung keineswegs für den Hauptstadtstatus an. Die Ersten, die sich hier niederließen, Jäger vielleicht, mögen Finnen gewesen sein, was sich jedoch nicht verbürgen lässt, denn obwohl Herrscher kamen und gingen, gab es keinen Staat, der die Völkerstämme gezählt oder benannt hätte, und keine klare Grenze. Im Unterschied zu den Christen im Westen oder den Juden und Muslimen im Süden und Osten verbrannten die Einheimischen ihre Toten, so dass man keine Gräber freilegen kann, und da sie kein Alphabet besaßen, hinterließen sie kaum ein Wort.

Aber ihre Spuren haben sich in den Namen erhalten, welche diese ersten Siedler den Flüssen und den bewaldeten Sümpfen gaben; den meisten Berichten zufolge (was allerdings von slawischen Patrioten bestritten wird) zählte »Moskau« selbst zu jenen Namen. Aus dem Finnischen abgeleitet, war er mit großer Wahrscheinlichkeit vor der Ankunft der ersten Slawen (vermutlich zu Beginn des 9. Jahrhunderts) etabliert. Die Neueinwanderer gehörten einem Stamm namens Wjatitschi an. Sogar in jenem blutigen Zeitalter standen sie im Ruf besonderer Grausamkeit. Möglicherweise hemmten sie die Entwicklung der Gegend, denn friedliche Reisende dürften gezögert haben, bevor sie ihr Land durchquerten.

Aber ihre Welt war nicht völlig abgeschieden. Die Moskwa, die durch ihr Territorium floss, konnte mit Holzschiffen befah- ren werden und war einer von mehreren denkbaren Handelswegen, welche die Wolga mit dem Westen und Norden verbanden. Heute sind Archäologen der Meinung, dass sich mindestens zwei wichtige Überlandrouten ebenfalls nahe der Stätte des heutigen Kreml trafen. Mittlerweile hatte sich der Verkehr – mit Schiffen, Pferden und sogar Kamelen – über die nordöstliche europäische Ebene hinweg verstärkt. Die kleine Ortschaft an der Moskwa lag nicht an einem der Haupthandelswege, doch trotzdem hinterließ ein damals Durchreisender zwei Silbermünzen, islamische Dirhams, von denen eine im fernen Merw geprägt worden war.

Anderswo in Russland sind beträchtlichere Silbermengen, Schätze geradezu, zum Vorschein gekommen. Sie sind hauptsächlich muslimischer Herkunft und überwiegend auf das 10. Jahrhundert datiert – ein verlässlicher Hinweis auf den Umfang und Wert des Handels der Region mit den fortgeschrittenen Kulturen Asiens und des Mittelmeergebiets. Die Kaufleute müssen mit üppigen Erwartungen gekommen sein. Die Karawanen, die sich süd- und ostwärts nach Choresm, einem Marktzentrum tief in Zentralasien, bewegten, waren mit den Reichtümern des Waldes beladen.

»Zobel, Fehen, Hermeline und das Fell der Steppenfüchse«, prahlte ein arabischer Geograph. »Marder, Füchse, Biber, gefleckte Hasen und Ziegen; dazu Wachs, Pfeile, Birkenrinde, hohe Pelzmützen, Fischleim, Fischzähne [d.h. Walrossstoßzähne] (...) slawische Sklaven, Schafe und Rinder.« Berichte wie dieser lassen an viel spätere europäische Schriften über Afrika denken, und wie sich zeigt, war die nordosteuropäische Waldzone tatsächlich der Schwarze Kontinent des 9. und 10. Jahrhunderts. Wie Afrika in späteren Zeiten schien es ein gefährliches, exotisches Gebiet zu sein, in dem Abenteurer ein Vermögen erwartete. Sklaven waren eine erhebliche Gewinnquelle, denn während Muslime und Christen einander nicht versklaven durften, galten die heidnischen Slawen als Freiwild. Auch die Lust auf Pelze schien unersättlich zu sein, und sie wurden von jedermann gekauft: von den Arabern und Türken Asiens ebenso wie von den Franken und Angelsachsen am Atlantikrand Europas. Die nördlichen Birkenwälder und die Taiga jenseits davon brachten die besten Exemplare hervor.

Wenn man die Waren auf den Markt schaffen konnte – etwa in Konstantinopel oder in Bolghar, der großen Stadt an der Wolgaroute nach Osten –, ließen sich damit hohe Silberbeträge erzielen. Die sich bietenden Profite und die vielen Gelegenheiten, Zollstationen einzurichten und Steuern auf die kostbare Fracht zu erheben, ließen die Handelswege riesige Vermögen wert werden, aber die örtlichen Slawen waren weder gut genug organisiert noch hinreichend flink, um die Routen unter ihre Kontrolle zu bringen. Stattdessen fiel die Beute einigen Wikingerbanden aus Skandinavien zu, die den Griechen und Arabern bald als Rhos bekannt wurden. Dies war früher ein weiteres kontroverses Thema (russische Nationalisten regten sich über den Gedanken auf, dass ihre Gründerfürsten anderswoher stammen könnten), aber das im Ostseegebiet entdeckte archäologische Material ist eindeutig.

Dadurch, dass die rauen Wegelagerer manche Konvois beschützten, andere überfielen und sich lohnende Tribute sicherten, wurden sie zu gefürchteten Akteuren in der Region. Von ihrer ersten permanenten Siedlung am Ilmensee, an schiffbarem Wasser unweit des heutigen Nowgorod, hatten sie ihr Netzwerk bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts am Dnepr und an der Oberen Wolga entlang ausgeweitet. Wie ihre Verwandten – die Wikinger, die das Wessex Alfreds des Großen in denselben Jahrhunderten attackierten – waren sie ehrgeizig, kriegerisch und unverbesserliche Eroberer. Im Jahr 1860 schafften sie es sogar, Konstantinopel, die Erbin Roms, anzugreifen, indem sie sich der großen ummauerten Stadt vom Meer her näherten. Bald hatten sie dem Volk der Chasaren die Dnepr-Hauptstadt Kiew entrissen und eine Reihe von Feldzügen gegen slawische Siedlungen weiter östlich an der mittleren Wolga eingeleitet.

In einer Welt, in der die Haupthäfen und -märkte Hunderte von Kilometern voneinander entfernt waren und in der man auf dem Landweg nicht mehr als durchschnittlich 50 Kilometer pro Tag zurücklegte, war es keine Kleinigkeit, eine lange Reise mit einem Verband beladener Gefährte zu bewältigen. Die Entwicklung des Interkontinentalhandels der Gegend war ein Epos der Ausdauer, der Geschicklichkeit und der schlichten menschlichen Habgier. Zudem war dies der erste Akt des russischen Dramas, der Gründungsmoment, mit dem alle späteren Historien und Mythen beginnen.

Die Nestorchronik, die erste offizielle Aufzeichnung über jene Zeit, erzählt die Geschichte einer halb mythischen Gestalt namens Rjurik, von der die Fürsten, welche die Städte Russlands beherrschten, später ihren Dynastie-Titel, Rjurikiden, herleiten sollten. Es hieß, dieser Mann und seine beiden Brüder seien eingeladen worden, das Gebiet um den Ilmensee zu besiedeln, denn die sich unablässig bekriegenden lokalen Stämme der Slawen, Balten und Finnen hätten in einer starken externen Autorität ihre einzige Friedenshoffnung gesehen. Ob eingeladen oder nicht, jedenfalls waren sich diese Wikinger – welche die meisten Historiker heute als Rus bezeichnen – nicht zu schade für den Umgang mit den älteren Stämmen der Region. Sie ließen sich von ihren Steppennachbarn belehren, kauften hölzerne Schiffsrümpfe von slawischen Handwerkern und nutzten örtliche Beziehungen, um sich Pelze, Wachs, Honig, Häute und Sklaven für die Beladung der Schiffe zu beschaffen.

Mit der Zeit vermischten sich die Rus und die einheimischen Slawen, schlossen Ehen untereinander, teilten sich die Landschaft und ihre Götter und erfanden, in einer gemeinsamen Sprache, neue Geschichten, um ihrer Welt einen Sinn abzugewinnen. Sie waren noch kein einheitliches Volk, doch die Fundamente für eine Kultur existierten unzweifelhaft. Es war immer von entscheidender Bedeutung für die kriegerischen Rus, dass sie ihre verschiedenen Nachbarn überreden konnten, Handel mit ihnen zu treiben. Unglücklicherweise wurden die wohlhabendsten ihrer Nachbarn, die Bürger von Konstantinopel, erschreckt durch die Geschichten über die Wikinger im Norden. Die Schroffheit ihrer Welt, gar nicht zu reden von dem nicht lange zurückliegenden Meeresangriff, ließ diese Gruppe von Heiden besonders ungehobelt wirken. Obwohl die kaiserliche Regierung von Konstantinopel ihrerseits Wikinger als Söldner anheuerte (schließlich waren sie die einfallsreichsten Seeleute und zudem standhafte Kämpfer), betrachtete sie die ungezähmten Wikinger, wie immer sie sich nannten, als Barbaren, weshalb die Rus die kaiserliche Hauptstadt zuerst nicht betreten durften. Vielmehr mussten sie ihren Handel auf die Schwarzmeerhäfen Cherson und Tmutorokan konzentrieren und ihre Profite folglich mit einem Schwarm von Mittelsmännern teilen. Im Jahr 911 konnten sie sich endlich einen Handelsvertrag mit Konstantinopel sichern, aber aus den Klauseln ging hervor, dass ihre Kaufleute die Stadt durch ein eigenes Tor zu betreten hatten. Auch wurde es ihnen verboten, in Gruppen von mehr als 50 Personen zu erscheinen.

Die Wende ereignete sich Ende des 10.Jahrhunderts. Geblendet durch das Gold Konstantinopels und fasziniert von seiner Macht, bekannten sich die Rus zum Christentum der Patriarchen. Diese Wahl trafen sie, obwohl es noch andere Möglichkeiten gab, nicht zuletzt die, sich an Rom zu binden. Damals war die Kluft zwischen den beiden christlichen Hauptkirchen nicht allzu groß, doch die Entscheidung der Rus, sich der Glaubensversion von Konstantinopel anzuschließen, sollte sich jahrhundertelang auf die Zukunft ihres Volkes auswirken – mit unabsehbaren kulturellen Folgen. Anscheinend waren es der Glanz und die Schönheit des östlichen Monotheismus, welche die Wikinger Russlands fesselten. Nach einem Besuch der prächtigen Kirche der Göttlichen Weisheit in Konstantinopel wurden die Gesandten der Rus von Ehrfurcht überwältigt. Das Gebäude sei ein Wunder, die Liturgie atemraubend.

»Wir wussten nicht«, berichtete einer seinem Fürsten, Wladimir von Kiew, »ob wir im Himmel oder auf Erden waren.« Um 988 (kein damaliges Datum ist exakt festzulegen) ließ sich Fürst Wladimir persönlich taufen und weitete diesen Segen auf seine Untertanen aus, indem er befahl, sie massenhaft im Dnepr einzutauchen. Um ganz sicherzugehen, ließ er auch die heidnischen Götzenbilder auspeitschen und durch die Straßen schleifen, bevor er sie zum Tode verurteilte. Durch das Christentum wurden die Lande der Rus in den Kreis eines Gemeinwesen einbezogen. Konstantinopel befand sich in seinem Zentrum, doch die Kultur des christlichen Kiew übernahm zudem einiges aus den religiösen Traditionen Alexandrias, Kleinasiens und des Balkans. Eine wahrhafte Flut schwarz gekleideter Männer überschwemmte Kiew nach seiner offiziellen Bekehrung, und die fremden Mönche brachten mehr mit als die Prinzipien des Glaubens. Zu ihren sonstigen Vermächtnissen gehörten ein neues Alphabet, eine Reihe neuer Ideen über den Staat und ein christlicher Kalender.

Manche waren begabte Künstler, und bald fertigten Ikonenmaler, viele von ihnen Griechen, Bilder von Heiligen an. Die Motive Christi und der heiligen Jungfrau waren universell, doch die griechische Kirche begünstigte auch den heiligen Johannes von der Leiter, den heiligen Antonius den Großen sowie den heiligen Andreas den Erstberufenen, den Apostel, welcher der Legende zufolge die kommende christliche Herrlichkeit von Kiew vorausgesagt hatte. Die Göttliche Weisheit, der Geist des Wortes, das die Inkarnation ermöglichte, stand im Mittelpunkt von allem, denn sowohl Kiew als auch sein vermögender Rivale Nowgorod folgten Konstantinopel, indem sie jener Weisheit ihre bedeutendste Kathedrale widmeten. Die Bekehrung der Rus war nicht gerade eine Revolution, denn es hatte kaum eine authentische Kultur gegeben, die man hätte umstürzen können.

Aber es handelte sich zweifellos um einen verblüffenden Wandel, und Kiews Fürstenregierung mit ihrem importierten Glauben und ihrer Fassade aus griechischen Grundsätzen wurde zu einem Vorbild für die ostslawische Welt. Keine dieser Entwicklungen wies jedoch auf künftigen Ruhm für den Außenposten an der Moskwa hin. Viel später legten die Herrscher des Großfürstentums Moskau Wert darauf, einen Vorgänger ihres eigenen Hofes im Kiew des 11. Jahrhunderts zu finden, doch ihre Argumentation war bestenfalls fadenscheinig. Der Fürst auf Simon Uschakows Ikone, Iwan I., stammte aller Wahrscheinlichkeit nach von Wladimir ab, doch schwerlich in direkter Linie. Er hatte einen Anspruch auf den dynastischen Titel der Rjurikiden, aber er war nur einer unter zahllosen Fürsten aus jenem Geschlecht, von denen viele ihre eigene blühende Stadt regierten.

Iwan und Wladimir waren durch 300 Jahre voneinander getrennt, und obwohl sich die menschlichen Angelegenheiten in der mittelalterlichen Welt, aus der Warte des 21. Jahrhunderts, gemächlich voranzubewegen schienen, sind drei Jahrhunderte stets eine lange Zeit gewesen. Es ist, zum Vergleich, ungefähr die Spanne, die das heutige England von dem trennt, welches den Herzog von Marlborough in die Schlacht von Blenheim schickte. Sogar noch geringer ist der Abstand zwischen unserer Generation und der letzten, welche die britische Herrschaft in den amerikanischen Kolonien erlebte.

08:29 22.05.2014

Buch der Woche: Weitere Artikel


Über die Jahre

Über die Jahre

Biographie Die renommierte Historikerin hat sich bereits in ihrer Doktorarbeit mit der Politik und Geschichte Russlands beschäftigt. Diesem Thema blieb sie in diversen Publikationen treu
Stein und Geschichte

Stein und Geschichte

Einblicke Der Kreml ist seit Jahrhunderten weit mehr als ein Bauwerk – ein Mythos nämlich und ein Symbol der Herrschaft. Selbst wenn diese gar nicht in ihm residierte. Versuch einer Sammlung
Unterhaltende Fülle

Unterhaltende Fülle

Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "Catherine Merridale schreibt mit feinem britischen Humor, der ihr wichtiges Buch über den Kreml trotz der gewaltigen Stofffülle so unterhaltsam macht."