Vom Unfassbaren

Leseprobe "An jenem Tag haben wir erlebt, wie wichtig es ist, dass nicht geschieht, was schlimmstenfalls geschehen könnte, und ebenso, dass tatsächlich geschieht, was schlimmstenfalls geschehen könnte."
Vom Unfassbaren
Foto: Jung Yeon-Je/AFP/Getty Images

Wer da lachte oder schwieg

Es war der elfte März, und das Meer atmete aus, ins Land hinein atmete es aus und dann atmete es tief wieder ein. Das Meer sog in sich auf, wer da saß, wer da spielte, wer da schlief, wer da lachte oder schwieg, wer da noch jung war oder bereits alt, übermütig, einsam oder in einer Umarmung. Das Meer ließ eine Kante zurück. Eine Kante, die nun auf ewig markiert, wo das Glück sich aufhielt, an jenem elften März um vierzehn Uhr sechsundvierzig, und wo das Glück in diesem Moment nicht war. Das Meer hat einen langen Atem, sagt meine Frau, auch du wirst langen Atem beweisen müssen.

Das unentwegte Kratzen der Bleistiftspitze auf dem Papier

Ich habe einen neuen Aktenschrank bekommen, in dem ich die Fotos der noch nicht identifizierten Tsunami-Opfer aufbewahre. Es sind viele Fotos, es sind Fotos, die man besser nicht ansieht. In den Aktenschrank sehe nur ich allein, nicht einmal mein Vorgesetzter will sich die Fotos ansehen. Man kann diese Fotos niemandem zumuten, man kann keinem der Hinterbliebenen zumuten, auf eines dieser Fotos zu zeigen und ja zu sagen, ja, das ist sie, ja, er ist es.

Zuerst ist das Nummerieren und das Einsortieren der Fotos in den Aktenschrank, dieses Ordnunghalten, dieses Verwalten der entstellten Toten nicht zu ertragen gewesen. Mit der Zeit ist es ein Vorhaben geworden. Ich bin Phantombildzeichner, immer schon lobte man meine Phantomzeichnungen, nun lobt man die Zeichnungen, die ich von den Tsunami-Opfern anfertige. Ich rekonstruiere die Gesichter der Gefundenen, ich zeichne die Gesichter ohne ihre entsetzlichen Verletzungen, um den Hinterbliebenen die Identifizierung ihrer Angehörigen zu erleichtern. So ist es ihnen zumutbar, so können sie auf meine Zeichnungen zeigen, auf gezeichnete, unversehrte Gesichter, ja, können sie dann sagen, ja, das ist sie, ja, er ist es.

Ich denke in anatomischen Einzelfällen, ich vermeide es, an alle Schubladen des Aktenschrankes gleichzeitig zu denken, mein Blick konzentriert sich auf das eine nächste Foto, das mir als Vorlage für die eine nächste Zeichnung dient, doch die fortlaufenden Zahlen verweisen ohne Unterlass darauf, wie viele nicht Identifizierte es immer noch gibt, wie wenige der zu zeichnenden Gesichter ich bis jetzt gezeichnet habe. Seit jenem Tag zieht immer wieder auf dem einen oder anderen Fernsehsender zur Küste hin das schneeweiße Band, die breite Borte aus weißem Schaum. Unerbittlich zieht die Welle über das Meer, unerbittlich hin zur Küste.Wir wissen seit jeher, wie man sich mit der Natur arrangiert, wie man zerstörerische Kraft besänftigt, wir leben seit jeher mit den Gefahren der Naturgewalten, wir haben keine andere Wahl. Geschmolzenes Gestein, unruhiger Grund, das Meer rundum, wir wissen, wie man Geister und Gottheiten beschwört, an jenem Tag aber erlebten wir, dass dies nicht immer funktioniert.

Wir trainierten die Flucht, wir trainierten, nicht erst auf eine Warnung zu warten, wir trainierten, anderen zu helfen, an jenem Tag aber erlebten wir, dass auch dies nicht immer funktioniert. An jenem Tag haben wir erlebt, wie wichtig es ist, dass nicht geschieht, was schlimmstenfalls geschehen könnte, und ebenso haben wir erlebt, dass tatsächlich geschieht, was schlimmstenfalls geschehen könnte. Wir haben erlebt, was Unerbittlichkeit ist, nun erleben wir, wie es ist, trotz allem wieder Leben zurückkehren zu lassen, wie es ist, Geschäfte wieder zu eröffnen, Kinder wieder in die Schule zu schicken, wieder auf Fischfang zu gehen, trotz allem zu vertrauen und den Fisch zu essen, den Reis, die Algen. Es werden gewiss bald Lieder geschrieben über die Schmetterlinge mit den zu kleinen, deformierten Flügeln und den seltsamen Augen, es wurden noch längst nicht alle dieser Schmetterlinge geboren, sagt meine Frau.

Schaltet meine Frau neben mir im Bett das Licht aus, so liege ich meist noch lange wach in dieser Stille, und ich habe das Gefühl, mein Gesicht leuchtet in dem dunklen Raum, als reflektiere meine Haut immer noch den Schein des Leuchttisches, über den ich mich Tag für Tag viele Stunden beuge. Und in meinem Kopf ist das Geräusch des Bleistifts, das unentwegte Kratzen der Bleistiftspitze auf dem Papier. Und vor mir tauchen die Gesichter auf, die Augenpartien, die Nasenbeine, die Linien der Wangenknochen. Immer wieder stellt sich mir die Frage, ob ich ein angedeutetes Lächeln in die Gesichter zeichnen darf, ob es anmaßend ist, an ein Lächeln zu denken, an Lachfalten, an einen unterstellten fröhlichen Gesichtsausdruck in den von mir wiederhergestellten Gesichtern der namenlosen Tsunami-Opfer.

[...]

Den ganzen Tag über, während ich die Gesichter zeichne, halte ich einen Radiergummi in der Hand. Ich eigne mir die Gesichter an, Strich um Strich. Die Anatomie macht sie mir logisch nachvollziehbar, ohne Zweifel weiß ich, welchen unpassenden Bleistiftstrich ich mit dem Radiergummi sofort wieder zu entfernen habe. Die Augen zeichne ich stets zuletzt, beim Zeichnen der Augen werde ich nervös, denn sie sind die lebendigste Unterstellung. Durch die Augen, durch den Blick, bekommen die Gesichter ihren Witz oder ihre Strenge, ihre Frechheit, ihre Enttäuschung oder auch ihre Verschwiegenheit. Habe ich die Augen und also den Blick in die Gesichter gezeichnet, so sind die Gesichter bereit, von den Hinterbliebenen identifiziert zu werden, von jenen, die der Pazifik nicht holte, weil sie dort waren, wo sich das Glück aufhielt, von jenen, die dem langen Atem des Meeres entgangen sind. Die von mir gezeichneten Gesichter werden so lange öffentlich aushängen, bis jemand auf sie zeigt, bis ihnen jemand in die Augen sieht und einen Namen ausspricht, ja, das ist sie, ja, er ist es.

Unser idealer Berg, sagt meine Frau, unser schönster Vulkan, ewig schon und so oft gezeichnet, hat Makel. An seinen Flanken sind mit der Zeit immer mehr kleine hässliche Buckel entstanden, aber niemand zeichnet diese Buckel mit. Du solltest sie zeichnen, der Wahrheit wegen, sagt meine Frau vorwurfsvoll. Ich denke, sie mag es nicht, dass ich die Gesichter ohne Verletzungen zeichne, weil meine Zeichnungen nicht der Wahrheit entsprechen.

Jeden Abend kehre ich die schwarzen Radiergummireste auf meinem Schreibtisch zusammen. Ich bewahre diese Zeugnisse meiner Fehlinterpretationen, meiner ästhetischen Unterstellungen, gegen die sich die nummerierten Gesichter mit der Logik ihrer Anatomie zu wehren vermochten, in einer Teedose auf. Ich bringe es nicht übers Herz, die Radiergummireste zu entsorgen, sie sind Teil der Zurückerschaffung, auch, wenn sie lediglich meine fehlerhaften Zeichenstriche und Schraffuren, also meine Unzulänglichkeit dokumentieren.

Wenn das Meer ruhig und sanft vor mir liegt, wenn es keine einzelnen Wellen zu sehen gibt, das Meer also ein harmloses, ein ganzes Schwanken ist, dann ist es mir, als würde ich belogen, als würde das Ungeheuer schnurren wie eine handzahme Katze, bevor es sein tatsächliches Maul aufreißt. Ich gehe seither nicht mehr oft ans Meer. Jeder von uns meint dasselbe mit dem Wort seither.

Woran soll ich denken, fragt meine Frau hin und wieder vor dem Einschlafen. Seit jenem Tag denke ich oft an das große Aquarium, meine Frau und ich verbrachten einen ganzen Tag dort. Wir standen in einem großen Tunnel aus Glas. Um uns herum waren die Strömung, die Bewegungen der Fische, der Pflanzen, alles gehörte zu allem, nur wir standen in dem Tunnel aus Glas, außen vor. Das blaue und grüne und leuchtende Meer ist schwarz oder braun oder grau, kommt es an Land. Mehrere Autos trieben in einem Parkplatzbecken, die Autos stießen an einer Hauswand an, eine Stimme aus dem Lautsprecher war nicht zu verstehen, ein Einfamilienhaus mit Blick auf das Meer ging in die Knie, auf den Anhöhen standen Menschen und pressten ihre Hände auf ihre Münder. Weiße Tücher wurden als Überlebenszeichen aus den Fenstern oberer Stockwerke gehalten. Ich denke oft an unsere Nachbarn, die jetzt nicht mehr unsere Nachbarn sind, an Aoko, an das kleine Mädchen Aoko.

[...]

15:54 27.11.2014

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