Gebot und Stunde

Leseprobe "Gefragt ist also schlicht Aufklärung im besten Sinne. Solche Aufklärung ist deswegen dringend nötig, weil der Wegfall des Christentums als verbindende Kraft die ganze Gesellschaft in eine schwere Krise gestürzt hat."
Gebot und Stunde
Foto: Peter Macdiarmid/Getty Images

Vorwort

Das Christentum ist die unbekannteste Religion der westlichen Welt. Das liegt nicht an einem Mangel an Informationen, sondern im Gegenteil an einer Überfülle an Informationen. Allerdings haben diese Informationen gewöhnlich eine merkwürdige Eigenart: Sie sind grotesk falsch.

Das ist an sich nicht weiter schlimm. Mit falschen Überzeugungen kann man gut leben. Lange Zeit glaubte man, dass durch die Arterien Luft fließe, noch länger nahm man an, dass es Drachen gebe und selbst die Überzeugung, dass die Erde eine Scheibe sei, hat die Menschen nicht daran gehindert, ein sinnvolles Leben zu führen.

Fake News können sogar Spaß machen. Wer will die Welt schon von morgens bis abends so sehen, wie sie ist? Und auch ganz persönlich ist Verdrängung eine wichtige Fähigkeit, um lebenstüchtig zu bleiben. Wer dauernd all die Schattenseiten seiner Lebensgeschichte mit sich spazieren trägt, hat’s schwer im Leben.

Doch bei den Falschinformationen über das Christentum geht es nicht um irgendwelche kleinen Irrtümer, amateurhafte Fälschungen oder harmlose Schummeleien. Diese Falschinformationen haben das Christentum in seinem Kern nachhaltig erschüttert und absolut unglaubwürdig gemacht.

Dagegen spricht nicht, dass man öffentlich Papst Franziskus schätzt und Mutter Teresa verehrt. Man schätzt und verehrt sie nicht wegen, sondern trotz der Tatsache, dass sie Christen sind. Man nimmt es ihnen sozusagen nicht übel. Und auch das karitative Engagement christlicher Institutionen achtet man, ja sogar das, was man gerne »christliche Werte« nennt, was immer das dann sein soll. Doch den christlichen Glauben, die Geschichte der christlichen Kirchen, das Christentum selbst hält man bestenfalls für peinlich. In intellektuellen Debatten gilt ein christliches Bekenntnis gewöhnlich unausgesprochen als indiskutabel. Der Ausdruck Fundamentalismus hat sich nicht nur für fanatische Gläubige eingebürgert, sondern gilt inzwischen jedem religiösen, jedem christlichen Bekenntnis, das Religion nicht nur religionswissenschaftlich beschreibt, sondern für wahr hält. Das ist das Ende des realen Christentums als kulturprägende Kraft.

Man mag einwenden, dass immerhin die christlichen Kirchen noch beachtliche Institutionen vorweisen können, die zum Beispiel in Deutschland über enorme Finanzmittel verfügen. Doch ist nicht zu übersehen, dass viele Kräfte durch den Rückbau der einstmals großen Volkskirchen absorbiert werden und Neuaufbrüche eher am Rande des institutionalisierten Christentums stattfinden. Dabei gelingt christliche Mission am ehesten da, wo Menschen direkt spirituell angesprochen werden, eine Gemeinschaft von Überzeugten erleben und so ihr persönliches Leben erneuern. Aber, so paradox das klingen mag, das Christentum, seine Geschichte, seine Institutionen, seine Repräsentanten wirken für die christliche Mission in unseren Breitengraden eher als Hindernis, jedenfalls nicht als Attraktion.

Das liegt daran, dass dem Christentum ein Todesstoß versetzt wurde. Die inzwischen unbestrittene Überzeugung, dass die Geschichte des Christentums eine Geschichte der Skandale ist, erschüttert tatsächlich den Kern des christlichen Glaubens. Denn eine Religion, die an die Mensch-Werdung, also an die Geschichte-Werdung Gottes selbst glaubt, liefert sich rückhaltlos der kritischen Beurteilung dieser Geschichte aus. Und dieses Urteil ist vernichtend. »Der Fluch des Christentums« betitelte der namhafte Philosoph Herbert Schnädelbach im Jahre 2000 einen aufsehenerregenden Text, der in dem Satz gipfelte, das Beste, was das Christentum für die Menschheit tun könne, wäre: sich auflösen! Und die Gründe, die der Philosoph für dieses Todesurteil vorbrachte, waren nicht vor allem philosophische oder theologische Gründe. Schnädelbach äußerte keine Zweifel an der Dreifaltigkeit oder an der Menschwerdung Gottes, sondern er argumentierte fast ausschließlich geschichtlich. Dabei bezog er sich nicht auf irgendwelche historischen Studien, sondern er konnte sich auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die skandalöse Christentumsgeschichte stützen. Was dieser hochgebildete Philosoph da über die empörenden Kreuzzüge, die brutale Inquisition und den verheerenden Antisemitismus anführte, präsentierte er unbefangen als genauso unbestreitbar, wie man heute selbstverständlich davon ausgeht, dass der Mond um die Erde kreist und der Mount Everest der höchste Berg unseres Planeten ist. Auch dafür braucht man keine Belege. Insofern sprach dieser Text nur prägnant aus, was ohnehin alle dachten. Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war das ein engagierter Nachruf auf das Christentum.

Das hätte es dann gewesen sein können. Wie beim Kommunismus gibt es zwar immer einige, die die Signale nicht hören und betriebsblind nostalgisch unentwegt so weitermachen, als sei nichts geschehen. In Wahrheit aber ging der Text von Schnädelbach an die Substanz der christlichen Religion. Wenn Schnädelbach recht hatte, war das Christentum zweitausend Jahre nach seinem Beginn wirklich am Ende.

Aber hatte er recht? Was sich nach Veröffentlichung dieses Textes abspielte, war spektakulär und völlig unerwartet: Ein international renommierter Historiker nahm die Herausforderung an und ging den Vorwürfen Schnädelbachs auf dem Stand der heutigen Wissenschaft akribisch auf den Grund. Was stimmte und was stimmte nicht? Dieser Historiker heißt Arnold Angenendt, und er legte 2007 ein gewaltiges Werk vor: »Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert« heißt das Buch, und es ist seitdem ein Standardwerk für alle, die sich kritisch mit Christentum und Kirche auseinandersetzen wollen. Der wissenschaftlichen Gründlichkeit von Angenendt gelang dabei etwas ganz Seltenes. Er überzeugte mit nüchterner Aufklärung und erreichte, dass Herbert Schnädelbach sich korrigierte. Er bedankte sich bei Arnold Angenendt, »der mir einige optische Verzerrungen meines Rückblicks nachwies«. Es stellte sich heraus, dass landläufige Auffassungen über die Geschichte des Christentums der seriösen wissenschaftlichen Untersuchung einfach nicht standhielten.

Allerdings sind diese erstaunlichen Ergebnisse noch keineswegs ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. Denn ein wissenschaftliches Werk von 800 Seiten mit über 3000 Anmerkungen nimmt wohl nur der zur Hand, der dem Christentum aus welchen Gründen auch immer besonders verbunden ist, und sei es auch nur, weil er es hasst.

Daher stellte sich die Frage, ob es nicht der Mühe wert sei, die entscheidenden Ergebnisse der Angenendt’schen Studie einer breiteren Öffentlichkeit in lesbarerer Form zugänglich zu machen. Denn was einem hochgebildeten Menschen wie Herbert Schnädelbach passierte, dass er nämlich gewisse falsche allgemeine Auffassungen vom Christentum für unbezweifelbar wahr hielt, das geht ja den meisten Menschen so. Gefragt ist also schlicht Aufklärung im besten Sinne.

Solche Aufklärung ist deswegen dringend nötig, weil der Wegfall des Christentums als verbindende Kraft die ganze Gesellschaft in eine schwere Krise gestürzt hat. Von Linksaußen bis Rechtsaußen wird das unumwunden zugegeben. Der Linkenvorsitzende Gregor Gysi erklärte in der Evangelischen Akademie in Tutzing, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhandenkommen könne, Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum. Und bei der Vorstellung meines Buches »Gott – Eine kleine Geschichte des Größten«, erklärte er freimütig, für die Wertefrage in unserer Gesellschaft sei die Linke noch auf Jahrzehnte diskreditiert. Die einzigen Institutionen, die für die Wertefrage noch relevant seien, seien die christlichen Kirchen. Und wenn Atheismus bedeute, gegen die Kirche zu sein, dann sei er kein Atheist, dann sei er Heide, zu dem der Glaube noch nicht gekommen sei. Merkwürdigerweise lassen aber auch die Rechten von »Pegida« ausdrücklich das christliche Abendland hochleben, selbst wenn sie das Christentum so wenig kennen, dass sie in der Adventszeit lauthals Weihnachtslieder singen.

Doch in Wirklichkeit wird hier eine leere Hülle beschworen. Das Christentum selbst hat sich nicht in 70 Jahren wie der Kommunismus, sondern in zweitausend Jahren offenbar so weit diskreditiert, dass auch die, die es beschwören, kaum sagen können, was sie denn für so erhaltenswert am Christentum halten – wenn man einmal von einigen humanistischen Haltungen absieht, die aber auch der redliche Atheist ohne Weiteres an den Tag legt. Aufklärung über das Christentum müsste also jedem am Herzen liegen, der sich um diese Gesellschaft sorgt, auch dem vernünftigen Atheisten.

Jürgen Habermas, Deutschlands bekanntester Philosoph, der sich selbst für »religiös unmusikalisch« erklärt hat, forderte deswegen mit dramatischen Worten zumindest »rettende Übersetzungen« der jüdisch-christlichen Begrifflichkeit von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Nur so, glaubt Habermas, könne man die allgemeine Akzeptanz des Menschenwürde-Begriffs, des zentralen Begriffs unserer Gesellschaftsordnung, weiter sicherstellen. Und er wünscht sich Christen, die im öffentlichen Diskurs als religiöse Bürger wahrgenommen werden. Doch dieser fromme Wunsch eines Agnostikers trifft auf Christen, die dazu neigen, ihren Glauben eher als Privatsache zu beschweigen. Vor allem eben, weil sie sich für die Geschichte des Christentums schämen.

Diese Scham hat auch damit zu tun, dass die Christen selbst sich ihrer Skandalgeschichte mit zwei Methoden gestellt haben, die beide nicht wirklich überzeugen. Die einen haben sich nach Kräften bemüht, die Geschichte des Christentums apologetisch reinzuwaschen und jegliches kirchliche Versagen zu leugnen, koste es, was es wolle. Dabei wäre eine zweitausend Jahre währende ununterbrochene christliche Heiligengeschichte gar nicht das, was Jesus selbst seiner Kirche vorausgesagt hatte. Die von ihm persönlich berufenen Säulen der Kirche, die Apostel, waren durchaus von durchwachsenem Charakter: Warum sollte es anschließend besser werden? Die anderen verlegten sich auf das gerade Gegenteil. Sie leugneten historische Schwächen des Christentums nicht, es kam ihnen sogar entgegen, vor dem düsteren Hintergrund einer vergangenen christlichen Skandalgeschichte das eigene gegenwärtige moderne Christentum besonders glanzvoll herauszustellen. Doch die große Geste: Zweitausend Jahre ist das Christentum in die Irre gegangen und dann kam ich oder Professor X oder Y oder das II. Vatikanische Konzil oder was sonst noch, ist reichlich naiv. Jeder gescheite Atheist kann darauf natürlich nur antworten: Dann warten wir mal, ob es nun die kommenden zweitausend Jahre auch wirklich besser läuft, und dann sehen wir weiter.

Diese beiden extrem unterschiedlichen Arten des Umgangs mit der eigenen Geschichte haben das Zerrbild der Christentumsgeschichte noch verstärkt. Denn für beide war Geschichte nur das Füllmaterial für die eigenen Vorurteile, die durch echte wissenschaftliche Forschung ins Wanken geraten könnten.

Da war das Vorgehen Arnold Angenendts ganz anders. Nie wusch er die Kirche rein, aber er nahm auch keine Skandalgeschichten einfach nur deswegen hin, weil sie so schön gruselig klangen oder immer wieder erzählt wurden. Der international renommierte Wissenschaftler bediente sich seiner Vernunft und seines wissenschaftlichen Sachverstands und forschte nüchtern nach. Mit beeindruckenden Ergebnissen. Diese langjährige Arbeit liegt auch dem vorliegenden Buch zugrunde.

Es kann also auch hier nur darum gehen, der Skandalgeschichte des Christentums vorurteilsfrei mit dem Skalpell der Wissenschaft zu Leibe zu rücken. Am Ende mögen dann Skandale tatsächlich Skandale sein, und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass die historischen Fakten ein ganz anderes Bild zeichnen, wäre sogar eine Christentumsgeschichte ohne Skandale natürlich noch lange kein Grund, Christ zu werden. Es gibt ganz unsinnige Überzeugungen, die ausgesprochen heilsame historische Wirkungen entfalten. Es geht also hier nicht um Bekenntnis, sondern um Geschichte, um die ungemein spannende wirkliche Geschichte der größten Menschheitsreligion aller Zeiten. Und für den geneigten Leser nicht zuletzt um abendländische Bildung und um europäische Aufklärung im besten Sinne.

Ich habe den Text verfasst, aber die historisch-wissenschaftliche Substanz dieses Buches verdankt sich zu einem guten Teil Professor Dr. Dr. h.c. Arnold Angenendt und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die dafür gesorgt haben, dass dieses Buch noch über »Toleranz und Gewalt« hinaus den neuesten Stand historischer Forschung vermittelt. Das Buch ist ganz neu gegliedert und um einige Themen ergänzt, um möglichst alle kritischen Ereignisse der Kirchengeschichte zu erfassen. Damit alles stimmt, habe ich es zusätzlich noch vom Neuzeit-Historiker Professor Dr. Dr. h. c. mult. Heinz Schilling, vom evangelischen Kirchenhistoriker Professor Dr. Dr. h. c. mult. Christoph Markschies, vom katholischen Kirchenhistoriker Professor Dr. mult. Hubertus Drobner, vom Zeitgeschichtler Professor Dr. Karl-Josef Hummel und vom systematischen Theologen Professor Dr. Bertram Stubenrauch lesen lassen, denen ich herzlich für ihre Mühe danke. Und wie üblich hat es mein Friseur kontrolliert, damit alles allgemeinverständlich, locker und lesbar bleibt. Vor allem habe ich die Geschichte des Christentums aber erzählt, denn Geschichte wird lebendig, wenn man sie erzählt, besonders wenn sie so dramatisch abgelaufen ist und uns alle heute noch betrifft, ob wir wollen oder nicht.

So kann man erleben, wie eine kleine jüdische Sekte im römischen Reich zur Weltreligion wird, wie sie dann dieses Reich zu einem christlichen Reich macht und wie es am Ende dazu gekommen ist, dass aus den siegreichen Germanen christliche Germanen wurden. Man erfährt, was die Kreuzzüge wirklich waren, welche erstaunlichen Erkenntnisse die neueste Forschung inzwischen über Inquisition, Hexenverfolgung und Indianermission erzielt hat und was wir der Aufklärung zu verdanken haben – und was nicht. Stand das Christentum bei der Durchsetzung der Menschenrechte auf der Bremse oder auf dem Gaspedal – oder auf beidem? Was ist mit Frauenemanzipation, sexueller Revolution und vor allem: Wie steht das Christentum wirklich zum Holocaust?

So ist es am Ende ein Buch geworden für Christen, die keine Angst vor der Wahrheit haben, und für all die anderen, damit sie besser verstehen, woher sie kommen.

Bornheim, den 1. Januar 2018
Dr. med. Dipl.-Theol. Manfred Lütz

---

Einleitung

»Das glaube ich Ihnen nicht!«

Früher war alles besser! Seit es Geschichte gibt, ist das der Schlachtruf der Vertreter der Theorie des Goldenen Zeitalters. Für den griechischen Dichter Hesiod war die ganze Geschichte nichts anderes als ein beklagenswerter Niedergang und es hat zu allen Zeiten Dichter und Denker gegeben, die das genauso sahen. Bis heute.

Aber schon in der Antike gab es auch die anderen, die die Menschheit auf dem Weg eines immerwährenden Fortschritts sahen. Dieser glückliche Zustand am Ende der Geschichte, dieser U-Topos, diese Utopie, faszinierte vor allem viele Denker der Neuzeit, nicht zuletzt Kommunisten und Sozialisten bis hin zu schlichten Geistern wie einem Erich Honecker, der kurz vor seinem überraschenden Abgang noch mit dem Sektglas in der Hand den bekannten Spruch ausbrachte: Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Es kam dann anders und es lag nicht an Ochs und Esel.

Für beide Sichtweisen kann sich die Geschichte so anstellen, wie sie will, sie ist als Geschichte an sich wertlos. Sie hat entweder ihren Wert nur von den Kostbarkeiten, die sie noch aus der Urzeit bewahren konnte, oder von den Ereignissen, die sie ihrem großartigen Ende nahebringen. Die Geschichte selbst kann man vergessen.

Doch so kann man nicht leben. Menschen ohne Geschichte sind schwer gestört, denn sie wissen nicht, wer sie sind. Und auch eine Gesellschaft, die ihre Geschichte bloß verachtet, ist gefährdet von einer ungesunden Mischung aus Nostalgikern und Utopisten, die sich dauernd aggressiv aus der Gegenwart hinausträumen.

Das gilt ebenso für eine zweitausend Jahre alte Institution wie die Kirche. Auch da tummeln sich alle Sorten von radikalen Rückwärtsgewandten und radikalen Fortschrittsgläubigen, denen die reale Geschichte der Kirche nie gut genug ist.

Nimmt man es allerdings nicht ganz so radikal, dann sind beide unterschiedlichen Perspektiven für die gerechte Beurteilung der Geschichte nötig. Natürlich muss man zunächst einmal geschichtliche Ereignisse aus ihrer Zeit heraus verstehen, aber dann hat man sie auch vom heutigen Standpunkt aus zu beurteilen. Wenn man unseren heutigen Begriff der Menschenrechte nicht für das zufällige Ergebnis einer zufälligen Geschichte hält, sondern für überzeitlich gültig, muss man in der Geschichte Ereignisse danach bewerten dürfen, ob sie der heutigen Vorstellung der Menschenrechte nahe kommen oder nicht.

Andererseits muss man insbesondere die Geschichte der Kirche auch aus der entgegengesetzten Richtung beleuchten, nämlich von ihrem Ursprung her. Und da geht es dann darum, ob einzelne kirchliche Entwicklungen sich von der Ursprungsidee und vom Ursprungsauftrag der Kirche, so wie sie von Jesus und seinen ersten Anhängern gemeint waren, entfernt haben oder nicht. Mit beiden Scheinwerferpositionen werden wir hantieren müssen, nachdem die Fakten geklärt wurden.

Natürlich könnte man die ganz grundsätzliche Frage stellen, ob das Christentum sich denn überhaupt geschichtlich entwickeln darf. Schließlich ist nach christlicher Auffassung vor zweitausend Jahren die definitive Offenbarung Gottes in der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus erfolgt und das Wort Gottes kann man in der Bibel nachlesen. Wäre dann nicht alles, was Bischöfe, Päpste oder Konzilien in den anschließenden zweitausend Jahren an Texten und Taten produziert haben, völlig belanglos oder, schlimmer noch, Irrlehre und Glaubensabfall? Manche Sekten haben deswegen rücksichtslos die Rückkehr zum Urchristentum gefordert – mit nicht selten tödlichen Konsequenzen. Der bekannte Kirchenhistoriker Joseph Lortz hat sich dieser Frage angenommen. Offenbarung sei, so Lortz, nicht bloß ein punktuelles Ereignis vor zweitausend Jahren. Das Eintreten Gottes in die Geschichte, an das die Christen glauben, entfalte sich vielmehr über die Jahrhunderte der Kirchengeschichte nach und nach. So ist dann zum Beispiel das Eintreten des jüdischen Messiasglaubens der Christen dreihundert Jahre nach Gründung des Christentums in die griechisch-römische Geisteswelt für die Christen nicht irgendein nebensächlicher Zufall. Sondern dieser geschichtliche Vorgang wird für sie zum lebendigen Offenbarungsereignis. Demzufolge sind dann die frühen Konzilien mit ihren Definitionen der Göttlichen Dreifaltigkeit ebenso Ausdruck der göttlichen Offenbarung. Auch andere historische Entwicklungen können so gesehen für Christen Offenbarungscharakter bekommen: Die Wiederentdeckung der aristotelischen Philosophie im Mittelalter, die Entwicklung des Individuums in der beginnenden Neuzeit, die Aufklärung, die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft, all das kann den Christen klarer machen, was die ursprüngliche Offenbarung meint. Offenbarung ist nach Joseph Lortz also kein toter Buchstabe, sondern eine lebendige Offenbarung in einer lebendigen Geschichte. Deswegen ist Geschichte für Christen maßgeblich.

Von außen gesehen gibt es speziell für Christentum und Kirche aber noch ein ganz anderes Problem: Fake News! Wer immer wieder verfolgt, welchen Unsinn in einem sechsmonatigen Bundestagswahlkampf die eine Partei über die andere erzählt, welche absichtlichen Verzerrungen der jeweils anderen Position sozusagen zur Grundausstattung eines anständigen Wahlkampfs gehören, der muss sich vor Augen halten, dass die Kirche mehr oder weniger zweitausend Jahre lang sozusagen im Wahlkampf steht.

Wie viel Unsinn haben allein schon Katholiken über Protestanten und umgekehrt Protestanten über Katholiken fünfhundert Jahre lang in die Welt gesetzt! Dazu der unglaubliche ideologische Müll, den die rechten und linken Diktaturen des 20. Jahrhunderts über das Christentum ausgegossen haben, das ihrer Allmacht einen Allmächtigen entgegenstellte, der absolut nicht ins menschenverachtende System passte. Für die Nazis war das Christentum eine »verjudete« Religion und für die Kommunisten bloß eine verdammte Droge, Opium fürs Volk. Mit schlichtesten Argumenten und demagogischen Diffamierungskampagnen tat man alles, um das Christentum als lächerlich, unmodern und unwissenschaftlich darzustellen, wobei »Wissenschaft« das war, was zum Beispiel Erich und Margot Honecker dafür hielten. Und so führten beide Gewaltsysteme einen Vernichtungskampf gegen das Christentum. Mit erstaunlichem Erfolg! Obwohl bekennende Christen den Widerstand gegen Hitler geprägt hatten und die gewaltlose Revolution von 1989 von christlichen Kirchen ausging, hat fast als einziges Relikt dieser morschen Ideologien ihr staatlich gepredigter Atheismus in den Köpfen überlebt, mit all den absurden Verunglimpfungen des Christentums. Und so kann es niemanden wundern, dass es wohl keine Institution gibt, deren öffentliches Bild so grotesk falsch ist wie das vor allem der katholischen Kirche, die sich selber nicht nur wie die Protestanten die vergangenen fünfhundert Jahre, sondern die gesamte Distanz von zweitausend Jahren Christentum zurechnet. Das Ergebnis sind starre Klischees über die Geschichte des Christentums, die die Menschen sozusagen mit der Muttermilch einsaugen.

»Das glaube ich Ihnen nicht«, sagte ein Schüler, als Arnold Angenendt einige dieser Klischees infrage stellte. Und das mag einigen von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht zunächst auch so gehen. Deswegen werden Sie von diesem Buch nur dann etwas haben, wenn Sie nicht bloß glauben, sondern wirklich wissen wollen. Wenn Sie also mögliche Vorurteile der kalten Dusche der Fakten aussetzen. Nur wer die Geschichte von Christentum und Kirche ohne allzu viel Liebe und ohne allzu viel Hass zur Kenntnis nehmen kann, wird sich dabei nicht erkälten. Es soll also hier darum gehen, auf dem heutigen Stand der historischen Wissenschaft all den sogenannten Skandalen der Kirche kritisch auf den Grund zu gehen und damit für Aufklärung über die geheime Geschichte des Christentums zu sorgen. Machen Sie sich auf spektakuläre Ergebnisse gefasst! Denn was die Wissenschaft heute angesichts der gängigen Vorstellungen über das Christentum zu sagen hat, ist wirklich unglaublich, aber wahr.

11:57 01.03.2018

Buch der Woche: Weitere Artikel


In allen Gassen

In allen Gassen

Biographie Manfred Lütz ist sowohl Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie wie auch Theologe. Der Chefarzt eines Kölner Krankenhauses wurde vor allem als Autor zahlreicher Bestseller bekannt
Mit der Zeit

Mit der Zeit

Einblicke Mit 2,3 Milliarden Anhängern ist das Christentum heute die größte der fünf Weltreligionen. Eine beachtliche Entwicklung für die Lehre eines Wanderpredigers vor 2000 Jahren. Versuch einer Sammlung
Fakten und Mythen

Fakten und Mythen

Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "Kaum ein Klischee über das Christentum lasse sich historisch erhärten, schreibt Manfred Lütz in seinem neuen Buch. Es ist eine verdienstvolle Arbeit, die die Lektüre lohnt."