Neue Zeit

Leseprobe "Das 20. Jahrhundert war nun ganz und gar vorbei, und man hatte nichts daraus gelernt. In Russland, Europa und Amerika entstand eine neue Art der Politik, eine neue Unfreiheit, die zu einer neuen Zeit passen sollte."
Neue Zeit
Foto: Alain Jocard/AFP/Getty Images

Vorwort (2010)

Mein Sohn kam in Wien zur Welt. Es war eine schwierige Geburt, und die erste Sorge des österreichischen Geburtshelfers und der polnischen Hebamme galt dem Neugeborenen. Er atmete, seine Mutter hielt ihn für einen kurzen Moment in den Armen, dann wurde sie in einen Operationssaal gebracht. Ewa, die Hebamme, gab mir das Kind. Mein Sohn und ich fühlten uns in dem nun folgenden Geschehen ein wenig hilflos. Aber wir hielten zusammen. Er schaute zu mir auf mit seinen veilchenblauen Augen, die noch nicht fokussieren konnten, während Ärzte im Sprint an uns vorbeirannten. Schritte, das schnappende Geräusch von Masken, ein verschwommenes Bild grüner OP-Kittel. Am nächsten Tag hatte sich alles zum Guten gewendet. Die Krankenschwestern gaben mir zu verstehen, ich solle mich wie üblich ab fünf Uhr nachmittags nicht mehr in der Station aufhalten, sondern Mutter und Kind bis zum Morgen ihrer Fürsorge überlassen. So konnte ich nun, ein wenig verspätet, per Mail eine Geburtsanzeige verschicken. Einige Freunde erhielten die frohe Nachricht gerade in dem Moment, in dem sie von einer Katastrophe erfuhren, die andere das Leben kostete. Einer dieser Freunde, ein Kollege, den ich noch im alten Jahrhundert in Wien kennengelernt hatte, war in Warschau in aller Eile ins Flugzeug gestiegen. Meine Nachricht ging fast in Lichtgeschwindigkeit hinaus, und doch erreichte sie ihn nicht mehr.

DAS JAHR 2010 war eine Zeit der Reflexion. Zwei Jahre zuvor hatte die Finanzkrise einen beträchtlichen Teil des Reichtums der Welt vernichtet, der zögerliche Aufschwung begünstigte die Reichen. Ein Afroamerikaner war Präsident der USA. Das große Wagnis Europas im ersten Jahrzehnt nach 2000, die Osterweiterung der Europäischen Union, schien vollendet. Nach den ersten zehn Jahren im neuen Jahrtausend, zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kommunismus in Europa, sieben Jahrzehnte nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs schien 2010 das Jahr zu sein, um Bilanz zu ziehen.

In jenem Jahr arbeitete ich an einer solchen Bilanz, gemeinsam mit einem Historiker, der im Sterben lag. Ich schätzte Tony Judt sehr, vor allem wegen seiner Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, die 2005 erschienen war. Das Buch erzählt die fantastische Erfolgsgeschichte der Europäischen Union. Sie hatte die Fragmente der ehemaligen Weltreiche neu zusammengefügt, so dass daraus der größte Wirtschaftsraum und die wichtigste demokratische Region der Welt entstanden. Der letzte Absatz des Buches gilt dem Gedenken an den Holocaust. Im 21. Jahrhundert, schrieb er, würde das übliche Prozedere bzw. Geld nicht ausreichen. Der politische Anstand gebiete, dass eine Geschichte der Gräuel geschrieben werde.

2008 hatte man bei Tony Judt amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert, eine nicht heilbare Krankheit des Nervensystems. Es stand fest, dass er daran sterben würde. Er war in einem Körper gefangen, der seinem Geist den Dienst versagte. Als seine Hände schon gelähmt waren, machten wir Mitschnitte unserer Diskussionen zu Themen des 20. Jahrhunderts. 2009 sprachen wir über die amerikanischen Axiome, dass der Kapitalismus alternativlos und die Demokratie unvermeidlich seien. Beide waren wir besorgt. Tony hatte über die verantwortungslosen Intellektuellen geschrieben, die im 20. Jahrhundert den Totalitarismus unterstützt hatten. Jetzt beschäftigte ihn eine neue Form der Verantwortungslosigkeit im 21. Jahrhundert: eine totale Abkehr von Ideen, die Diskussionen verflachen lässt, Politik ihrer Möglichkeiten beraubt und Ungleichheit als normal hinnimmt.

Zur gleichen Zeit schrieb ich an einer Geschichte der politischen Massenmorde, die das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion in den 1930er und 1940er Jahren in Europa begangen hatten. Das Buch begann mit den Menschen und ihrer Heimat. Im Besonderen ging es um die Juden, Weißrussen, Ukrainer, Russen, Balten und Polen, die beide Regime erlebt hatten, in den Regionen, wo sich die nationalsozialistischen und die sowjetischen Machtbereiche überschnitten. Obwohl in diesen Kapiteln Entsetzliches dargestellt wurde, geplanter Hungertod, Todesgruben und Gaskammern, war die Grundannahme optimistisch: Die Ursachen für den Massenmord konnten bestimmt werden, die Worte der Toten blieben lebendig. Die Wahrheit konnte ausgesprochen werden, ein Lernprozess war möglich.

Ein Kapitel des Buches beschäftigte sich mit einem Wendepunkt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts: dem deutsch-sowjetischen Bündnis, mit dem der Zweite Weltkrieg in Europa begann. Im September 1939 überfielen Deutschland und die Sowjetunion Polen, beide mit dem Ziel, den polnischen Staat und die politische Klasse Polens zu vernichten. Im April 1940 ermordete die sowjetische Geheimpolizei 21892 polnische Kriegsgefangene, die meisten waren Reserveoffiziere mit Hochschulabschluss. Diese Männer und eine Frau wurden an fünf Hinrichtungs- orten durch Genickschuss getötet. Einer von diesen Orten war der Wald bei Katyn in der Nähe von Smolensk in der Russischen Republik der Sowjetunion. Für die Polen wurde das Massaker von Katyn zum Sinnbild für die Repression der Sowjetunion im Allgemeinen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Polen eine kommunistische Regierung. Polen war ein sowjetischer Satellitenstaat, und Katyn durfte nicht zur Sprache gebracht werden. Erst 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, konnten Historiker aufdecken, was geschehen war. Die sowjetischen Dokumente ließen keinen Zweifel, dass der Massenmord politisch geplant und von Stalin persönlich befürwortet worden war. Seit dem Ende der Sowjetunion hatte die neue Russische Föderation mit der Frage gerungen, ob das Erbe des stalinistischen Terrors thematisiert werden sollte. Kurz vor der Beendigung meines Buches machte am 3. Februar 2010 der russische Ministerpräsident seinem polnischen Kollegen einen überraschenden Vorschlag: eine gemeinsame Veranstaltung zum Gedenken an Katyn, im April, am 70. Jahrestag des Verbrechens. Am 1. April, dem voraussichtlichen Geburtstermin meines Sohnes, schickte ich um Mitternacht mein Manuskript an den Verlag. Am 7. April kam der polnische Premierminister mit einer Delegation der polnischen Regierung in Russland an. Am nächsten Tag wurde mein Sohn geboren.

Zwei Tage später machte sich eine zweite polnische Delegation auf den Weg nach Russland. Darunter waren der polnische Präsident mit seiner Frau, Befehlshaber der polnischen Streitkräfte, Parlamentsabgeordnete, Aktivisten der Zivilgesellschaft, Priester und Angehörige derjenigen, die 1940 in Katyn ermordet worden waren. Ein Mitglied der Delegation war mein Freund Tomek Merta, ein hochangesehener Spezialist für politische Theorie, zugleich stellvertretender Kulturminister und für Gedenkfeiern zuständig. Am Samstag, den 10. April 2010, ging Tomek in den frühen Morgenstunden an Bord. Um 8.41 Uhr stürzte das Flugzeug kurz vor der Landebahn des russischen Militärflughafens von Smolensk ab. Es gab keine Überlebenden. In einer Entbindungsstation in Wien klingelte ein Mobiltelefon, und eine Frau, die erst vor kurzem Mutter geworden war, rief etwas, laut und auf Polnisch.

Am nächsten Abend las ich die Antworten auf meine Geburtsanzeige. Ein Freund fragte sich, ob ich die Tragödie angesichts meiner Glücksgefühle überhaupt begreifen könne: «Damit du nicht in eine schwierige Situation gerätst, muss ich dir mitteilen, dass Tomek Merta tot ist.» Ein anderer Freund, dessen Name auf der Passagierliste stand, schrieb, er wolle mich informieren, dass er seine Meinung geändert habe und zu Hause geblieben sei. Seine Frau sollte in ein paar Wochen ihr Kind zur Welt bringen.

Seine Schlussworte waren: «Von jetzt an wird alles anders sein.»

IN ÖSTERREICH bleiben die Mütter vier Tage lang in der Entbindungsstation, damit die Schwestern ihnen alles über das Füttern, Baden und Pflegen beibringen können. Die Familien haben Zeit, einander kennenzulernen. Man erfährt, wer welche Sprache spricht, und kommt ins Gespräch. Die polnischen Gespräche drehten sich tags darauf um Verschwörung. Die Gerüchte verdichteten sich: Die Russen hätten das Flugzeug abgeschossen, die polnische Regierung sei eingeweiht gewesen und habe den Präsidenten töten wollen, der einer anderen Partei angehörte als der Premierminister. Eine Mutter fragte mich nach meiner Meinung. Ich erwiderte, dies sei alles sehr unwahrscheinlich.

Tags darauf durfte meine Familie nach Hause gehen. Während das Baby in seinem Körbchen schlief, schrieb ich zwei Artikel über Tomek: einen Nachruf auf Polnisch und einen Bericht über das Unglück auf Englisch, dem ich einen hoffnungsvollen Gedanken über Russland als Schlussformulierung anfügte. Ein polnischer Präsident war auf dem Weg zur Gedenkfeier eines Verbrechens gestorben, das auf russischem Boden verübt worden war. Ich schrieb von der Hoffnung, der russische Premierminister Wladimir Putin werde die Gelegenheit ergreifen, die Geschichte des Stalinismus umfassender in den Blick zu nehmen. Im April 2010 war das angesichts der Trauer vielleicht ein sinnvoller Appell, als Prophezeiung hätte es nicht falscher sein können.

Von jetzt an war alles anders. Putin hatte bereits zwei Amtsperioden als Präsident hinter sich, bevor er Premierminister wurde. Im September 2011 gab er bekannt, dass er erneut die Präsidentschaft anstrebe. In jenem November schnitt seine Partei bei den Parlamentswahlen schlecht ab, behielt jedoch die Mehrheit. Im Mai 2012 war Putin wieder Präsident, wiederum nach einer Wahl, die nicht makellos schien. Gleich sorgte er dafür, dass Diskussionen über die sowjetische Vergangenheit wie etwa die von ihm selbst initiierte über Katyn als Straftaten zu betrachten seien. In Polen führte die Katastrophe von Smolensk die Gesellschaft für einen Tag zusammen, spaltete sie dann aber nachhaltig. Die Obsession mit der Katastrophe von 2010 wuchs im Laufe der Zeit. Sie verdrängte das Massaker von Katyn, dessen die Opfer der Flugzeugkatastrophe doch hatten gedenken wollen, ja sie verdrängte all die Stationen der Leidensgeschichte der Polen. Polen und Russland hatten aufgehört, über Geschichte zu reflektieren. Die Zeiten änderten sich. Oder möglicherweise änderte sich unsere Wahrnehmung der Zeiten.

Ein Schatten fiel auf Europa. Unsere Entbindungsstation in Wien, in der durch eine preiswerte Versicherung alle Kosten abgedeckt waren, ließ an den Erfolg des europäischen Projekts denken. Sie war ein Beispiel für die in weiten Teilen von Europa selbstverständlichen sozialen Leistungen, die in den Vereinigten Staaten undenkbar wären. Dasselbe könnte man über die U-Bahn sagen, die mich ins Krankenhaus brachte: normal in Europa, für Amerikaner außer Reichweite. 2010 wandte sich Russland von der Europäischen Union ab, verurteilte sie als dekadent und aggressiv. Deren Erfolg hätte die russische Bevölkerung auf den Gedanken bringen können, dass ehemalige Imperien womöglich wohlhabende Demokratien werden; damit ging es plötzlich um die Existenz der Europäischen Union.

Als die Ukraine, Russlands Nachbar, näher an die Europäische Union heranrückte, überfiel Russland 2014 das Land und annektierte Teile seines Territoriums. 2015 hatte Russland, mit Unterstützung zahlreicher Europäer und Amerikaner, eine außergewöhnliche Cyberkriegs-Operation über die Ukraine hinaus nach Europa und in die Vereinigten Staaten ausgeweitet. 2016 entschieden sich die Briten in einem Referendum, die Europäische Union zu verlassen, was Moskau schon lange propagiert hatte. Die Amerikaner wählten Donald Trump zu ihrem Präsidenten, ein Ergebnis, auf das Russland hingearbeitet hatte. Dieser neue amerikanische Präsident ist, um nur einen seiner vielen Fehler zu benennen, völlig unfähig, über Geschichte nachzudenken: Er war nicht in der Lage, des Holocaust zu gedenken, als der Augenblick dafür gekommen war. Er war auch nicht imstande, sich klar von den Nationalsozialisten in seinem eigenen Land abzugrenzen.

Das 20. Jahrhundert war nun ganz und gar vorbei, und man hatte nichts daraus gelernt. In Russland, Europa und Amerika entstand eine neue Art der Politik, eine neue Unfreiheit, die zu einer neuen Zeit passen sollte.

ICH SCHRIEB die beiden Artikel über die Katastrophe von Smolensk, nachdem ich jahrelang über die Politik des Lebens und des Todes nachgedacht hatte, in einer Nacht, in der zwischen beiden nur eine dünne Membran zu sein schien. «Dein Glück inmitten des Unglücks», hatte der Freund geschrieben, und das erste war so unverdient wie das zweite. Ende und Anfang waren zu nah beieinander oder in der falschen Reihenfolge, das Sterben vor dem Leben. Die Zeit war aus den Fugen geraten.

Im April 2010, oder ungefähr um diese Zeit, änderte sich der menschliche Charakter. Als ich die Geburtsanzeige für mein erstes Kind schrieb, musste ich ins Büro an meinen Computer. Smartphones waren noch nicht verbreitet. Ich rechnete frühestens in ein paar Tagen oder Wochen mit einer Antwort, nicht sofort. Als meine Tochter zwei Jahre darauf zur Welt kam, hatte sich das alles geändert. Smartphones waren das Normale, Antworten kamen sofort oder blieben aus. Zwei Kinder zu haben ist etwas ganz anderes als nur eines. Aber ich glaube trotzdem, dass für uns alle in den ersten Jahren nach 2010 die Zeit brüchiger wurde und schwerer zu fassen war.

Maschinen sollten uns mehr Zeit verschaffen, und stattdessen kosten sie uns Zeit. Da wir die Fähigkeit zur Konzentration und das Erinnerungsvermögen verloren hatten, schien alles neu zu sein. Nach Tonys Tod ging ich im August 2010 mit unserem gemeinsamen Buch, dem wir den Titel Nachdenken über das 20. Jahrhundert gegeben hatten, auf Lesereise. Als ich durch die USA fuhr, wurde mir klar, dass man das Thema längst gründlich vergessen hatte. Im Hotelzimmer sah ich im russischen Fernsehen, wie man mit dem amerikanischen Trauma des Rassismus sein Spiel trieb: Man behauptete, Barack Obama sei in Afrika geboren. Ich fand es sehr bemerkenswert, dass der amerikanische Entertainer Donald Trump kurz darauf das Thema aufgriff.

Die Amerikaner und die Europäer ließen sich durch das anbrechende Jahrhundert von der Erzählung vom ‹Ende der Geschichte› lenken, die ich die Politik der Unausweichlichkeit nennen möchte: die Vorstellung, dass die Zukunft nichts anderes sei als eine Mehrung des Gegenwärtigen, dass die Gesetze des Fortschritts bekannt seien, dass es keine Alternativen gebe, dass man deshalb eigentlich nichts tun müsse. Die kapitalistische Version der Amerikaner lautete: Die Natur brachte den Markt hervor, der Markt die Demokratie und diese das Glück. In der europäischen Version brachte die Geschichte die Nation hervor, die aus dem Krieg die Lehre gezogen hatte, dass der Frieden etwas Gutes sei, und sich deshalb für Integration und Wohlstand entschied.

Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 hatte der Kommunismus dort seine eigene Politik der Unausweichlichkeit: Die Natur ermöglicht Technologie, Technologie führt zu sozialem Wandel, sozialer Wandel zur Revolution, durch die Revolution wird die Utopie zur Realität. Als sich das als unwahr herausstellte, triumphierten die amerikanischen und europäischen Politiker der Unausweichlichkeit. Die Europäer waren 1992 damit beschäftigt, die Europäische Union zu vollenden. Die Amerikaner zogen den Schluss, dass durch das Scheitern der kommunistischen Erzählung die Wahrheit der kapitalistischen bewiesen sei. Die Amerikaner und die Europäer redeten sich ein Vierteljahrhundert lang ihre Erzählungen der Unausweichlichkeit ein. Auf diese Weise schufen sie im neuen Jahrtausend eine geschichtsvergessene Generation.

Die amerikanische Politik der Unausweichlichkeit war, wie alle diese Erzählungen, faktenresistent. Das Schicksal Russlands, der Ukraine und Weißrusslands führte hinreichend vor Augen, dass der Fall eines Systems keine Tabula rasa schafft, auf der die Natur Märkte und die Märkte den Rechtsstaat hervorbringen. 2003 hätte der Irak diese Lektion bestätigen können, wenn die Initiatoren des illegalen amerikanischen Kriegs über die katastrophalen Folgen nachgedacht hätten. Die Finanzkrise von 2008 und die Deregulierung der Wahlkampfspenden in den Vereinigten Staaten im Jahr 2010 multiplizierten den Einfluss der Reichen und reduzierten den der Wähler. Während die ökonomische Ungleichheit wuchs, schrumpfte der Zeithorizont. Nur wenige Amerikaner glaubten noch, die Zukunft werde eine bessere Version der Gegenwart sein. Es mangelte an einem funktionierenden Staat, der grundlegende soziale Dienstleistungen sicherstellte, die andernorts selbstverständlich waren: Bildung, Rente, Gesundheitsfürsorge, öffentlicher Verkehr, Elternzeit, Urlaub. Deshalb konnte ein Amerikaner von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts stehen und jedes Vertrauen in die Zukunft verlieren.

Der Zusammenbruch der Politik der Unausweichlichkeit leitet eine andere Zeitwahrnehmung ein: die Politik der Ewigkeit. Während die Unausweichlichkeit eine bessere Zukunft für jeden verspricht, rückt der Politiker der Ewigkeit die Nation ins Zentrum des Narrativs eines immer wiederkehrenden Opfers. Es gibt keine Zeitlinie mehr, die in die Zukunft führt, sondern einen Kreis, der endlos dieselben Bedrohungen der Vergangenheit wiederholt. Im Rahmen der Unausweichlichkeit ist keiner verantwortlich, weil wir alle wissen, dass sich alle Details ohne unser Zutun zusammenfügen und zum Besten wenden werden. Im Rahmen der Ewig- keit ist keiner verantwortlich, weil wir alle wissen, dass der Feind kommen wird, was auch immer wir tun mögen. Die Politiker der Ewigkeit verbreiten die Überzeugung, dass die Regierung der Gesellschaft als Ganzer nicht helfen, sondern uns nur vor Bedrohungen schützen kann. Der Fortschritt weicht zurück und macht den Weg frei für das Verhängnis.

Wenn Ewigkeitspolitiker an der Macht sind, produzieren sie Krisen und manipulieren die damit verbundenen Emotionen. Um von der Tatsache abzulenken, dass sie unfähig oder nicht willens sind, Reformen einzuleiten, lehren sie ihre Bürger, immer wieder Hochgefühl und Empörung zu durchleben, so dass die Zukunft in der Gegenwart versinkt. Außenpolitisch würdigen sie die Errungenschaften der Länder herab, die als Erfolgsmodell für ihre eigenen Bürger dienen könnten, oder sie stellen diese Errungenschaften gänzlich in Abrede. Durch den Einsatz moderner Technologie verbreiten die Politiker der Ewigkeit politische Fiktionen, im eigenen Land wie auch im Ausland, und verleugnen die Wahrheit. Sie versuchen, das Leben auf Spektakel und Gefühle zu reduzieren.

VIELLEICHT GESCHAH in der zweiten Dekade des zweiten Jahrtausends mehr, als wir begriffen haben. Vielleicht war die überstürzte Folge von Momenten zwischen der Katastrophe von Smolensk und der Präsidentschaft von Trump eine Epoche der Transformation, und es ist uns nicht gelungen, sie als solche wahrzunehmen. Vielleicht gleiten wir von einem Zeitgefühl in das nächste, weil wir nicht erkennen, wie die Geschichte uns macht und wie wir die Geschichte machen.

Unausweichlichkeit und Ewigkeit verwandeln Fakten in Narrative. Wer sich von der Unausweichlichkeit getragen fühlt, sieht in jeder Tatsache ein kurzzeitiges Phänomen, das die Erzählung vom Fortschritt nicht grundsätzlich verändert. Wer zur Ewigkeit überwechselt, definiert jedes neue Ereignis als ein weiteres Moment einer zeitlosen Bedrohung. Beide geben sich den Anschein von Geschichte, beide schaffen Geschichte ab.

Unausweichlichkeitspolitiker lehren, dass die Spezifika der Vergangenheit irrelevant seien, da alles, was geschieht, nur Wasser auf die Mühlen des Fortschritts ist. Ewigkeitspolitiker springen von einem Zeitpunkt zum nächsten, über Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte, um einen Mythos von Unschuld und Gefahr aufzubauen. Sie imaginieren Zyklen der Bedrohung in der Vergangenheit. Sie erschaffen ein imaginäres Muster, das sie in der Gegenwart Realität werden lassen, indem sie künstliche Krisen und tägliche Aufregergeschichten produzieren.

Unausweichlichkeit und Ewigkeit haben ihre je eigenen Propagandastile. Politiker der Unausweichlichkeit verschönern Fakten zu einem Ko- kon des Wohlgefühls. Politiker der Ewigkeit unterdrücken Fakten, um auszublenden, dass Menschen in anderen Ländern freier und wohlhabender sind, und sie unterdrücken die Idee, dass die Konzeption von Reformen auf Wissen basieren könnte. In den 2010er Jahren war vieles von dem, was geschah, im Rahmen einer politischen Fiktion inszeniert worden. Es waren spektakuläre Geschichten, die Aufmerksamkeit beanspruchten und auch den Raum, den man eigentlich gebraucht hätte, um nachzudenken. Aber wie auch immer die Propaganda auf die Zeitgenossen wirken mag, das endgültige Urteil der Geschichte ist damit nicht gesprochen. Es besteht eine Differenz zwischen der Erinnerung, den Eindrücken, die auf uns einwirken, und der Geschichte, den Zusammenhängen, die wir herausarbeiten – vorausgesetzt, der Wille dazu ist da.

In diesem Buch wird der Versuch unternommen, die Gegenwart für die Geschichte und damit die Geschichte für die Politik zurückzugewinnen. Es geht darum, eine Reihe von miteinander in Beziehung stehenden Geschehnissen unserer gegenwärtigen weltgeschichtlichen Lage zu verstehen, wobei die Spanne von Russland bis zu den Vereinigten Staaten reicht, und das zu einer Zeit, in der die Faktizität als solche infrage gestellt wird. Russlands Invasion der Ukraine im Jahre 2014 war ein Test für den Realitätssinn der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten. Viele Europäer und Amerikaner fanden es einfacher, die Propagandaphantome der Russen zu akzeptieren, als die Rechtsordnung zu verteidigen. Europäer und Amerikaner vergeudeten viel Zeit mit der Frage, ob eine Invasion stattgefunden habe, ob die Ukraine ein Land sei und ob sie nicht irgendwie und überhaupt überfallen werden musste. Hier wurde eine umfassende Schwachstelle sichtbar, die Russland bald in Europa und in den Vereinigten Staaten ausnutzte.

Geschichtsschreibung entstand als wissenschaftliche Disziplin in der Konfrontation mit der Kriegspropaganda. In seinem Buch über den Peloponnesischen Krieg, einem der frühesten Werke der europäischen Geschichtsschreibung, unterschied Thukydides genau zwischen den Berichten der Befehlshaber und den tatsächlichen Gründen für ihre Entscheidungen. Heutzutage wird der investigative Journalismus immer unersetzlicher, weil wachsende Ungleichheit die politische Fiktion befördert. Seine Renaissance erlebte er während der russischen Invasion der Ukraine, als mutige Reporter aus der Gefahrenzone berichteten. In Russland und in der Ukraine waren journalistische Initiativen zu den Themen Kleptokratie und Korruption entstanden, dann berichteten Journalisten, die Erfahrungen auf diesen Feldern gesammelt hatten, über den Krieg.

WAS IN RUSSLAND bereits eingetreten ist, geschieht vielleicht auch in Amerika und Europa: die Etablierung massiver Ungleichheit, die Ersetzung von Politik durch Propaganda, der Übergang von der Politik der Unausweichlichkeit zur Politik der Ewigkeit. Das russische Führungspersonal konnte Amerika und Europa in die Ewigkeit einladen, weil Russland zuerst dort angekommen war. Man beobachtete bei Amerikanern und Europäern die Schwächen, die man im eigenen Land bereits erkannt und ausgebeutet hatte.

Auf die Ereignisse der 2010er Jahre waren viele Amerikaner und Europäer nicht vorbereitet: das Aufkommen antidemokratischer Politik, die Abwendung Russlands von Europa und die Invasion der Ukraine, das Brexit-Referendum, die Wahl Trumps. Die Amerikaner neigen bei Überraschungen zu zwei Reaktionen. Entweder reden sie sich ein, das unerwartete Ereignis gebe es in Wirklichkeit gar nicht, oder sie behaupten, es sei so vollkommen neu, dass es sich dem historischen Verständnis entziehe. Entweder wird alles irgendwie gut, oder es ist so schrecklich, dass man nichts dagegen unternehmen kann. Die erste Reaktion ist der Verteidigungsmechanismus der Politik der Unausweichlichkeit. Die zweite kommt mit dem ächzenden Geräusch, das kurz vor dem Zusammenbruch der Unausweichlichkeit entsteht, wenn sie den Weg für die Ewigkeit freigibt. Die Politik der Unausweichlichkeit erodiert das Verantwortungsbewusstsein der Bürger, und falls eine ernste Herausforderung kommt, mutiert sie zur Politik der Ewigkeit. Die Amerikaner zeigten beide Reaktionen, als Russlands Wunschkandidat Präsident der Vereinigten Staaten wurde.

In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts und in der ersten Dekade des 21. ging der Einfluss von West nach Ost: mit der Übernahme von ökonomischen und politischen Vorbildern, der Verbreitung der englischen Sprache, der Erweiterung der Europäischen Union und der NATO. Inzwischen haben deregulierte Sphären des amerikanischen und europäischen Kapitalismus wohlhabende Russen in ein Reich gelockt, in dem es keine Ost-West-Geographie gibt, sondern Offshore-Bankkonten, Briefkastenfirmen und anonyme Deals, bei denen das Vermögen gewaschen wird, das dem russischen Volk gestohlen wurde. Auch aus diesem Grund driftete der Einfluss in den 2010er Jahren von Ost nach West, als die Ausnahme des Offshore zur Regel und die russische politische Fiktion außerhalb von Russland wirkmächtig wurde. Im Peloponnesischen Krieg definierte Thukydides «Oligarchie» als ‹Herrschaft von Wenigen› im Gegensatz zur ‹Demokratie›. Aristoteles verstand unter ‹Oligarchie› die ‹Herrschaft der Wenigen, die reich sind›. In dieser Bedeutungsvariante erlebte das Wort Oligarchie in den 1990er Jahren in der russischen Sprache seine Renaissance – und die Erklärung von der «Herrschaft der wenigen, die reich sind», the rule of the wealthy few, in den 2010er Jahren dann, aus gutem Grund, im Englischen.

Begriffe und Verfahrensweisen wanderten vom Osten in den Westen. Zum Beispiel das Wort «Fake» wie in «Fake News»: Das klingt wie eine amerikanische Erfindung, und Donald Trump reklamiert sie für sich, aber der Ausdruck wurde in Russland und in der Ukraine schon lange benutzt, bevor er seinen Siegeszug in den Vereinigten Staaten antrat. Er bedeutet, dass sich ein fiktionaler Text als journalistischer ausgibt, und zwar sowohl um Verwirrung über ein bestimmtes Geschehen zu stiften, als auch um den Journalismus als solchen zu diskreditieren. Politiker der Ewigkeit verbreiten zunächst selbst Fake News, dann behaupten sie, alle Nachrichten seien Fake, und schließlich, dass allein ihre eigenen Spektakel wahr seien. Die russische Kampagne, die die internationale Öffentlichkeit mit Fiktionen überschwemmen sollte, begann 2014 in der Ukraine und griff 2015 auf die Vereinigten Staaten über, wo sie 2016 dazu beitrug, den Präsidenten zu wählen. Die Technik war überall dieselbe, allerdings wurde sie mit der Zeit immer raffinierter.

Russland war in den 2010er Jahren ein kleptokratisches Regime, das entschlossen war, die Politik der Ewigkeit zu exportieren: Faktizität zu vernichten, Ungleichheit zu zementieren und ähnliche Tendenzen in Europa und in den Vereinigten Staaten zu beschleunigen. Das wird gut an der Ukraine sichtbar, wo Russland einen regelrechten Krieg führte, wäh- rend es die Kampagnen zur Zerrüttung der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten verstärkte. Der Berater des ersten prorussischen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten war der Berater des letzten pro-russischen Präsidenten der Ukraine gewesen. Russische Taktiken, die in der Ukraine scheiterten, waren nun in den Vereinigten Staaten erfolgreich. Russische und ukrainische Oligarchen versteckten ihr Geld so, dass der Aufstieg eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten davon profitierte. Das alles ist eine einzige, zusammengehörende Geschichte, die Geschichte unserer Gegenwart und unserer Entscheidungen.

KANN GESCHICHTE so gegenwartsnah sein? Der Peloponnesische Krieg gehört für uns zur Alten Geschichte, die Athener kämpften vor mehr als zweitausend Jahren gegen die Spartaner. Doch ihr Geschichtsschreiber Thukydides beschrieb, was er selbst erfahren hatte. Er bezog die Vergangenheit in dem Maße ein, wie es für die Erklärung der zentralen Probleme der Gegenwart notwendig war. Mein Buch versucht in aller Bescheidenheit, diesem Ansatz gerecht zu werden. Der Weg in die Unfreiheit taucht so weit in die russische, ukrainische, europäische und amerikanische Geschichte ein, wie es notwendig ist, um die politischen Probleme der Gegenwart zu definieren und einige Mythen auszuräumen, die sie verhüllen. Das Buch bezieht sich auf Primärquellen der betreffenden Länder und bemüht sich, Strukturen und Begriffe zu finden, die dazu beitragen können, unsere Zeit zu begreifen. Die Sprachen der Quellen, Russisch, Ukrainisch, Polnisch, Deutsch, Französisch und Englisch, gehören zum wissenschaftlichen Handwerkszeug, sie sind aber auch Quellen der Erfahrung. Ich las und sah in diesen Jahren die russischen, ukrainischen, europäischen und amerikanischen Medien und reiste an viele der betreffenden Orte. Manchmal konnte ich Berichte über die Ereignisse mit meinen eigenen Erfahrungen oder denen von Menschen, die ich kannte, vergleichen. Jedes Kapitel konzentriert sich auf ein bestimmtes Ereignis in einem bestimmten Jahr: die Wiederkehr der totalitären Denkweise (2011), der Zerfall der demokratischen Politik in Russland (2012), der russische Angriff auf die Europäische Union (2013), die Revolution in der Ukraine und die darauf folgende russische Invasion (2014), die Verbreitung der politischen Fiktion in Russland, Europa und Amerika (2015) und die Wahl von Donald Trump (2016).

Mit der Behauptung, dass die politischen Grundlagen unveränderbar seien, verbreitete die Politik der Unausweichlichkeit Unsicherheit über die Beschaffenheit dieser Grundlagen. Wenn wir glauben, dass die Zukunft nur eine automatische Fortsetzung der guten politischen Ordnung ist, brauchen wir uns keine Gedanken zu machen, wie diese Ordnung beschaffen ist, warum sie gut ist, wie man sie bewahren und verbessern kann. Geschichtsschreibung ist eine Form der politischen Reflexion, und sie muss es sein, insofern sie eine Zäsur zwischen der Unausweichlichkeit und der Ewigkeit ermöglicht, die uns daran hindert, von einem ins andere zu gleiten, und die uns hilft, den Moment zu erkennen, in dem wir vielleicht etwas ändern können.

Da wir gerade aus der Unausweichlichkeit herauskommen und mit der Ewigkeit kämpfen, kann eine Geschichte des Zerfalls ein Leitfaden der Wiederherstellung sein. Die Erosion legt bloß, wo es Widerstand gibt, was gestärkt werden kann, was wiederherstellbar ist und was neu bewertet werden muss. Weil Verstehen auch Befähigung bedeutet, haben die Kapi- telüberschriften dieses Buchs die Form von Alternativen: Individualismus oder Totalitarismus; Nachfolge oder Scheitern; Integration oder Imperium, Neuerung oder Ewigkeit; Wahrheit oder Lügen; Gleichheit oder Oligarchie. Individualität, Beständigkeit, Kooperation, Offenheit gegenüber dem Neuen, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit stellen deshalb politische Tugenden dar. Diese Eigenschaften sind nicht bloße Phrasen oder Vorlieben, sondern sie gehören zu den historischen Fakten und vielleicht nicht weniger als materielle Wirkkräfte. Tugenden sind untrennbar verbunden mit Institutionen, die sie inspirieren und aufrechterhalten.

Eine Institution entwickelt vielleicht Ideen darüber, was das Gute sei, aber sie ist auch von diesen Ideen abhängig. Wenn Institutionen funktionieren sollen, dann brauchen sie diese Tugenden. Wenn Tugenden gefördert werden sollen, brauchen sie Institutionen. Die moralische Frage nach Gut und Böse im öffentlichen Leben kann niemals von der historischen Aufarbeitung des Rahmens getrennt werden. Es ist die Politik der Unausweichlichkeit beziehungsweise der Ewigkeit, die den Anschein erweckt, dass Tugenden irrelevant oder gar lächerlich seien: die Unausweichlichkeit, indem sie verspricht, das Gute existiere bereits und müsse nur planvoll vermehrt werden, die Ewigkeit, indem sie versichert, das Böse komme immer von außen und wir seien immer nur unschuldige Opfer.

Wollen wir zu einer genaueren Definition von Gut und Böse kommen, werden wir die Geschichtsschreibung wiederaufleben lassen müssen.

17:25 04.10.2018

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