Schatz und Quelle

Leseprobe "Schließlich überreichte er mir sein Tagebuch – auch dies ein wahrer Schatz und eine wichtige Quelle für dieses sehr persönliche Buch. Für alles andere trafen wir uns zu Gesprächen."
Schatz und Quelle
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Prolog

Eine Freundschaft fürs Leben


"Wer Fragen stellt, muss damit rechnen, Antworten zu bekommen."

Aus Kamerun


Es war im Februar 1997 während der Regenzeit in Namibia. Im Café des Supermarkts mit dem wenig afrikanischen Namen »Woermann & Brock« war es drückend heiß. Ich war noch nicht lange in Windhoek, und nun saß ich einem alten Herrn in einer olivgrünen Steppweste gegenüber, wie sie Militärs tragen. Unter seinem dunkelblauen Barett mit einem Anstecker in Form eines silbernen Kreuzes quollen dichte weiße Haare hervor. Er nahm gerade sein »typisch namibisches« Frühstück ein, und ich wollte meinen Augen nicht trauen: Das Brötchen – auf der Speisekarte als »Brotchen« angekündigt – sah genau so aus wie eine typische Berliner Schrippe mit Hackepeter, Zwiebeln und Spreewaldgurke. Dazu gab es eine Tasse Kaffee der Marke »Jacobs Krönung« und die neueste Ausgabe der »Allgemeinen Zeitung«, der ältesten Zeitung Namibias. Der alte Herr zog sein Campingmesser aus der Tasche, klappte die kleinere der beiden Klingen auf und schnitt damit sein Brötchen auf. Dann maß er die Länge der Klinge zwischen seinem Daumen und Zeigefinger auf circa fünf Zentimeter und grinste: »Auf den Farmen sagen wir immer: Bis dahin is Spaß!«

Offensichtlich hatte er in seinem langen Leben auch einige Erfahrungen mit weit längeren Buschmesserklingen gemacht. Er lehnte sich in seinem Plastikstuhl zurück und nahm einen großen Schluck Kaffee: »Was genau führt dich nach Windhoek?« »Ihr Archiv, oben in der Missionskirche, und das namibische Staatsarchiv«, gab ich zur Antwort und wollte zu einer längeren Erklärung ansetzen, doch mein Gegenüber unterbrach mich. »Ich heiße Peter«, sagte er, »man kennt mich hier als den ›schwarzen Peter‹, aber du kannst ruhig Peter zu mir sagen. Und wie heißt du?« »Nils Ole«, sagte ich und ergriff seine feingliedrige und dennoch zähe, sonnengegerbte Hand mit dem festen Druck, die er mir über den Tisch hinweg reichte. »Ausgezeichnet«, gab Peter zurück. »Aber eh du mir erzählst, was du mit meinem Kirchenarchiv vorhast, bestellen wir erst einmal einen ordentlichen Kaffee für dich. Und ein anständiges Brötchen.« Und schon winkte er die Bedienung herbei.

Während Peter mit ihr die Bestellung klarmachte, hatte ich Gelegenheit, mich in diesem seltsam kolonialen Koffieshop ein wenig umzusehen. Die ganze Atmosphäre erinnerte mich an ein deutsches Café der 1970er-Jahre: die getönten Lampen, Marke »Palast der Republik«, die weißen Plastikstühle. Auch die braunen Fliesen im WC, wie ich zuvor beim Händewaschen feststellen konnte. An den Wänden entdeckte ich zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos der Windhoeker Kaiserstraße und des »Thüringer Hofs«, damals eines der ersten Häuser am Platz. ›Man könnte glauben‹, dachte ich und mir wurde ein bisschen schwindelig dabei, ›wir säßen irgendwo in der deutschen Provinz, und nicht mitten in Afrika.‹

Ich war aus Oxford für ein halbes Jahr nach Namibia gekommen, weil ich hoffte, hier Material für eine Doktorarbeit im Bereich Kolonialgeschichte zu finden. Und kaum gelandet, hatte ich von diesem bunten Hund, dem deutschen Pastor mit blauem Barett, erfahren, den ein unglaubliches Schicksal nach Namibia verschlagen hatte: Peter Pauly, genannt »der schwarze Peter«, geboren 1917 in Breslau. Sein Vater war ein preußischer Artillerieoffizier mit jüdischen Vorfahren, seine Mutter Melanie Schöneberg ein uneheliches Kind des Grafen Tassilo Saurma-Jeltsch und seiner Hausangestellten.

Inzwischen war Peter als pensionierter Pastor Leiter des namibischen Kirchenarchivs und damit Herr über viele Regalmeter von Briefen, Gouvernementsakten und Missionarstagebüchern. Und genau diese Archive wollte ich mir gerne ansehen. »Kein Problem«, strahlte der »schwarze Peter«. »Sobald du dein Brotchen aufgegessen hast, zeig ich sie dir.« Wenige Stunden später war mir klar, dass Peters Archive eine wahre Fundgrube noch ungehobener Schätze darstellten. »Das heißt, du musst noch öfters kommen«, stellte Peter am diesem Abend fest, als ich erschöpft und glücklich das Archiv verließ und er hinter mir abschloss. »Wenn du willst«, schlug er vor, »kannst du so lange hier bei mir einziehen, bis du fertig bist.« Das erstaunliche Angebot nahm ich gerne an. Und so begann meine Freundschaft mit diesem alten Mann, der mein Großvater hätte sein können, in dessen Gegenwart aber Alter und Zeit keine Rolle zu spielen scheinen. Damals überraschte mich Peter jeden Tag aufs Neue, und das tut er bis heute. Wer stellt einem schon nach dem ersten Tag die eigene Wohnung zur Verfügung, obwohl er selbst nur wenig Platz und eine ganz kleine Rente zur Verfügung hat und auf die Frage, wie es ihm gehe, stets antwortet: »Danke! Unverdient gut!« Wer opfert schon freiwillig seine Zeit und hilft einem jungen Doktoranden, sich in den umfangreichen Archiven zurechtzufinden, und steht ihm mit Rat und Tat zur Seite? Und wer erzählt zunächst Fremden so bereitwillig aus seinem Leben?

Doch damit nicht genug. Peter verhalf mir zu Erfahrungen, die mein Verständnis vom Leben der Missionare in Afrika im vergangenen Jahrhundert ungemein bereicherten: Als die Bewohner des alten Missionshauses verreisten, arrangierte er, dass wir beide einige Zeit darin wohnen durften. Voller Staunen wurde ich in diesem wahrlich öffentlichen Haus auch Zeuge von Peters gelebter Nächstenliebe und seinem unstillbaren Interesse an Menschen jeglicher Art: So blieben mir besonders jene Abende unvergessen, als er vorm Missionshaus jene Prostituierten auf ein Glas Tee ins Warme einzuladen pflegte, die sich dort am Windhoeker Ausspannplatz von ihrer Arbeit ausruhten – und zwar nicht etwa, um sie zu missionieren, sondern um sich mit ihnen von Mensch zu Mensch auszutauschen.

Peter ist von Natur ein neugieriger Mensch, neugierig auf andere Menschen und deren Geschichten. In jenen ersten Wochen meines Studienaufenthalts in Windhoek legten wir, ohne es zu ahnen, den Grundstein für eine jahrzehntelange Freundschaft. Über die Jahre sahen wir uns immer wieder, und Stück für Stück erfuhr ich von Peters bewegtem Leben. Er zeigte mir »sein« Afrika, von dem man nichts ahnt, sieht man ihn allmorgendlich zum Frühstück bei »Woermann & Brock« oder »Wecke & Voigts«. Schließlich fuhr er mit mir sogar durch das entlegene Ovamboland, wo er jahrelang gelebt hatte, lange Zeit unter primitivsten Verhältnissen bei seinen steinalten afrikanischen Schwiegereltern ohne fließend Wasser oder gar Strom.

Und manchmal, wenn wir dort in seinem Familien-Kraal mit dem biblischen Namen »Elim« beieinandersaßen und über Goethe oder das Brandenburger Lied »Steige hoch, du roter Adler« sinnierten, musste ich mich selbst in den Arm kneifen, so unwirklich waren diese Situationen. Von Peter lernte ich viel, zum Beispiel den Unterschied zwischen klug und weise. Weisheit ist Klugheit gepaart mit einem reichen Schatz an tiefer Lebenserfahrung und der Fähigkeit, sie auch zu nutzen und im praktischen Leben zur Anwendung zu bringen.

»Du solltest ein Buch schreiben«, sagte ich eines Abends zu ihm. »Was? Ich?«, lachte er auf seine unnachahmlich laute, heitere Art, die wie das Bellen eines großen gutmütigen Hundes klingt. »Das Bücherschreiben ist doch dein Metier, Nils Ole. Ich hab anderes zu tun.« Auch ich hatte vieles andere zu tun.

Und doch reifte bereits vor fünfzehn Jahren der Plan in mir, eines Tages die unglaubliche Lebensgeschichte dieses Mannes festzuhalten. Schließlich setzt sich Historie doch aus vielen gelebten Geschichten zusammen und wird über diese Lebensgeschichten erst wirklich verständlich. »Es wäre doch schade«, sagte ich zu ihm, »wenn das alles verloren ginge. Ich meine, das was du erlebt hast, ist doch einzigartig!« »Was ist schon einzigartig?«, fragte er nachdenklich zurück. »Jeder Mensch ist einzigartig, oder nicht?« Doch ich ließ nicht locker.

Schließlich überreichte er mir sein Tagebuch – auch dies ein wahrer Schatz für den Historiker in mir und eine wichtige Quelle für dieses sehr persönliche Buch. Für alles andere, was diese Tagebücher nicht enthielten, trafen wir uns zu Gesprächen. Und so kam es, dass wir uns wieder und wieder gegenübersaßen, und zwar an demselben Ort, wo wir uns damals begegnet waren: im Café bei »Woermann & Brock«. »Was willst du wissen?«, fragte mich Peter. »Erzähl mir von deiner Kindheit. Von damals, als alles begann!« Gerade, als er ansetzen wollte, erfüllte dröhnender Motorradlärm die Luft. Draußen fuhr die silberfarbene Motorradstaffel mit dem Wagen des namibischen Präsidenten vorbei. Seine Eskorte zog gleich viermal stolze Kreise um denselben großen Parkplatz. »Und dafür«, sagte der Wirt, »haben sie mal wieder den gesamten Luftraum über Windhoek gesperrt!«

Peter lachte bellend und sagte zu mir: »Hier kannst du gerade was über Afrika lernen und gleichzeitig über euch Deutsche. Mit der Zahl der Motorräder ist das hier nämlich wie früher mit der Zahl der Rinder: Je mehr du hast, umso höher ist dein Ansehen! Und ihr Deutsche spielt mit in diesem Spiel und liefert die BMWs mit dem schönen Boxermotor. Nur sollten eure Politiker das Ganze nicht als Entwicklungshilfe ausweisen, sondern als versteckte Subvention der Bayerischen Motorenwerke. Dennoch: feine Motorräder, nur leider mit geringem Gebrauchswert in diesem Teil der Welt.« Wir lachten und beobachteten, wie die Flotte des Präsidenten wieder von dannen zog.

»Eigentlich kann man die Peter’sche Lebensgeschichte auch ganz kurz erzählen«, meinte er, und seine Augen blitzten. »In Breslau in der Fürstenstraße geboren, in Berlin aufgewachsen, als ›Halbjude‹ am Tag des mündlichen Abiturs von der Nazi-Eliteschule in Potsdam geflogen, in Ostafrika auf einer Kaffeeplantage ge- arbeitet, in Ost- und Südafrika von den Briten jahrelang als Deutscher interniert, in Südwestafrika als Farmverwalter angestellt und mit fast sechzig Jahren als lutherischer Pfarrer ordiniert, dann – zu Zeiten der Apartheid! – als Weißer eine Afrikanerin im Ovamboland geheiratet und schließlich seit 1995 Leiter des Windhoeker Kirchenarchivs. Fertig!«

Peter lachte und bestellte ein »Brotchen« mit Hackepeter – das würde besonders gut zu seinem Vornamen passen. Ich dagegen fand, dass hier am Wendekreis des Steinbocks mitten in der kurzen namibischen Regenzeit nichts besser zu diesem kunterbunten Leben passte als Kudufleisch und afrikanischer Maisbrei. Den aß er wie damals in Schlesien die Hafersuppe: mit viel Zucker und Zimt. »Gut«, schmunzelte Peter, »mit dieser Kurzfassung wirst du dich nicht zufriedengeben, wie ich deinen westfälischen Dickschädel kenne. Jetzt bestelle ich noch ein Swakopmunder Hansa Bier mit zwei Schnaps, unser ›Herrengedeck‹, und dann wollen wir mal gemeinsam sehen, wie wir in dieses verrückte Leben eine Linie hineinbekommen. In wenigen Monaten werde ich 96 Jahre alt, das ist sozusagen meine deadline!« Wieder ließ Peter sein bellendes Lachen hören. »Deadline, sehr gut!«, freute er sich über sein eigenes Bonmot, »was für ein passender Ausdruck!« Und mit einem Lächeln auf den Lippen fing er an zu erzählen.

15:39 16.01.2014

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