Keineswegs harmlos

Leseprobe "Die Märchen sind also keineswegs harmlos, die über die bundesdeutsche Wirtschaftsgeschichte erzählt werden. Sie haben konkrete Folgen und schädigen Millionen Bürger. Den Legenden kann aber nur widersprechen, wer weiß, was wirklich geschah."
Keineswegs harmlos

Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Einleitung

Deutschland ist ein reiches Land, und dennoch hält sich die Erzählung: Früher war alles besser. Nicht wenige Deutsche würden gern zur D-Mark zurückkehren, trauern der Bundesbank hinterher oder träumen von einer Welt, in der wieder der Goldstandard gilt. Die AfD hat diese Nostalgie längst für sich entdeckt und propagiert den Mythos, dass die Bundesrepublik mühelos auf den Euro verzichten könnte.

Aber auch andere Parteien bedienen sich höchst eigenwillig bei der bundesdeutschen Geschichte. Besonders beliebt ist das Märchen, die Bundesrepublik sei eine einzigartige »soziale Marktwirtschaft«. Als Unterton schwingt dabei stets mit, dass man sich dieses angebliche Sozialparadies aber leider nicht mehr länger leisten könne. Daher wurde in immer neuen Runden bei den Angestellten gekürzt: CDU-Kanzler Helmut Kohl fabulierte vom »Freizeitpark Deutschland«, und SPD-Kanzler Gerhard Schröder hielt es für dringend nötig, einen der »besten Niedriglohnsektoren« in ganz Europa aufzubauen.

Die Märchen sind also keineswegs harmlos, die über die bundesdeutsche Wirtschaftsgeschichte erzählt werden. Sie haben konkrete Folgen und schädigen Millionen Bürger. Den Legenden kann aber nur widersprechen, wer weiß, was wirklich geschah.

Die deutsche Wirtschaftsgeschichte ist jedoch weithin unbekannt – obwohl sie auch prominente Opfer gefordert hat. Vier Bundeskanzler verloren ihr Amt, weil sie ökonomische Probleme falsch eingeschätzt hatten: Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt und Gerhard Schröder.

Die Bundesrepublik wird jetzt 70 Jahre alt, und schon ihr Anfang ist sagenumwoben: Nach dem Zweiten Weltkrieg soll Westdeutschland angeblich ein einzigartiges »Wirtschaftswunder« erlebt haben, das allein der Währungsreform zu verdanken sei.

Wie in jedem Märchen gibt es auch einen Helden: Ludwig Erhard. Selbst Grüne lassen sich inzwischen mit seinem Konterfei abbilden.Ganz allein soll Erhard die neue D-Mark eingeführt und die »soziale Marktwirtschaft« erfunden haben. In diesem Narrativ ist Erhard ein überragender Ökonom und Staatsmann, der Deutschland aus tiefster Not errettet hat. Nichts davon stimmt.

Die deutsche Mark war keine westdeutsche Erfindung, sondern wurde von den Amerikanern durchgesetzt. Auch ein rein bundesdeutsches »Wirtschaftswunder« gab es nicht– fast alle westeuropäischen Staaten wuchsen rasant. Besonders erfolgreich war übrigens Spanien.

Die »soziale Marktwirtschaft« war ebenfalls ein Märchen, denn die Bundesrepublik war nie besonders sozial, und eine »Wirtschaftsreform« hatte auch nicht stattgefunden. Diese Legende sollte nur verbrämen, wie wenig sich seit der NS-Zeit ökonomisch verändert hatte: In den Großkonzernen dominierten weiterhin die alten Eliten.

Diese personelle Kontinuität verkörperte niemand besser als Ludwig Erhard: Nach dem Krieg verbreitete er zwar das Märchen, dass er eine Art Widerstandskämpfer gewesen sei. Doch in Wahrheit hatte Erhard zu NS-Zeiten üppigst verdient, indem er bis zuletzt eng mit Gauleitern und SS-Größen zusammengearbeitet hatte.

Erhards unerfreuliche NS-Vergangenheit ist historisch bestens dokumentiert – wird aber trotzdem tatkräftig verschwiegen. Ein Kapitel dieses Buches widmet sich daher dem Leben Erhards, denn bisher fehlt eine vollständige Biographie.

Erhard war jedoch nicht nur ein Opportunist und Lügner, sondern auch ein überaus naiver Ökonom. Für die Bundesrepublik erwies es sich daher als Glück, dass Erhard als Wirtschaftsminister wenig zu sagen hatte, weil Adenauer die Richtlinien bestimmte. Der erste Bundeskanzler hat die westdeutsche Wirtschaftsordnung bleibend geprägt: Er forcierte die Europäische Integration und setzte die Rentenreform von 1957 durch.

Adenauer war der wohl wichtigste Wirtschaftspolitiker, den Deutschland je hatte – gerade weil er sich nicht als Ökonom verstand, sondern als Politiker. Für Adenauer war die Wirtschaft niemals Selbstzweck, sondern ein Mittel, um die Gesellschaft zu gestalten.

Adenauer erkannte klar, dass es ein Fehler war, dass die Bundesbank völlig unabhängig agieren durfte und keinerlei demokratischer Kontrolle unterlag. Der Kanzler wollte die Frankfurter Notenbanker entmachten, doch diesen wichtigen Kampf verlor Adenauer, weil die Öffentlichkeit nicht hinter ihm stand: Die Wähler verehrten die Bundesbank als »Hüterin der D-Mark«.

Bis heute wird das Märchen erzählt, dass die Bundesbank für Stabilität gesorgt hätte. In Wahrheit haben die Frankfurter Notenbanker mehrfach schwere Wirtschaftskrisen ausgelöst, indem sie die Zinsen nach oben trieben und Kredite abstrus verteuerten. Millionen von Menschen wurden in die Arbeitslosigkeit geschickt, weil die Bundesbank allzu große Angst hatte, dass eventuell eine Inflation drohen könnte.

Selbst die deutsche Einheit wurde von der Bundesbank torpediert, indem sie die Zinsen nach oben schraubte. Viele Ostdeutsche glauben noch immer, dass die Treuhand schuld gewesen sei, dass so wenig neue Arbeitsplätze entstanden. In Wahrheit hat die Bundesbank den »Einheitsboom« beendet und für bundesweite Tristesse gesorgt.

In Ost und West setzte sich daher der falsche Eindruck fest, dass die Wiedervereinigung ein trauriges Stück Geschichte sei. Dabei war sie eigentlich ein enormer Erfolg: Es ist weitgehend gelungen, in ganz Deutschland ähnliche Lebensverhältnisse herzustellen. Inzwischen ist die gigantische Summe von 2,5 Billionen Euro vom Westen in den Osten geflossen – und dennoch war die Einheit kostenlos. Die deutsche Staatsverschuldung liegt nicht höher als in anderen Ländern, die keine Wiedervereinigung zu stemmen hatten. Die Ausgaben für die Ex-DDR haben sich letztlich selbst finanziert, indem sie für Wachstum sorgten.

Auch um die Wiedervereinigung ranken sich viele Mythen. So wird gern behauptet, dass es den Euro nur geben würde, weil Frankreich sonst 1989 der deutschen Einheit nicht zugestimmt hätte. Die Wahrheit ist komplizierter. FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher arbeitete nämlich bereits ab 1986 an einer europäischen Währungsunion, weil er – wie Adenauer – erkannt hatte, dass man die Bundesbank dringend entmachten musste. Es ist ironisch, dass nun ausgerechnet viele FDP-Anhänger den Euro ablehnen.

So erfolgreich die deutsche Wirtschaftsgeschichte war – es wurden viele Fehler gemacht. Dazu gehört etwa der deutsche Ehrgeiz, unbedingt »Exportweltmeister« zu sein. Nie taucht die naheliegende Frage auf, warum eigentlich andere Länder ebenfalls prosperieren, obwohl sie auf diesen Titel dankend verzichten.

Es ist nicht möglich, die gesamte deutsche Wirtschaftsgeschichte in einem Buch zu erzählen. Viele Einzelthemen fehlen, die auch interessant gewesen wären. Nur ein paar Beispiele: Es findet sich nichts zu Frauen, Familien oder Zuwanderern; auch die Atomenergie oder der Umweltschutz werden nicht behandelt; der Wandel des Konsums ist so wenig dargestellt wie der Siegeszug der Computer.

Zudem geht es bis 1989 meist um die westdeutsche Entwicklung, während der DDR nur ein Kapitel gewidmet ist. Dies mag ungerecht erscheinen, spiegelt aber die Geschichte wider: Mit der DDR verschwand auch der Sozialismus. Das westdeutsche Wirtschaftssystem wurde einfach übertragen und prägt nun auch den Alltag eines jeden Ostdeutschen.

Dieses Buch versucht, den großen Rahmen zu erklären. Es greift jene Mythen auf, die bis heute die bundesdeutsche Wirtschaftspolitik leiten und oft in die Irre führen. Auf den ersten Blick scheinen die Legenden über Erhard, die D-Mark, die Bundesbank, die »soziale Marktwirtschaft« oder die Exportüberschüsse nicht viel gemeinsam zu haben. Doch es gibt einen Aspekt, der sie alle verbindet: Es sind nationale Märchen. Stets wird der Eindruck erzeugt, als wäre es allein der deutschen Raffinesse zu verdanken, dass die Bundesrepublik reich wurde. Es wird der Irrglaube verbreitet, dass Deutschland weder Europa noch den Euro bräuchte. In Wahrheit ist es genau anders herum: Ohne Europa hätte es das deutsche »Wirtschaftswunder« niemals gegeben.

14:25 12.09.2019

Buch der Woche: Weitere Artikel


Im Fokus

Im Fokus

Biographie Ulrike Herrmann ist ausgebildete Bankkauffrau und hat an der Freien Universität Berlin Geschichte und Philosophie studiert. Die Journalistin und Publizistin arbeitet als Wirtschaftskorrespondentin bei der taz
Kosten und Nutzen

Kosten und Nutzen

Einblicke Historische bzw. gesamtgesellschaftliche Mythen sind nicht unbedingt per se schlecht – unter anderem ihrer identitätsstiftenden Wirkung wegen. Allerdings sollten sie mitnichten unhinterfragt hingenommen werden
Genauer Blick

Genauer Blick

Netzschau Stimmen aus dem Netz: "Die Wirtschaftsjournalistin und Publizistin Ulrike Herrmann erzählt die Geschichte der sozialen Marktwirtschaft und macht Schluss mit Legenden und falschen Mythen vom Wirtschaftswunder."