Vom Vermitteln

Leseprobe "Doch gerade jetzt, wo Vieles so schlimm ist, scheint es drängender denn je, Mut zu schöpfen und an bessere Zeiten zu erinnern, den Zauber des Anfangs wieder anklingen zu lassen."
Vom Vermitteln
Foto: Verlag/Désirée von Trotha

Sandkörner im Auge der Zeit

Vor gut zwei Jahrzehnten reichte mir eine fremde Kultur die Hand. Ich ergriff sie, halte sie fest und werde von ihr fest gehalten. Mein Buch "Die Enkel der Echse", das 1998 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, erzählt vom Nomadendasein in der nigrischen Sahara und von anfangs rätselhaften Begegnungen mit den Tuareg, die sich selbst Kel Tamaschek nennen. Es erzählt von allmählich wachsenden Freundschaften, einer Fülle von manchmal abenteuerlichen und häufig bewegenden Erlebnissen und gibt Einblick in eine faszinierende Kultur, die mich von Anfang an in ihren Bann gezogen hat.

Nach über zwanzig Jahren Pendlerleben zwischen der größten Wüste der Welt und München haben sich Freundschaften verfestigt, eine neue Generation wuchs heran, und gemeinsam durchlebten wir dramatische, globale Umwälzungen, die uns alle betreffen – ob in Afrika oder Europa.

Diese erweiterte Neuauflage spinnt die Fäden von damals weiter, berichtet wie es meinen Freundinnen und Freunden ergangen ist. Das letzte Kapitel "Herr­scher und Beherrschte", in dem die historischen und politischen Entwicklungen aufgezeichnet werden, wurde vertieft und auf den neuesten Stand gebracht.

Die Kultur der Kel Tamaschek ist vom Untergang bedroht. Um auf die dramatische Lage aufmerksam zu machen, habe ich im Jahr 2011 beim "Festival au Désert" – ein von den Nomaden organisiertes internationales Musikereignis in der Sahara – meinen ersten Kino-Dokumentarfilm "Woodstock in Timbuktu – die Kunst des Widerstands", gedreht.

Im Film geht es um die Musik der Kel Tamaschek, die in jüngster Zeit Erfolge feierte und Grammys gewann; um Musiker und Poeten, die Macht der Frauen, Kamelhirten, Ex-Rebellen, Drogenschmuggler und die drohende Gefahr durch militante Salafisten. Ihre Lieder, in denen besungen wird, wie schlimm vieles war, wie hart es noch ist und wie schön alles werden soll, zeugen von sozialem und politischem Engagement, leisten Widerstand.

Die Kel Tamaschek sehen sich enormen Bedrohun­gen ausgesetzt: Rebellionen, internationalen Rohstoffkonzernen, Menschen­, Waffen­ und Drogenschmuggel, mafiösen Geflechten, Kidnapping, militanten Salafisten, al-Qaida ...

In der Heimat meiner Freundinnen und Freunde ist nichts mehr wie es war, als mein Buch "Die Enkel der Echse" vor fünfzehn Jahren in Deutschland veröffentlicht wurde. Ihre Sahara befindet sich in Aufruhr. Die Nomaden scheinen zwischen alle Fronten geraten. In Algerien werden sie in die Ecke gedrängt; ein massiver Zuzug von Soldaten und Bürgern von der Mit­telmeerküste in den Süden hält an. Die Sahara-Region wurde für den Tourismus gesperrt. Die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch. Unruhe macht sich breit. In Libyen haben die Nomaden nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes ihren Platz unter der neuen Regie­rung noch nicht gefunden.

Aus dem Norden Malis suchten seit Jahresbeginn 2012 zehntausende Kel Tamaschek Exil in den Nachbarstaaten. Anfangs, um den bewaffneten Ausein­andersetzungen während der Machtübernahme der Region durch militante Salafisten zu entgehen; später flohen sie vor den rigiden Scharia-Gesetzen der Gotteskrieger und einer drohenden Hungersnot; heute fliehen sie vor ethnischen Übergriffen der malischen Armee und angegliederter Milizen.

Alle sehnen sich nach einem baldigen Ende des Krieges in der Heimat, der Anfang des Jahres, auf einen Hilferuf des malischen Interimspräsidenten hin, mit einer Intervention der französischen Armee im Norden Malis auch international an Bedeutung gewonnen hat. In der Republik Niger befürchtet man ein Über­greifen des benachbarten Konflikts.

Die Hoffnung auf Frieden und Sicherheit schmilzt; neue Ängste machen sich breit. Das Nomadenland, wo Sonne, Mond und Sterne wie eh und je ihren Lauf fortsetzen, ist in Teilen zu einem gewalttätigen und unsicheren Ort geworden, den Europäer nicht mehr wie einst bereisen können. Die seligen Zeiten, in denen ich meine Kreise ungestört vom Aïr-Gebirge und den ausgedehnten Ebenen im Norden der Republik Niger über das Plateau des Tassili-n-Ajjers und die hohen Felsen des Ahaggars im Süden Algeriens bis zu den hellen Sandbergen in der Region von Timbuktu ziehen konnte, sind erst einmal dahin. Doch gerade jetzt, wo Vieles so schlimm ist, scheint es drängender denn je, Mut zu schöpfen und an bessere Zeiten zu erinnern, den Zauber des Anfangs wieder anklingen zu lassen.

Vor über zwanzig Jahren nahmen mich offenherzige Männer und Frauen in ihrer Mitte auf und boten mir ihre Freundschaft an. Ich trank mit ihnen bitteren Tee auf Dünenkämmen, lernte ein wenig ihre Sprache, lernte ihre Art zu denken, lernte das Reiten auf Kamelen und lernte, warum sich die Männer verschleiern, nicht aber die Frauen. Wir wurden Freunde.

Die Kultur hat keine Beine, sagt man. Es ist der Mensch, der sie auf seinem Rücken tragen muss. Und welcher Schatz ginge der Menschheit verloren, wenn die Kultur der Kel Tamaschek für immer verschwinden würde. "Die Enkel der Echse" erzählt vom Zauber meiner ersten Begegnung mit den Kel Tamaschek und von jener Verbundenheit, die mit langjährigen Freundschaften entsteht; vielleicht auch in der Hoffnung, dass dadurch die Rücken derer, die diese reiche Kultur ein Stück mittragen können, fester und breiter werden.

Lange Reihen staubiger Toyotas parken in einem weiten Tal auf einem Teppich aus feinem Sand. Hier und da stehen mächtige Akazien und im Osten runde Felsen – fette Kröten ohne Gesicht. Überall lagern Menschengruppen. Männer, Frau­en und Kinder schlürfen Tee. Der Himmel ist wolkenlos und sehr blau. Gesattelte Kamele liegen faul in der nachlassenden Sonnenhitze. In der Ferne schreit ein einsamer Esel nach einer Braut.

Junge Mädchen bilden sitzend einen Kreis. Das Abendlicht taucht den Sand um sie herum in kräftiges Orange. Die Mädchen klatschen. Das tende entfaltet langsam seinen Klang. Dumpfer Rhythmus entsteht. Leise und sanft beginnt der Gesang und lockt die Reiter zum Tanz. Sie warten paarweise in einiger Entfernung. Der Gesang nimmt an Lautstärke zu. Weitere Stimmen fallen ein: "Was mir gefällt sind Männer, Kamele, Waffen, aufwühlende Gedichte und Feste bis zum Sonnenaufgang. Lauft, lauft hochmütige, edle Kamele und auch ihr jungen Tiere mit den kraftvollen Schritten. Die Stimme aus meinem Radio beinhaltet niemals solche Leidenschaft. Doch wir sind nur Sandkörner im Auge der Zeit."

Plötzlich preschen jeweils zwei Reiter in ausgestrecktem Galopp heran, direkt auf die Singenden zu und in letzter Sekunde an ihnen vorbei. Lautes Trällern empfängt die Mutigsten, deren Kamele die mit Indigo gefärbten Körpertücher der Mädchen mit den Füßen fast berühren. Einige Reiter umrunden den Kreis, tanzen mit ihren Tieren zum Takt der Musik. Wieder Trällern. Verschämte Blickwechsel. Vielleicht eine Ermunterung zu mehr. Das ewige Spiel der Begehrlichkeit zwischen den Geschlechtern nimmt seinen Lauf. In diesem Teil der Wüste gehorcht es strengen Regeln, die auch später im Schutz der Dunkelheit nur sehr selten gebrochen werden.

[...]

12:48 18.06.2015

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