Die Internationale

Leseprobe "Als ich also bei der Front der Jugend erfahre, dass man zu Ostern einen Studentenaustausch zwischen Rom und Paris organisieren wird, tue ich alles, um zu dieser Gruppe zu gehören."
Die Internationale
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Lucrezia Reichlin

Zur Einführung

Vierzehn Jahre alt sein im Jahr 1943. Meine Mutter, noch ein Mädchen, nähert sich zögernd dem Erwachsensein in einer Welt, die viel größer und komplizierter ist, als das, was sie auf den leblosen Schulbänken des faschistischen Italiens gelernt hat. Die Erzählung beginnt im Sommer 1943 in Riccione, im Hause Mussolini. Das Tennisspiel mit Anna Maria wird von einem Wachmann in Zivil unterbrochen. In dieser Nacht wird ihr Vater, Benito Mussolini, verhaftet. Das ist das Ende des Faschismus. Die Jahre zwischen 1943 und 1947 sind eine Aufeinanderfolge außergewöhnlicher Ereignisse, die den normalen Lebensrhythmus unterbrechen: der Waffenstillstand, die Kapitulation einer führenden Klasse, von der sich niemand mehr vertreten fühlt, die Besatzung, der Widerstandskampf, das Ende des Krieges und die großen Themen der Friedenszeit.

Das Tagebuch enthält zwei Ebenen: Einerseits die für Jugendliche typische Suche nach dem Ich und nach der eigenen Identität und andererseits das schrittweise Bewusstwerden all dessen, was da noch ist: der Krieg, die Rassenverfolgung, das Ende einer Epoche und dann, im Frieden, die Entdeckung einer noch größeren und fortschrittlicheren Welt – Paris, Prag, Europa – und einer Gesellschaft, die komplizierter, ungerechter und weniger gleichberechtigt ist, als es die Erzählerin bei der Beobachtung der bürgerlichen Welt ihrer Kindheit hätte ahnen können. Wie bei allen Geschichten von Heranwachsenden erkennt man beim Lesen dieses Tagebuchs den Willen, die allzu enge Welt der Familie abzuschütteln, nicht mehr ein Mädchen, sondern eine erwachsene Frau, nicht mehr Zuschauerin, sondern Mitwirkende zu sein. Dies ist eine Mikrogeschichte der Entdeckung des Lebens, eines sich unter Schwankungen und Ängsten entwickelnden großen Bedürfnisses, das Leben in seiner Gesamtheit zu umarmen, zu sein, teilzunehmen und vor allem, das Leben zu gestalten.

Auch wenn diese Entwicklung im Wesentlichen die einer jeden Vierzehnjährigen sein könnte, sind die historischen Umstände doch außergewöhnlich und führen zu einer Beschleunigung des Lernprozesses und zu Entscheidungen, die in anderen Zeiten für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft vielleicht andere gewesen wären. Dieses in gewisser Hinsicht so normale Mädchen, das Feste und Sommeraufenthalte zwischen Cortina und Venedig liebt und nicht zuletzt durch seine alles in allem moderne und unvoreingenommene Familie die Auffassung teilt, dass das Leben nicht nur Pflicht, sondern auch Vergnügen bedeutet, spürt nach und nach, dass gesellschaftliches Engagement nötig ist, und will an diesem kollektiven Unternehmen teilhaben. Diese Entscheidung scheint die natürliche Folge einer Entwicklung in den Jahren 1943 bis 1947 zu sein, in der sich quälende Erfahrungen (wie das Bewusstwerden über das Schicksal der Deportierten, der Schmerz der Familie über den Tod der vor der Rassenverfolgung geflohenen Tante Vittorina und die Angst vor Bombenangriffen) mit der Entdeckung der Welt vermischen: die ersten Begegnungen mit Intellektuellen in Rom, das erwachende Interesse an Malerei, die Reise in die große, moderne Stadt Paris und das Aufspüren einer Welt – in Paris, Mailand und Venedig –, die facettenreicher ist als die, die sie in ihrer Kindheit kennengelernt hat. Später kommen zwischen Prag und Jugoslawien die Kontakte mit anderen europäischen und nicht europäischen Jugendlichen hinzu, in denen sich meine Mutter trotz der verschiedenen gesellschaftlichen und geografischen Herkunft wiedererkannte, weil sie dasselbe Ziel vor Augen hatten: die Wiederherstellung des Friedens auf neuen Grundlagen.

Ich sehe in dem Weg meiner Mutter nicht die Einführung in die Politik, sondern die Einführung ins Leben, ich sehe die Entdeckung der Welt und ihrer Vielschichtigkeit, und ich sehe die Möglichkeit, voll und ganz dazuzugehören.

Das Tagebuch endet im Jahr 1947, aber auf den letzten Seiten wird das, was später geschah, vorweggenommen. Meine Mutter wird – wie so viele andere italienische Jugendliche bürgerlicher Herkunft aus ihrer Generation – zur Kommunistin. Sie wird es, um nach der Zerstörung des Krieges eine neue Welt aufzubauen. Doch die Welt verschließt und entzweit sich wieder, und jenes Projekt wird bei der Wahl im Jahr 1948 niedergeschlagen. Hier endet das Tagebuch.

Während meiner Kindheit, zwischen dem Ende der fünfziger und den sechziger Jahren, wurde die Welt wieder klein, und die Gesellschaft war gespalten: Bei mir zu Hause gab es nur Kommunisten, der Rest waren »die Anderen«. Aber für mich war es die Welt der sieben Weltwunder. Wir waren anders, und darauf waren wir stolz. Für uns Kinder, für mich und meinen Bruder, war es nicht einmal möglich zu denken, das Bemühen um eine gerechtere Gesellschaft könne nicht der Mittelpunkt unseres Lebens sein. Trotzdem lebten wir nicht in einem Ghetto. Bei uns verkehrten alle möglichen Leute: legendäre Kommunistenführer wie Togliatti, Intellektuelle, die sich wie meine Eltern für die politische Militanz entschieden hatten, und Militante jeder Herkunft sowie »fellow travelers« aus Ländern, in denen die kommunistischen Parteien im Gegensatz zu Italien nicht fähig gewesen waren, die Intellektuellen zu rekrutieren, und diese mehr auf Distanz gingen. Sie waren keine Militanten wie meine Eltern, sondern »Weggefährten« des Kommunismus. Man diskutierte über Ideen, über Politik, über Literatur und Kunst, es wurde viel gestritten, und es gab keinen Unterschied zwischen öffentlichem Engagement und Privatleben. Ich hatte immer den Eindruck, dass meine Eltern sich amüsierten. An diesem besessenen Engagement war nichts Bigottes. Die Generation der kommunistischen Intellektuellen der Nachkriegszeit war nicht »scheinheilig« wie die der Älteren, von denen meine Mutter in ihrem Tagebuch spricht. Sie waren die italienische Version einer fortschrittlichen, modernen und kosmopolitischen Bourgeoisie. Das Radikale ihrer Wahl ist verständlich, weil die aus dem Faschismus hervorgegangene italienische führende Klasse diskreditiert war und der Fortschritt nur eine radikale Entscheidung mit sich bringen konnte.

Meine politischen Überzeugungen als Erwachsene sind ganz anders als die meiner Mutter, aber ich verstehe, warum ihr Tagebuch mit nostalgischer Sehnsucht nach diesem Leben in der Kommunistischen Partei endet. Denke ich an jene Jahre, in denen Italien zwar reich wurde, die Gesellschaft aber zutiefst gespalten war – es waren die Jahre der harten Auseinandersetzungen –, erinnere ich mich vor allem an den enormen Optimismus, an ein großes Vertrauen in den Fortschritt und an die ständige Suche nach einer Beziehung zur Gesellschaft. Als Kind habe ich meine Mutter zu vielen Kundgebungen, Flugblattaktionen und Essen in der Provinz mit den »Genossen« der verschiedenen Regionalsektionen begleitet. Ich habe ein Italien gesehen, das ich sonst nicht gesehen hätte, ich habe verstanden, dass die Leute unterschiedlich leben und arbeiten, dass die anfänglichen gesellschaftlichen Bedingungen eine Rolle spielen und diskriminieren. Das war eine großartige Erziehung.

Meine Mutter wurde im August 1943 vierzehn Jahre alt – ich im August 1968, also 25 Jahre später. Auch das war ein Moment des Übergangs. Es war das Ende der Nachkriegszeit und das Ende meiner Kindheit. Ich habe kein Tagebuch geführt, aber ich frage mich, wie es ausgesehen hätte von 1968 bis 1973 – von der ’68-Bewegung bis zum Terrorismus. Wie meine Mutter war auch ich zu jung, um voll und ganz Protagonistin zu sein, aber ich war zweifellos eine verwirrte Teilnehmerin der Begebenheiten, die Italien verändern sollten. Italien hat sich tatsächlich sehr verändert, aus einem Agrarland wurde eine große Industriemacht, und jene Bewegung gegen Ende der sechziger Jahre war ein Symptom des Hervorgehens neuer Volksschichten aus eben jenen Veränderungen. In gewisser Weise hatte meine Generation mehr Glück. Wir sind die Generation des »Baby Booms«, der opulenten Gesellschaft, der Massenbildung, der Legalisierung von Scheidung und Abtreibung, der neuen Möglichkeiten für Frauen, aber wir sind auch mehr enttäuscht worden. Auch ich wollte wie meine Mutter Italien und die Welt verstehen, Teilnehmerin und Protagonistin dieser Ereignisse sein. Im Jahr 1973 habe ich deshalb Rom verlassen, um im Norden zu studieren, weil ich den Eindruck hatte, dass sich in diesem weiterentwickelten Teil Italiens etwas sehr Wichtiges vollzog. Aber in meinen Erinnerungen steckt nicht so viel Optimismus wie in ihren. Ich habe mich in den siebziger Jahren wie in einer Falle gefühlt und ahnte, dass ich weggehen musste. Ich ahnte, dass außerhalb dieses Italiens des Terrorismus und der Ermordung von Moro, jenseits dieses Konflikts, der die Gesellschaft zersetzte, ohne dass in der Auseinandersetzung damit überzeugende, alternative Modelle und Werte greifbar wurden, eine größere Welt existierte, die es zu entdecken und zu erobern galt. Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung war, in die Vereinigten Staaten zu gehen und nicht mehr in mein Land zurückzukehren. Für mich war es die Reaktion auf das Gefühl des Erstickens, das Italien in jenen Jahren in mir hervorgerufen hat. Mir schien, die Antwort müsse in der Suche nach etwas Größerem liegen. Ich weiß nicht, ob meine Mutter dasselbe getan hätte, wenn sie in den fünfziger Jahren und nicht im Jahr 1929 geboren worden wäre, aber sicher ist, dass ich die Überzeugung, die Welt sei groß und müsse entdeckt und erlebt werden, von ihr hatte, aus ihren Schilderungen des Eisenbahnbaus in Jugoslawien und aus der Tatsache, dass sie unser Haus für Leute aus allen Teilen der Erde geöffnet hat, mit all den Sprachen, die sie spricht, und mit der in ihrer mitteleuropäischen Familie wurzelnden kosmopolitischen Einstellung, die sie in der kommunistischen Bewegung der Nachkriegszeit weiterentwickelt hat.

Ich bin meinen eigenen Weg gegangen, und ich glaube nicht, dass meine Generation sich dessen, was man gemeinsam tun konnte, ebenso sicher war wie die vorhergegangene Generation oder zumindest ein Teil von ihr. Ich glaube, wir hatten mehr Glück, waren aber weniger glücklich.

Irgendjemand hat vorgeschlagen, der Titel dieses Tagebuchs solle Das Glück lauten. Denn was ist Glück, wenn nicht das Erkennen der humanistischen Wahrheit, derzufolge man ein Individuum ist und wählen kann, die Existenz aber erst eine Bedeutung erlangt, wenn man Teil von etwas Großem ist – wenn man entdeckt, dass man entscheiden kann, Teil einer Gemeinschaft und in ihr man selbst zu sein. Ich glaube, dieses Tagebuch ist die Geschichte eben dieser Entdeckung.

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III. Die Entdeckung der Welt

April 1947 – Paris

Ich weiß nicht, ob man heute, da die Welt global und Frankreich ein kleines, beinahe marginales Land geworden ist, noch nachvollziehen kann, was Paris für meine Generation und für mindestens zehn vorhergehende Generationen bedeutet hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt – im Vergleich zur Vergangenheit – sogar noch bedeutsamer, denn zu allem, wofür sie ohnehin stand, kam die Tatsache, dass sie uns vom Faschismus und dann vom Krieg vorenthalten worden war.

Den Rest der Welt gab es für uns nicht, wir hatten keine Vorstellung davon, und darum waren wir diesbezüglich auch nicht sehr neugierig. Mit Paris war das anders: Diese Stadt symbolisierte alles, was unserem Wissen nach in der Welt existierte, uns jedoch verboten worden war: die Literatur, das Theater, der Film, aber für mich vor allem die Malerei. Und natürlich auch eine grenzenlose Freiheit, die einzige Moderne, die wir uns vorstellen konnten. Amerika hatte uns noch nicht erreicht.

Als ich also bei der Front der Jugend erfahre, dass man zu Ostern einen Studentenaustausch zwischen Rom und der französischen Hauptstadt organisieren wird, tue ich alles, um zu dieser Gruppe zu gehören, obwohl die Reise für Studenten gedacht ist und ich erst die dritte Klasse des Lyzeums besuche.

In jenem April im Jahr 1947 werden private Pässe nur in speziellen Fällen ausgestellt. Man gibt uns also einen Gruppenpass, und wir, etwa achtzig Personen, besteigen einen Zug, der uns in 48 Stunden nach Paris bringen soll. Ich bin so aufgeregt, dass ich über diese Abreise nur einen lakonischen Satz ins Tagebuch schreibe: »Ich habe es geschafft!«

Zur Gruppe gehören auch mehrere junge Maler – Dorazio, Vespignani, Muccini, Guerrini, Perilli, Carla Accardi, Busiri, Aymonino und andere, die weniger bekannt wurden –, denn die Reise mit der Front der Jugend bietet ihnen die erste Gelegenheit, die ersehnten Impressionisten, den Kubismus und die Galerien kennenzulernen, die Paris zum Synonym für moderne Malerei gemacht haben.

Während der Reise organisieren sie als Vorgeschmack eine Ausstellung ihrer Werke im Zug. Für mich ist es eine denkwürdige Einführung.

Vom Grenzübergang in Bardonecchia besitze ich noch ein Gruppenfoto. Ich strahle in Anbetracht des Abenteuers, das uns erwartet und dessen fantastisches Vorspiel diese Bahnfahrt ist. Eine Grenze – die erste überhaupt – zu überschreiten, ist ein epochales Ereignis. Selbst die Eisenbahner sind gerührt.

Am Morgen des zweiten Tages, nach 48 Stunden voller Diskussionen und Gesang, erreichen wir den Gare de Lyon. Wir werden von all denen erwartet, die am Abend abreisen werden, um in römischen Wohnungen unsere Plätze einzunehmen. In diesem Moment bemerkt Giovanni Berlinguer, der uns als Vertreter des Internationalen Studentenbundes anführt, dass er die Anzahl der Italiener und der Franzosen zwar richtig berechnet hat, aber nie festgelegt wurde, wer bei wem untergebracht wird.

Es gibt einen Augenblick der Panik, aber Giovanni behält die Nerven. Er steigt auf das Mäuerchen, das den Platz vor dem Bahnhof begrenzt und beginnt, einen Italiener nach dem anderen zu sich hochzuziehen und die ihn umzingelnden Franzosen zu fragen, wer ihn haben will. Es ist wie auf dem Viehmarkt, es fehlt nur noch, dass man seine Zähne zeigen muss.

Besorgt darüber, wo ich landen werde, sehe ich mich um. Ich entdecke ein sauberes, anständig aussehendes Mädchen und schlage ihr ein privates Abkommen vor: Wir werden einander gegenseitig wählen und dies den Organisatoren mitteilen.

So geschieht es. Diese Wahl wird für mich zu einem Problem, oder ist es vielleicht doch eher ein außerordentliches Glück? Monique Giot – und damit hatte ich nicht gerechnet – erweist sich sogar als allzu anständig.

Sie begleitet mich hinunter zur U-Bahn und ich entdecke voller Schrecken, dass unser Ziel die Endstation ist, die damals äußerste Vorstadt Charenton les Deux-Églises. Sie liegt praktisch außerhalb von Paris. Der letzte Zug fährt um Mitternacht.

Als wir aussteigen, sehe ich auf den gekachelten Wänden meines ersten U-Bahnhofs viele kleine schwarze Hände, deren ausgestreckte Zeigefinger auf Charbon Giot hinweisen, die wohlhabende Grossistenfirma, die der Familie meiner Gastgeberin gehört. Ich lerne sie übrigens gleich kennen. Verwandte und Angestellte – letztere bekleidet mit Ärmelschonern aus schwarzem Tuch – sitzen an einem langen Tisch, wo ein Bankett im Gange ist. »Stell dir vor«, informiert mich Monique, »gerade heute feiern wir die Silberhochzeit meiner Eltern.«

Das ist ein harter Schlag. Ich komme nach Paris, um das Symbol der Modernität zu finden, und lande in diesem Szenarium. Noch heute zucke ich zusammen, wenn ich auf einem alten Druck das schicksalsschwere Händchen dieser alten Werbung sehe oder wenn jemand von »Ärmelschonern« spricht.

Ich brauchte viele Jahre, um zu begreifen, dass es auch ein Frankreich des städtischen oder ländlichen Kleinbürgertums gab, das reaktionär und bigott ist, das Vichy und viele andere Entwicklungen in der Geschichte des Landes erklärt; ein Frankreich, das sich nicht direkt von Robespierre, der Kommune und der Volksfront ableiten lässt und dem der Kubismus und Sartre fremder waren und blieben als uns Italienern.

Von Paris bin ich nichtsdestotrotz begeistert. Nur einige hastige Zeilen stehen im Tagebuch: Ich halte fest, dass ich keine Zeit habe, um mich meinen Memoiren zu widmen, sondern mich nach meiner Rückkehr darum kümmern werde. Unterdessen muss ich herausschreien, dass das, was ich bereits gesehen habe, »genug ist, um eine grenzenlose Begeisterung für die Stadt auszudrücken, die mir unvorhersehbare Horizonte eröffnet hat; in der jeder macht, was er will; wo man sich in der Menge allein fühlen und gleichzeitig alles kennen kann, was die Menge zu geben hat. Noch dazu verleiht mir die Stadt wieder Sicherheit beim Malen, und ich begreife, dass Paris eine Art künstlerisches Elixier ist.«

Ich wandere durch die Stadt und folge dabei der Route, die ich Severinis im Mercurio veröffentlichten Tagebuch entnommen habe. Ich besuche die heiligen Stätten der Malerei und die Treffpunkte der Künstler: La Closerie des Lilas, Le Lapin agile, Le Moulin de la Galette ...

Einzig das Verhältnis zu den Giots, die äußerst freundlich sind und mich eines Abends in feinem Zwirn in die Oper mitnehmen, ist in dieser wunderbaren Stadt nicht gerade einfach. Das liegt daran, dass ich nach einigen Tagen beginne, nicht mehr nach Hause zu kommen. Nach einer Woche sind sie beunruhigt und beschließen, meiner Mutter mitzuteilen, dass ich nie heimkomme und sie mich nur noch selten sehen. Was sollen sie tun? Meine Mutter ihrerseits ist besorgt, weil Monique niemals ausgeht. Ich komme nicht mehr zum Schlafen nach Charenton, weil die Nacht in Paris der faszinierendste Teil des Tages ist. Darauf kann ich nicht verzichten, jetzt, da der Zufall mich mitten in die berühmteste Saison von Saint-Germain-des-Prés geführt hat.

Wie es der Zufall will, treffe ich an einem der ersten Tage auf meinen Wanderungen durch Paris jemanden aus unserer Gruppe, der wie alle anderen durch die Stadt schlendert. Ich sitze gerade am Ufer der Seine und kaue auf einem Brötchen herum, um nicht zu den Giots zurückkehren zu müssen. Es ist Emanuele Lauricella, der später Chefarzt für Gynäkologie an der Universität von Rom werden sollte (ihm vertraue ich mich an, als ich meine beiden Kinder zur Welt bringe). Emanuele hat genau das Gegenteil von meinem Schicksal ereilt: Er, der aus einer sehr katholischen und anständigen Familie kommt, ist in einem Haus gelandet, in dem – wie er mir schockiert berichtet – das Porträt von Papst Pius XII. in der Toilette hängt und ein ständiges Durcheinander herrscht. Bizarre Leute kommen und gehen, nichts scheint nach Regeln abzulaufen. »Komm doch auch«, lädt er mich ein, »sie werden es nicht einmal merken.«

Und so gerate ich bei der Suche nach einem urbaneren Unterschlupf in die Rue de Tournon 26, ins Herz des »Quartier«, wo die Familie Simon wohnt: die Eltern, zwei Söhne zusätzlich zu dem, der mit Emanuele getauscht hat, und ein Mädchen, Denise, die meine enge Freundin bleibt, auch als sie mit ihrem Mann Luis Safir, dem Korrespondenten einer französischen Zeitung, nach New York umzieht.

Das Haus der Familie Simon ist nicht irgendein Haus: Es ist eines der Zentren des damaligen kulturellen Lebens, eine Art Filiale des Café de Flore, wo alle Protagonisten jener Zeit verkehren: von Sartre und Simone de Beauvoir bis zu Queneau und Prévert. Von einigen habe ich schon gehört. Von Sartre zum Beispiel, weil Visconti auf sehr polemische Art Geschlossene Gesellschaft im Eliseo inszeniert hat. Ich habe auch seine Erzählung Die Mauer gelesen, wie immer in der Zeitschrift Il Mercurio, die ich wegen ihrer Rubrik über darstellende Kunst kaufe.

Von anderen, die sich ebenfalls an den Tischen des Cafés de Flore versammeln, höre ich hingegen erst später, noch sind sie nicht berühmt.

Selbst Juliette Gréco ist noch unbekannt. Bei der Eröffnung des Tabou, des damals angesagtesten cave, höre ich sie »Barbara« singen, den Song, der sie populär machen wird. Sartre verbringt viele Abende dort. Die Mitgliedskarte des Klubs Tabou, die mir damals geschenkt wird, habe ich jahrelang wie eine Trophäe vorgezeigt.

Sehr jung und unbekannt sind auch Vadim und Christian Marquand, angehende Filmemacher. Mit ihnen verbringe ich zusammen mit meiner Freundin Claudia, die mehr Glück hat als ich und in Pigalle untergebracht ist, eine ganze Nacht. Wir wandern durch ein geheimnisvolles Paris abseits der Pfade, die uns als ersten und unerfahrenen Touristen der Nachkriegszeit vorgezeichnet werden. Den Abschluss bildet im Morgengrauen die russisch-orthodoxe Kirche, in die uns der künftige Regisseur von Barbarella und der spätere Ehemann von BB und Jane Fonda geschleppt hat, damit wir uns die Gesänge dieser uns unbekannten Lithurgie anhören.

Etwas enttäuscht stellen Claudia und ich fest, dass uns die beiden Jungen, die fast genauso alt sind wie wir, nicht einmal angefasst haben. Ebensowenig wie übrigens auch der wunderschöne Jean-Jacques, der älteste Sohn der Familie Simon.

Diese jungen Franzosen scheinen dem Sex gegenüber indifferent, blasés zu sein. Es ist fast so, als handele es sich dabei um eine Beschäftigung, die allerhöchstens die zurückgebliebenen Italiener interessieren kann. Denn wir kennen den Unterschied zwischen Sex und Erotik noch nicht. Bei jemandem, der nicht unter der Abstinenz unserer italienischen Altersgenossen leidet, vermögen wir keinerlei Neugier zu wecken, denn trotz unseres akzeptablen Aussehens wirken wir gewöhnlich.

(Etliche Jahre später habe ich mit Jane Fonda viel über jene gemeinsame Nacht mit Vadim, der ihr Ehemann und Lehrmeister wurde, gescherzt. Das war Anfang der siebziger Jahre, und ich begleitete die seit längerer Zeit schon wieder von jenem französischen Regisseur geschiedene Jane auf einer Tour entlang der kalifornischen Küste und in die Vorstädte von Los Angeles, auf der sie über Vietnam sprach. Die Theater füllten sich mit braven amerikanischen Konservativen, deren Aufmerksamkeit sie dadurch erlangte, dass sie ihnen von den Tricks des Films und Hollywoods erzählte und davon, wie sie selbst von einem jungen Mädchen in ein Sexsymbol verwandelt worden war, allen voran durch Vadim Marquand.)

Auch über Politik wird im Hause Simon und im Café de Flore gesprochen, an dessen Tischen ich als Exotin akzeptiert werde: Ich bin die »petite écolière italienne«, die manchmal Mut fasst und etwas von ihrem Land erzählt, von dem ich, um Eindruck zu machen, ein düsteres Bild male und das ich als äußerst arm und äußerst zurückgeblieben schildere. Sie sind offensichtlich alle Linke, aber solche Linke habe ich noch nie getroffen. Sie sind ganz anders als die Linken des Circolo Tasso oder der Front der Jugend oder auch meine Freunde von der Fakultät für Architektur. Sie sind flapsiger, weniger direkt und vermischen Politik mit anderen Dingen. Manchmal sind sie schwer zu verstehen, und das liegt nicht nur an ihrem sehr schnell gesprochenen Französisch und den Ausdrücken, die ich in keinem Buch gelesen habe. Fakt ist, dass ich in Italien noch nie linke Intellektuelle getroffen habe. Ich habe nur ihre Namen gehört und einige ihrer Schriften gelesen. Ich bin noch zu jung, als dass ich mit ihnen verkehren würde, und meine Familie ist zu weit von ihnen entfernt, als dass ich mit ihnen vertraut sein könnte. Und so entdecke ich diese wertvolle Spezies, die später einen so großen Teil meines Lebens ausfüllen sollte, erst in Paris, sodass ich sie anfangs für eine französische Besonderheit halte.

In Saint-Germain lerne ich auch die – diesmal wirklich sehr französische – Arroganz und Ichbezogenheit der Intellektuellen kennen, ihre Verachtung für (fast) alles, ihr ständiges Ausweichen, dass an Leute erinnert, die denken, sich alles erlauben zu können und denen gerade deshalb die Vielfältigkeit dessen, was existiert, keine Freude mehr bereitet. Angefangen bei den Frauen. Ganz anders als in Italien: Dort hungerten alle nach allem, weil uns alles verboten worden war.

Das Haus Simon in der Rue de Tournon 26, im 6. Arrondissement, ist für mich ein Wendepunkt im Verständnis der Welt. Später las ich dann, was Guy Debord über diese Atmosphäre geschrieben hat: »Es war der Ort, an dem all jene, die dort anwesend waren, all jene, die es nicht waren, für irrelevant hielten.«

24. April 1947

Die Reise nach Paris, die die Maler mit uns unternommen haben, hat Folgen: Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den figurativen und den abstrakten Malern spitzen sich zu und gelangen an die Öffentlichkeit. Was sie in Paris gesehen haben, ermutigt Dorazio, Perilli und die Accardi, gegen diejenigen zu polemisieren, die behaupten, nur die figurativen Maler könnten eine soziale und politische Funktion erfüllen. Gemeinsam mit dem etwas älteren Turcato verfassen sie bald darauf ein Manifest, das den polemischen Titel »Formalisten und Marxisten« trägt, während Guttuso und Treccani Arbeiter und Tagelöhner malen, die Ländereien besetzen.

Togliatti greift voller Wut eine Ausstellung an, die in Bologna von den »abstrakten Künstlern« organisiert wurde. Aber dann kommen doch wieder alle zusammen und beteiligen sich anlässlich des im Juli eröffneten Ersten Weltjugendfestivals an einer Kollektivausstellung in Prag.

Ich bin verwirrt wie so viele andere auch, die verloren herumirren und versuchen, Rückstände aufzuholen und mühselig die Leere aufzufüllen, wobei sie eine unglaubliche Naivität an den Tag legen. Auch über Architektur wird viel diskutiert, sie soll »rational«, aber zugleich »organisch« sein. So etwas kommt vor allem aus Skandinavien, und meine Freunde träumen davon, dorthin zu fahren. Unterdessen gründen sie ihr Kollektivstudio S.A.P. (Studio Architetti Progressisti, Studio der Fortschrittlichen Architekten).

Zumindest in einer Frage sind sich alle einig: in ihrer Verachtung für EUR, das im Süden Roms ab 1938 unter Mussolini errichtete neue Stadtviertel. Es trägt noch kein R und heißt nur EU, wegen der Esposizione Universale (Welt- ausstellung), die, wenn kein Krieg gewesen wäre, 1942 in Rom stattgefunden hätte. Offen gesagt finde ich die riesigen durchlöcherten Gebäude, die vom Architekten Piacentini entworfen wurden, heute gar nicht mehr so schlimm, aber damals waren sie für uns der Gipfel des Faschismus. Toti Scialoja schrieb über sie mit seiner gewohnten Gemeinheit, sie »erwarten nur ihre legitimen Bewohner, Hitler und Nero, die auf der Quadriga sitzen«.

25. April 1947

»Heute war ich im Parco Nemorense, wo der zweite Jahrestag der Befreiung gefeiert wurde. Es gab einen Schönheitswettbewerb für Kinder (die alle häßlich waren), und die Leute tanzten zur Musik der Straßenbahnerkapelle. Der Redner war Fausto Nitti.«

26. April 1947

»Ich war beim Kongress der Studenten und kann es nicht erwarten, das verdammte Lyzeum zu verlassen. Mittlerweile bin ich fast immer mit den älteren, linken Jugendlichen zusammen. Ich amüsiere mich viel mehr als früher, auch wenn ich mit meinen alten Freunden mit dem Auto statt mit dem Zug nach Ostia gefahren bin. Und im Theater sitze ich jetzt auf der obersten Galerie.«

27. April 1947

»Anlässlich seines zehnten Todestages wird viel über Antonio Gramsci, einem der Gründer des PCI, gesprochen. Er starb in einer römischen Klinik, in die man ihn nach einer sehr langen Gefängnishaft gebracht hatte. Auch in der Verfassungsgebenden Versammlung wird seiner gedacht. Dass er so wichtig ist, hat mich sehr überrascht, denn ich hatte seinen Namen von keinem Minderen als Professor Sante Ciancarelli gehört, einem Freund von Onkel Guido Liebman, der vor den Rassengesetzen ein Faschist und ebenfalls Arzt war. Dank dieser Freundschaft konnte sich unsere ganze Familie immer in der Klinik behandeln lassen; sie trägt seinen Namen, und auch Papas Magengeschwür wurde dort operiert. Bevor Professor Ciancarelli die Klinik in der Via Morgagni eröffnete, arbeitete er jahrelang im Krankenhaus Quisisana. Dort lernte er auch Gramsci kennen. Ich habe Papa gefragt, und er hat es mir bestätigt. Aber auch er wusste nur ungefähr, wer Gramsci war.«

30. April 1947

»Bei der Front der Jugend habe ich einen arroganten, aber sehr schönen Typen kennengelernt: Gillo Pontecorvo, den Direktor der Zeitung Pattuglia. Es heißt, er sei in Mailand ein sehr mutiges Mitglied der GAP gewesen (der Partisanen, die in den Städten gekämpft haben). Als Jude war er zuvor nach Frankreich geflohen, kehrte aber zurück, um sich dem Widerstand anzuschließen – also haben sich nicht alle Juden versteckt. Er hat mir ironische Fragen zu vielen Themen gestellt, und ich kam mir lächerlich vor. Über alle amerikanischen Filme spricht er schlecht. Aber gerade in diesen Tagen habe ich gelesen, dass Charlot und viele, die wie er in Amerika leben, als Kommunisten beschuldigt und verfolgt wurden.«

09:37 09.06.2016

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