Fest verschlossen

Leseprobe "Für mindestens eine Generation von schwulen Männern waren die achtziger und frühen neunziger Jahre eine Zeit, die schwere Traumatisierungen hinterlassen hat. Ihre Erlebnisse haben die meisten von ihnen jedoch fest in einer Kap­sel verschlossen."
Fest verschlossen
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Für jüngere Schwule um die zwanzig ist Aids ungefähr so weit weg wie der Zweite Weltkrieg, so weit, dass sie die Infektion zum Teil gar nicht mehr ernst nehmen. Doch für mindestens eine Generation von schwulen Männern waren die achtziger und frühen neunziger Jahre eine Zeit, die schwere Traumatisierungen hinterlassen hat. Ihre Erlebnisse haben die meisten von ihnen jedoch fest in einer Kap­sel verschlossen, die sie mit sich herumtragen, samt all den Erinne­rungen an jene dunkle Zeit. Aids ist auf der einen Seite also längst Geschichte, und doch leben noch immer rund 80 000 Infizierte in Deutschland, ein großer Teil schweigend. Im Rahmen dieses Buches soll versucht werden, mit einigen von ihnen ins Gespräch zu kom­men – und mit Menschen, die selbst nicht infiziert sind, aber bereit waren zu erzählen, woran sie sich erinnern. Dass die meisten Po­sitiven, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihren Namen nicht nennen möchten, spricht für sich.

Es war eine bewusste Entscheidung, die Geschichte von Aids in Deutschland anhand der Erfahrungen und biografischen Erlebnisse schwuler Männer zu erzählen, waren und sind sie doch die Haupt­betroffenen. Aids wurde zu einem Teil ihrer Geschichte, ist wie der Paragraf 175 gleichsam eingeschrieben in ihre DNA. Um mich dem Thema anzunähern, habe ich mit Betroffenen, Angehörigen, Aktivisten, Wissenschaftlern und Politikern gesprochen, Menschen, die mit HIV/Aids zu tun hatten und haben und so freundlich wa­ren, sich zu öffnen. So war ich willkommen bei der Akademie Wald­schlösschen in Göttingen und bei den »Positiven Begegnungen« in Hamburg.

Nicht immer war es möglich, die Kapsel zu öffnen. Manches Mal aber doch. Auffällig erscheint mir bei einem Großteil der Zeitzeugen eine gewisse Abwehr von Mitleid und Empathie gegenüber dem, was sie erlitten haben. Zu monströs erscheint den meisten, was ihren einstigen Weggefährten widerfahren ist, als dass man selbst Anspruch hätte auf Anteilnahme. »Welches Leid, ich lebe doch noch?«, so könnte man die Reaktionen zusammenfassen. Die Be­schädigungen aber, die Ängste und Verluste, der Schmerz und die Trauer, die diese Männer erleben mussten, all das verdient Respekt. Einige waren gezwungen, über sich hinauszuwachsen. Andere ha­ben sich zurückgezogen. Erst neulich sagte ein schwuler Aktivist – er war um die fünfzig – bei einer politischen Abendveranstaltung sinngemäß: »Unsere Toten sollten uns ermutigen, weiter für unsere Rechte zu kämpfen angesichts der wachsenden Bedrohungen durch den Rechtspopulismus.« Der Satz stand etwas sperrig im Raum, als ob die meisten im Saal nichts mit ihm anfangen konnten. Aber hatte er nicht recht?

Nach meinem eigenen Coming­out im Jahr 1996 hatte ich immer das Gefühl, mich in ein gemachtes Bett zu legen – die Schwulen­bewegung hatte ihren Kampf gekämpft und eine beeindruckende In­frastruktur aufgebaut. Es war das Jahr von Vancouver, in dem das Sterben aufhörte. Kurz darauf hatte ich Amsterdam besucht, in den achtziger Jahren die schwule Hauptstadt in Europa. Die legendären Szeneläden waren noch da, und doch war es, als hätte eine Neutro­nenbombe eingeschlagen. Nur vereinzelte »Ledermänner« saßen in den Bars, es herrschte eine eher melancholische Stimmung. Wo wa­ren all die Leute? Was war passiert?

Dann war da ein schwules Straßenfest im Westen Berlins, es wa­ren noch immer die Neunziger. Baccara sangen »Yes Sir, I can Boo­gie«, ihren Hit aus dem Jahr 1977, und im fahlen Licht des Spät­nachmittags sah man viele schwule Männer in ihren Vierzigern und Fünfzigern mit Fettverteilungsstörungen, Nebenwirkungen der HIV-Medikamente. Viele von ihnen trugen Lederkleidung und Piercings, Tätowierungen und Fetischaccessoires. Als junger Mann in meinen Zwanzigern begriff ich zwar, dass HIV und Aids zum Schwulsein irgendwie dazugehörten, gleichzeitig wollte ich auf Dis­tanz bleiben und war erleichtert, zu der Generation zu gehören, die nicht mehr von dem großen Sterben betroffen war; was da eigentlich geschehen war, hatte ich nicht verstanden. Die Älteren erzählten in der Regel nichts, und ich habe auch nicht nachgefragt. Als würde es sich um ein dunkles Familiengeheimnis handeln, über das man un­gern spricht ...

Der »Schreck von drüben«

Am Anfang war Aids nichts als ein »Schreck von drüben«, wie der Spiegel im Mai des Jahres 1982 schrieb. In New York, Los Angeles und San Francisco litten plötzlich junge Männer zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren unter sogenannten Kaposi-Sarkomen, einer seltenen Krebsart, die bislang nur bei wesentlich älteren Patienten vorgekommen war und nun in einer besonders aggressiven, auf die inneren Organe übergreifenden Variante grassierte. Blaurote Knoten, die sich auf der Haut abzeichneten, begleitet von schweren Infektionskrankheiten, Lungenentzündungen, Pilzbefall.

Es war bereits das Jet-Zeitalter, nicht wenige schwule Männer aus der westdeutschen Mittelschicht konnten es sich ab Mitte der siebziger Jahre leisten, in die Vereinigten Staaten zu fliegen, um sich in der New Yorker Leder- und Fetischbar Mineshaft auszutoben, sich die Sonne auf Fire Island auf den Bauch brennen zu lassen oder sich für ein paar Tage in den Bars, Saunen und Darkrooms in San Franciscos Castro-Viertel zu verlieren. Hier gab es die muskulösen Männer aus den Pornofilmen und Bildbänden tatsächlich, und auch ein breites Angebot an Drogen – von Cannabis über Kokain bis Meskalin. New York und San Francisco, das waren die schwulen Welthauptstädte, und den Soundtrack zu dieser früh globalisierten Szenerie lieferten unter anderem die Village People mit »YMCA«, »In the Navy« oder »Macho Man«. Auch bei den großen Unterhaltungsshows im deutschen Fernsehen war die Formation gern gesehen, der homosexuelle Kontext der Songs wurde jedoch stets verschwiegen.

In den besser unterrichteten Kreisen der deutschen Großstädte hatte man zum Zeitpunkt der Spiegel-Veröffentlichung schon von den Problemen aus den USA gehört. Wer hoffte, die Angelegenheit werde insgesamt eine amerikanische bleiben, sah sich allerdings enttäuscht. Der Spiegel berichtete bereits von Kaposi-Fällen in Barcelona und Kopenhagen. »Die nächsten Erkrankungen erwarten Experten in den Ballungsräumen der Homosexualität: Athen, Rom, London und Berlin.« Wenig später wurden tatsächlich die ersten deutschen Fälle bekannt, in Frankfurt am Main und München.

Die ersten Fälle – von was eigentlich? Zu Beginn wusste niemand, um was für eine Krankheit es sich handelt. Da ausschließlich Homosexuelle betroffen schienen, sprachen amerikanische Wissenschaftler zunächst von einer »Gay Related Immune Deficiency« (GRID). Bevor es irgendwelche verlässlichen Informationen gab, begann man schon, die Krankheit in ein Raster einzuordnen. Später, im Juni 1982 – man hatte erkannt, dass auch Frauen und heterosexuelle Männer betroffen waren, Drogenabhängige, die intravenös Substanzen konsumierten, und Bluter –, setzte sich die Bezeichnung »Acquired Immune Deficiency Syndrome« (erworbenes Immunschwächesyndrom) durch, kurz: AIDS.

Das Kürzel mit den vier Buchstaben, das die Welt in Angst und Schrecken versetzen sollte, wird im ersten Spiegel-Artikel noch nicht genannt. Dort ist von einer »Reihe geheimnisvoller, nicht selten tödlicher Krankheiten« die Rede, die womöglich mit den Lebensgewohnheiten der Homosexuellen zusammenhingen. Liegt es am regelmäßigen Cannabiskonsum? Am häufigen Gebrauch von Cortisonsalben? Am Schnüffeln von »Poppers«, einer nitrithaltigen Substanz, die sexuell anregend wirkt und von der der Spiegel annimmt, die Homosexuellen versprächen sich davon einen Superorgasmus? Man weiß nichts Genaues, weder über die Ursachen der Erkrankungen noch über die Homosexuellen und ihr Verhalten. Eine Haltung aber hat man schon beim Spiegel in Hamburg, sie schwankt irgendwo zwischen höhnischer Distanzierung (»›Manchen Freunden‹, sagt ein Berliner Professor, ›sitzt der Schrecken schon in allen Gliedern, in allen«) und alttestamentarischer Verdammnis: »Vielleicht ist das die Lustseuche des 20. Jahrhunderts, nur nicht so harmlos«, lässt sich der Berliner Bakteriologe Franz Fehrenbach zitieren: »Für die Homosexuellen hat der Herr immer eine Peitsche bereit.«

Mit diesen Sätzen nahm Fehrenbach den Sound der kommenden Spiegel-Berichterstattung vorweg, die zwischen Bestrafungsfantasien und apokalyptischen Seuchenängsten changierte – was die Bedrängnis, in der sich die Homosexuellen befanden, nicht eben besser machte. Eine Minderheit, die sich gerade erst im Gefolge der Studenten- bzw. Bürgerrechtsbewegungen einigermaßen emanzipiert hatte, wurde ganz konkret von dieser neuen »Pest« bedroht und sollte jetzt für den künftigen Niedergang der Menschheit verantwortlich sein.

Die Krankheit sei wie »ein Schuß ins stille Glück« gefallen, schrieb der Mediziner Stefan Hinz 1984 in dem von ihm herausgegebenen Band AIDS. Die Lust an der Seuche. Damit meinte er auch die relative Freiheit, mit der sich Homosexuelle in der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt bewegen konnten. In den Großstädten gab es eine ausdifferenzierte Szene, allein in Westberlin mehr als fünfzig Kneipen, zwei schwule Verlage und mehrere Saunen. Frank Ripplohs legendärer, auch international erfolgreicher Film Taxi zum Klo (1980) vermittelt etwas von der damaligen Atmosphäre. Im Zentrum stehen Frank und Bernd, ein schwules Paar zwischen Verliebtheit und Verdruss – erstmals wurden hier Homosexuelle nicht in einem Problemzusammenhang dargestellt, sondern in ihrer alltäglichen, manchmal eben auch banal anmutenden Normalität zwischen Beruf, Tuntenball und Abendbrot.

Der Titel des Films bezieht sich auf eine Szene, in der Frank mit einer Hepatitis im Krankenhaus liegt und sich von dort aus ein Taxi nimmt, um Sex auf einer öffentlichen Toilette (Klappe) zu haben. Später zu dieser Szene befragt, gab Ripploh an, er habe damals geglaubt, dass Hepatitis nur ansteckend sei, »wenn einem das Gelbe ins Gesicht schießt«, also die »Gelbsucht« ausgebrochen ist.

Von Infektionswegen hatte man in diesen Tagen wenig Ahnung. Und auch keine Angst vor sexuell übertragbaren Erkrankungen wie »Tripper« (Gonorrhoe) oder »Feigwarzen« (Condylomata acuminata), die seit den fröhlichen Siebzigern virulent geworden waren. Es war die Zeit nach der nunmehr gut behandelbaren Syphilis – und vor Aids.

[...]

14:22 26.07.2018

Buch der Woche: Weitere Artikel


Im Fokus

Im Fokus

Biographie Der Journalist, Buchautor und Historiker Martin Reichert beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen Themen, Sexualität, Zeitgeist und Geschlechterfragen. Sein politischer Schwerpunkt liegt auf LGBT-Themen
Missverhältnis

Missverhältnis

Einblicke Mittlerweile ist das Thema Aids kaum noch relevant vertreten im öffentlichen Bewusstsein. Zwar gibt es bessere Therapien, doch das Virus breitet sich weiterhin aus. Versuch einer Sammlung
Geballtes Wissen

Geballtes Wissen

Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "Reichert legt eine exzellent recherchierte, packende, dem Thema gemäß ernste, stellenweise aber eben auch humorvolle Geschichte des HI-Virus hierzulande vor."