Auf der Suche

Leseprobe "'Warum behandeln Sie uns so?', ruft er. 'Wie Dreck?' Das Fenster schlägt zu. Er kriecht zurück in den behelfsmäßigen Unterschlupf, wickelt die Decke um sich und das schlafende Kind."
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Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images

EINS

Der Mann am Tor zeigt auf ein niedriges, langgestrecktes Gebäude in einiger Entfernung. »Wenn ihr euch beeilt«, sagt er, »könnt ihr euch noch anmelden, bevor sie für heute schließen.« Sie beeilen sich. Centro de Reubicación Novilla steht auf dem Schild. Reubicación – was bedeutet das? Das Wort hat er nicht gelernt. Das Büro ist groß und leer. Auch heiß – noch heißer als draußen. Ganz hinten nimmt ein hölzerner Schalter die gesamte Raumbreite ein, unterteilt durch Milchglasscheiben. An der Wand steht eine Reihe niedriger Aktenschränke aus lackiertem Holz. Über einem der Abteile hängt ein Schild: Recién Llegados, die Wörter wurden mittels einer Schablone schwarz auf ein Papprechteck gemalt. Die Beamtin hinter dem Schalter, eine junge Frau, begrüßt ihn mit einem Lächeln. »Guten Tag«, sagt er. »Wir sind Neuankömmlinge.« Er spricht die Worte langsam aus, in dem Spanisch, das er sich mühevoll angeeignet hat. »Ich suche Arbeit, auch eine Unterkunft.« Er fasst den Jungen unter den Achseln und hebt ihn hoch, damit sie ihn richtig sehen kann. »Ich habe ein Kind dabei.« Die junge Frau streckt dem Jungen die Hand hin. »Hallo, junger Mann!«, sagt sie. »Ihr Enkel?«

»Nicht mein Enkel, auch nicht mein Sohn, aber ich bin für ihn verantwortlich.« »Eine Unterkunft.« Sie schaut in ihre Unterlagen. »Wir haben hier im Zentrum ein freies Zimmer, das Sie nutzen können, während Sie sich nach etwas Besserem umsehen. Es wird nicht besonders komfortabel sein, aber vielleicht macht Ihnen das nichts aus. Was eine Arbeit angeht, lassen Sie uns das morgen früh erkunden – Sie sehen müde aus, sicher wollen Sie sich ausruhen. Sind Sie weit gereist?« »Wir sind die ganze Woche unterwegs gewesen. Wir kommen aus Belstar, aus dem Lager. Kennen Sie Belstar?« »Ja, ich kenne Belstar gut. Ich bin selbst über Belstar hergekommen. Haben Sie dort Spanisch gelernt?« »Sechs Wochen lang hatten wir jeden Tag Unterricht.« »Sechs Wochen? Sie haben Glück gehabt. Ich bin drei Monate lang in Belstar gewesen. Ich bin vor Langeweile fast gestorben. Nur der Spanischunterricht hat mich durchhalten lassen. Hatten Sie zufällig Señora Piñera als Lehrerin?« »Nein, wir hatten einen Lehrer.«

Er zögert. »Darf ich auf etwas anderes zu sprechen kommen? Mein Junge« – er sieht das Kind an – »fühlt sich nicht wohl. Das kommt zum Teil daher, dass er verstört ist, verwirrt und verstört, und nicht richtig gegessen hat. Das Essen im Lager war für ihn ungewohnt, er mochte es nicht. Können wir hier irgendwo eine anständige Mahlzeit bekommen?« »Wie alt ist er denn?« »Fünf. Sein Alter wurde mit fünf angegeben.« »Und Sie sagen, er ist nicht Ihr Enkel.« »Nicht mein Enkel, auch nicht mein Sohn. Wir sind nicht verwandt. Hier« – er holt die zwei Ausweise aus sei- ner Tasche und reicht sie ihr.

Sie kontrolliert die Ausweise. »Die sind in Belstar ausgestellt worden?« »Ja. Dort hat man uns auch unsere Namen gegeben, unsere spanischen Namen.« Sie beugt sich über den Schalter. »David – das ist ein netter Name«, sagt sie. »Gefällt dir dein Name, junger Mann?« Der Junge blickt sie ruhig an, antwortet jedoch nicht. Was sieht sie? Ein schmales, blasses Kind in einem bis zum Hals zugeknöpften Wollmantel, kurzen grauen Hosen, die bis über die Knie reichen, mit schwarzen Schnürstiefeln über Wollsocken und einer schräg aufgesetzten Tuchmütze. »Ist es dir in den Sachen nicht sehr heiß? Möchtest du den Mantel ausziehen?« Der Junge schüttelt den Kopf. Er mischt sich ein. »Die Sachen stammen aus Belstar. Er hat sie selbst ausgesucht aus dem, was zur Verfügung stand. Er hat sich sehr an sie gewöhnt.« »Ich verstehe. Ich habe gefragt, weil er mir für einen Tag wie den heutigen etwas zu warm angezogen schien. Zu Ihrer Information: Wir haben hier im Zentrum eine Kleiderkammer, der die Leute Sachen spenden, die ihren Kindern zu klein geworden sind. Sie ist an Wochentagen jeden Vormittag geöffnet. Dort können Sie sich gern etwas aussuchen. Sie haben dort eine größere Auswahl als in Belstar.« »Vielen Dank.« »Und dann können Sie sich auch, wenn Sie alle erforderlichen Formulare ausgefüllt haben, auf Ihren Ausweis Geld auszahlen lassen. Sie bekommen eine Umsiedlungsbeihilfe von vierhundert Reales. Der Junge ebenfalls. Für jeden vierhundert.«

»Vielen Dank.« »Und nun möchte ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen.« Sie beugt sich hinüber zur Frau am Nachbarschalter, der mit Trabajos gekennzeichnet ist, und flüstert mit ihr. Die Frau zieht eine Schublade auf, sucht darin, schüttelt den Kopf. »Es gibt ein kleines Problem«, sagt die junge Frau. »Offenbar haben wir den Schlüssel zu Ihrem Zimmer nicht. Die Gebäudeaufsicht muss ihn haben. Der Name der Beamtin ist Señora Weiss. Gehen Sie zum Haus C. Ich werde Ihnen eine Skizze machen. Wenn Sie Señora Weiss finden, bitten Sie sie, Ihnen den Schlüssel für C-55 zu geben. Sagen Sie ihr, Ana vom Hauptbüro schickt Sie.« »Wäre es nicht einfacher, uns ein anderes Zimmer zu geben?« »Leider ist C-55 das einzige freie Zimmer.« »Und etwas zu essen?« »Zu essen?« »Ja. Können wir irgendwo etwas zu essen bekommen?« »Wenden Sie sich auch in dieser Angelegenheit an Señora Weiss. Sie kann Ihnen bestimmt helfen.« »Danke. Eine letzte Frage: Gibt es hier Organisationen, die darauf spezialisiert sind, Menschen zusammenzuführen?« »Menschen zusammenführen?« »Ja. Bestimmt suchen doch viele nach Angehörigen. Gibt es Organisationen, die bei der Zusammenführung von Familien helfen – von Familien, Freunden, Paaren?« »Nein, von einer solchen Organisation habe ich nie gehört.«

Weil er müde und orientierungslos ist, aber auch weil die Skizze, die die junge Frau für ihn gemacht hat, nicht eindeutig ist und weil es keine Hinweisschilder gibt, braucht er lange, bis er Haus C und das Büro von Señora Weiss findet. Die Tür ist zu. Er klopft. Keine Reaktion. Er hält eine Frau an, die vorübergeht, eine sehr kleine Frau mit einem Spitzmausgesicht, die die schokoladenfarbene Uniform des Zentrums trägt. »Ich suche Señora Weiss«, sagt er. »Sie ist weg«, sagt die junge Frau, und als er nicht versteht: »Weg für heute. Kommen Sie morgen früh wieder.« »Dann können Sie uns vielleicht helfen. Wir suchen den Schlüssel zum Zimmer C-55.« Die junge Frau schüttelt den Kopf. »Tut mir leid, für Schlüssel bin ich nicht zuständig.«

Sie gehen zurück zum Centro de Reubicación. Die Tür ist verschlossen. Er pocht ans Glas. Kein Lebenszeichen drinnen. Er pocht erneut. »Ich habe Durst«, quengelt der Junge. »Halt noch ein wenig aus«, sagt er. »Ich suche einen Wasserhahn.« Die junge Frau, Ana, kommt um die Seite des Gebäudes. »Haben Sie geklopft?«, fragt sie. Wieder ist er beeindruckt: von ihrer Jugend, von der Gesundheit und Frische, die sie ausstrahlt. »Señora Weiss ist offenbar nach Hause gegangen«, sagt er. »Können Sie nicht irgendetwas tun? Haben Sie keinen – wie heißt das? – llave universal, um unser Zimmer aufzuschließen?« »Llave maestra. So etwas wie einen llave universal gibt es nicht. Wenn wir einen llave universal hätten, wären alle unsere Probleme gelöst. Nein, Señora Weiss ist die Einzige, die einen llave maestra für Haus C hat. Haben Sie vielleicht einen Freund, der Sie für die Nacht aufnehmen kann? Dann können Sie morgen früh wiederkommen und mit Señora Weiss sprechen.«

»Einen Freund, der uns aufnehmen kann? Wir sind vor sechs Wochen in diesem Land angekommen, haben seitdem in einem Zelt in einem Lager draußen in der Wüste gehaust. Wie können Sie erwarten, dass wir hier Freunde haben, die uns aufnehmen werden?« Ana runzelt die Stirn. »Gehen Sie zum Haupttor«, befiehlt sie. »Warten Sie vor dem Tor auf mich. Ich werde sehen, was ich tun kann.« Sie gehen durchs Tor, überqueren die Straße und setzen sich in den Schatten eines Baumes. Der Junge lehnt den Kopf an seine Schulter. »Ich habe Durst«, klagt er. »Wann findest du einen Wasserhahn?« »Pst«, sagt er. »Hör den Vögeln zu.«

Sie lauschen dem fremden Vogelgesang, spüren den fremden Wind auf der Haut. Ana taucht auf. Er steht auf und winkt. Auch der Junge erhebt sich, die Arme steif herabhängend, die Daumen in den Fäusten vergraben. »Ich habe hier etwas Wasser für Ihren Sohn«, sagt sie. »Hier, David, trink.« Das Kind trinkt, gibt ihr die Tasse zurück. Sie steckt sie in ihre Tasche. »War das gut?«, fragt sie. »Ja.« »Gut. Folgt mir. Es ist ein ziemlicher Fußmarsch, aber ihr könnt es ja als sportliche Betätigung ansehen.« Rasch schreitet sie auf dem Pfad durch die Parklandschaft. Eine attraktive junge Frau, ganz gewiss, obwohl die Kleidung, die sie trägt, ihr kaum steht: ein dunkler, formloser Rock, eine weiße Bluse, die den Hals eng umschließt, flache Schuhe.

Allein könnte er vielleicht mit ihr Schritt halten, aber mit dem Kind in den Armen schafft er es nicht. Er ruft ihr zu: »Bitte – nicht so schnell!« Sie hört nicht auf ihn. In immer größer werdendem Abstand folgt er ihr quer durch den Park, über eine Straße, über eine zweite Straße. Vor einem schmalen, bescheiden wirkenden Haus bleibt sie stehen und wartet. »Hier wohne ich«, sagt sie. Sie schließt die Haustür auf. »Folgt mir.« Sie führt sie einen düsteren Flur entlang, durch eine Hintertür, morsche Holzstufen hinunter in einen kleinen Hof, in dem Gras und Unkraut wuchern, auf zwei Seiten von einem Holzzaun umgeben und auf der dritten Seite von einem Maschendrahtzaun. »Setzt euch«, sagt sie und deutet auf einen rostigen gusseisernen Stuhl, der halb im Gras verborgen ist. »Ich besorge euch was zu essen.«

Er möchte sich nicht setzen. Er wartet mit dem Jungen bei der Tür. Die junge Frau erscheint wieder mit einem Teller und einem Krug. Im Krug ist Wasser. Auf dem Teller liegen vier Scheiben Brot mit Margarine. Genau dasselbe hatten sie zum Frühstück beim Wohlfahrtsstützpunkt. »Als Neuankömmling sind Sie gesetzlich verpflichtet, in einer offiziell zugelassenen Unterkunft oder aber im Zentrum zu wohnen«, sagt sie. »Doch es geht in Ordnung, wenn Sie die erste Nacht hier verbringen. Da ich beim Zentrum beschäftigt bin, können wir behaupten, dass mein Zuhause als offiziell zugelassene Unterkunft gilt.« »Das ist sehr freundlich von Ihnen, sehr großzügig«, sagt er. »Dort drüben sind noch einige übrig gebliebene Baumaterialien.« Sie deutet darauf. »Sie können sich einen Unterschlupf bauen, wenn Sie möchten. Soll ich Sie jetzt machen lassen?«

Er starrt sie verblüfft an. »Ich weiß nicht, ob ich verstanden habe«, sagt er. »Wo genau werden wir die Nacht verbringen?« »Hier.« Sie deutet auf den Hof. »Ich bin gleich zurück und überzeuge mich, wie Sie zurechtkommen.« Die fraglichen Baumaterialien sind ein halbes Dutzend Wellbleche, stellenweise durchgerostet – zweifellos alte Dachbleche – und einige Bauholzreste. Ist das ein Test? Will sie wirklich, dass er und das Kind im Freien schlafen? Er wartet auf die versprochene Rückkehr, aber sie kommt nicht. Er klinkt an der Hintertür – sie ist verschlossen. Er klopft; nichts rührt sich. Was ist hier los? Steht sie hinter der Gardine und beobachtet, wie er reagiert? Sie sind keine Gefangenen. Es wäre eine leichte Sache, den Maschendrahtzaun zu überwinden und sich davonzumachen. Sollten sie das tun – oder sollte er abwarten, was als Nächstes geschieht? Er wartet.

Als sie wieder auftaucht, geht die Sonne gerade unter. »Viel haben Sie nicht getan«, bemerkt sie stirnrunzelnd. »Hier.« Sie reicht ihm eine Flasche Wasser, ein Handtuch, eine Rolle Toilettenpapier; und als er sie fragend ansieht: »Keiner schaut zu.« »Ich habe mich anders entschieden«, sagt er. »Wir gehen zurück zum Zentrum. Dort muss es einen Aufenthaltsraum geben, wo wir die Nacht verbringen können.« »Das können Sie nicht. Die Tore zum Zentrum sind geschlossen. Sie schließen um sechs.« Verärgert geht er mit großen Schritten zum Stapel mit den Wellblechen, zieht zwei davon hervor und lehnt sie schräg an den Holzzaun. Dasselbe macht er mit einem dritten und vierten Blech und schafft so einen behelfsmäßigen Unterschlupf. »Haben Sie das für uns vorgesehen?«, sagt er an sie gewandt.

Aber sie ist fort. »Hier werden wir heute Nacht schlafen«, sagt er dem Jungen. »Das wird ein Abenteuer.« »Ich habe Hunger«, sagt der Junge. »Du hast dein Brot nicht gegessen.« »Ich mag kein Brot.« »Nun, du wirst dich dran gewöhnen müssen, weil es nichts anderes gibt. Morgen werden wir was Besseres finden.« Misstrauisch nimmt der Junge eine Scheibe Brot und knabbert daran. Seine Fingernägel sind schwarz vor Schmutz, bemerkt er. Als das letzte Tageslicht schwindet, legen sie sich in ihren Unterschlupf, er auf ein Bett aus Unkraut, der Junge in seine Armbeuge. Bald ist der Junge mit dem Daumen im Mund eingeschlafen. In seinem Fall will der Schlaf nicht kommen. Er hat keinen Mantel; nach kurzer Zeit dringt die Kälte in seinen Körper; er beginnt zu frösteln. Es ist nicht schlimm, es ist nur Kälte, sie bringt dich nicht um, sagt er sich. Die Nacht wird vergehen, die Sonne aufgehen, der Tag kommen. Nur krabbelnde Insekten mögen ihm erspart bleiben. Krabbelnde Insekten wären wirklich zu viel. Er ist eingeschlafen.

In den frühen Morgenstunden wacht er auf, mit vor Kälte steifen und schmerzenden Gliedern. Zorn steigt in ihm hoch. Wozu dieses sinnlose Elend? Er kriecht aus dem Unterschlupf, tastet sich zur Hintertür und klopft, zuerst diskret, dann immer lauter. Über ihm geht ein Fenster auf; im Mondlicht kann er schwach das Gesicht der jungen Frau erkennen. »Ja?«, sagt sie. »Stimmt etwas nicht?« »Nichts stimmt«, sagt er. »Hier draußen ist es kalt. Lassen Sie uns bitte ins Haus.« Es entsteht eine lange Pause. Dann: »Warten Sie«, sagt sie. Er wartet. Dann: »Hier«, sagt ihre Stimme. Es fällt ihm etwas vor die Füße – eine Decke, nicht allzu groß, vierfach zusammengelegt, aus irgendeinem groben Stoff, nach Kampfer riechend. »Warum behandeln Sie uns so?«, ruft er. »Wie Dreck?« Das Fenster schlägt zu. Er kriecht zurück in den Unterschlupf, wickelt die Decke um sich und das schlafende Kind.

Er wird durch lärmenden Vogelgesang geweckt. Der Junge, immer noch fest schlafend, liegt abgewandt von ihm, seine Mütze unter der Wange. Seine eigenen Sachen sind feucht vom Tau. Er nickt wieder ein. Als er die Augen erneut öffnet, blickt die junge Frau auf ihn herunter. »Guten Morgen«, sagt sie. »Ich habe euch was zum Frühstück gebracht. Ich muss bald gehen. Wenn ihr fertig seid, lasse ich euch hinaus.« »Uns hinauslassen?« »Durch das Haus hinaus. Beeilt euch bitte. Vergesst nicht die Decke und das Handtuch mitzubringen.« Er weckt das Kind. »Komm«, sagt er, »Zeit zum Aufstehen. Zeit fürs Frühstück.« Sie pinkeln Seite an Seite in einer Ecke des Hofes. Das Frühstück ist, wie sich herausstellt, wieder Brot und Wasser. Das Kind rümpft die Nase; er selbst hat keinen Hunger. Er lässt das Tablett unberührt auf der Stufe stehen. »Wir können jetzt gehen«, ruft er.

Die junge Frau führt sie durch das Haus auf die leere Straße hinaus. »Auf Wiedersehen«, sagt sie. »Sie können heute Abend wiederkommen, wenn es nötig ist.« »Was ist mit dem Zimmer im Zentrum, das Sie uns versprochen haben?« »Wenn man den Schlüssel nicht finden sollte oder das Zimmer in der Zwischenzeit vergeben wurde, können Sie wieder hier schlafen. Auf Wiedersehen.« »Einen Moment bitte. Können Sie uns mit etwas Geld aushelfen?« Bisher musste er nicht betteln, aber er weiß nicht, an wen er sich sonst wenden soll. »Ich habe gesagt, dass ich Ihnen helfen werde, ich habe nicht gesagt, dass ich Sie mit Geld versorgen werde. Dafür müssen Sie in die Büros der Asistencia Social gehen. Sie können mit dem Bus in die Stadt fahren. Nehmen Sie auf jeden Fall Ihren Ausweis und Ihren Aufenthaltsnachweis mit. Dann können Sie Ihre Umsiedlungsbeihilfe einlösen. Sie können sich aber auch eine Arbeit suchen und um einen Vorschuss bitten. Ich werde heute Vormittag nicht im Zentrum sein, ich muss zu Sitzungen, aber wenn Sie hingehen und sagen, dass Sie Arbeit suchen und un vale wollen, werden sie wissen, was Sie meinen. Un vale. Jetzt muss ich mich wirklich beeilen.«

Der Pfad, auf dem er und der Junge durch die menschenleere Parklandschaft gehen, erweist sich als der falsche; als sie endlich beim Zentrum ankommen, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Hinter dem Trabajos-Schalter sitzt eine Frau mittleren Alters mit strengem Gesicht und über den Ohren nach hinten frisiertem, straff zusammengebundenem Haar. »Guten Morgen«, sagt er. »Wir haben uns gestern angemeldet. Wir sind Neuankömmlinge und ich suche Arbeit. Ich habe gehört, Sie können mir un vale geben.« »Vale de trabajo«, sagt die Frau. »Zeigen Sie mir Ihren Ausweis.« Er reicht ihr seinen Ausweis. Sie prüft ihn, gibt ihn zurück. »Ich stelle Ihnen ein vale aus, aber was die Art der Arbeit angeht, die Sie machen wollen, da müssen Sie sich schon selbst entscheiden.«

»Können Sie mir einen Tipp geben, wo ich anfangen sollte? Das ist alles neu für mich.« »Versuchen Sie es im Hafen«, sagt die Frau. »Dort brauchen sie gewöhnlich Arbeiter. Nehmen Sie den Bus Nr. 29. Er fährt alle halbe Stunde vor dem Haupttor ab.« »Ich habe kein Geld für Busse. Ich habe überhaupt kein Geld.« »Der Bus ist umsonst. Alle Busse sind umsonst.« »Und eine Unterkunft? Darf ich die Frage einer Unterkunft ansprechen? Die junge Dame, die gestern Dienst hatte, sie heißt Ana, hat ein Zimmer für uns reserviert, aber wir konnten nicht hinein.« »Es gibt keine freien Zimmer.« »Gestern war ein Zimmer frei, Zimmer C-55, aber der Schlüssel war nicht da. Señora Weiss hatte ihn bei sich.« »Davon weiß ich nichts. Kommen Sie heute Nachmittag wieder.« »Kann ich nicht mit Señora Weiss sprechen?« »Heute Vormittag findet eine Versammlung des leitenden Personals statt. Señora Weiss nimmt daran teil. Sie ist heute Nachmittag wieder da.«

12:19 24.10.2013

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