Unerhört aufregend

Leseprobe "Das klingt aufregend und gleichzeitig unerhört. Eine Künstliche Intelligenz soll in der Lage sein, das nachzuvollziehen, was einen der größten Maler aller Zeiten ausmacht: bewegende menschliche Gefühle auf der Leinwand einzufangen?"
Unerhört aufregend
Foto: Manjunath Kiran/AFP/Getty Images

Rembrandt erwacht als Algorithmus

»Ich bin doch nicht so doof und hole Geld aus einer Maschine«, sagte meine Oma zu mir, als ich noch ein Kind war. Sie meinte damit den neu aufgestellten Geldautomaten ihrer Bank. Und sie begründete das damit: »Es gibt ja da keinen Menschen, der mir hilft, wenn mich das Ding betrügt!« 

Ich gebe zu, ich bin anders gestrickt als meine Oma: Technik war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Von meinem Vater, der als IT-Experte arbeitete, bekam ich schon als Kind meinen ersten Computer geschenkt, einen C 64. Die Features eines neuen iPhones kenne ich bereits Monate vor seinem Verkaufsstart. In einem Hotel prüfe ich noch vor der Qualität der Matratze, wie schnell das WLAN ist. Beim Sprachassistenten meines Handys ärgere ich mich mehr über die Dinge, die er noch nicht kann, als ich mich über die bereits funktionierenden Möglichkeiten freue. Neue Technologien lassen mich nicht kalt.

Meine digitalen Lehr- und Wanderjahre verbrachte ich im letzten Jahrtausend bei den ersten Multimedia-Agenturen in Berlin und New York. Dort saß ich oft auch an langen Wochenenden und unzähligen Abenden mit einer Pizza an meinem Schreibtisch: Mich faszinierten die Möglichkeiten des Internets und die zunehmende Intelligenz von Computern viel zu sehr, als dass ich mich schon früh in den Feierabend verabschieden wollte. Damals wie heute kann ich nicht genug darüber wissen. Seit meinem 20. Lebensjahr bin ich beruflich ständig damit beschäftigt, irgendjemanden davon zu überzeugen, an der Digitalisierung der Welt teilzunehmen und neue Technologien mit offenen Armen zu empfangen.

Doch an einem Dienstagabend im Herbst 2016 brachte zum ersten Mal in meinem Leben eine technische Entwicklung meine durchweg positiven Einstellungen ins Wanken. Es war der Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. In den Hallen wurden die Teppiche verlegt, und an den Ständen brachten Handwerker hektisch die letzten Schilder an. Aussteller füllten ihre Regale und riefen dabei ihren Kollegen quer über die Gänge letzte Neuigkeiten zu. Ich stand gerade in einem neuen Areal für digitale Kultur und fragte mich, wie aus diesem unendlichen Chaos innerhalb von 24 Stunden eine geordnete Messe werden würde. Da öffneten sich die Türen des riesigen Lastenaufzuges vor mir, und ein Mann in der Uniform eines Kurierdienstes schob mit einer Sackkarre ein großes, flaches Bündel in Luftpolsterfolie auf mich zu. »Für Stand Q 103: Können Sie das annehmen?«, rief er. Ich nickte, eine Unterschrift, dann hielt ich das Paket in der Hand. Es war überraschend leicht. Unter der Folie konnte ich einen Rahmen ertasten, an dem ich das Paket vorsichtig zum Stand trug. Dort stellte ich es auf eine hölzerne Staffelei. Das Päckchen war zwar für eine Veranstaltung am nächsten Tag bestimmt, aber ich konnte meine Neugier nicht zügeln und löste vorsichtig erst die Klebestreifen und dann mehrere Schichten Folie ab. 

Vor mir stand, vom hellen Arbeitslicht der Messehalle perfekt ausgeleuchtet, ein Gemälde von Rembrandt. Darauf abgebildet war ein Mann mit Hut und Bart, der mich über seinem weißen Kragen ein wenig verwundert ansah. Ich konnte mich nicht beherrschen und strich mit meinen Fingern neugierig über das Relief der Farbe. Überrascht stellte ich fest, dass es sich eher wie Plastik anfühlte und nicht wie Ölfarbe. 

Ich begann, jeden Teil des Bildes aus nächster Nähe anzusehen, und wurde hineingesogen in dieses Porträt. Unsere beiden Köpfe waren etwa gleich groß, wie wir da ganz nahe beieinander in der Messehalle standen. Die offenen braunen Augen des Porträtierten blickten mich direkt an, und sein Mund war schon leicht geöffnet, als ob er gleich ein paar Worte in seinem alten niederländischen Dialekt an mich richten würde. Die glatte Gesichtshaut zeigte leichte Rötungen und wirkte gesund und frisch. Dies und sein hellbrauner Bart ließen darauf schließen, dass auf diesem Gemälde ein junger Mann abgebildet war. Ich bin zwar kein Experte für barocke Kunst, doch wirkte seine Kleidung auf mich wie die eines Mannes aus einer einflussreichen Familie: Der weiße, gefältelte Stoffkragen war allem Anschein nach aus vielen sehr dünnen Lagen gefertigt und legte sich luxuriös um seinen Hals. Seinen Kopf schützte ein dunkler Hut mit breiter Krempe, unter deren Schatten sich ein auffallend großes Ohr versteckte.

Je länger ich ihn ansah, umso lebendiger wirkte der Mann auf mich. Hatte sein Mund nicht mittlerweile einen leicht spöttischen Zug angenommen? Blitzten seine Augen nicht ein bisschen hochnäsig? Konnte es sein, dass sich dieses Bild gerade darüber lustig machte, dass ich es so fasziniert anstarrte?

Nie zuvor war ich einem Rembrandt so nahegekommen. Na klar, ich hatte natürlich schon viele Abbildungen seiner Bilder in Büchern gesehen und bildete mir deshalb ein, die Handschrift des Malers auf den ersten Blick zu erkennen. Denn der Holländer ist bekannt für seinen typischen Einsatz von Licht und Schatten, durch den seine Bilder große Tiefe erreichen und wichtige Bildteile wie auf einer Bühne dramatisch in Szene gesetzt sind. Auch gelten seine Porträts, die schon damals zu den besten der Welt zählten, als extrem lebhaft. Rembrandt ist auch berühmt für seine lebensechten Gesichtsausdrücke und für die Geschichten, die er mit der Abbildung kleiner Requisiten oder Details der Kleidung in seine Gemälde einbaute. Es ging ihm oft weniger um die wahrheitsgetreue Darstellung der Personen, die er malte, sondern darum, menschliche Konflikte und Eigenarten zu zeigen. Welcher innere Konflikt trieb wohl den spöttischen jungen Mann mit Bart und Hut vor mir?

Das Bild war Teil des Projektes »The Next Rembrandt«, das auf der Buchmesse in den nächsten Tagen heiß diskutiert werden sollte. Denn dieses Werk, das alle Merkmale eines Rembrandt-Gemäldes aufweist – von der Farbgebung über den Pinselstrich bis hin zur lebhaften Darstellung von Gefühlen – war eine nagelneue Arbeit. Sie war mehr als 340 Jahre nach Rembrandts Tod entstanden, und der Meister hatte dementsprechend nie selbst Hand angelegt. Doch das Erstaunlichste an diesem Bild war nicht etwa, dass es eine perfekte Kopie eines alten Rembrandts darstellte, sondern dass es eine völlig eigenständige Arbeit war. Denn auch den Porträtierten konnte Rembrandt van Rijn selbst nie gesehen haben, da er real nie existiert hatte.

Ausgedacht hatte sich diesen Mann vielmehr eine Kreative Künstliche Intelligenz, die auch Bildkomposition, Lichtsetzung, ja sogar die Gestaltung des Gesichtsausdruckes übernommen hatte. Die Software hatte sich durch die Analyse vieler Porträts selbst beigebracht, wie der Maler Augen, Ohren oder Münder gestaltete, wie er Licht und Schatten verwendete oder Kleidungsstücke gezielt einsetzte. Nach diesem Lernprozess war sie nunmehr in der Lage, selbstständig Porträts zu entwerfen, die dann nicht gemalt, sondern gedruckt wurden. Spezielle UV-Tinte wurde von 3-D-Druckern Schicht um Schicht aufeinander gedruckt, wodurch der Pinselstrich und das typische Relief eines Ölgemäldes detailgetreu imitiert wurden. 

Wenn das Bild in einem Museum zwischen Bildern des Malers aus dem 17. Jahrhundert hinge, hätte ich auf keinen Fall erkannt, dass dieses eine nicht vom Meister selbst gemalt worden war. Könnte es auch echte Kunstexperten täuschen? Der Kunsthistoriker und Rembrandt-Experte Gary Schwartz beschied den Entwicklern des Projektes immerhin, dass es ihnen gelungen sei, »die Merkmale zu identifizieren, die einen Rembrandt zu einem Rembrandt machen«.

Das klingt aufregend und gleichzeitig unerhört. Eine Künstliche Intelligenz soll in der Lage sein, das nachzuvollziehen, was einen der größten Maler aller Zeiten ausmacht: bewegende menschliche Gefühle auf der Leinwand einzufangen?

Ich fragte mich im Angesicht von so viel schöpferischer Perfektion, ob wir nun tatsächlich Maschinen zum Leben erweckt haben, die uns Menschen unsere eigene Kultur und damit unserer Eigenständigkeit streitig machen. Ich verspürte in diesem Augenblick eine diffuse Angst vor einer Zukunft, in der Maschinen so viele Rollen übernehmen, die bisher dem Menschen vorbehalten waren. An die Übernahme einfacher Arbeiten durch Maschinen haben wir uns schon fast gewöhnt, aber an die Übernahme von einzigartigen Fähigkeiten eines Kreativen wie Rembrandt? Erwachen damit die Algorithmen nicht endgültig zu eigenem Leben?

Für mich war dieser Moment der Startschuss für die Recherchen zu diesem Buch. Ich wollte mehr wissen über die Möglichkeiten und die Gefahren von Kreativer Künstlicher Intelligenz. Ich stürzte mich also in die Arbeit und las fast ein Jahr lang alles, was ich zu diesem Thema in die Finger bekommen konnte. Ich fraß mich durch unendlich viele Studien über technische Verfahren, über die Durchbrüche, die Forschung und Wissenschaft in allen möglichen Anwendungsfeldern erreicht hatten.

[...]

08:52 15.02.2018

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