Lücke und System

Leseprobe "Die Reportagen und Erfahrungsberichte in diesem Buch berichten von der eigentlich kaum für möglich gehaltenen kriminellen Energie, mit der in der 'freien Wirtschaft' Gesetze gebrochen werden."
Lücke und System
Foto: Sascha Schuermann/Getty Images

Einleitung

Von Günter Wallraff

In diesem Buch wird von Menschen in Arbeit berichtet. Genauer ge­sagt: von Menschen in unterbezahlter, miserabel bezahlter, ausbeu­terisch bezahlter Arbeit und von Arbeitsbedingungen, die genauso empörend sind. Es geht um Menschen, die zu Opfern einer gewal­tigen Umverteilung von arm zu reich werden. Einer gewollten Um­verteilung zudem. Jedem vierten Beschäftigten in Deutschland wird heute durch Unterbezahlung genommen, was andere aufhäufen, die nicht mehr wissen, wohin mit ihren Millionen und Milliarden.

Seit Jahren steigt stetig und anscheinend unumkehrbar die Zahl der Erwerbstätigen, die von dem, was sie am Ende ihres Arbeitstages, ihrer Arbeitswoche oder ihres Arbeitsmonats nach Hause bringen, nicht menschenwürdig leben können und deshalb von der Wissenschaft als »arm« bezeichnet werden. Arm ist demnach jemand, der weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens verdient. Die Hartz-»Reformen« von 2003 bis 2005 haben diesen Prozess als Teil eines gewaltigen Polit-Tornados auf einzigartige Weise beschleunigt. Einzigartig sowohl in der deutschen als auch in der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Deutschland weist in Europa den größten Niedriglohnsektor auf, jeder vierte Arbeitnehmer verdient so wenig Geld mit seiner Tätigkeit, dass er unter die amtliche Armutsschwelle rutscht. Manche der Betrofenen betteln beim »Jobcenter« um »Aufstockung«. Noch mehr vermeiden diesen demütigenden Gang. Gleichzeitig war die Vermögensverteilung in Deutschland noch nie so ungerecht – und ist im europäischen Vergleich die ungerechteste. Die untere Hälfte der Pyramide – 40 Millionen Menschen – besitzt gerade mal ein Hundertstel des wirtschaftlichen Gesamtvermögens. Das unterste Viertel besitzt gar nichts oder hat Schulden.

Der oberen Hälfte gehören 99 Prozent. Die obersten 10 Prozent halten allein zwei Drittel des Vermögens in ihren Händen, Tendenz steigend; das alleroberste Tausendstel der Bundesbürger, 80 000 Menschen, verfügt bereits über knapp ein Viertel. Die 10 reichsten Deutschen haben sich über 100 Milliarden Euro (ca. sechs Prozent) an Vermögenswerten gesichert, auch hier: Tendenz steigend.

Wer arm ist, hat also nicht nur ein miserables Einkommen, er hat auch keine Rücklagen, mit denen er eine Durststrecke überstehen könnte. Man bezeichnet in dieser neuen Kastengesellschaft die unterste Kaste, die Parias, die »Unberührbaren«, die Ausgegrenzten, Ausrangierten als »A-Gruppe«: Alte, Arme, Alleinerziehende, Arbeitslose, Ausländer. Dazu passt eine weitere statistische Meldung: Jedes zweite Kind von Alleinerziehenden lebt bereits unter der Armutsgrenze. Deutschland galt noch bis in die 1990er-Jahre hinein als ein Land der sozialen Marktwirtschaft, des sozialen Ausgleichs. Das heißt, wir hatten vergleichsweise geringe Einkommensunterschiede – verglichen mit den USA, Großbritannien oder auch Spanien und Italien; wir lagen vergleichsweise nah an den skandinavischen Ländern, die in internationalen Vergleichsstudien in dieser Hinsicht immer am besten dastehen.

Es gab in den letzten zehn Jahren in ganz Europa, und zwar sowohl nach statistischen Erhebungen der Europäischen Union als auch denen der OECD, nur zwei Länder, in denen die Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen sich noch schneller erweitert hat als in Deutschland, und diese zwei Länder sind Bulgarien und Rumänien.

Vom Einzelfall zum System

Hin und wieder lösen kritische Medienberichte Empörung aus. Viele waren erschrocken, ja entsetzt, als sie im Fernsehen Zeuge wurden, wie zum Beispiel bei Amazon oder Zalando, bei Burger King, in Altenheimen und sogar bei Mercedes-Benz Beschäftigte schamlos ausgebeutet werden. Die Unternehmen gelobten, einmal ertappt, Besserung; ja, es hat sich sogar an dieser oder jener Stelle etwas zum Positiven gewandelt: Hygienische Bedingungen wurden verbessert, einzelne Entlassene wieder eingestellt, zeitraubende Pausenkontrollen abgestellt, illegale Überwachungskameras erst mal entfernt oder einige Leiharbeiter sogar fest übernommen.

Trotzdem wird das systematische Arbeitsunrecht weiter wie ein Naturgesetz hingenommen und bagatellisiert. Es sind nicht nur die Ausreißer, die sich unsere Empörung verdient haben; wir müssen registrieren, dass mittlerweile ganze Branchen in frühkapitalistische Zustände zurückfallen; und dass selbst in den Vorzeigesektoren der Wirtschaft wie der Automobilindustrie längst nicht mehr nur Randbereiche in den Sog des Arbeitsunrechts geraten sind.

Da hier für das Kapital noch viel zu holen ist, wird gerade in den Zentren des Wohlstands, in den stabilen Betrieben also, zugelangt und abgebaut. Millionen Beschäftigte arbeiten unter unwürdigen Bedingungen in allen Regionen Deutschlands.

Für dieses Buch haben zahlreiche Autorinnen und Autoren, einige von ihnen unterstützt mit einem Stipendium meiner Stiftung, die prekären und unwürdigen Arbeitsrealitäten teils selbst erlebt und ausgeleuchtet. Ich freue mich, dass sie sich diesen widrigen Zuständen ausgesetzt haben und über soziale Missstände berichten, auf die ich mein ganzes Leben lang hingewiesen habe.

Eine der Branchen, die sich besonders mit der Entwürdigung ihrer Arbeitnehmer hervorgetan hat, ist der Internethandel. Er wird von Amazon, Zalando und noch ein paar Größen dominiert. In dieser Branche sind nicht einzelne dreist und brutal agierende Manager das eigentliche Problem. Hier stimmt die ganze Richtung nicht. Hier sind sektenartige Strukturen entstanden.

Die Beiträge im Buch veranschaulichen an beispielhaften Schicksalen einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Systematik: Wie der körperliche und seelische Zusammenbruch der Beschäftigten als Folge abgeforderter Höchstleistung bei minimaler Achtung und geringer Bezahlung einkalkuliert wird, ja offensichtlich zum Geschäftsprinzip erhoben wurde.

Die Belegschaften werden in schneller Folge ausgetauscht; neues »Menschenmaterial« wird angeheuert, wenn das alte, ausgepresste nicht mehr verwertbar ist oder saisonbedingt entsorgt, weggejagt und erst zum nächsten Weihnachtsgeschäft wieder einbestellt wird. Bei Zalando in Erfurt ist innerhalb von zwei Jahren rein rechnerisch die gesamte Belegschaft ausgetauscht worden. Im statistischen Durchschnitt liegt der Zeitwert der Beschäftigten für Zalando bei 12 Monaten.

Auch das Paketgewerbe gehört zu den Branchen, in denen die meisten der dort Beschäftigten unwürdig behandelt werden. Dem Lohndumping sind bei der Masse der Fahrer keinerlei tarifliche Grenzen gesetzt, die Subunternehmer sind z. T. noch weniger geschützt und haben als (Schein-)Selbstständige auch nichts von einem gesetzlichen Mindestlohn. Weil es in dieser Branche kaum staatliche Kontrollen gibt, um die Einhaltung auch jetzt schon vorhandener Schutzgesetze (zum Beispiel maximale Arbeits- oder Lenkzeiten) zu überwachen, steht zu befürchten, dass auch den Fahrern der spätestens 2017 verbindliche Mindestlohn nichts bringt. Zu viele Schlupflöcher für krumme Touren bleiben.

Bisher stellen Regierung und Justiz das ausbeuterische und boomende Geschäftsmodell der Paketbranche nicht infrage, das darin besteht, mit falschen Versprechungen gelockte Klein- oder Alleinunternehmer wie auch Fahrer mit Niedrigsteinkommen auszubeuten und erhebliche Teile der eigenen Betriebskosten auf sie abzuwälzen. Sie bezahlen mit ihrer Gesundheit, ihrer Lebensqualität und schließlich mit Privat- oder Geschäftsinsolvenzen.

Auch hier versagt bislang die Politik und fördert ganz im Sinne des neoliberalen Credos von der Eigenverantwortung jedes Einzelnen Scheinselbstständigkeit und sittenwidrige Ausnutzung der Ohnmächtigen. Ein Lichtblick immerhin ist die Feststellung des Arbeitsministers in NRW, Guntram Schneider, vom 28. Juli 2014, in dieser Branche herrschten »gravierende Mängel«. »Erschreckend und alarmierend« sei, dass »die Mängelquote bei Unternehmen bei rund 85 Prozent« läge. Zu diesem Ergebnis waren die Behörden nach stichpunktartigen Razzien im Mai 2014 gekommen. 22 Paketverteilzentren aller großen Konzerne seien dabei kontrolliert worden.

Der Grund für die nun auch zumindest in NRW festgestellten systematischen Gesetzesverstöße: Die Profiteure der Leiharbeiterbranche brauchen keine langfristigen Verpflichtungen gegenüber ihren Arbeitnehmern mehr einzugehen. Urlaubsgeld, Krankengeld, Rentenzahlungen: alles überflüssige Kosten, der reinste »Sozialklimbim«. Nicht einmal Heuern und Feuern ist mehr nötig, gegen das sich häufig ganze Belegschaften aufgelehnt haben. Nein, das »Menschenmaterial« wird einfach zeitnah und konfliktfrei angemietet wie ein Presslufthammer, eine Hebebühne oder ein Kleinlaster.

Die Reportagen und Erfahrungsberichte in diesem Buch berichten von der eigentlich kaum für möglich gehaltenen kriminellen Energie, mit der in der »freien Wirtschaft« Gesetze gebrochen werden. Wie in der Reinigungsbranche, der Bauindustrie, bei den Automobilbauern, wo in zahllosen kleinen und großen Firmen definitiv festgelegte Schutzregelungen für Arbeitnehmer missachtet werden.

Noch schlimmer, dass diese Rechtsbrüche im Wesentlichen ungeahndet bleiben. Der Staats- und Justizapparat, der allen Bürgern nicht nur das Gefühl vermitteln soll, es herrsche Rechtssicherheit, sondern der sie für jede und jeden in allen Lebensbereichen realisieren soll, versagt hier regelmäßig. Wenn Sie die entsprechenden Kapitel, etwa den Beitrag »Im Dornröschenschlaf«, gelesen haben, werden Sie vermutlich über dieses grundlegende Defizit erschüttert sein.

Menschenwürde in der Arbeitswelt?

In den Großbetrieben hat sich ein Dreiklassensystem herausgebildet: Da gibt es als erste Klasse noch die Stammarbeiter, die Zug um Zug durch billigere, willigere und schneller zu heuernde und zu feuernde Leiharbeiter – die zweite Klasse – ersetzt werden. Zur dritten gehören Mitarbeiter mit Werkverträgen, die Allerletzten. Sie dürfen noch nicht mal in die Kantine, in der die anderen noch vergünstigtes Essen bekommen.

Die Zerstörung gesicherter und dauerhafter Arbeitsverhältnisse bei gleichzeitiger Zunahme prekärer Beschäftigungsformen, die Aufweichung und Entwertung des öfentlichen Rentensystems – die Politik hat die Vorschläge der Wirtschaft weitgehend umgesetzt. Die Folgen treten brutal zutage: wachsende Kinderarmut, höhere Bildungshürden, mehr Menschen ohne Kranken- und Rentenversicherung, dauerhafte Abkoppelung der unteren Schichten von kultureller und sozialer Teilhabe, Altersarmut.

Trotzdem lassen die sogenannten Volksparteien bis heute nicht ab von ihrer neoliberalen Politik des sozialen Kahlschlags – ein Prozess, der mit rasantem Tempo voranschreitet. Olaf Henkel, langjähriger BDI-Präsident und heutiger stellvertretender Sprecher und Europaabgeordneter der AfD (Aktion für Deutschland) offenbarte bereits vor Jahren in einem Interview im Berliner Tagesspiegel sein über allen thronendes Elitedenken: »Kennen Sie einen Armen?«, stellte er die rhetorische Frage. Und verriet seine Ignoranz: »Gehen Sie doch mal durch die Straßen und suchen Sie sie, die Armen. Ich finde sie nicht!«

Vielleicht sind es solche Repräsentanten, die der ehemalige SPD- Kanzlerkandidat und frühere Minister Peer Steinbrück in seinem Buch »Unterm Strich« meint: »Ich bin in all den Jahren als Minister und als Privatperson Maklern, Investmentbankern, Beratern und Unternehmern begegnet, die von einer erschreckenden Dünkelhaftigkeit, Selbstbezogenheit und Herablassung gegenüber dem ‚gemeinen Volk’ waren. Von einer wahren Parallelwelt darf mit Blick auf diese prosperierende Oberschicht gesprochen werden, die sich in einer eigenen Wirklichkeit eingerichtet hat.«

Wer nicht vorsätzlich blind – so wie Henkel – »durch die Straßen geht«, kommt nicht umhin immer häufiger ältere Menschen wahrzunehmen, die in Mülleimern wühlen und nach Verwertbarem suchen. Ein Ausdruck von Altersarmut. Die Betrofenen zahlen mit ihrer Würde und mit ihrer Lebenszeit.

Aber Würde ist ohnehin ein Begrif, der in der Arbeitswelt aus der Mode gekommen ist. Vielleicht weil die Würde, von der dann die Rede sein müsste, so billig und abgerissen wie sie daherkommt, als 400-Euro-Würde, als Ein-Euro-Jobberwürde, als Hungerlöhnerwürde bezeichnet werden müsste.

Menschen, die sehr viel leisten – lesen Sie in diesem Buch die Reportage über die Geldtransportfahrer, die ambulanten Altenpfleger oder über die Musiklehrerin auf Honorarbasis oder, oder – und die mit ihrer Arbeit der Allgemeinheit dienen, dafür größte Entbehrungen auf sich nehmen und unglaubliche Lasten schultern, werden dafür mit Billiglöhnen und Entwürdigung bestraft.

In vielen Bereichen ist es ein Ächzen und Stöhnen, zeigen sich Überforderungen unterschiedlichster Art: Ich treffe Menschen, die sich nicht mehr selbst bestimmen, die ein normales Leben nicht mehr finanzieren können, deren Familien zugrunde gehen oder gar nicht erst entstehen, weil ein Kinderwunsch nicht mehr erfüllbar ist.

In der gesellschaftlichen Rangordnung werden diese Lastenträger weit nach unten gedrängt, der Grund, warum sie in der veröfentlichten Wahrnehmung weitgehend ausgeblendet werden. Obwohl schon die schiere Zahl aufrütteln müsste: Es gibt 10 Millionen Niedriglöhner, das sind sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner aller deutschen Millionenstädte zusammen – und trotzdem erfolgt kein kollektiver Aufschrei.

Der schwarz-rote Mindestlohn – so sehr ich einen wirklichen Mindestlohn begrüße – wird daran nichts Grundlegendes ändern. Wer bereits heute die für alle in drei Jahren verbindlichen 8,50 Euro erhält, kommt bei einem Vollzeitarbeitsplatz exakt auf Hartz-IV-Niveau, eingerechnet Grundsicherung, Wohn- und Heizkosten und Beschäftigtenzuschlag. Ein so niedriger Mindestlohn kann das Problem nicht beseitigen, dass zu viele Menschen in diesem Land nicht nur arm ohne Arbeit, sondern auch arm durch Arbeit sind.

[...]

10:14 02.10.2014

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