Längst überfällig?

Leseprobe "Und niemand wusste, wann man diesen ganzen verfluchten Ort endlich räumen, plattmachen und komplett aus der Geschichte tilgen konnte, was, darin waren sich alle einig, längst überfällig war."
Längst überfällig?

Foto: Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Prolog

Sogar als Tote machten die Jungs noch Ärger. Der geheime Friedhof lag am Nordrand des Nickel-Geländes auf einem verwilderten Hektar Land, zwischen der ehemaligen Werkscheune und der Müllkippe der Anstalt. Als man dort noch Kühe hielt und die Milch an lokale Kunden verkaufte – eine Maßnahme des Staates Florida, um den Steuerzahlern die Kosten für die Jungs zu ersparen –, war diese Brache eine Viehweide gewesen. Die Entwickler des Büroviertels hatten das Feld als Lunch-Plaza vorgesehen, mit vier Wasserspielen und einem Musikpavillon für gelegentliche Konzerte. Die Entdeckung der Toten war eine teure Komplikation, sowohl für das Immobilienunternehmen, das auf grünes Licht durch das ökologische Gutachten wartete, als auch für den Staatsanwalt, der die Ermittlungen wegen der Missbrauchsvorwürfe kürzlich eingestellt hatte. Nun musste er schon wieder ermitteln, die Identität der Toten und die Todesursachen klären, und niemand wusste, wann man diesen ganzen verfluchten Ort endlich räumen, plattmachen und komplett aus der Geschichte tilgen konnte, was, darin waren sich alle einig, längst überfällig war.

Jeder Junge kannte diesen schlimmen Ort, aber es musste erst eine Studentin der University of Tampa kommen, um den Rest der Welt darauf hinzuweisen, Jahrzehnte nachdem man den ersten Jungen in einen Kartoffelsack verschnürt und in eine Grube versenkt hatte. Auf die Frage, wie sie die Gräber entdeckt habe, antwortete Jody: »Die Erde sah komisch aus.« Der eingesunkene Boden, das struppige Unkraut. Jody und alle anderen Archäologiestudenten der Uni waren seit Monaten damit beschäftigt, den offiziellen Anstaltsfriedhof auszugraben. Der Staat konnte erst nach der Umbettung aller sterblichen Überreste über das Grundstück verfügen, und die Archäologiestudenten mussten Praxis-Punkte sammeln. Sie teilten das Gelände mit Pflöcken und Draht in Suchfelder auf, gruben mit Handschaufeln und schwerem Gerät. Nach dem Durchsieben der Erde lag ein Durcheinander von Knochen, Gürtelschnallen und Limonadenflaschen auf ihren Tabletts, eine rätselhafte Ausstellung.

Die Nickel-Jungs nannten den offiziellen Friedhof Boot Hill, ein Name, aufgeschnappt in Samstagsmatineen, bevor man sie in die Anstalt steckte und solcher Freizeitvergnügen beraubte. Der Name blieb hängen, er war noch Generationen später in Gebrauch, unter jüngeren Schülern aus Tampa, die noch nie einen Western gesehen hatten. Boot Hill lag im Norden des Anstaltsgeländes gleich jenseits des hohen Hügels. Die weißen Zementkreuze, mit denen die Gräber markiert waren, fingen an lichten Nachmittagen den Sonnenschein ein. Zwei Drittel der Kreuze trugen eingeritzte Namen, alle anderen waren anonym. Die Identifizierung erwies sich als schwierig, aber der Konkurrenzkampf unter den jungen Archäologen sorgte für stete Fortschritte. Die Akten der Besserungsanstalt, obwohl lückenhaft und schlampig geführt, erlaubten Rückschlüsse auf die Identität von WILLIE 1954. Verkohlte Überreste deuteten auf Opfer des Wohnheimbrandes im Jahr 1921 hin. Positive DNA-Vergleiche mit lebenden Angehörigen – jenen, die die Studenten aus Tampa aufspüren konnten – verknüpften die Toten wieder mit der Welt der Lebenden, die sich auch ohne sie weitergedreht hatte. Von dreiundvierzig Toten blieben sieben namenlos.

Die Studenten türmten die weißen Zementkreuze neben der Ausgrabungsstätte auf. Als sie eines Morgens wieder an die Arbeit gehen wollten, hatte man die Kreuze zu Bruch und Staub geschlagen.

Boot Hill ließ seine Jungen nacheinander aus den Fängen. Jody war aufgeregt, als sie beim Abspritzen diverser Objekte aus einem der Gräber erste Funde machte. Professor Carmine meinte, der kleine, schmale Knochen in ihrer Hand stamme gewiss von einem Waschbären oder irgendeinem anderen Kleintier. Der geheime Friedhof entschädigte sie dafür. Jody stieß darauf, als sie auf der Suche nach einem Handysignal über das Gelände irrte. Ihr Professor ermunterte sie, ihrem Instinkt zu folgen, denn auf dem Boot-Hill-Friedhof hatte es Ungereimtheiten gegeben; all die Knochenbrüche und eingeschlagenen Schädel, die Brustkörbe voller Schrotkugeln. Und wenn die Überreste auf dem offiziellen Friedhof schon zum Himmel stanken, was mochte dann mit jenen sein, die an dieser anonymen Stätte ruhten? Zwei Tage später schufen Leichenspürhunde und Radarbilder Gewissheit. Weder weiße Kreuze noch Namen. Nur Gebeine, die darauf warteten, entdeckt zu werden.

»Und das war angeblich eine Besserungsanstalt«, meinte Professor Carmine. Auf einem Hektar kann man vieles verbergen, unter der Erde. Einer der Nickel-Jungs, vielleicht auch ein Angehöriger, gab den Medien einen Tipp. Nach den vielen Interviews hatten die Studenten einen Draht zu einigen ehemaligen Nickel-Jungs bekommen, Männer, die sie an mürrische Onkel und Käuze aus ihren alten Vierteln erinnerten und die nach einer Weile etwas auftauten. Trotzdem behielten sie ihren harten Kern. Die Archäologiestudenten erzählten den Jungs von dem zweiten Friedhof, informierten Angehörige über die Toten, die sie bereits exhumiert hatten, und dann schickte ein Lokalsender aus Tallahassee einen Reporter. Einige Jungs hatten schon vor Jahren auf den geheimen Friedhof aufmerksam gemacht, aber wie üblich, glaubte manihnen erst, als andere darüber berichteten.

Die überregionale Presse griff die Story auf, und die Öffentlichkeit erhielt zum ersten Mal ein wahres Bild von der Besserungsanstalt. Das Nickel war seit drei Jahren dicht, was das verwahrloste Anwesen und den typischen Teenager-Vandalismus erklärte. Selbst die harmloseste Szene – in einem Speisesaal oder auf dem Footballfeld – wirkte auf den Bildern gruselig, man musste gar nicht tricksen. Die Aufnahmen waren verstörend. An den Rändern zitterten Schatten, und alle Flecke und Male sahen aus wie geronnenes Blut. Als würde jedes mit der Videokamera gefilmte Bild seine dunkle Wesensseite enthüllen, wenn es wieder zum Vorschein kam, das Nickel, das man hineingehen sah, und das Nickel, das man nicht herauskommen sah.

Und wenn es bei den harmlosen Orten so war, wie mochten dann die schrecklichen aussehen?

Nickel-Jungs waren billiger als Amüsierdamen, und boten mehr für’s Geld, hieß es. In den letzten Jahren organisierten sich Ehemalige in Selbsthilfegruppen, fanden über das Internet zusammen, trafen sich im Diner oder bei McDonald’s. Versammelten sich nach einer Stunde Fahrt um irgendeinen Küchentisch. Sie führten ihre Phantom-Archäologie gemeinsam durch, gruben sich durch die Dekaden und restaurierten die Scherben und Artefakte von damals. Jedermann steuerte seine eigenen Bruchstücke bei. Er sagte immer: Ich komme später bei dir vor­ bei. Die wackelige Kellertreppe im Schulgebäude. In meinen Tennisschu­hen schmatzte das Blut zwischen den Zehen. Sie setzten die Fragmente zusammen, und was entstand, war die Bestätigung eines geteilten Grauens: Wenn es bei dir so war, dann war es auch bei anderen so, dann bist du damit nicht mehr allein.

Big John Hardy aus Omaha, Teppichhändler im Ruhestand, pflegte eine Website mit aktuellen Informationen für die Nickel-Jungs. Er hielt die anderen über die Petition für eine neue Untersuchung auf dem Laufenden und informierte sie darüber, wie es mit der offiziellen Entschuldigung der Regierung voranging. Ein blinkendes Widget zeigte die Fortschritte des Fundraising für das geplante Denkmal an. Man schickte Big John eine E-Mail mit seiner Nickel-Geschichte, und er postete sie mit einem Porträtfoto. Und wenn man der eigenen Familie einen Link schickte, war das eine Möglichkeit zu sagen: Dort wurde ich zu dem, der ich bin. Eine Erklärung und eine Entschuldigung.

Die jährliche Zusammenkunft, nun im fünften Jahr, war ebenso belastend wie notwendig. Die Jungs waren jetzt alte Männer mit Frauen und Ex-Frauen und Kindern, mit denen sie redeten oder auch nicht, mit skeptischen Enkeln, die sie manchmal mitnahmen, und mit Enkeln, von denen man sie fernhielt. Sie hatten es entweder geschafft, sich nach dem Nickel ein Leben zusammenzuschustern, oder sie waren mit Menschen, die eine normale Vergangenheit hatten, nie klargekommen. Die letzten Raucher von Zigarettenmarken, die keiner mehr kennt, zu spät dran für das Selbsthilfe-Regiment, immer kurz davor, sich in Luft aufzulösen. Im Knast gestorben oder in wöchentlich gemieteten Zimmern vermodernd, im Wald erfroren, nachdem sie Terpentin gesoffen hatten. Die Männer versammelten sich im Konferenzraum des Eleanor Garden Inn, um anschließend in Kolonne zur bedrückenden Führung durch das Nickel zu fahren. In manchen Jahren hielt man sich für stark genug, um dem Zementweg in dem Wissen zu folgen, dass er zu einem der persönlichen Angst-Orte führte, in anderen Jahren nicht. Man mied ein Gebäude oder stellte sich ihm, je nachdem, wie groß die Kraftreserven an dem jeweiligen Tag waren. Big John postete nach jedem Treffen einen Bericht für all jene, die nicht hatten kommen können.

In New York lebte ein Nickel-Junge namens Elwood Curtis. Er recherchierte die alte Besserungsanstalt ab und zu im Netz, um sich über neue Entwicklungen zu informieren, mied aber die Treffen und setzte seinen Namen auf keine Liste, dies aus mehreren Gründen. Wozu das Ganze? Erwachsene Männer. Reichten sie einander Kleenex-Tücher? Einer erzählte in einem Post, eines Abends vor Spencers Haus geparkt und stundenlang die Fenster observiert zu haben, die Silhouetten der Bewohner, bis er beschloss, doch keine Rache zu nehmen. Er hatte einen selbst gefertigten Lederriemen dabei, mit dem er den Oberaufseher verprügeln wollte. Elwood begriff das nicht: Wenn man so weit war, konnte man die Sache doch auch durchziehen.

Als man den geheimen Friedhof entdeckte, stand fest, dass er wieder dorthin musste. Der Anblick des Kieferngehölzes hinter dem Fernsehreporter weckte seine Erinnerung an die Hitze auf seiner Haut, das Kreischen trockener Hosenschlitze. All das war nicht weit weg. Wird es nie sein.

13:58 27.06.2019

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