Fehlende Mitte

Leseprobe "Diese Facetten sickern noch in die privatesten Zonen ein. Wenn alles ungewiss wird, woher sollen wir dann noch wissen, wer wir sind, was uns im Kern ausmacht und was sich verflüchtigt?"
Fehlende Mitte
Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Unsichere Verhältnisse – extreme und andere Antworten

In heutigen Zeiten sind Gewissheiten zu einem knappen Gut, Ungewissheit und Unsicherheit dagegen zur alltäglichen Erfahrung geworden. Weniges erscheint noch sicher und verlässlich, ehedem bewährtes Wissen und erprobte Fähigkeiten taugen für die Alltagsbewältigung immer weniger, und wie auch nur die nähere Zukunft aussehen könnte, weiß keiner.

Die atemberaubende Dynamik gesellschaftlicher Veränderungen lässt wenig Zeit für Besinnung, Nachvollzug, Verstehen und Sinngebung. Die Welt erscheint den meisten heute weniger kontrollierbar und ungewisser, gefährlicher und unübersichtlicher geworden zu sein gegenüber Zeiten, als es der politischen und ökonomischen Elite noch gelang, einer nach Sicherheit strebenden Gesellschaft ein beruhigendes Bild der Beherrschbarkeit gegenwärtiger und künftiger Herausforderungen zu vermitteln. Man hat sich darauf einzustellen, dass das, was heute zählt und möglich erscheint, schon morgen wertlos sein könnte; wer heute auf eine ferne Zukunft hin rechnet, der begeht einen existenzgefährdenden Kalkulationsfehler. Wer auf Gewissheiten, auf klare Rahmenbedingungen, Anweisungen und sichere materielle und soziale Verhältnisse angewiesen ist, um sich bei seinen Entscheidungen und Handlungen wohlzufühlen, darf sich nicht wundern, wenn ihm sein Leben aus den Händen gleitet.

Die Auswirkungen dieser Entwicklungen sind jederzeit und überall erkennbar – im Privaten genauso wie im Beruf, im sozialen Umfeld nicht anders als in der Gesellschaft. Sie berühren den Lebensalltag von Männern und Frauen, Jungen und Alten, von ökonomisch und sozial Abgehängten genauso wie den Lebensalltag in der »Mitte der Gesellschaft« oder in der Elite. Bei allen Unterschieden eint die Betroffenen eines: Sie erfahren diese als grenzenlos empfundenen Ungewissheiten in allen Bereichen der Gesellschaft als eine tiefgreifende, manchmal verstörende, manchmal auch befreiende Verunsicherung ihrer einst vertrauten Lebensgewissheiten, ihrer gewohnten Sicht auf sich selbst und auf die Welt.

Die unterschiedlichsten Facetten gesellschaftlicher Ungewissheiten sickern noch in die privatesten Zonen ein: Wenn alles ungewiss wird, woher sollen wir dann noch wissen, wer wir sind, was uns im Kern ausmacht und was sich verflüchtigt? Wenn einst selbstverständliche Normen und Lebensregeln außer Kraft gesetzt werden, liegen dann nicht auch die Risiken meiner Lebensentwürfe in meiner alleinigen Verantwortung, und wer fängt mich auf, wenn ich scheitere? Da die gesellschaftlichen Entwicklungen unabsehbar und unberechenbar geworden sind, sehen viele Menschen alles bedroht, was sie bislang in ihrem Leben erreicht haben. Werden ihre Erfahrungen und Kompetenzen im Beruf nicht länger nachgefragt, müssen sie befürchten, auf der sozialen Leiter abzusteigen.

Alle diese Ungewissheiten und Unsicherheiten sind längst zur Begleitmusik unserer alltäglichen Lebensführung geworden. Eine permanente und umfassende Verunsicherung aller Lebensverhältnisse hält jedoch auf Dauer niemand aus. Manchmal gewinnen wir unsere notwendige Sicherheit zurück, indem wir ungewisse Lebenslagen als Chance begreifen, unser Leben abwechslungsreicher zu gestalten und mit neuem Wissen und neuen Erfahrungen anzureichern. Dann sehen wir uns von den vielfältigen Ungewissheiten herausgefordert, blühen auf, genießen die neuen Freiheiten eines Lebens ohne festgezurrte Regeln, Normen und Verbindlichkeiten und erschaffen auf diesem Wege unsere eigenen Gewissheiten. Unter anderen Umständen erfahren wir das Wegbrechen von ehedem verlässlichen Welt- und Selbstgewissheiten als eine verstörende Verunsicherung und als Angriff auf die eigene Person, auf unsere Souveränität als wertgeschätztes und handlungsmächtiges Subjekt. Aber auch unter diesen schmerzhaften Umständen kann es gelingen, die lebensnotwendigen Gewissheiten und Sicherheiten zurückzugewinnen. Einen offensichtlich ganz besonders Erfolg verheißenden Weg dahin schlagen meiner Einschätzung zufolge immer mehr Menschen ein: eine Radikalisierung ihrer Wahrnehmungen, Haltungen und Verhaltensweisen bis hin zum Fanatismus.

Der ungestüme, blanke Hass auf Asylsuchende, Fremde und Flüchtlinge ist nur ein, wenn auch besonders erschreckendes Beispiel dieser wachsenden Radikalisierung.

Militante Tierschützer beschimpfen Passanten, die ihre Pamphlete nicht unterschreiben, und Abtreibungsgegner scheuen vor tätlichen Angriffen auf Ärzte nicht zurück. Religiöse Fanatiker wünschen Andersgläubigen die Pest an den Hals, mehr und mehr Leute in den Wäldern und Fitnessparcours unterwerfen ihr Leben freiwillig dem Diktat der Apple Watch, worauf die Krankenkassen nur gewartet zu haben scheinen. Wer sich den Messungen der Fitnesstracker nicht fügt, muss sehen, wo er bleibt. Der Ruf nach einer nostalgischen Rückbesinnung auf die alten Werte verbindet sich mit Abscheu und Aggressivität gegenüber der heutigen Gesellschaft. Fanatische Veganer richten ihr Leben nach der Maxime der moralischen Mahlzeit aus und reden über nichts anderes mehr.

Die Frage, welche persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen zum Nährboden für diese unübersehbare Radikalisierung werden können, beschäftigt die Sozialwissenschaften und insbesondere die Psychologie seit Langem. Sie sind dabei zu Antworten gelangt, die manche zunächst unbegreiflichen Haltungen und Verhaltensweisen verständlicher und nachvollziehbar werden lassen, so auch die in diesen Tagen immer stärker hochkochende Wut und der zunehmend gewalttätige Hass auf »die Politiker«, »die Elite«, die »Lügenpresse«, die »Asylanten«, die »Gutmenschen« oder die grassierende Angst vor allem Fremden.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich als Wissenschaftler der Psychologie mit der Frage, wie Menschen in Situationen hoher Ungewissheit und Unsicherheit denken, fühlen und handeln. Woran liegt es, dass manche Menschen an diesen Herausforderungen scheitern, andere dagegen voller Tatendrang das Beste daraus machen? Welche inneren und äußeren Bedingungen und Ressourcen sind für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit Unsicherheit und Ungewissheit notwendig, welche eher hinderlich? Lassen sich typische Strategien identifizieren, die Menschen einschlagen, um ihrer Unsicherheit Herr zu werden? Welchen Einfluss nehmen dabei unsere Gefühle?

[...]

16:49 13.10.2016

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