Alles und nichts

Leseprobe "Dies ist keine klassische Bandbiografie, sondern eine Montage aus Bildern und Texten, aus Archiven und Interpretationen; ein Katalog, in dem alles preisgegeben wird und auch wieder nichts."
Alles und nichts
Foto: Verlag

Vorwort

von Jens Balzer und Martin Hossbach

Was wir dieser Band zu verdanken haben? Sie hat uns die schönste Erschlaffung geschenkt und den euphorischsten Anfang. Sie hat die Sehnsucht nach Einsamkeit besungen und die Sehnsucht nach Liebe. Sie hat uns die schönsten Merksprüche vermacht und die süßesten Selbstzweifellieder. Sie hat uns gezeigt, dass man dazugehören kann, ohne zum Bestandteil zu werden, und dass man ganz bei sich sein kann, ohne sich zu isolieren. Sie hat uns in die Kälte des Weltalls geführt und in die Hitze des alten Rock. Sie hat den Himmel voll Geigen gehängt und den Boden mit Dornen bedeckt. Sie hat die Fantasie gegen die Politik gewendet und das Müssen gegen das Wünschen gewogen. Sie hat uns die Wonnen der Selbstaufgabe gelehrt und das Glück der eigenen Unterwerfung. Sie hat die Selbstwidersprüche unserer Existenz in die erregendsten lyrischen Formen gegossen. Sie hat das Altern überwunden und den Tod und den Körper. Sie ist auch nach all den Jahren immer noch dort, wo man von Neuem beginnt.

Das ist Tocotronic, die schönste und klügste und bewegteste Gruppe, die dieses Land in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Zwanzig Jahre nach ihrer ersten LP möchten wir eine kleine Werkretrospektive abhalten, eine Revue ihrer Entwicklung und ihres immer noch unabgeschlossenen Bildungsromans. Wir haben uns alle Platten noch einmal angehört und bedacht und Tocotronic gebeten, ihr Archiv für uns zu öffnen. In selbigem wurde alles gesammelt, was das Gedächtnis der Gruppe bestimmt: Fotos, erste Pressetexte, frühe Fanzines, selbstgemachte Poster, auf Schmierzettel gekritzelte Songtexte, Merchandise, Zeitungs- und Magazinrezensionen, Schweißbänder, T-Shirts und Comic-Strips.

Martin Hossbach hat das Material mit Jan Müller gesichtet, ausgewählt, kommentiert und mit der Grafikerin Julie Gayard in eine chronologische Bild-Text-Montage gebracht. Jens Balzer begab sich mit den bis heute erschienenen elf Tocotronic-Alben in eine Klausur auf der Blumeninsel Madeira und verfasste dort zu jedem Werk einen Essay, der die Musik und die Texte im werk-, pop- und gesellschaftshistorischen Zusammenhang neu zu beleuchten versucht. Abgerundet wird das vielfältige Material durch Einzelinterviews mit Arne Zank, Jan Müller, Rick McPhail und Dirk von Lowtzow, die Martin Hossbach exklusiv für "Die Tocotronic Chroniken" geführt hat. Gemeinsam wurde so das Originalwerk der Band jenen Bildern, Texten und Inspirationen gegenübergestellt, aus denen es sich ergeben hat: Genie und Kopie in inniger Verschwisterung.

"Die Tocotronic Chroniken" sind keine klassische Bandbiografie, sondern eine Montage aus Bildern und Texten, aus Archiven und Interpretationen; ein Katalog, in dem alles preisgegeben wird und auch wieder nichts, damit den Betrachterinnen und Lesern jener Freiraum des Genießens und der Erkenntnis verbleibt, den die Musik von Tocotronic seit jeher erzeugt und erfordert.

12:34 07.05.2015

Buch der Woche: Weitere Artikel


Prioritäten setzen

Prioritäten setzen

Biographien Vor gut 20 Jahren schmissen drei Hamburger Freunde ihr jeweiliges Studium, um sich fürderhin hauptberuflich ihrer gemeinsamen Musik widmen zu können. Der Rest ist Geschichte
Denkmusik

Denkmusik

Einblicke Das Attribut "leichte Unterhaltung" war seit jeher nicht unbedingt der Hamburger Schule zuzuordnen. Dass Tocotronic heute als Lieblinge des Feuilletons gelten, ist trotzdem bemerkenswert
Ziemliches Pfund

Ziemliches Pfund

Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "Analog ist definitiv besser. Die 'Chroniken' sind selbst auf hochauflösender elektronischer Gerätschaft nicht so satt anzuschauen wie in gedruckter Form."