Aufwachen

Leseprobe "Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken. Das langsame Voranschreiten des Klimawandels ist ein Märchen, das vielleicht ebenso viel Schaden anrichtet wie die Behauptung, es gäbe ihn gar nicht."
Aufwachen

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

1 Kaskaden

Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken. Das langsame Voranschreiten des Klimawandels ist ein Märchen, das vielleicht ebenso viel Schaden anrichtet wie die Behauptung, es gäbe ihn gar nicht. Und gemeinsam mit einigen anderen fügt sich dieses Märchen zu einer Anthologie tröstlichen Irrglaubens: dass die Erderwärmung eine arktische Sage sei, die sich weit von uns entfernt abspielt; dass es ausschließlich um die Höhe des Meeresspiegels und den Verlauf der Küsten ginge, nicht um eine umfassende Krise, die keinen Ort unberührt und kein Leben unverändert lässt; dass es sich um eine Krise der »Natur« handle und mit den Menschen nichts zu tun habe; dass sich diese beiden Bereiche trennen ließen und wir heute außerhalb, abseits oder zumindest vor der Natur geschützt lebten statt unentrinnbar und buchstäblich in ihrer Mitte; dass Wohlstand ein Schutzschild gegen die Verheerungen der Erwärmung bilde; dass das Verbrennen fossiler Energieträger der Preis des beständigen Wirtschaftswachstums sei; dass uns das Wachstum und die Technologien, die es hervorbringt, ermöglichen werden, uns einen Weg aus der Umweltkatastrophe zu bahnen; dass es in der langen Geschichte der Menschheit irgendetwas gegeben hätte, dessen Ausmaß und Tragweite mit dieser Bedrohung vergleichbar gewesen wären, und dass wir deshalb zuversichtlich davon ausgehen könnten, es sei möglich, sie mit dem Blick zu bannen.

Nichts davon stimmt. Aber fangen wir damit an, wie schnell die Veränderungen ablaufen. Die Erde hat vor dem Massenaussterben, das wir gerade durchmachen, bereits fünf andere erlebt, von denen jedes ein- zelne den Bestand der Lebewesen so umfassend reduzierte, dass es einem Drücken des Reset-Knopfs gleichkam.1 Der phylogenetische Baum der Erde dehnte sich immer wieder aus und zog sich zusammen, wie eine Lunge: Vor 450 Millionen Jahren waren 86 Prozent aller Arten ausgestorben, 70 Millionen Jahre später dann 75 Prozent, wiederum 100 Millionen Jahre später 96 Prozent, noch einmal 50 Millionen Jahre später 80 Prozent und 150 Millionen Jahre danach erneut 75 Prozent.2 Wenn Sie dem Teenageralter entwachsen sind, haben Sie in der Schule wahrscheinlich gelernt, dass diese Massenaussterben auf Asteroiden- einschläge zurückzuführen seien. Doch in Wahrheit hingen alle – bis auf die Katastrophe, die die Dinosaurier auslöschte – mit einem Klima- wandel durch Treibhausgase zusammen.3 Das berüchtigtste Ereignis spielte sich vor 252 Millionen Jahren ab: Es begann damit, dass die Temperatur auf der Erde durch Kohlendioxid um fünf Grad anstieg; dann nahm es an Fahrt auf, als durch diese Erhitzung Methan freige- setzt wurde – ein anderes Treibhausgas –, und endete damit, dass bis auf einen kleinen Bruchteil alles Leben auf unserem Planeten tot war.4 Heute setzen wir der Atmosphäre deutlich schneller Kohlendioxid zu – den meisten Schätzungen zufolge etwa zehnmal so schnell.5 Das ist hundertmal so schnell wie zu jedem anderen Zeitpunkt in der Ge- schichte der Menschheit vor dem Beginn der Industrialisierung.6 Und schon jetzt befindet sich ein Drittel mehr Kohlendioxid in der Atmo- sphäre als je zuvor in den letzten 800 000 Jahren7 – vielleicht sogar in den letzten 15 Millionen Jahren.8 Damals gab es keine Menschen. Der Meeresspiegel lag mehr als 30 Meter höher.9

Viele Menschen verstehen den Klimawandel im Grunde als morali- sche und wirtschaftliche Schulden, die sich seit dem Beginn der indus- triellen Revolution angehäuft haben und jetzt nach mehreren Jahr- hunderten zurückgezahlt werden müssen. Dabei ist mehr als die Hälfte des durch das Verbrennen fossiler Energieträger in die Atmo- sphäre beförderten Kohlendioxids in den letzten drei Jahrzehnten

dorthin gelangt.10 Das heißt, dass wir dem Planeten und seiner Fähig- keit, Menschen und ihrer Zivilisation ein Zuhause zu bieten, in der Zeit, die verstrichen ist, seit Al Gore sein erstes Buch über den Klima- wandel veröffentlicht hat, mehr Schaden zugefügt haben als in allen Jahrhunderten – allen Jahrtausenden – zuvor. Die Vereinten Nationen gaben 1992 die Klimarahmenkonvention heraus, in der sie der Welt unmissverständliche Forschungsergebnisse präsentierten; demnach haben wir also mittlerweile genauso viel Schaden wissentlich ange- richtet wie unwissentlich. Die Erderwärmung mag uns wie ein aufge- blähtes Moralstück vorkommen, das sich während mehrerer Jahrhun- derte abspielt und eine Art alttestamentarische Strafe über die Urururenkel derer bringt, die dafür verantwortlich sind, da es die im 18. Jahrhundert in England einsetzende Kohleverbrennung war, die alles, was später kam, auslöste; doch diese Erzählweise weist die Schuld historischen Schurken zu und spricht uns, die wir heute leben, davon frei – unberechtigterweise. Der Großteil des Kohlendioxids gelangte erst in die Atmosphäre, als die erste Folge der amerikanischen Sitcom Seinfeld schon ausgestrahlt worden war. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind es etwa 85 Prozent.11 Die Geschichte dieses Kamikaze- flugs der industrialisierten Welt umfasst nur eine einzige Lebens- spanne – wir haben die Erde innerhalb der Zeit, die zwischen einer Taufe oder einer Bar-Mizwa und einer Beerdigung vergeht, aus einem robust wirkenden Zustand an den Rand der Katastrophe gebracht.

Diese Lebensspanne ist uns allen vertraut. Als mein Vater 1938 ge- boren wurde – zu seinen ersten Erinnerungen zählten die Nachricht des Angriffs auf Pearl Harbor und die Bilder der sagenumwobenen Air Force in den darauf folgenden Propagandafilmen –, erschien das Kli- masystem den meisten Menschen stabil. Zwar hatten die Wissen- schaftler den Treibhauseffekt da bereits seit einem dreiviertel Jahr- hundert verstanden und wussten, dass das Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Holz, Kohle und Öl entstand, die Erde aufheizen und alles durcheinanderbringen konnte, aber beobachtet hatten sie den Ef- fekt bisher nicht – nicht so richtig, noch nicht –, wodurch er weniger wie eine Tatsache als mehr wie eine dunkle Prophezeiung wirkte, die

sich erst in einer weit entfernten Zukunft bewahrheiten sollte, oder vielleicht nie.12 Als mein Vater 2016 starb, nur wenige Wochen nachdem Politiker aus aller Welt verzweifelt das Pariser Klimaschutzabkommen unterzeichnet hatten, war das Klimasystem dabei, in Richtung Katast- rophe zu kippen, da die Grenze, die die Umweltwissenschaftler der modernen Industrie beim CO2 jahrelang als leuchtend rote Linie mit der Aufschrift Kein Durchlass vor die Nase gesetzt hatten – 400 ppm (Parts per Million) in der Erdatmosphäre, wie es in der unheimlich banalen Sprache der Klimatologen heißt –, gerade überschritten wor- den war.13 Und damit war das Ende natürlich noch nicht erreicht: Zwei Jahre später betrug der Monatsdurchschnitt 411, und mittlerweile ist die Luft genauso mit Schuldgefühlen durchsetzt wie mit Kohlendioxid, obwohl wir gern glauben wollen, unsere Atemluft sei frei davon.14

Die Lebensspanne lässt sich auch am Beispiel meiner Mutter dar- stellen: Sie kam 1945 als Kind einer jüdisch-deutschen Familie zur Welt, die vor den Schornsteinen floh, durch die die Asche ihrer Ver- wandten aufstieg, und genießt heute ihr 73. Lebensjahr im amerikani- schen Konsumgüterparadies – ein Paradies, das durch Fabriken in Schwellenländern aufrechterhalten wird, die sich ebenfalls innerhalb einer Lebensspanne ihren Weg in die globale Mittelschicht erarbeitet haben, mit all den Verlockungen und durch fossile Brennstoffe verfüg- baren Privilegien, die mit einem solchen Aufstieg einhergehen: Elek- trizität, Autos, Flugreisen, rotes Fleisch. Meine Mutter hat 58 dieser Jahre als Raucherin verbracht, ihre filterlosen Zigaretten bestellt sie heute stangenweise aus China.

Es ist auch die Lebensspanne vieler der Wissenschaftler, die als Erste auf das Problem des Klimawandels aufmerksam machten, und einige von ihnen sind, so unglaublich es auch klingt, bis in die heutige Zeit aktiv – so schnell sind wir an dieser Klippe angelangt. Roger Revelle, der erste Klimatologe, der darauf hinwies, dass sich die Erde aufheizt, starb bereits 1991, aber Wallace Smith Broecker, der zur Ver- breitung des Begriffs »Erderwärmung« beitrug, fuhr bis zu seinem Tod Anfang 2019 immer noch jeden Tag von der New Yorker Upper West Side über den Hudson River zu seiner Arbeitsstelle ins Lamont-

Doherty Earth Observatory und nahm sein Mittagessen manchmal in einer ehemaligen Tankstelle in New Jersey ein, die mittlerweile ein Hipster-Lokal ist. In den 1970er-Jahren betrieb er seine Forschungen mit Mitteln von Exxon, einem Unternehmen, das sich mittlerweile einer Reihe von Klagen ausgesetzt sieht, in denen es um die Verant- wortung für die auf uns zurollende Klimaentwicklung geht, die Teile der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts – vorbehaltlich eines Kurs- wechsels in Bezug auf die fossilen Brennstoffe – für Menschen mehr oder weniger unbewohnbar zu machen droht. Denn das ist der Pfad, den wir heute so unbekümmert beschreiten – hin zu einer Erwär- mung um mehr als vier Grad bis 2100.15 Laut einigen Schätzungen würde das bedeuten, dass große Gebiete in Afrika, Australien und den Vereinigten Staaten, die Teile von Südamerika, die nördlich von Pata- gonien liegen, und ganz Asien südlich von Sibirien durch Hitze, Ver- wüstung und Überschwemmungen unbewohnbar wären.16 Ganz sicher wären sie und viele weitere Regionen unwirtlich. So sieht unser Fahr- plan für die Zukunft aus, zumindest sind das die Eckpunkte. Und wenn unser Planet innerhalb der Lebensspanne einer Generation bis an den Rand einer Klimakatastrophe gebracht wurde, bedeutet das, dass die Verantwortung dafür, das abzuwenden, ebenfalls einer einzi- gen Generation zufällt. Wir wissen auch, wem – uns.

Ich bin kein Umweltschützer und sehe mich nicht einmal als Natur- liebhaber. Ich habe mein gesamtes Leben in Städten verbracht und er- freue mich an Apparaten, die in industriellen Lieferketten entstehen, auf die ich kaum einen Gedanken verschwende. Ich war noch nie cam- pen, zumindest nicht freiwillig, und obwohl ich es immer als eine gute Idee angesehen habe, die Flüsse und unsere Luft sauber zu halten, fand ich es auch schlüssig, dass man zwischen Wirtschaftswachstum und dem Preis, den die Natur dafür zahlt, abwägen müsse – und kam zu dem Schluss, dass in den meisten Fällen wohl das Wachstum vorging. Ich würde nicht mit meinen eigenen Händen eine Kuh schlachten, um einen Hamburger zu essen, habe aber auch nicht vor, Veganer zu wer- den. Ich neige zu der Ansicht, dass man es ruhig genießen kann, an der

Spitze der Nahrungskette zu stehen, weil ich keine großen Schwierig- keiten damit habe, eine moralische Grenze zwischen uns und anderen Tieren zu ziehen, und es sogar herabsetzend gegenüber Frauen und Nichtweißen finde, dass plötzlich die Rede davon ist, Menschenaffen und Tintenfischen einen an die Menschenrechte angelehnten Rechts- schutz einzuräumen, nur ein oder zwei Generationen, nachdem wir endlich das Monopol der weißen Männer in dieser Hinsicht aufgebro- chen haben. In diesen Aspekten – zumindest in vielen von ihnen – bin ich ein typischer Amerikaner, der sein Leben, was den Klimawandel angeht, verhängnisvoll selbstgefällig und vorsätzlich verblendet ver- bracht hat. Dabei ist dieser Klimawandel nicht nur die massivste Ge- fahr, der das menschliche Leben auf der Erde je ausgesetzt war, son- dern schlicht eine Bedrohung von einer ganz neuen Größe und Reichweite. Denn sie betrifft das menschliche Leben in seinem gesam- ten Umfang.

Vor einigen Jahren begann ich, Geschichten über den Klimawandel zu sammeln, viele von ihnen so furchterregend, mitreißend oder un- heimlich, dass selbst die kleinsten Anekdoten wie Fabeln wirkten: eine Gruppe von Arktisforschern, die vom schmelzenden Eis in ihrer For- schungsstation eingeschlossen wurde, auf einer Insel, auf der auch mehrere Eisbären lebten;17 ein russischer Junge, der sich an einem auf- getauten Rentierkadaver, der viele Jahrzehnte lang im Permafrost- boden eingefroren gewesen war, mit Milzbrand ansteckte und daran starb.18 Anfangs schien es, als bildeten diese Nachrichten eine neue Form der Allegorie. Aber natürlich ist der Klimawandel keine Alle- gorie.

Ab 2011 strömten ungefähr eine Million syrische Flüchtlinge nach Europa, die ein durch den Klimawandel und Dürren befeuerter Bür- gerkrieg aus ihrer Heimat vertrieben hatte – und ein großer Teil des »populistischen Moments«, das der gesamte Westen gerade erlebt, ist eine Folge der Panik, die diese Massenmigration ausgelöst hat.19 Die bevorstehende Überflutung von Bangladesch droht, die Anzahl der Flüchtlinge mindestens zu verzehnfachen und sie in eine Welt zu ent- senden, die noch stärker durch das Klimachaos destabilisiert und – so

muss man befürchten – umso weniger aufgeschlossen ist, je brauner die Haut der Menschen in Not ist.20 Hinzu kommen die Flüchtlinge aus weiteren Regionen Südasiens, den Ländern Afrikas, die südlich der Sahara liegen, und aus Lateinamerika – 140 Millionen bis 2050, schätzt die Weltbank,21 also mehr als hundertmal so viele wie im Ver- lauf der europäischen Syrien-»Krise«22.

Die Vorhersagen der Vereinten Nationen sind noch erschrecken- der.23 200 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2050.24 Das entspricht der gesamten Weltbevölkerung in der Blütezeit des Römischen Reiches, falls man sich vorstellen kann, dass jeder Mensch, der damals ir- gendwo auf der Erde lebte, sein Zuhause verlor und sich auf den Weg durch unwirtliche Gegenden machte, um ein neues zu finden. Und das obere Ende dessen, was in den nächsten 30 Jahren denkbar ist, sieht laut den Vereinten Nationen deutlich schlimmer aus: »eine Mil- liarde oder mehr Gefährdete, die kaum eine andere Wahl haben, als zu kämpfen oder zu fliehen«25. Eine Milliarde oder mehr. Das sind mehr Menschen, als heute in Nord- und Südamerika zusammen leben, und so viele, wie es noch 1820, als die industrielle Revolution im vollen Gange war, auf der ganzen Welt gab.26 Das legt nahe, dass wir die Ge- schichte nicht als eine Abfolge von Jahren auf einem Zeitstrahl be- trachten sollten, sondern eher als einen sich immer weiter aufblähen- den Ballon des Bevölkerungswachstums, das dafür sorgt, dass sich die Menschheit immer weiter über den ganzen Globus ausbreitet, bis der Ballon eine pralle Kugelform erreicht. Einer der Gründe, warum der Kohlendioxidausstoß in der letzten Generation so stark angestiegen ist, bietet gleichzeitig eine Erklärung dafür, warum die Geschichte so viel schneller abzulaufen scheint und überall jedes Jahr so viel mehr passiert: So ist es eben, wenn es derart viel mehr Menschen gibt. Schätzungen zufolge sind 15 Prozent aller menschlichen Erfahrungen im Verlauf der Geschichte Menschen zuzuordnen, die heute noch am Leben sind und ihren ökologischen Fußabdruck auf der Erde hinter- lassen.27

Diese Flüchtlingszahlen sind hoch gegriffen; sie wurden vor Jahren von Forschungsgruppen ausgegeben, die damit Aufmerksamkeit auf

einen bestimmten Zweck oder ein bestimmtes Ziel lenken wollten. Die realen Zahlen werden mit großer Sicherheit geringer ausfallen, und Wissenschaftler schenken heute eher Projektionen Glauben, in denen von Dutzenden Millionen statt von Hunderten Millionen Men- schen die Rede ist. Aber die Tatsache, dass die großen Zahlen nur das obere Ende der Skala des Möglichen darstellen, sollte uns nicht in Selbstzufriedenheit wiegen – wenn wir das Worst-Case-Szenario außen vor lassen, verfälscht das unsere Sicht auf wahrscheinlichere Entwick- lungen, weil wir diese dann als Schreckensszenarien betrachten, auf die wir uns nicht gewissenhaft einstellen müssen. Grenzwerte zeigen, was denkbar ist, damit wir aus dem, was dazwischen liegt, besser ab- lesen können, was wahrscheinlich ist. Und vielleicht stellen sie sich sogar doch als die besseren Richtwerte heraus, führt man sich vor Augen, dass die Optimisten in dem halben Jahrhundert der Klima- furcht, das wir bereits hinter uns haben, niemals richtig gelegen haben.

Meine Geschichtensammlung wuchs täglich, aber kaum etwas da- von schaffte es in die Berichterstattung über den Klimawandel im Fernsehen oder in der Zeitung, selbst wenn es dabei um die neuesten Forschungsergebnisse ging, die in den renommiertesten Fachzeit- schriften erschienen waren. Natürlich war der Klimawandel ein Thema in den Medien, und er wurde auch mit Sorge beobachtet. Aber die Diskussion möglicher Auswirkungen blieb auf einen täuschend engen Bereich begrenzt, fast ausschließlich auf den Anstieg des Mee- resspiegels. Ebenso besorgniserregend war, wie optimistisch die Be- richterstattung alles in allem klang. Schon 1997, als das grundlegende Kyoto-Protokoll unterzeichnet wurde, galt eine Erwärmung um zwei Grad als Grenzwert zur Katastrophe: überflutete Städte, dramatische Dürren und Hitzewellen, eine Erde, die täglich von Wirbelstürmen und Monsunregengüssen heimgesucht wurde, die wir bisher unter dem Begriff »Naturkatastrophen« kannten, aber bald wohl einfach »schlechtes Wetter« nennen werden. Vor Kurzem hat der Außenmi- nister der Marshallinseln eine weitere Bezeichnung für einen derarti- gen Temperaturanstieg in den Raum geworfen: »Völkermord«.28

Es besteht kaum eine Chance, dieses Szenario abzuwenden. Das

Kyoto-Protokoll hat praktisch nichts bewirkt; in den 20 Jahren, die seit der Unterzeichnung vergangen sind, haben sich unsere Emissionen trotz aller Bemühungen, Gesetze und Fortschritte im Bereich der er- neuerbaren Energien im Vergleich zu den 20 Jahren davor erhöht. 2016 wurde die Erwärmung um höchstens zwei Grad im Pariser Kli- maabkommen als globales Ziel festgeschrieben, und geht man nach den Zeitungen, ist eine Erwärmung um diesen Wert ungefähr das schlimmste Szenario, das man sich ausmalen darf, ohne als verantwor- tungslos zu gelten; doch ein paar Jahre danach macht kein Industrie- land Anstalten, seine Zusagen einzuhalten, und das Zwei-Grad-Ziel wirkt nun eher wie ein Best-Case-Szenario, dessen Erreichen im Augen- blick schwer vorstellbar scheint. Jenseits davon erstreckt sich eine ganze Glockenkurve schlimmerer Möglichkeiten, die aber sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen werden.29

Für diejenigen, die über das Klima berichten, gilt es mittlerweile irgendwie als unschicklich, diese hässlichen Szenarien – und die Tat- sache, dass wir unsere Chance vertan haben, in der besseren Hälfte der Kurve zu landen – zu erwähnen. Die Gründe dafür sind fast zu zahl- reich, um sie aufzulisten, und so unbestimmt, dass man sie besser als Impulse bezeichnet. Vielleicht haben wir aus Anstandsgründen be- schlossen, nicht über eine Welt zu reden, die sich um mehr als zwei Grad erwärmt, oder aus schlichter Angst, oder aus Angst, der Panik- mache bezichtigt zu werden. Vielleicht war es, weil wir vom Erfolg tech- nischer Errungenschaften überzeugt sind – was im Grunde nichts an- deres ist als Marktgläubigkeit – oder aus Rücksicht auf innerparteiliche Differenzen oder sogar auf die Prioritätensetzung einer Partei, oder aus Skepsis der umweltbewussten Linken gegenüber, wie ich sie immer ge- hegt habe, oder aus purem Desinteresse am Schicksal weit in der Zu- kunft liegender Ökosysteme, wie ich es ebenfalls immer gehabt habe. Die wissenschaftlichen Zusammenhänge, die vielen Fachbegriffe und die schwer zu durchblickenden Zahlen verwirrten uns, oder wir be- fürchteten zumindest, dass die wissenschaftlichen Zusammenhänge, die vielen Fachbegriffe und die schwer zu durchblickenden Zahlen andere verwirren könnten. Wir brauchten zu lange, um das Tempo des Klima-

wandels zu verstehen, gingen halb konspirativ von der Verantwort- lichkeit der globalen Eliten und ihrer Institutionen aus oder huldigten diesen Eliten und Institutionen, was auch immer wir von ihnen hiel- ten. Vielleicht wollten wir nicht an furchterregendere Voraussagen glauben, weil wir meinten, gerade zum ersten Mal von der Erwärmung gehört zu haben, und davon ausgingen, dass die Dinge seit der Aus- strahlung des Films Eine unbequeme Wahrheit doch noch gar so viel schlimmer geworden sein könnten, oder weil wir gern Auto fuhren, Fleisch aßen und lauter andere Dinge taten, über die wir nicht zu ge- nau nachdenken wollten, oder weil wir uns so »postindustriell« fühl- ten, dass es schwer vorstellbar war, dass wir immer noch von etwas so Materiellem wie den Heizkesseln der fossilen Brennstoffe abhängig sind. Vielleicht lag es daran, dass wir gefährlich gut darin waren, schlechte Nachrichten in eine immer absurder werdende Vorstellung von »Normalität« einzubinden, oder dass wir aus dem Fenster schau- ten und dort noch alles gut aussah. Oder daran, dass es uns langweilte, immer wieder die gleiche Geschichte zu lesen und zu schreiben; oder daran, dass das Klima ein so globales und deshalb allgemeines Thema ist, dass es die abgedroschensten politischen Ideen auf den Plan ruft; oder daran, dass wir noch nicht überblickten, wie sehr der Klimawan- del unser Leben verändern könnte; oder daran, dass wir ganz eigen- nützig kein Problem damit hatten, die Erde zu zerstören, wenn nur die Bewohner anderer Regionen oder die Menschen, die sie später wütend von uns erben würden, darunter leiden mussten. Oder daran, dass wir zu sehr an einen zielgerichteten Verlauf der Geschichte und an den ewigen Fortschritt glaubten, als dass wir auf die Idee gekommen wä- ren, dass die Geschichte auch einen Bogen in Richtung Klimagerech- tigkeit schlagen könnte. Oder dass wir, wenn wir wirklich ehrlich zu uns selbst waren, die Welt bereits jetzt als einen Nullsummen-Kon- kurrenzkampf um die Ressourcen betrachteten und davon ausgingen, dass wir letzten Endes wahrscheinlich doch wieder als Gewinner da- stehen würden, zumindest relativ betrachtet – dank der Vorteile, über die wir ohnehin schon verfügten, und durch unser Glück in der Ge- burtslotterie. Vielleicht hatten wir zu viel Angst um unsere Jobs und

unsere Wirtschaft, um uns über die Jobs und die Wirtschaft der Zu- kunft Gedanken zu machen; oder wir fürchteten uns vor Robotern oder starrten auf unsere neuen Handys. Vielleicht war es aber auch so, dass wir trotz unseres Untergangsreflexes in kulturellen Fragen und des Angstkomplexes der Politik an einer tief sitzenden Alles- wird-gut-Illusion litten, wenn es um das große Ganze ging, oder es gab sonst irgendwelche Gründe – das Klimakaleidoskop, das unsere Ins- tinkte hinsichtlich der Umweltzerstörung in eine unheimliche Selbst- zufriedenheit überführt, setzt sich aus so vielen Aspekten zusammen, dass es schwierig ist, das gesamte Bild der Klimaverzerrung auszu- machen. Aber egal, ob es eine Frage des Nichtwollens oder des Nicht- könnens war: Wir haben uns den wissenschaftlichen Erkenntnissen einfach nicht gestellt.

17:18 15.08.2019

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