Zeit und Wandel

Leseprobe "Schöne neue Welt? Durch das Internet sind Kommunikation und Information schier unbegrenzt und kostengünstig möglich geworden. Lösen also Tauschen und Teilen den exklusiven Eigentumsanspruch ab?"
Zeit und Wandel
Foto: Carsten Koall/Getty Images

Vorwort

Teilen (können) ist das neue Haben (wollen)? So scheint es bisweilen, wenn man die immer größer werdende Zahl von Veröffentlichungen über die Sharing Economy liest. Nicht wenige sprechen bereits von einer weiteren industriellen Revolution, die die fortschreitende Digitalisierung der Ökonomie und nicht zuletzt das Internet ermöglicht hat.

Der Grundgedanke ist bestechend: Nicht zuletzt mit Hilfe der immer schneller werdenden digitalen (Glasfaser-)Netze sind Güter – etwa: Texte, Bilder, Musik oder auch Konstruktionszeichnungen – nahezu beliebig vielen Abnehmern zugänglich, ohne dass für einen zusätzlichen Nutzer nennenswerte zusätzliche Kosten der Bereitstellung entstehen. In der Sprache der Ökonomik heißt das: Die Grenzkosten der Bereitstellung (nicht der Produktion!) liegen nahe bei null oder sogar exakt bei diesem Wert.

Schöne neue Welt? Durch das Internet sind Kommunikation und Information – etwa: über die temporäre Verfügbarkeit eines Fahrzeugs oder einer Wohnung – schier unbegrenzt und sehr kostengünstig möglich geworden. Lösen also Tauschen und Teilen den exklusiven Eigentumsanspruch ab, der seit mehr als zwei Jahrhunderten als konstituierendes Element der Marktwirtschaft – des Kapitalismus – gilt?

Mehr noch: Wird nun vielleicht doch noch der lang gehegte Traum von einer Welt wahr, in der weltliche Besitztümer nicht nur einigen wenigen, sondern vielen – eines Tages vielleicht nahezu allen – Menschen zur Verfügung stehen? Wird damit vielleicht sogar das Besitzstreben selbst eines Tages überholt sein, das von vielen sehr kritisch, von anderen dagegen seit Adam Smith als ethisch hervorzuhebendes Element menschlichen Handelns in wirtschaftlichen Dingen gesehen wird?

Oder werden hier am Ende nur altbekannte Erkenntnisse – aus ökonomischer Sicht etwa: die der Kollektivgütertheorie – in neuer Verpackung angeboten? Ist gar der Traum von einer neuen Form des Wirtschaftens „jenseits des Kapitalismus“ stets genau das gewesen: ein Traum, dem der Bezug zur Realität von Beginn an fehlte?

Immerhin zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass den – zur Zeit der Drucklegung dieses Bandes – größten oder bedeutsamsten Akteuren der Entwicklung allesamt eines gemeinsam ist: AirBnB, Ebay, Facebook oder Uber – um nur einige zu nennen – sind ohne Zweifel keine karitativen Einrichtungen, sondern erwerbswirtschaftlich ausgerichtete, auf das Gewinnziel fokussierte sowie, nicht zuletzt, in ihrem Innern äußerst straff und erfolgsorientiert organisierte Unternehmungen. An deren Spitze sind jeweils geradezu paradigmatisch Kapitalisten am Werk – oder, in der Sprache der Ökonomik und in der Tonalität freundlicher, Schumpetersche Pionier-Unternehmer.

Wie passt es dann zusammen, dass die Produkte dieser, derzeit zum Teil marktbeherrschenden Unternehmen der Sharing Economy von den nach eigener Einschätzung im Zweifel oft kapitalismuskritisch eingestellten jungen Menschen, den sogenannten Millennials, jedenfalls in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts derart begeistert genutzt werden, dass deren von Gewinnerwartungen befeuerten Börsenwerte – zumindest bis auf Weiteres – geradezu schwindelerregende Höhen erreichen?

Diese und weitere überaus spannende Fragen sind Gegenstand der Erörterungen, die die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes aus verschiedenen Fachperspektiven angestellt haben. Der Sammelband folgt dabei – wie seine Vorgänger – dem Leitbild wechselseitiges Lernens und Austauschens von Anregungen: Im Sinne der Qualitätssicherung werden wie immer jedem Hauptbeitrag zwei Korreferate an die Seite gestellt.

Allen Autorinnen und Autoren danken wir sehr für die überaus anregenden Texte und die stets sachlich und erkenntnisorientiert geführten Diskussionen. Möge das Ergebnis den Leser und die Leserin auch dieses Mal bei der ersten Orientierung wie bei der fortgeschrittenen Beschäftigung mit verschiedenen Perspektiven und Facetten der jeweiligen Fragestellung tatkräftig unterstützen.

Der aktuelle Band, der in diesem Augenblick gegenständlich oder auf dem Bildschirm Ihres PC, MacBook oder Tablets vor Ihnen liegt, setzt eine inzwischen über recht viele Jahre erfolgreiche Reihe fort, die unter dem Motto „Normen, soziale Ordnung und der Beitrag der Ökonomik“ im Jahre 1996 ihren Anfang genommen hatte und seither, wie wir dankbar anmerken dürfen, auf eine ausgesprochen freundliche Aufnahme bei allen angesprochenen Adressatenkreisen stößt.

Die bereits angesteuerten Ufer können in den neun vorangegangenen Sammelbänden begutachtet werden. Diese sind in den „Volkswirtschaftlichen Schriften“ (VWS) des Verlages Duncker & Humblot unter den nachfolgend aufgeführten Titeln erschienen und auch als eBooks erhältlich.

Die Reihe geht ursprünglich auf eine Kooperation zwischen der Katholisch-sozialen Akademie Franz Hitze Haus (vertreten durch Martin Dabrowski) und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster zurück, die auf wissenschaftlicher Seite von der HSBA Hamburg School of Business Administration übernommen wurde und inzwischen an der School of International Business der Hochschule Bremen (jeweils vertreten durch Detlef Aufderheide) verankert ist. Die Kooperation dient unverändert einem alles überragenden Anliegen, nämlich: dem Diskurs zwischen Ethik und Ökonomik, zwischen Ökonomen und Theologen bzw. Moralphilosophen sowie Vertretern anderer Disziplinen ein Forum zu bieten, auf dem ein fruchtbarer Austausch über aktuelle Forschungsergebnisse ebenso wie über die sich ergebenden Implikationen für die Praxis stattfinden kann.

Wie der Untertitel jeweils anzeigt, werden dabei zwei besondere Perspektiven eingenommen und kontrastiert oder zusammengeführt. Es geht einerseits (Stichwort Wirtschaftsethik) nicht in erster Linie um allgemeine Fragen der Angewandten Ethik. Vielmehr erfolgt jeweils eine Engführung auf wirtschaftlich relevante Aspekte. Andererseits (Stichwort Moralökonomik) stellen sich die Autorinnen und Autoren der vorliegenden Reihe immer wieder der Frage, wie mit den Methoden der Ökonomik auch und gerade moralische Probleme besser erklärt und vertiefend analysiert werden können: Moralökonomik kann in Langfassung auch verstanden werden als die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Untersuchungen, die durch die Anwendung bewährter und neuerer ökonomischer Methoden zu einem besseren Verständnis moralisch relevanter Fragen und Probleme beitragen (können).

Dabei ist uns bewusst, dass es „den“ ökonomischen Ansatz nicht gibt: Es geht auch innerhalb der Ökonomik um einen fruchtbaren Wettbewerb um die besten Analysemethoden.

Wenn aber, diesen Fragen vorgelagert, die Ökonomik als Forschungsprogramm – und als solches vermeintlich fokussiert auf den Eigennutz und andere moralisch höchst ambivalente Phänomene – gezielt auf Fragen der Moral angesetzt wird, so führt dies immer noch zu Irritationen, und zwar bemerkenswerterweise nicht nur bei Fachfremden, sondern bisweilen auch noch unter Ökonomen. Die vorliegende Buchreihe möchte diesen Irritationen mit inhaltlicher Überzeugungsarbeit entgegentreten. Dass dabei auch die bestehenden Grenzen einer ökonomischen Analyse der Moral im Dialog auszuloten sind, versteht sich von selbst.

Auch für die Tagung, die dem vorliegenden Tagungsband vorausging, konnten wir auf den genius loci des überaus bewährten Tagungshauses setzen: Die Akademie Franz Hitze Haus in Münster bietet allerbeste Voraussetzungen. Das eingespielte und wie immer sehr freundliche und hilfsbereite Team trug zum Gelingen der Tagung nicht unmaßgeblich bei, materielle wie immaterielle Unterstützung auch von Seiten der Akademie des Bistums Münster sind von kaum schätzbarem Wert.

Je nach fachbezogener Fragestellung konnten wir immer wieder, punktuell auch für den vorliegenden Band, in der inhaltlichen Vor- und Nachbereitung auf guten Rat aus unserem Beraterkreis zurückgreifen, in dem verschiedene akademische Disziplinen vertreten sind.

Dem leider viel zu früh verstorbenen Prof. Dr. Dr. Christian Kirchner, LLM., und den Herren Prof. Dr. Dr. Karl Homann, Prof. Dr. Michael Schramm, Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Schumann, Prof. Dr. Viktor Vanberg und Prof. Dr. Josef Wieland sind wir für die inzwischen langjährige Unterstützung dankbar verbunden.

Münster, im September 2017
Detlef Aufderheide und Martin Dabrowski

07:10 21.12.2017

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