Paradigmenwechsel

Leseprobe "Jede Art von Erziehung dient nur als Schutzschild der Erwachsenen, um sich vor der Beziehung zu Kindern zu schützen. Die hingegen brauchen keine Erziehung, sondern vor allem Beziehung!"
Paradigmenwechsel
Foto: Adam Berry/Getty Images

Einleitung

Erziehung! Ein Thema, das jeden betrifft. Und ein Wort, das stets ein Adjektiv mit sich führt: gute Erziehung, schlechte Erziehung, autoritäre, moderne, demokratische Erziehung. Die Debatte ist von großer Leidenschaft und Schärfe geprägt. Hier prallen Menschen- und Gesellschaftsbilder in oft unversöhnlicher Härte aufeinander. Und nun komme ich, aufgrund meiner öffentlichen Rolle von vielen immer wieder gern in erprobte Erziehungsschubladen gesteckt, und sage: Vergesst Erziehung! Denn jede Art von Erziehung dient nur als Schutzschild der Erwachsenen, um sich vor der Beziehung zu Kindern zu schützen. Kinder hingegen brauchen keine Erziehung, Kinder brauchen vor allem Beziehung! Sich öffentlich über Erziehung zu äußern, noch dazu mit unkonventionellen Positionen, ist heikel. Das habe ich immer wieder erlebt. Denn es bringt fest gefügte Vorstellungen durcheinander und stellt das eigene Weltbild infrage. Erziehung ist ein hochemotionales Thema, das zeigen die oft hitzigen Diskussionen über das »Richtig« oder »Falsch« im Umgang mit Kindern. Schnell wird gewertet. Schnell fühlt man sich bewertet. Das mag damit zusammenhängen, dass wir uns alle betroffen (und deshalb mitunter auch angegriffen) fühlen. Denn:

1. Wir alle waren mal Kind,

2. jeder hat Eltern und eine Geschichte mit ihnen, und

3. wir alle sind einmal erzogen worden.

Das immerhin verbindet uns. Wir alle haben eine Meinung zu diesem Thema, weil wir alle unsere eigenen Erfahrungen in diesem sehr persönlichen Kontext gemacht haben. Und in diesem ordnen wir nun Aspekte ein, die uns zum Thema Erziehung begegnen. Erziehung betrifft nicht nur uns persönlich und unsere Familie, sondern steht auch im Zusammenhang mit unserem grundsätzlichen Verständnis davon, was Kinder sind und wie wir Kinder sehen, und unserer Vorstellung davon, wie wir mit ihnen umzugehen haben. Das sind Fragen, die unmittelbare Auswirkungen auf gesellschafts- und familienpolitische Konzepte und Maßnahmen haben.

Erziehung! Erwachsene haben von jeher gedacht, ein Kind sei noch kein »richtiger« Mensch. Die Überzeugung ist, ein Kind komme defizitär und halbfertig auf die Welt und müsse erst durch »Behandlung«, den Einfluss und die Einwirkung von Erwachsenen, zum Menschen gemacht werden. Die Menschwerdung geschieht nach dieser überkommenen Vorstellung zum einen, indem das Kind ein bestimmtes Alter erreicht, zum anderen, indem der Erwachsene rigoros auf das Kind einwirkt, es beeinflusst und durch Manipulation dazu bringt, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten.

So haben Erwachsene durch alle Zeiten hindurch versucht, Methoden zu finden, um Kindern beizubringen, wie man sich »richtig« benimmt und wie man ein »ordentliches« Gesellschaftsmitglied wird. In diesem Sinne ist Erziehung also die – durch bestimmte Normen geleitete – Einübung von Verhaltensweisen und die Vermittlung diverser Kompetenzen. Die Entwicklungspsychologie hat jedoch längst widerlegt, dass Kinder als unfertige Wesen auf die Welt kommen, die erst nach und nach zu »richtigen« Menschen werden. Es liegen genügend wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung von Kindern vor und darüber, was sie brauchen, um gut aufwachsen zu können.

Aber warum haben diese Erkenntnisse einen so eklatant geringen Einfluss auf die pädagogische Praxis? Die Forschung betont einhellig, wie wichtig die Qualität der Bindung und Beziehung zu unseren Kindern ist und dass sie als wesentliches Merkmal einer guten Entwicklung angesehen werden muss. Zwischen der »Geisteswissenschaft« Pädagogik und den naturwissenschaftlich geprägten Forschungsrichtungen scheint jedoch eine unüberwindbare Mauer zu stehen, die uns in der erzieherischen Praxis daran hindert, die Bedeutung der Forschungsergebnisse zu erkennen, sie einzuordnen, zu verknüpfen und Konsequenzen aus dem Erforschten im Sinne der Kinder abzuleiten. Wir sind deshalb in vielen Bereichen, in der Familie wie auch in der Schule, noch weit von einer Umsetzung und Integration des neuen Wissens in den Umgang und Alltag mit Kindern entfernt.

Kinder sind zum Spielball geworden in einer Debatte, die häufig von Schuldzuweisungen geprägt ist. Von Eltern wird gefordert, mehr und besser zu »erziehen«, während gleichzeitig anderswo die Forderung laut wird, die Institutionen, zum Beispiel die Schule, sollten mehr Erziehungsaufgaben übernehmen. Dadurch ist der Druck auf allen Seiten enorm gestiegen, die Verunsicherung groß. Als Mutter habe ich mir – wie viele andere Eltern auch – vorgenommen, es ganz anders zu machen, als ich es selbst erlebt habe. Also habe ich eigene Erfahrungen gesammelt, Fachbücher gelesen, studiert, im Alltag Neues ausprobiert und immer wieder mit anderen diskutiert.

Was ist im Umgang mit Kindern richtig, was falsch? Wie verhält man sich in der Rolle als Mutter oder Vater richtig? Als Pädagogin und Therapeutin habe ich eine Zeit lang gedacht, Erziehung solle vor allem von demokratischen Regeln, Verständnis und Wertschätzung den Kindern gegenüber geprägt sein. Ich verstand das als Weiterentwicklung moderner Erziehungskonzepte, als eine Abkehr von der autoritären Erziehung, die moralisiert und straft. Ich dachte lange, wir seien im modernen Zeitalter der Erziehung angekommen. Heute denke ich anders. Heute halte ich Erziehung im herkömmlichen Sinne generell für unnötig und überflüssig!

Die vielen Menschen, die mir bei meiner Arbeit begegnen, haben zu dieser Überzeugung beigetragen, und nicht zuletzt auch meine Erfahrung als Mutter lehrt mich dies jeden Tag. Wir können uns von der Vorstellung lösen, dass Kinder aktiv erzogen werden müssen. Erziehung bringt dem Kind nichts, es ist nicht im Sinne des Kindes, es hilft nur dem Erwachsenen. Erziehend schneiden wir Kinder passfähig für die Welt der Erwachsenen, wir berauben sie vieler ihrer Potenziale und Möglichkeiten – bestenfalls, um ihnen die vermeintlich besten Chancen in der Erwachsenenwelt zu eröffnen, schlimmstenfalls, um unserer Überforderung angesichts von Schwierigkeiten im Erziehungsalltag Herr zu werden.

Ich sehe deshalb die Notwendigkeit einer generellen Wende im Umgang mit unseren Kindern. Hin zu etwas ganz Neuem, jenseits von Erziehung. Ich bin der Überzeugung, dass nach der emanzipatorischen Gleichberechtigung der Frau auch Kinder aus erstarrten gesellschaftlichen Herrschaftskonventionen »befreit« werden können. Das Kind kann dies jedoch, anders als die Frau im Kampf um Veränderung, nicht aus sich selbst bewirken. Wir brauchen deshalb ein gesellschaftliches Umdenken. Wenn ich das Traditionelle infrage stelle und mit neuen Gedanken vergleiche, dann nicht, um herkömmliche Konzepte abzuwerten, sondern um die Unterschiede zu dieser veränderten Haltung deutlich zu machen. Ich denke, dass sich unsere heutigen Erziehungsansätze von früheren im Kern kaum unterscheiden und dass wir nach wie vor – vor allem, wenn ein Konflikt besteht – unsere eigenen Interessen vorwiegend machtvoll gegenüber denen des Kindes durchsetzen und uns damit letztendlich hinter Erziehung verstecken, anstatt als Mensch in einer authentischen Beziehung den Kindern gegenüber sichtbar zu werden.

Wir meinen, uns von der autoritären Erziehung abgewandt und zu einem neuen, modernen Erziehungsstil gefunden zu haben. Die Praxis – ob in der Schule, der Kita oder auch in der eigenen Familie – sieht oft noch anders aus. Nach wie vor wollen wir Kinder zu einem bestimmten Verhalten bringen, nicht selten, indem wir ein anderes Verhalten mit Macht (manchmal auch gewaltvoll) unterbinden. Ich erlebe in der Elternberatung und im Kontakt mit LehrerInnen und ErzieherInnen immer wieder, dass neben Unsicherheit auch eine große Offenheit für Neues vorhanden ist. Mit diesem Buch möchte ich nicht nur einladen, sich auf etwas ganz Neues einzulassen, und ermutigen, einen ganz anderen Blickwinkel einzunehmen. Ich möchte auch begründen, warum ich das gesamte Modell der Erziehung für hinfällig halte. Dass es gute Gründe gibt, nicht etwa ein Erziehungsmodell gegen ein anderes auszutauschen, sondern die Idee des Erziehens insgesamt hinter sich zu lassen und sich etwas Neuartigem zuzuwenden: der Beziehung zu Kindern!

Von der ERziehung zur BEziehung scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein, nur zwei Buchstaben gilt es auszutauschen. Zu verstehen jedoch, was Beziehung heißt, sich darauf einzulassen und sie in der Praxis, im Umgang mit Kindern, zu leben, ist weitaus schwieriger, zumal es wenig Erprobtes gibt, auf das wir zurückgreifen können. Es fällt uns schwer, uns aus alten Mustern zu befreien, denn Beziehungsprozesse laufen häufig unbewusst ab.

So ist zuallererst und immer wieder ein Blick auf uns selbst ganz wesentlich. Es geht eben nicht (mehr) darum, den Fokus ausschließlich auf das Kind zu richten, es zu manipulieren und auf es einzuwirken, um ein bestimmtes Ziel im Sinne eines erwünschten Verhaltens zu erreichen. Während Erziehung klar definierbare, zielgerichtete, lösungsorientierte Handlungen der Erwachsenen beinhaltet, setzt Beziehung eine offene Haltung dem Kind und seinem Wesen gegenüber voraus, die von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Beziehung stellt den gleichwertigen und persönlichen Dialog in den Mittelpunkt und lebt davon, dass beide Partner vom jeweils anderen profitieren wollen.

Es geht also nicht darum, Kindern lediglich ein demokratisches »Mitspracherecht« einzuräumen, sondern vielmehr darum, dass wir Erwachsenen verstehen, dass wir von dem profitieren, was Kinder in eine Beziehung zu uns miteinbringen, was sie denken, fühlen und sagen. Es ist für uns Erwachsene ein Gewinn, wenn wir Kinder ernst nehmen und ihnen in einem persönlichen Dialog begegnen können! Wenn wir Erwachsenen uns trauen, uns auf Beziehung einzulassen, dann wird es uns möglich, von Kindern zu lernen und bestimmte Kompetenzen, wie zum Beispiel Offenheit, Unvoreingenommenheit, Sensibilität, die uns aberzogen, mit Erziehung abtrainiert wurden, wiederzuerlangen.

Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass sich gelebte Familienstrukturen hinterfragen lassen müssen: Warum folgen wir noch oft einer alten Machtstruktur und behandeln Kinder wie »Untertanen«, die uns ausgeliefert sind? Welche Rolle wollen wir als Eltern unseren Kindern gegenüber einnehmen? Sollten wir überhaupt eine Rolle einnehmen, oder können wir uns als Mensch authentisch zeigen? Authentisch in dem Sinne, dass wir uns den Kindern mit unseren Gefühlen – und nicht nur mit unseren vermeintlichen Stärken, sondern auch mit unseren Schwächen – offen zeigen. Nach meiner Erfahrung ist es gut, sich solche Fragen zu stellen, und dazu sind heute auch immer mehr Eltern bereit.

Eine gute Beziehung ist geprägt von Dialog, Offenheit und Toleranz: Der andere wird mit seinen Bedürfnissen respektiert und auch in seiner Andersartigkeit und Vielfalt akzeptiert. Heute sind wir – wie zu keiner anderen Zeit zuvor – in der Lage, gleichwertige Beziehungen einzugehen, auch wenn es uns schwerfällt und dem eingeübten Hierarchiedenken widerspricht. An fest gefügten Machtstrukturen festzuhalten hilft natürlich, den Alltag zu meistern. Reich über arm, Bildungsbürger besser als »Ungebildete«, Erwachsene den Kindern überlegen – sichtbare oder nur gefühlte Machtstrukturen stehen einer immer neuen Offenheit in einer Beziehung auf Augenhöhe im Weg. Wir stehen uns selbst im Weg. Die Gründe dafür sind auch nachvollziehbar, denn es birgt ein gewisses Risiko, sich auf eine echte Beziehung einzulassen und sich als Menschen zu zeigen. Wir müssen dann auch zu unseren Schwächen stehen und uns in unserer Rolle als Eltern hinterfragen lassen. Wir müssen Verantwortung übernehmen für das Gelingen eines Dialogs – und der Beziehung zu den Kindern überhaupt. Das haben wir nicht gelernt. Sobald wir dann unsicher werden, greifen wir reflexartig auf etwas Gelerntes, Bekanntes zurück. Diese Prozesse gilt es sichtbar und transparent und sich so bewusst zu machen.

Es geht mir nicht darum, neue Erziehungsstile oder -modelle zu finden und so die Erziehung zu verändern – da hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder etwas getan. Es geht mir vielmehr darum, Erziehung und ihre Folgen bzw. ihre Wirkung auf uns alle zu entlarven und letztlich zu zeigen, dass wir sie im Umgang mit unseren Kindern nicht brauchen. Ich gehe noch weiter. Erziehung ist nicht nur überflüssig, sie richtet häufig auch Schaden an. Die Veränderung im Verhältnis zwischen Männern und Frauen hat gezeigt, dass es möglich ist, Grundsätzliches zu überdenken und einen Großteil unserer bisherigen Auffassungen und Vorstellungen zu hinterfragen. Folglich sollten wir auch keine Scheu haben, das Verhältnis zu unseren Kindern zu hinterfragen. Eventuell wird mancher Leser an der einen oder anderen Stelle den Eindruck haben, dass einseitig Partei für das Kind genommen wird. Die Haltung zum Kind gesellschaftlich aufzubrechen stellt jedoch keine Parteinahme für das Kind dar und soll auch nicht als Akt der Gerechtigkeit verstanden werden – wenn sich im Wandel der Zeit die Erkenntnisse über gesundes Aufwachsen verändern, ist es notwendig, diese Veränderung nach unserem kulturellen Selbstverständnis als gesellschaftliche Aufgabe zu begreifen.

Verschiedene gesellschaftliche Faktoren wie hohe Scheidungsraten, Rückgang der Kinderzahl, nicht eheliche Lebens- und Wohngemeinschaften mit und ohne Kinder und die häufigere Berufstätigkeit der Frau haben zu einer größeren Vielfalt und so gleichzeitig auch zu einem radikalen Wandel der Familienformen geführt. Werte, Normen und Vorstellungen wandeln sich dadurch ebenfalls. Das verunsichert, bietet aber auch Chancen und macht Vielfältigkeit und individuelle Lebenskonzepte möglich. So können Eltern heute für ihre Familie nach eigenen individuellen Werten suchen und diese für sich ausprobieren. Auch hierzu soll das vorliegende Buch anregen. Darüber hinaus habe ich Informationen über die Entwicklungsstufen von Kindern zusammengetragen und bindungstheoretische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse in alltagspraktische Beispiele einfließen lassen.

Kinder verbringen immer mehr Zeit in Bildungseinrichtungen. Hat sich hier ein Wandel vollzogen? Haben die entwicklungspsychologischen Erkenntnisse Einfluss auf unser Bildungssystem? Auch solche Fragen werden im Folgenden diskutiert. Die Gedanken und Handlungsalternativen in diesem Buch sollen zum Experimentieren anregen. Sie sind nicht einfach nur zu befolgen und auch nicht als Erziehungshilfen oder im Sinne eines Ratgebers gedacht. Vielmehr sollen sie neue Grundsätze anbieten, die sich aus meiner Erfahrung bewährt haben und als Navigationshilfe im Alltag mit Kindern dienen können, um neue Betrachtungsweisen zu finden und individuelle Wege für sich und die eigene Familie zu gehen.

12:13 07.03.2013

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