Falsche Richtung

Leseprobe "Doch der Mensch selbst ist zum Produkt geworden. Damit einher geht die Notwendigkeit unablässiger Selbstoptimierung. Ständige Selbstbeschau, -kontrolle und -ausbeutung sind sein Wesen."
Falsche Richtung
Foto: David Ramos/Getty Images

Vorwort

Ein Unbehagen

oder von der Allgegenwart der Märkte und der Frage, was passiert, wenn (das) Leben selbst zur Ware wird

Er hat gegessen. Er hat getobt. Jetzt malt er, die Faust um einen grünen Filzstift geschlossen, konzentriert. Dann legt er den Stift weg und sagt in die Runde: »Es ist schön, dass ich auf der Welt bin.« Henri ist ein kleiner Junge, vier, vielleicht fünf Jahre alt. Manchmal brüllt er los, einfach so. Er schlägt auch gerne, aber er hat schon gelernt, es nur einmal zu tun und den unweigerlich folgenden Ermahnungen angemessen zerknirscht zu begegnen, den rosigen Mund großmütig verzogen. Henris Mutter hebt die Schultern und lässt sie langsam wieder sinken, während sie ausatmet und zum x-ten Mal hintereinander sagt: »Henri, nicht ...« Und dann dieser Satz, Worte, die hell genug sind, an Saturn und Neptun vorbei ins Tannhäuser Tor zu leuchten, nimm das, du gleichgültiges Universum.

»Es ist schön, dass ich auf der Welt bin.« Sein eigenes Leben wahrhaftig zu leben heißt, immer wieder zu diesem Gefühl zurückzukommen. Dieses Gefühl ist der Anfang von allem und vielleicht auch der letzte Grund. Ein Grund, den man in sich selbst finden muss, weil es nicht genügen würde, wenn jemand zu einem sagte: »Du singst aber gut« oder »Du bist klug«. Henri beispielsweise ist ein vollkommen nutzloser kleiner Teufel. Er hat auf der Welt noch nichts hinterlassen als Gestank, Geschrei und kreischendes Gelächter. Er kann nicht Ordnung halten, er hört nur, wenn es ihm passt, und auch auf der Toilette geht es immer noch ziemlich oft daneben. Es gibt folgsamere, intelligentere und schönere Kinder, aber es gibt nur einen Henri. In der gefühlten Unendlichkeit zwischen Urknall und dem Verglühen oder Erkalten unseres Planeten wird es niemals einen zweiten Henri geben. Wenn man ihn eine Weile schreien gehört hat, könnte man meinen, das sei auch besser so. Andererseits ist genau diese Einmaligkeit das, was jedes einzelne Mitglied unserer Spezies zugleich mit den anderen verbindet und von ihnen trennt.

Dass es deshalb schön ist, dass ich oder du oder wir alle auf der Welt sind, ist einerseits wahr, andererseits ein sozusagen abhängiges Urteil, weil es im Kern besagt: Weil man dich nicht nochmal gießen kann, bist du kostbar. Henri weiß nichts von seiner Einmaligkeit, und nichts interessiert ihn weniger. Er weiß ziemlich viel über Haie und Tiger und Ketchup, und er kann seinen Namen schreiben in Buchstaben, die schon fast gleich groß sind. Es ist schön, dass es ihn gibt, weil es schön ist, dass es ihn gibt. Diese Freude braucht keinen Grund, wie die Liebe keinen Grund braucht und doch tausend aufzählen könnte, wenn sie es müsste. Henri saß einfach am Tisch und hat gemalt und es war alles auf eine unaufgeregte Weise okay, also Essen da und Mama da und andere Menschen da, und das zusammen hat irgendwie genügt, um einen Satz auszusprechen, der ausreicht, um darauf ein halbes Leben zu bauen. Und die andere Hälfte Gleicher Satz, andere Richtung. »Es ist schön, dass du auf der Welt bist.«

Wie geht ein Mensch verloren und mit ihm das Gefühl, dass es nicht nur schön, sondern auch bedeutungsvoll ist, auf der Welt zu sein? Und wie geht zugleich die Welt verloren als ein Ort, an dem es Sinn und Liebe und Genießen gibt? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Denn etwas stimmt nicht. Etwas stimmt ganz und gar nicht, und dieses Buch ist der Versuch, mein eigenes Unbehagen in Worte zu fassen. Denn es scheint, als würde sich die Welt nicht nur immer stärker beschleunigen, sondern dabei auch zunehmend aus dem Takt geraten. Als gäbe es mehr Angst und weniger Leichtigkeit als noch vor einigen Jahren. Woran liegt das? Sicher spielen die Folgen von Globalisierung und Digitalisierung eine Rolle. Aber wesentlicher scheint mir, dass wir in einer Zeit leben, in der Märkte und damit Marktstrukturen immer mehr Raum einnehmen. Mit ihnen wächst das Interesse an effizienten Abläufen, messbaren Ergebnissen und maximalen Erträgen. Über diese Ökonomisierung unserer Welt ist schon viel geschrieben worden. Diese Bücher sprechen vom Gespenst des Kapitals, von der Geschichte der Schulden, von dem, was man für Geld nicht kaufen kann. Einen kommenden Aufstand soll es geben, empören sollen wir uns und engagieren sollen wir uns auch. Und natürlich Widerstand leisten – gegen die Ausbeutung, gegen die geistige Verflachung, gegen das ganze falsche Leben.

Aber was genau haben die Märkte damit zu tun? Was sind überhaupt Märkte? Zunächst Orte, an denen Dinge verkauft und gekauft werden. Das heißt, dass alles, was dort gehandelt wird, beziffert wird, also einen Preis hat. Dieser Preis richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Preise ergeben sich also durch Vergleiche. Deshalb ist der Marktwert, also der Preis einer Sache, immer relativ – während menschliche Werte als absolute Werte, also Werte an sich, definiert und gesetzt werden müssen. Warum sind Märkte interessant? Weil sich heutzutage nicht nur alles in einen Markt zu verwandeln scheint, sondern weil Marktnormen dabei andere Normen verdrängen. Oder besser gesagt: andere Normen korrumpieren. Wenn man zum Beispiel soziale Privilegien einfach kaufen kann, entstehen neue Formen der Ungerechtigkeit: Wenn Bildung beziehungsweise Hochschulzugänge für Geld zu haben sind, profitieren allein jene, die es sich leisten können. So wird soziale Mobilität verhindert. Von sozialer Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Marktstrukturen neigen dazu, Machtverhältnisse zu verschärfen oder gar zu zementieren. Andererseits verlieren Dinge, die einen Preis zugewiesen bekommen, zugleich an Wert. Wenn Doktorarbeiten käuflich sind, wird die Akademie dadurch entwertet. Wenn man eine Festrede für die Hochzeit eines Freundes im Internet erwirbt, ist sie irgendwie schal. Schenkt man Geld statt eines ausgewählten Präsents, verschwinden die Liebe und Achtsamkeit des Gebens. Alles, was übrigbleibt, ist eine Summe, die dem anderen sagt, was er mir wert ist. Oder wie viel ich mir diese Freundschaft kosten lasse. Womit wir beim Stichwort wären. Es geht um Geld. Aber es geht nicht nur um Geld. Es geht um Profit. Es geht darum, den größtmöglichen Nutzen mit den geringstmöglichen Kosten zu verbinden. Es geht um Effizienz, Kontrolle und Berechenbarkeit. Es geht um Ausbeutung. Damit einher geht eine ganz bestimmte Art und Weise, die Welt zu sehen. Das ist ein kühler Blick, der abwägt, was nützlich und was überflüssig ist, wo man sparen kann und wo man investieren sollte. Und was der Mühe nicht mehr lohnt. So brauchbar diese Überlegungen vielleicht beim Schrotthandel sein mögen, so falsch erscheinen sie, wenn es um die Natur, uns Menschen oder unsere kulturellen und sozialen Institutionen geht. Doch immer noch wird, vor allem von den klassischen Wirtschaftswissenschaften, ein Menschenbild propagiert, das die zunehmende Allgegenwart von Märkten nicht nur legitimiert, sondern auch fördert. Der sogenannte »homo oeconomicus« ist rational. Er handelt nach einer blitzschnell kalkulierten Kosten-Nutzen-Rechnung, die ihn befähigt, aus jeder Situation das Beste für sich herauszuholen. Wenn diese Erklärung über das Wesen des Menschen gültig ist oder geglaubt wird, erscheinen Märkte sowohl vernünftig als auch gerecht. Doch zugleich scheinen Märkte diese Art des rationalen Verhaltens zu produzieren, weil Kalkül die beste Weise ist, innerhalb von Marktstrukturen zu agieren. Was macht es mit dem Menschen, wenn es sowohl vernünftig als auch gerecht erscheint, auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein? Er neigt dazu, sich dieser Erwartung anzupassen. Weil er alles richtig machen will. Und weil wir Menschen von Natur aus ziemlich egoistisch sind. Aber wenn Berechnung, Eigennutz und Konkurrenzdenken nichts mehr sind, wogegen man ankämpfen sollte, weil es verwerflich ist und widerwärtig, sondern etwas, das richtig scheint, gewinnbringend und sogar glücksverheißend, dann haben wir ein Problem. Warum soll ich denn alle anderen Menschen respektieren oder gar lieben, wenn für mich nichts dabei rausspringt, außer vielleicht ein paar gute Gefühle? Warum soll ich dem anderen was abgeben, wenn doch jeder an allem selber schuld ist? Und warum soll ich mich für irgendwas einsetzen, was ich alleine sowieso nicht ändern kann?

Was macht dieses Denken mit uns und unserer Welt? Es leuchtet ein, dass der einzelne Mensch Empathie, Komplexität und Herzenswärme zu verlieren droht – ob als eigennütziger Marktgewinnler oder als resignierter Marktverlierer. Aber auch unsere gemeinsam bewohnte Welt scheint sich dadurch in einen kälteren und gröberen Ort zu verwandeln. Doch der Mensch ist nicht nur Marktteilnehmer – er selbst ist zum Produkt geworden. Damit einher geht die Notwendigkeit unablässiger Selbstoptimierung. Ständige Selbstbeschau, -kontrolle und -ausbeutung sind das Wesen des Markt gewordenen Menschen. Dieser Vorgang ist so umfassend und folgenreich, dass dieses Buch nur gewisse Aspekte beleuchten kann, wie zum Beispiel unsere Beziehungen zu unserem Körper, zur Natur, zu uns selbst und zu unserem Gegenüber.

Optimierung scheint immer noch ein positiver Begriff zu sein, verbunden mit dem Projekt der Moderne und dem Glauben an den Fortschritt, soll doch alles schneller und besser werden, innovativ und nützlich zugleich. Doch dahinter stecken oft genug Selbst- und Fremdverwertung, Gleichmacherei und Überwachung und ein zugleich immer fühlbarer werdender Verlust von Sinn und Lebendigkeit. Im Zeitalter der Optimierung wird der menschliche Leib zum Produkt, die Natur zur Ressource und der andere Mensch zum Spielstein für die eigenen Absichten. Der Einzelne ist dazu angehalten, sich einerseits zu Markte zu tragen und sich andererseits als Unternehmer seiner selbst immer umfassender auszubeuten. Das ist auch das zutiefst Pornographische an unserer Zeit – ist nicht die Hure der Prototyp eines Menschen, der etwas verkauft, das eigentlich keinen Preis hat?

Doch es geht nicht nur um unsere fortschreitende Entfremdung. Du sollst nicht funktionieren ist ein Buch über das Genießen, über den Widerstand und über die Liebe. Und eine Anstiftung, all das zu verteidigen, wofür es sich zu leben lohnt. Dafür erzählt es Geschichten aus der späten Moderne. Ich schreibe von Menschen, die wählen können, und ich denke, es ist interessant, was sie gewählt haben und warum.

1. Kapitel

Stresskörper

oder von Ausgehungerten, Einbalsamierten und den Freuden des Leibes

Sie sieht hungrig aus. Sie sieht so schrecklich hungrig aus, die Arme dünn, die Augen einen Tick zu groß, der Bauch so flach wie der Hintern, und die Designerhose passt, als wäre sie für Anna Abramovic, 29, Social-Media-Beraterin, gemacht. »Ich ess den ganzen Tag«, sagt sie und bittet um ein Nicken, und du blickst stumm auf ihren Teller, Salat ohne Sauce, mageres Hühnchen und brauner Reis, und nickst, weil es nichts zu sagen gibt.

Anna ist ein Hungermädchen, eine der vielen Dienerinnen der Göttin Anorexia, die Schulterblätter wie Engelsflügel verspricht, Designersachen und einen Hauch Unsterblichkeit. Man darf ihr nur nicht zu nahe kommen, sonst geht man drauf. Anna hat das sofort begriffen. Sie ist nicht magersüchtig. Sie ist nur sehr dünn. Sich der Erdenschwere entgegenstemmen, leicht und rein und zart werden – dieser stille Triumph über die eigenen Bedürfnisse kann süchtig machen und Halt versprechen in dieser ungewissen Zeit. Letzten Endes geht es um Kontrolle. Jede dürre Frau ist eine kleine Skulptur aus Überlegenheit – Vorwurf und Vorbild in einem.

Das Hungermädchen ist eine typisch spätmoderne Erscheinung, es bevölkert Magazine, Plakatwände, Modenschauen und die Bildwelten des Netzes. Die Designer lieben es, weil es keine Frau ist, sondern ein alterloses Wesen nicht vor, sondern neben der Geschlechtsreife – ein perfekter Kleiderständer für ihre Visionen. Das Hungermädchen gibt ein gutes Bild ab, ob als Model oder als Selbstdarstellerin auf Facebook oder Flickr. Es beherrscht die Kunst, sexy auszusehen, ohne wirklich sexy zu sein, weil man es ja kaum anfassen darf, das ausgemergelte Körperchen, das eher zäh ist als weich und eher verkniffen als großzügig. Und ein bisschen unheimlich ist es auch. Irgendwo muss er ja hin, der ganze Hunger, und so hat man manchmal das Gefühl, in eine wohl präparierte Falle zu laufen, weil da nirgends mehr Entspannung ist, sondern nur dieses unstillbare Bedürfnis, das Aufmerksamkeit will oder Bewunderung. Es gibt auch Hungerjungen, die ihre dünnen Beinchen in enge Hosen stecken und zarte Knöchelchen unter hochgekrempelten Hosenbeinen zeigen. Aber meistens wird in Bezug auf Körperideale noch klassisch geschlechtergetrennt. Die Frauen sollen dünn sein und die Männer kräftig und muskulös. So entstehen diese aufgepumpten Fitnesskörper, in denen oft nur ein ganz kleiner Junge steckt, der von seinem Körperanzug spazieren geführt wird. Das sind meistens Teenagerphänomene, wie auch das Hungermädchen tendenziell unter 30 ist, weil es auf Dauer einfach nicht geht mit dem ungehorsamen Fleisch, das sich erdwärts neigt. Aber darauf sollte man nicht wetten, vor allem nicht, wenn ein entschlossener Mensch darin steckt, der es ganz alleine aufnehmen will mit den brutalen Bildern der Gegenwart.

Denn das Altern ist eine Art lästige und vor allem selbstverschuldete Krankheit geworden, eine Krankheit, die immer weiter hinausgezögert wird. »50 ist das neue 30«, sagen die Menschen in den Großstädten, und man spürt, dass dahinter eine ganz ungeheure Gier nach Jugend-Schönheit-Leben steckt. Eine Gier, die nicht lockerlassen wird, auch in Zukunft nicht, da können die Jungen noch so viel schreien. Aber sie schreien nicht, die Jungen, sie sind mit sich selbst beschäftigt und stolzieren und paradieren und zeigen das Einzige, was die Gesellschaft noch von ihnen wahrzunehmen bereit ist: ihr makelloses Äußeres oder ihren makellosen Geschmack. Die Jungen sind also quasi kaltgestellt, auch weil sie ahnen, dass schon der bescheidene Wohlstand ihrer Eltern für sie nur durch wesentlich größere Anstrengungen erreichbar sein wird, und sie deshalb schon früh ebenso verbissen an ihrer beruflichen Zukunft wie an ihrem Aussehen arbeiten. Wobei sich beides mehr und mehr zu vermischen scheint.

Sie haben auch allen Grund, Angst zu haben, die Jungen, weil die Welt gerade von den saft- und kraftvollen 30- bis 50-Jährigen beherrscht wird, die mit starken Kiefern die Wirklichkeit zerbeißen und verformen. Die Mittelschicht verschwindet, aber die Mittelalten setzen sich durch. Sie besetzen die Jugend und die Symbole der Jungen, die sich nicht anders wehren können als durch totalen und gläubigen Konformismus. Und sie entmachten die Alten, deren beginnender Unmut schon im Keim erstickt wird durch die Drohung: »Pflegefall«. Die Jugend, um die es in allen Magazinen und Fernsehbeiträgen und Internetplattformen geht, ist immer schon eine reife Jugend. Die Albernheiten der Teenager sind ebenso wenig gefragt wie die Besonnenheit des Alters. Der ideale Körper der Gegenwart ist ein professionell junger Körper, der von einem mittelalten Menschen bewohnt wird. Sein Geltungsbereich versucht sich von der Mitte des Lebens aus so weit wie möglich in die Jugend und ins Alter hinein auszudehnen. Schauspielerinnen wie Jennifer Aniston, Demi Moore und Sharon Stone lassen die Weltöffentlichkeit schon seit Jahren teilhaben am Sieg des Willens, also des Geldes, der Disziplin und der Technik gegen die Natur, also gegen die Schwerkraft, das Alter und den Verschleiß. Und so reicht die Spanne mittlerweile vom Fitness-Teen bis zum Best Ager, der aussieht wie der Fitness-Teen, nur dass seine vollen Haare weiß sind und ein zarter Faltenkranz seine strahlenden Augen umwindet. Den Best Ager haben sich die Marketingleute ausgedacht – eine neue Menschenschablone, in die sich die Masse der finanzkräftigen Alten ergießen soll, um weiter teilzuhaben am großen Spektakel Gegenwart und seinem unendlichen Nachschub an Produkten. Für alle anderen sieht es düster aus. Unsere Gesellschaft toleriert keine Schwäche mehr. Deshalb verschwinden die schlechtergestellten Alten nicht nur langsam aus den Innenstädten, sondern werden oft genug in Heime abgeschoben. Zum Pflegefall zu werden bedeutet nicht nur, aus seiner vertrauten Umgebung gerissen zu werden, sondern vor allem, auf andere Menschen angewiesen zu sein. Manchmal geht das gut. Manchmal aber auch nicht, und immer wieder hört man Geschichten von Alten, die vernachlässigt oder misshandelt wurden. Warum ist das so? Weil der Markt weder vor Krankenhäusern noch Altersheimen haltmacht und zunehmend dem Billigen statt dem Besseren der Vorzug gegeben wird. Auch viele Ärzte sind wütend und ein bisschen verzweifelt, wenn sie davon erzählen, wie es ist, plötzlich in einem Unternehmen zu arbeiten, das Gewinn erwirtschaften muss, und nicht mehr in einem Krankenhaus, das Menschen heilt.

Barnabas Mbeki ist Palliativmediziner; er begleitet Menschen beim Sterben. Er mag seinen Beruf, liest philosophische Bücher und historische Biographien und zitiert gerne Viktor Frankl. In dem Kreiskrankenhaus, in dem er arbeitet, hat sich einiges verändert. Es gibt jetzt Zeitpläne, die dafür sorgen, dass das Humankapital voll ausgenutzt wird, was heißt, dass die Schwestern ständig springen müssen und nicht mehr Hüterinnen einer Station sind, wo sie alles kannten und alles wussten. Es heißt auch, dass die Betten der Kranken verschoben werden wie Güter in einer großen Lagerhalle – ist irgendwo eine Lücke, kommt da ein Bettchen rein, ganz egal in welche Abteilung. Vor allem aber gibt es nur noch eine gewisse Anzahl von Stunden, die das Krankenhaus für den einzelnen Kranken bei den Krankenkassen abrechnen kann, die sogenannte »Fallpauschale«. Und dann sitzt man bei einem Sterbenden, der über seine Hoffnungen und seine Ängste reden will, und schaut auf die Uhr und muss sagen: Entschuldigung, Ihre Zeit ist abgelaufen. Macht Barnabas natürlich nicht. Sondern arbeitet extra, unbezahlt, damit es einen Anstand gibt auf Erden. Aber müde ist er geworden und viel Zeit für seine Bücher hat er auch nicht mehr.

Es gibt also die sichtbaren Körper der Gegenwart, die Hungermädchen, die aufgepumpten Jungen und die allgegenwärtigen Fitnessleiber, und es gibt die unsichtbaren Körper, die alten, gebrechlichen und kranken, die umso weniger geachtet werden, je mehr der Eindruck entsteht, man sei an diesen Unzulänglichkeiten wirklich selber schuld. Weil wir doch wissen, wie es richtig geht: Ernährung, Bewegung, Selbstkontrolle. Oder? Schuldig sind auch die Versagerkörper, die watschelnden, schwankenden und unförmigen Behausungen all derer, die an sich selbst gescheitert sind. Der Dicke ist mittlerweile fast ein schlechter Mensch, vor allem, weil er den anderen auf der Tasche liegt mit seinem ungesunden Verhalten; seine Fettleibigkeit ist ein Problem, das auch als solches angesprochen wird. Einerseits werden alle Arten von gesundheitsschädlichem Verhalten wie übermäßiges Essen oder die Weigerung, sich zu bewegen, schon von einigen Krankenversicherungen bestraft, deren diszipliniertere Mitglieder im Gegenzug Vergünstigungen und Rückzahlungen erhalten. Andererseits gibt es immer mehr psychologische, psychoanalytische und ernährungswissenschaftliche Theorien über die Fetten. Die Ernährungswissenschaft hat festgestellt, dass vor allem die Amerikaner geradezu professionell mit Corn-Syrup gemästet werden, einem aus Maismehl gewonnenen Süßungsmittel, das in fast allen Arten von Junkfood steckt. Die Psychologie weist darauf hin, dass manchmal ein seelischer Mangel durch leibliche Fülle kompensiert wird. Auch die Psychoanalyse gibt zu bedenken, dass der unförmige Körper eine Art »ungelebtes Leben« darstellt, also den Ort, an dem das Reale einer Existenz sich ausdrückt, sei es eine Verzweiflung, ein Unbehagen oder ein unaussprechbares Leid. Der Dicke will ja nicht dick sein, wer will schon fett sein oder alt oder unglücklich in dieser schönen neuen Welt, aber im Gegensatz zu den Dünnen schafft es der Dicke einfach nicht, sich zu beherrschen. Dadurch verrät er nicht nur sich selbst, sondern auch den Geist einer Zeit, die zugleich immer beschleunigter und immer gewichtsloser wird. Der Finanzmarkt hat sich schon lange verflüssigt und die Geldströme des Hochfrequenzhandels jagen schneller über den Globus, als der Mensch zu folgen vermag. Solidarisch versuchen sich auch die Körper vom Irdischen zu lösen, schwerelos zu werden und widerstandsfrei. In einer derart gravitationsarmen Welt stehen die Aktien gut für Anorexia, deren Glaubensbekenntnis »Man kann nie zu dünn oder zu reich sein« immer wieder zeitgemäße Aktualisierungen erfährt. Vor einiger Zeit sagte das Model Kate Moss: »Nichts schmeckt so gut, wie dünn sein sich anfühlt.« Man muss sich fast davon abhalten, mechanisch zu nicken. Dieser Satz klingt so wahr, dass es geistiger Anstrengung bedarf, von ihm Abstand zu nehmen. Beim Baden sieht man manchmal diejenigen, die ein bisschen zu weit gegangen sind, und zuckt instinktiv zusammen – die erste Reaktion auf ein hautbespanntes Skelett ist ursprüngliches Entsetzen, egal wie viele man schon gesehen hat. Aber wann ist weit zu weit? Da gehen die Meinungen auseinander wie die Hüften derer, die zu viele Kinder auf die Welt gebracht haben. Die Skelettförmigen sind ein unheimlicher Außenposten der späten Moderne, umso unheimlicher, als ihre Körperzwillinge am anderen Ende der Welt essen wollen, aber nicht können, während die hiesigen essen könnten, aber nicht wollen. Im Gegensatz dazu sind das Hungermädchen und der Hungerjunge immer genau diesseits der Grenze. Sie wollen gut aussehen und vor allem gut wirken. Ihr schlimmster Feind ist nicht das Fett, sondern der Kontrollverlust, und das macht ihre perfekten Körperchen noch einen Tick unheimlicher als die der hoffnungslosen Skelette, denen die Kontrolle längst entglitten ist. »Who’s perfect?«, das ist die Frage dieser Tage. Das ausgemergelte Skelettchen straft sein eifriges Nicken sozusagen eigenhändig Lügen, während das Hungermädchen leise sagt: »Maybe me?« Auch die Social-Media-Beraterin Anna ist seltsam bescheiden; die narzisstische Lust an der eigenen Perfektion wird gut versteckt. Das persönliche Auftreten hat vor allem anstrengungslos zu sein oder vielmehr zu wirken, wie auch das Styling in jedem Fall casual ist, als müsse man um jeden Preis den Eindruck vermeiden, man habe sich irgendwie Mühe gegeben. Das alles erzeugt eine perverse Art von Natürlichkeit, die von den Hungermädchen und -jungen geschickt gepflegt wird. Man stelle sich Anna vor, wie sie an einem Cafétisch sitzt, die Haare lang und schimmernd, die Arme dünn, aber kräftig, eine enge Hose, eine Seidenbluse, ärmellos, die Nägel frisch lackiert, die Füße in kleinen Schnürstiefelchen steckend, die zugleich robust und elegant wirken. Das Make-up ist natürlich perfekt, oder besser: perfekt natürlich, und die Sonnenbrille ist, wie immer, ein bisschen zu groß. Anna hat ihre Brille mittlerweile abgesetzt und sieht so reizend aus, so frisch und modern und irgendwie anständig, dass einem vor Bewunderung ganz angst und bange wird. Doch würde man sie darauf ansprechen, wüsste sie nur zu sagen: So bin ich eben. Und das ist nichts als eine miese kleine Lüge, die in aller Beiläufigkeit die ganze Arbeit verschleiert, die hinter dieser lässigen Perfektion steckt: die ausgedehnte Körperpflege, das strikte Essregime, die unendliche Zeit, die aufgewendet wird, immer up to date zu sein. Und es ist nicht einmal eine harmlose Lüge, sondern eine kränkende, weil sie Anna nicht nur zu einem schlankeren, sondern fast zu einem besseren Menschen macht, dem so einfach zugefallen scheint, was andere sich hart erarbeiten müssen. Oder woran sie kläglich scheitern.

Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Vielleicht würde Anna mit ihrer Aussage »So bin ich eben« tatsächlich nicht lügen, zumindest nicht bewusst. Unablässige Selbstbeschäftigung und Selbstkontrolle gehören zu dem, was »man gerade eben so macht«. Deshalb sehen sie alle gleich aus, die Hungermädchen und Hungerjungen, ob in Kopenhagen, New York oder Berlin-Mitte. Sie lesen die gleichen Modeblogs und kaufen die gleichen Marken und verstehen alle etwas von Haarpflege und organischer Hautcreme. Und obwohl sie ahnen, dass sie gerade nur tun, was alle tun, gefallen sie sich immer wieder in der Illusion, als Einzige verstanden zu haben, wie der Hase läuft. Aber das ist falsch. Jede Zeit hat ihr eigenes Körperideal, das sich an Einzelnen abbildet und buchstäblich von ihnen verkörpert wird. In anderen Zeiten hätte wahrscheinlich jemand auf Anna geblickt und gedacht: »Das arme Ding sieht ja ganz verhungert aus!« Diese Perspektive ist unabdingbar, wenn man dem dumpfen Zauber der Gegenwart entfliehen will, dessen mächtigste Kraft in der Illusion besteht, alles sei immer schon so gewesen. Mitnichten. Der historische Blick macht die Veränderbarkeit der Dinge denkbar und gestattet zugleich die Frage, ob ein Wert, ein Ideal oder eine Gewohnheit nützlich oder vielmehr, verglichen mit der Erfahrung anderer Werte und Gewohnheiten und Ideale, vielleicht sogar schädlich ist. Denn eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Der ideale Körper unserer Tage ist, wenn auch hübsch anzusehen auf Bildern oder im Fernsehen, sehr zeitraubend. Vielmehr: Sein Erwerb und sein Erhalt bündeln ungeheure Anstrengungen und Kräfte, die dann anderswo fehlen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wo genau sie denn fehlen. Vielleicht auch mit einem Blick auf die Kultur der griechischen Antike, die ebenfalls großen Wert auf körperliche Vollkommenheit legte, wenngleich ihre idealen Physiognomien eher athletisch waren als dünn oder aufgepumpt. Doch vor allem war ein schöner Körper bei den Griechen Ausdruck einer schönen Seele, eine sinnliche Beigabe zum Sittlichen und diesem dabei unbedingt untergeordnet. Während es bei uns schon auszureichen scheint, an einem Tisch sitzend oder für ein Foto posierend gut auszusehen. Das ideale Äußere unserer Tage ist also nicht mehr ein Verweis auf mögliche innere Werte. Es ist ein innerer Wert an sich. Und so fragt sich, was mit den echten inneren Werten geschieht, wenn die ganze Energie dafür draufgeht, so auszusehen, als hätte man welche.

Der Körper jedoch muss nicht nur dargestellt und präsentiert – jedes Fitnessstudio eine Arena, jede Straße ein Laufsteg –, sondern vor allem auch bewirtschaftet werden. Er ist nicht mehr der Ort, von dem aus die Welt sinnlich erfahren wird. Stattdessen tritt man aus ihm heraus, um ihn wie ein Objekt zu behandeln, das nach den eigenen Vorstellungen in Form gebracht wird. Letzten Endes ist diese Arbeit am eigenen Spiegelbild eine ziemlich bruchlose Form des allgegenwärtigen Narzissmus. Doch durch die Verdrängung und Verschleierung dieser Praktiken scheint das schöne Äußere wie ein unbegründeter Segen, den man durch irgendeine geheime Wesensvollkommenheit verdient hat. Weil man alles richtig macht. Weil man ein guter Mensch ist. Doch man muss nicht nur auf eine völlig beiläufige Weise natürlich schön sein, sondern auch vollkommen gesund. So wird Gesundheit zum Gesundheitsdruck, begleitet von Genussverzicht und einer seltsamen Dumpfheit, die in scharfem Kontrast zu der gleichzeitig geforderten Vitalität und Jugendlichkeit steht. Der erfolgreiche Mensch des 21. Jahrhunderts ist derjenige, der es schon bei Lebzeiten geschafft hat, sich im physischen Alter von 16 bis 21 einzubalsamieren.

08:51 27.03.2014

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