Theorie und Praxis

Leseprobe "Den nächsten Außenminister zu finden ist gar nicht so einfach, den nächsten Verkehrsminister zu finden ist schon etwas schwieriger, ganz zu schweigen vom Stiftungsrat der Barry Goldwater Stiftung für Bildung und Bildungsförderung."
Theorie und Praxis

Foto: Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Vorwort

Riskante Übergabe

Es begann mit einem Artikel, den Chris Christie in der New York Times las. Im Februar 2016 war der Gouverneur von New Jersey aus dem Vorwahlkampf der Republikaner ausgestiegen und hatte die Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump unterstützt. Ende April entdeckte er den Artikel. Der Autor beschrieb eine Einladung von Vertretern der verbleibenden Kandidaten – Trump, John Kasich, Ted Cruz, Hillary Clinton und Bernie Sanders – in das von Barack Obama regierte Weiße Haus.

Wer sich zu diesem Zeitpunkt noch Hoffungen machen durfte, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, musste offenbar allmählich darauf vorbereitet werden, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Der Bubi, den Trump zu diesem Gespräch geschickt hatte, war nach Ansicht von Christie geradezu lächerlich inkompetent. Also griff er zum Telefon und rief Trumps Wahlkampfmanager Corey Lewandowski an, um ihn zu fragen, warum man diese Aufgabe nicht jemandem übertragen habe, der eine gewisse Erfahrung mit der Regierungsarbeit habe.

»Weil wir niemanden haben«, erwiderte Lewandowski.

Also bot sich Christie an: Er würde für Donald Trump die Leitung des Übergangsteams in die Hand nehmen. »Das ist fast so, als wäre man ein bisschen Präsident«, sagte er zu
Freunden. »Man plant die Präsidentschaft.« Er traf sich mit Trump. Der erklärte ihm rundheraus, dass er kein Übergangsteam brauche. Wozu sollte man denn die Übernahme der Regierungsgeschäfte vorbereiten, bevor man gewählt wurde? Weil es das Gesetz so verlangt, erklärte ihm Christie.

Trump fragte, woher er das Geld für ein Übergangsteam nehmen solle. Christie erläuterte, das müsse er entweder aus privaten Mitteln oder aus seiner Wahlkampfschatulle finanzieren. Aus eigener Tasche wollte es der Milliardär auf gar keinen Fall bezahlen. Aber aus den Wahlkampfspenden wollte er das Geld auch nicht nehmen. Also gab er Christie widerstrebend den Auftrag, eine eigene Kasse anzulegen, aus der das Übergangsteam bezahlt werden sollte. »Aber nicht zu viel!«, wies er ihn an.

So begann Christie, sich auf den unwahrscheinlichen Fall vorzubereiten, dass Donald Trump eines Tages zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte. In Trumps Wahlkampfteam waren nicht alle davon begeistert, dass ausgerechnet er diese Aufgabe übernahm. Im Juni erhielt Christie einen Anruf von Trumps Berater Paul Manafort. »Das Bürschchen misstraut Ihnen«, warnte ihn Manafort. »Das Bürschchen« war Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.

Im Jahr 2005 hatte Christie, damals noch Bundesstaatsanwalt für den Bezirk New Jersey, Kushners Vater Charles wegen Steuerhinterziehung erst vor Gericht, dann hinter Gitter gebracht. Nebenbei hatten die Ermittlungen ergeben, dass Charles Kushner eine Prostituierte
bezahlt hatte, um seinen eigenen Schwager zu verführen, von dem er annahm, dass er mit Christie unter einer Decke steckte; Charles hatte das Rendezvous gefimt und die Aufnahmen seiner Schwester geschickt. So etwas vergisst man nicht so schnell, und Christie musste annehmen, dass bei Jared ein Stachel geblieben war.

Trump, den Christie beinahe als eine Art Freund bezeichnet hätte, war das jedoch
egal. Er hatte Christie zu seiner Hochzeit mit Melania eingeladen, und nun drängt er ihn, doch auch zur Hochzeit seiner Tochter Ivanka mit Jared Kushner zu kommen.
Das wäre aber peinlich, meinte Christie.
Ich bezahle die Hochzeit, und das ist mir scheißegal, erwiderte Trump.
In Christies Augen war Jared Kushner einer von den Leuten, die meinen, nur weil sie Geld haben, müssen sie automatisch auch intelligent sein. Er glaubte allerdings, eine gewisse Verschlagenheit in dem Bürschchen zu erkennen. So kam es, dass Christie bald alles, was er zur Vorbereitung einer möglichen Trump-Regierung unternahm, einem »Exekutivkomitee« vorlegen musste. Das Komitee bestand aus Jared, den Trump-Kindern Ivanka, Donald Jr.
und Eric, Paul Manafort, Steve Mnuchin und Jef Sessions.

»Ich bin so was wie der Küster, der nach der Messe den Klingelbeutel für den Pfarrer nachzählt«, meinte Sessions, der sich in seiner Rolle sichtlich unwohl fühlte. Im Juli 2016 wurde die Aufgabe des Küsters noch komplizierter, als Trump offiell zum Kandidaten der Republikaner gekürt wurde. Nun zog das Übergangsteam nach Washington, DC, und machte sich auf die Suche nach geeigneten Leuten für die fünfhundert Spitzenjobs in der Regierung. Dazu gehörten natürlich sämtliche Ministerposten, aber auch eine ganze Reihe von anderen Stellen, von deren Existenz man in Trumps Wahlkampfteam noch nie gehört hatte. Den nächsten Außenminister zu finden ist gar nicht so einfach, den nächsten Verkehrsminister
zu finden ist schon etwas schwieriger, ganz zu schweigen vom Stiftungsrat der Barry Goldwater Stiftung für Bildung und Bildungsförderung.

12:04 21.02.2019

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