Das Verlassen der Stadt

Leseprobe "Marina hörte ihm zu, und auf einmal wurde ihr klar, dass diese Reise kein gutes Ende nehmen würde, dass Karpow erfolglos bleiben und sie allein nach Moskau zurückkehren würde – wahrscheinlich sogar sehr viel früher als in einem hal­ben Jahr."
Das Verlassen der Stadt
Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

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Von der Treppe wurde man auf diesem Flughafen aus irgendeinem Grund nicht mit dem Bus abgeholt, und so war die Kolonne gekrümmter, auf das dunkle Ge­bäude zustrebender Passagiere das Erste, was Marina sah, als sie nach allen anderen das Flugzeug verließen.

»Was ist denn, nun geh schon.« Er stupste sie leicht in den Rücken, und Marina merkte, dass Karpow äußerst nervös war. »Geh doch«, wiederholte er, »wir sind da.«

Sie waren angekommen, das wusste sie auch ohne Souffleur, nur gefiel ihr die Idee dieser Reise immer noch nicht. Wenn man Marina gefragt hätte, ob sie wisse, warum sie hier sei, hätte sie ohne Nach­denken mit Nein geantwortet, sie verstand es nicht. Doch eigentlich war das nur halb so schlimm, letzt­lich musste eine Frau nicht alles verstehen, was ihr Mann tat, manchmal musste sie ihm einfach nur ver­trauen. Weitaus mehr beunruhigte sie, dass schein­bar auch er nicht so genau wusste, warum sie alles in Moskau aufgegeben, ihre Arbeitsverträge gekündigt, Bücher und Sachen an ihre Freunde verteilt und ihre Wohnung geräumt hatten, um in diese seltsame Ge­gend zu fliegen, die nicht einmal Karpow sonderlich vertraut war. Dass Karpow nun auch noch aufgeregt war, erschreckte Marina und verärgerte sie – wäh­rend des Flugs hatte sie sich fast einreden können, ihre Unruhe rühre von einer krankhaften Ängstlich­keit her. Zwar war alles neu hier, aber es begann doch eigentlich ein interessantes und immer noch glück­liches Leben. Seine Laborversuche, oder weiß der Teufel, was er nachts in der Küche trieb, hatte sie immer als geliebtes Hobby gesehen und war natür­lich erstaunt gewesen, als er ihr gesagt hatte, dieses Hobby fordere nun gewisse Opfer und sie müssten zumindest in eine andere Stadt ziehen. In Moskau hielt sie nur wenig, und Karpow hatte so überzeu­gend gesprochen und war vor allem selbst so über­zeugt, dass sie nicht einmal auf die Idee gekommen war, ihm zu widersprechen, und sofort zugestimmt hatte – ja, natürlich, wenn du meinst, dass wir weg­ziehen müssen, dann tun wir das. Alles Weitere hatte sich viel langsamer entwickelt, als man hätte erwarten können, und beiden war ausreichend Zeit geblieben, um nachzudenken und zu diskutieren. Aber Marina hatte weder nachgedacht noch diskutiert. Auch als er ihr mitteilte, er habe Flugtickets für den Achtund­zwanzigsten gekauft, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt – dann eben am Achtundzwanzigsten, das war doch egal.

Als sie nun auf den Taxistand zugingen, sagte er, es habe jetzt wahrscheinlich keinen Sinn, in die Sied­lung zu fahren, dort könne man nirgends zu Abend essen, und überhaupt wisse man nicht, wie es dort aussähe, deswegen sollten sie besser in einem Hotel übernachten und in der Stadt zu Abend essen und frühstücken. In die Siedlung könnten sie am nächs­ten Tag fahren – ausgeschlafen und gestärkt. Irgend­wie fand sie das beruhigend: Wenn er in der Lage war, an Essen und Behaglichkeit zu denken, dann war er noch nicht verrückt geworden, und man konnte ihm nach wie vor vertrauen. Als sie zu diesem Schluss ge­kommen war, küsste Marina ihren Mann schweigend auf die Wange. Karpow wich zurück, und sie lächelte. Nun waren sie schon so viele Jahre zusammen, und er konnte sich partout nicht daran gewöhnen, dass sie, selbst wenn sie schwieg, ständig mit ihm sprach.

Mit dem Taxifahrer begannen sie erst gar nicht zu feilschen, er verlangte dreihundert Rubel, das war ein annehmbarer Preis. Marina setzte sich nach hinten, Karpow neben den Fahrer. Das Auto fuhr durch eine dunkle Allee, und etwa eine Minute später sah Marina eine beleuchtete Weggabelung, die eine Baumreihe säumte, hinter der man in der Dunkelheit Grabkreu­ze erahnen konnte.

»Mein Opa ist hier beerdigt, meine Oma und meine Uroma auch«, sagte Karpow, und Marina dachte, dass sie sehr müde war, Karpow aber unverändert nervös wirkte. Wenn Karpow nervös war, erzählte er immer irgendwelche Geschichten. auch jetzt teilte er entweder ihr oder dem Taxifahrer – vermutlich je­doch ihr – Details über diesen Opa mit. Sie wollte das eigentlich nicht hören, rauchte, schaute auf die mit Waldstreifen überzogenen Hügel und lächelte.

Sie war noch nie im Süden Russlands gewesen und hatte von dieser Gegend (wie auch vom übri­gen Russland) eine recht vage Vorstellung, wie wahr­scheinlich jede Moskauerin aus einer gebildeten Fa­milie – Amerika hatte sie bereist, Europa auch, bis nach Goa hatte sie es noch nicht geschafft, aber das würde sicher noch kommen. Der Kelch der Mos­kauer Vororte war an ihr vorübergegangen; Witze über deren aus der russischen Provinz zugezogenen Bewohner waren ihr übrigens fremd, und Karpow, der, ohne es sich anmerken zu lassen, jedes Mal be­leidigt war, wenn jemand auf die Beschränktheit der Zuzügler anspielte, schätzte das an Marina sehr. Sie dachte, dass er eigentlich alles an ihr schätzte, und musste erneut lächeln.

Auf den Hügeln waren mittlerweile Teile der Stadt zu erkennen, und Marina betrachtete neugie­rig die allesamt mit derselben hellblauen Farbe ge­strichenen Tore und die fast identischen einstöckigen Steinhäuser mit den Verzierungen an den Fenster­rahmen – eine Replik auf die dörflichen Katen an den unbewaldeten Stellen. Ab und an gab es eine Lü­cke zwischen den Häusern, und dann konnte Mari­na wieder die Hügel erkennen, die hier aber baumlos und ebenfalls mit diesem typ Häuser bebaut waren, allerdings standen sie dort oben so dicht beieinander, als bliebe Russland mit seinen Ausmaßen selbst hin­ter Holland zurück und als sei das Bauland knapp. Dann waren keine Lücken mehr zu sehen, die Häuser wurden zweistöckig, es folgte ein Betrieb, ein run­des sowjetisches Gebäude – offensichtlich ein Zir­kus –, und hinter dem Zirkus fing ein Boulevard an. Sie fuhren den Boulevard entlang, Karpow erklärte dem Taxifahrer etwas und gestikulierte dabei. Ma­rina gefiel es, wie Karpow erklären konnte, wollte in diesem Moment jedoch gar nicht so genau hinhören. Marina hoffte, dass Karpow wusste, was er tat, aber es war eben nichts als eine Hoffnung. Karpow hatte bisher nur ein einziges Argument für den Umzug von Moskau hierher vorgebracht: dass er in einem halben Jahr reich und berühmt sein würde, und wenn nicht, dann könne Marina ihn mit Fug und recht verlassen, sich scheiden lassen und ihn vergessen; aber darauf brauche sie nicht zu warten, denn Karpow würde auf jeden Fall reich und berühmt werden, und in einem halben Jahr könne sie sich davon überzeugen.

Er hatte ihr im Winter davon erzählt, vor etwa drei Monaten, als er sie eines Tages von der Arbeit abge­holt hatte und sie spazieren gegangen waren. Später hatten sie sich in einem Café auf dem Pokrowski­ Boulevard aufgewärmt. Erst hatte er geduldig ihren vielleicht etwas zu ausführlichen Bericht über die Er­eignisse des Tages angehört. (Sie wusste selbst, dass sie sich gern verplauderte, und sagte lachend: »Wenn ich etwas erzähle, hast du nicht die geringste Chance, auch nur ein Wort zu erwidern.« Woraufhin er eben­falls lachte, weil er sich sicher war, dass ihr sein Wort genauso viel galt, wie er zu seinem Glück brauchte.) Dann hatte er ihr ohne jede Einleitung und – wie er es gern ausdrückte – »ohne architektonische Schnör­kel« mitgeteilt, dass sie die Stadt verlassen müssten. In diesem Moment fiel ihr ein, dass es hier auf dem Boulevard sicher ebenfalls Cafés gab, und Moskau kam ihr auf einmal geradezu unwirklich vor. Auch wenn sie ihre Eltern dort zurückgelassen hatte, konn­te sie kaum glauben, noch am Morgen von der Ta­ganskaja zum Pawelezer Bahnhof gefahren zu sein, wo Karpow sie mit ihrer Reisetasche an einer Kasse der Vorortzüge erwartet hatte.

Diese Reisetasche wurde gerade vom Taxifahrer aus dem Kofferraum geholt und an Karpow übergeben. Marina wusste bereits, dass er Kosak war, obwohl er weder dem Helden des »stillen Don« noch einem anderen exotischen Wesen ähnelte, sondern wie ein gewöhnlicher Taxifahrer aussah. Karpow hatte un­bedingt hier aussteigen wollen, einen Häuserblock vor dem Hotel, um Marina sein Lieblingsdenkmal zu zeigen. Marina hätte in diesem Moment auch gut auf eine Exkursion zu den Sehenswürdigkeiten des Or­tes verzichten können, aber ihr fehlte die Kraft, ihm zu widersprechen – dann eben erst einmal zu diesem Denkmal. Sie gingen über einen leeren, mit Beton­platten ausgelegten Platz zu einem Abhang, von dem man auf die Hügel mit ihren Steinhäusern schauen konnte. Am rand des Abhangs stand ein Rotarmist mit den Ausmaßen eines Zyklopen in Mantel und Budjonny­-Mütze. Marina meinte, er sei aus Bronze, bis sie merkte, dass sie wohl eher ein ungefüges Stück Blech vor sich hatte – eine Fußsohle, die unter dem Mantel hervorragte und riesig war (wahrscheinlich, damit das Denkmal nicht umfiel), ein Bajonett auf dem Rücken, das an eine gigantische Antenne er­innerte, ein missgestaltetes und unsauber geformtes Gesicht, eine Hand, die in komischer Pose auf dem Rücken verharrte – Marina hätte noch Dutzende wei­terer irrwitziger Details dieses Denkmals aufzählen können, aber zusammen genommen hinterließen sie einen guten und irgendwie starken Eindruck. Nach­dem sie einen weiteren Blick auf das Denkmal gewor­fen hatte, sagte Marina zu Karpow (der nicht mehr nur nervös wirkte, sondern geradezu verstört, als er­ warte er, sie würde gleich ihr Unverständnis äußern, was ihm so sehr an diesem groben Stück Metall ge­fiel), das Denkmal sei wirklich sehr, sehr schön.

Zum Hotel gingen sie zu Fuß. Karpow erzählte, das Hotel sei von syrischen Bauleuten errichtet wor­den. Als er eines Sommers einmal wieder Oma und Opa besucht hatte, war in dieser Gegend die Cholera ausgebrochen, und seine Eltern, die in jenem Som­mer wohl ins Baltikum gereist waren, hatten seinen Opa angewiesen, sofort eine Fahrkarte zu kaufen und den kleinen Karpow zu ihnen zu bringen. Und so hatte sein Opa in einer Schlange vor dem Fahrkar­tenschalter gestanden, während die Hygieneinspek­tion klären konnte, dass die Syrer die Quelle des Un­heils waren, woraufhin man sie zunächst in irgendein Sanatorium gesperrt und dann für immer in ihre Hei­mat zurückgeschickt hatte, womit der Bau einge­stellt wurde. Das unfertige Hotel hatte etwa fünfzehn Jahre leer gestanden, bis es von einem Tschetsche­nen gekauft wurde. Karpow erzählte Marina von die­sem Tschetschenen, vom Dynamo­stadion, an des­sen Toren eine Gedenktafel hing, die an den Sieg der heimischen Fußballmannschaft bei der Meisterschaft der russischen Sowjetrepublik 1949 erinnerte, und er redete und redete und demonstrierte dabei, dass sein Kopf voll war mit einem abenteuerlichen Ausmaß völlig nutzloser Dinge. Marina hörte ihm zu, und auf einmal wurde ihr klar, dass diese Reise kein gutes Ende nehmen würde, dass Karpow erfolglos bleiben und sie allein nach Moskau zurückkehren würde – wahrscheinlich sogar sehr viel früher als in einem hal­ben Jahr.

18:02 25.07.2012

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