Schrecken und Staunen

Leseprobe "Wie kann es sein, dass so viele Verantwortliche versagen? Dann kommen die ersten Meldungen im Fernsehen. Ich fühle Wut und Bitterkeit. Sie haben 'mein' Museum bestohlen!"
Schrecken und Staunen
Foto: STR/AFP/Getty Images

 1. Tage des Zorns

Freitag, 28. Januar 2011. Nichts geht mehr. Seit dem späten Vormittag versuchen wir es immer wieder, aber es ist nichts zu machen: Das Mobiltelefon bleibt stumm, es gibt keine Internetverbindung und das schon seit drei Tagen nicht mehr, seit dem „Eid Al Shorta“, dem „Tag der Polizei“. Der 25. Januar ist ihr Feiertag. Die Kinder haben schulfrei, Geschäfte und Märkte sind geschlossen, die Menschen entspannen sich in Parks oder am Nil. Die Nation gedenkt jener Gruppe Polizisten, die während der Besatzungszeit auf einer Wachstation von britischen Soldaten erschossen wurden. Im Fernsehen hält Mubarak eine seiner ebenso belanglosen wie ermüdenden Ansprachen. Der Staatspräsident beglückwünscht hochrangige Polizisten, Armee-Generäle und die Chefs seiner sieben Geheimdienste zum Festtag und versichert sie seiner allerhöchsten Wertschätzung. In Ägypten weiß jeder, wer da wem gratuliert: der Pharao hofiert die Stützen des Regimes. 

Drei Tage später ist alles ganz anders. Auf dem Tahrirplatz und in vielen Vierteln Kairos ziehen Trupps von Menschen umher, die an Khaled Said erinnern, an den 28 Jahre jungen Mann aus Alexandria, den zivile Sicherheitskräfte am 6. Juni 2010 aus einem Internetcafé zerrten und in einem Hauseingang tot prügelten. Seinen Namen ruft die Menge immer wieder und „Nieder mit Mubarak!“.

Seit dem „Eid Al Shorta“ tun die Sicherheitskräfte das, was Mubarak von ihnen erwartet: Sie prügeln auf Menschen ein. Doch die halten den Attacken stand. Es ist einfach großartig. Sie lassen sich nicht einschüchtern. Wo sie zurückgedrängt werden, verschaffen sie sich wieder Raum. Für diesen Freitagnachmittag ist eine Großdemonstration in der Innenstadt angekündigt.

Die Anspannung ist auch in unserem Stadtteil Heliopolis spürbar. Wir machen am Nachmittag noch einige Einkäufe. Die Menschen begegnen sich mit unsteten Blicken. Am Abend dann heißt es, Scharen von Schwerkriminellen seien aus den Gefängnissen entkommen. Natürlich weiß jeder, dass dies eine Einschüchterungsaktion der Sicherheitsdienste ist. Sie wollen, dass die Menschen zu Hause bleiben. „Das wird diesen Kriminellen auch nicht helfen“, sagt Azmy, und meint damit die Verbrecher in der Regierung. Mein Mann blickt vom Fenster hinab auf die Straße. Unten vor den Hauseingängen haben sich Freiwillige eingefunden. Sie gehen mit Stöcken Patrouille. „Die Leute lassen sich nicht mehr einschüchtern.“

Seit dem Morgen fahren Wagenkolonnen Richtung Stadtzentrum. Auf Pickups und in Kleinbussen sitzen die Menschen, Frauen wie Männer, Schulter an Schulter. Sie wissen, was sie am Tahrirplatz erwartet. Die Polizei ist angewiesen, brutal gegen sie vorzugehen, mit Tränengas, Knüppeln, Plastikgeschossen und, wenn es zum Äußersten kommen sollte, auch mit scharfer Munition. Es hat bereits Tote und Verletzte gegeben. Niemand weiß, wie viele Demonstranten von Geheimdienstleuten verschleppt worden sind. Doch die Wut ist längst größer als die Angst. „Gestern Tunis, heute Kairo“, rufen die Menschen. Sie wissen: Jetzt oder nie. Sie haben genug von Armut, Korruption, Wahlfälschung und Polizeigewalt. Das Militär verhält sich so, wie die Ägypter es von ihm erwarten: zurückhaltend, nicht aggressiv. Angst haben die Menschen vor allem vor Mubaraks Polizei und seinen Geheimdiensten. […]

[…] Die revolutionären Ereignisse auf den Straßen von Tunis im Dezember 2010 haben uns überrascht, die meisten von uns jedenfalls. Azmy und ich sind uns sicher, dass auch in Ägypten etwas passieren wird. Über 16 Jahre haben wir in Deutschland gelebt, jedes Jahr waren wir mehrmals in Ägypten, oft für Wochen. Aus der Distanz lässt sich die Veränderung eines Landes und seiner Menschen vielleicht noch besser beobachten: wie die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden; die immer weiter auseinanderklaffende soziale Schere; die immer dreistere Selbstverständlichkeit, mit der sich die Mächtigen bedienen, der Virus der Korruption, der alle Schichten durchdringt; die Abwanderung der Gebildeten ins Ausland; die Hinwendung der Chancenlosen zum Islam; die Abkapselung der Geldelite und die Frustration der Verlierer. Wir wussten, dass diese Schere nicht endlos weiter geöffnet werden kann. Es war nur eine Frage der Zeit, bis etwas passieren würde. Jetzt, wo tatsächlich etwas geschieht, sind wir beide doch überrascht.

In diesen Januartagen 2011 verfolgen wir mit Hochspannung die ägyptische „Wende“ am Bildschirm – so wie schon einmal 1989, als wir den Fall der Mauer in Deutschland erlebten. Damals sahen wir „Mauerspechte“ und Menschen, die sich weinend vor Glück in die Arme fielen. Azmy und ich begriffen: Wir leben in einem Land, in dem sich vieles ändern wird. Und wir dachten: Es ist ein Anfang auch für unsere Kinder und für uns. Nun stehen wir beide wieder vor dem Fernseher und begreifen: Wir leben in einem Land, in dem sich vieles ändern muss – und vieles ändern wird, inschallah. Aber wird es auch ein neuer Anfang für uns beide sein? Azmy und ich sind nicht auf dem Platz bei den jungen Menschen. Unsere beiden Söhne sind  dort, wo sie aufgewachsen sind – in Deutschland und in Amerika. Aber wir haben keinen Zweifel, wo wir sie an diesem Tag suchen müssten. Sie wären auf dem Tahrirplatz und unter denen, die rufen „Friedlich! Friedlich!“ 

Stunde um Stunde drängen immer mehr Menschen auf den Platz. Mauerspechte gibt es da nicht, aber Ägypter, die die Symbole der Macht zerreißen: Mubarak-Plakate. Unwillkürlich denke ich an Bilder aus meiner Kindheit. An Gamal Abdel Nasser. Wo auch immer er auftrat, gab es Massenansammlungen, Euphorie. Die Menschen liebten und verehrten ihn. Nun strömen wieder Zehntausende über die Nilbrücken auf den Tahrir- und den Abd-Al-Munim-Riad-Platz. Wieder sind die Menschen euphorisch – in ihrer Ablehnung. Es gibt keinen neuen Nasser, das Charisma der Revolution strahlen diesmal die auf dem Platz versammelten Menschen selbst aus. Die ausländischen Nachrichtenreporter berichten, dass die Situation immer kritischer werde. Schließlich eskaliert der Kampf zwischen Staatsgewalt und Volk. Wir sehen am Bildschirm, wie die Polizei die Menschen mit aller Härte auseinandertreibt. In Zivil gekleidete Polizisten schlagen und treten auf unbewaffnete Jugendliche ein, das Fernsehen zeigt blutüberströmte Gesichter und Körper. Ich danke Gott, dass ich um meine beiden Söhne nicht fürchten muss, doch ich bin wütend, empört und zugleich ratlos. Wäre ich 20 Jahre jünger, ich wäre auf dem Platz, ich stünde vor „meinem“ Museum.

Plötzlich sehen wir Feuer. Das Fernsehen zeigt das brennende Gebäude der Ägyptischen Nationalpartei. Ich habe den hässlichen Klotz immer gehasst. Gebaut unter Nasser in den Sechziger Jahren, in dem damals unumgänglichen Sowjetstil, auf dem Grundstück des Nationalmuseums, dessen Garten damals noch bis ans Nilufer reichte. Eigentlich war das Gelände für Erweiterungsbauten, für Depots und Werkstätten vorgesehen. Doch danach wurde damals nicht gefragt. Schon als junge Inspektorin im Antikendienst sah ich den scheußlichen Bau in die Höhe wachsen. Er ruinierte nicht nur den Ausblick auf den Nil. Er war eine dreiste, rechtlose Landnahme.

Jetzt brennt der Bau und ich empfinde im ersten Augenblick tatsächlich eine gewisse Genugtuung. Vielleicht kann man die Ruine endlich abreißen? Immer wollte ich das alte Museum erweitern und vergrößern, so wie es die Gründer bereits bedacht hatten, als sie den Bau auf dem weitläufigen Exerziergelände der britischen Armee errichten ließen. Die Idee, ein neues Ägyptisches Nationalmuseum weit außerhalb der Innenstadt zu errichten, Mubaraks „Grand Museum“, erscheint mir auch heute noch völlig absurd, abwegig, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich liebe das alte Museumsgebäude. Es steht im Herzen der Stadt. Mit den 600 Millionen Dollar, die für den Neubau in Giseh vorgesehen sind, wäre das altehrwürdige Haus allemal auf den modernsten Stand zu bringen.

Doch mit den höher schlagenden Flammen wächst auch meine Angst, dass das Feuer auf das Museum übergreifen könnte. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass 2008 – gegen den Widerstand der Antikenverwaltung – ein neuer, feuerfester Anstrich aufgebracht wurde. Das Ministerium hatte das Museum 2002 zum hundertjährigen Jubiläum in einem ziemlich aufdringlichen Rot anstreichen lassen, der gleiche Farbton übrigens, in dem zur selben Zeit das Privathaus des Kultusministers gestrichen wurde. Ich muss dann feststellen, dass es sich dabei nicht um eine feuerfeste Farbe handelt, sondern um eine überraschend teure und auch noch unbrauchbare Farbe. Bei einer Inspektion sammle ich abplatzende Brocken der dicken Farbkruste ein und lasse sie im Labor chemisch analysieren. Das Ergebnis: Die Farbe schadet dem Stein. Ich schicke das Gutachten ans Ministerium und fordere eine neue umweltverträgliche Fassadenfarbe. Die dicke Kruste musste dann mühsam von der Fassade gekratzt werden. Obwohl die neue feuerfeste Farbe sehr viel günstiger war als die zuvor vom Ministerium aufgebrachte, wird kein Anstrich im Inneren des Museums genehmigt. Er wird von denselben Leuten abgelehnt, die zuvor auch schon die von mir eingereichte Studie zur Versicherung des Museums ablehnten. Was aber, wenn nun Autos hinter dem Museum brennen, wenn unter der Hitze Fensterscheiben zerplatzen und die Flammen ins Gebäudeinnere dringen? Es wäre eine Katastrophe. Und was, wenn die neue Farbe gar nicht feuerfest ist, wenn sie nur als „feuerfest“ abgerechnet wurde? Das entspräche dem üblichen Korruptionsmuster.

Aber das Feuer ist nur der Anfang. Das Telefon klingelt und am Apparat ist ein Journalist der Zeitung Rosa al Yussef, den ich seit Jahren kenne. Er fragt besorgt, ob das Museum sicher sei. „Vollkommen sicher, wenn die Sicherheitskräfte noch da sind.“ Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht, dass sich die Polizei aus dem Areal bereits zurückgezogen und es ohne Wachen zurückgelassen hat. Ich versuche unseren Sicherheitsdienst über das Festnetz zu erreichen, doch ich bekomme niemanden an den Apparat. Stattdessen habe ich erneut den Journalisten von Rosa al Yussef am Hörer. „Frau Doktor, das Ägyptische Museum, das Miet Rahina Museum in Memphis und die Magazine der historischen Stätten werden geplündert! Ich bitte Sie, tun Sie etwas!“ Er habe schon versucht, den Generalsekretär Zahi Hawass und Sabri Abdel Aziz, den Leiter der Historischen Stätten, zu erreichen, aber ohne Erfolg. Ich versichere dem Redakteur, auch ich würde versuchen, den Generalsekretär zu erreichen. Aber ich bin genauso erfolglos wie er.

Zerstörungen und Plünderungen – ich kann und will das nicht glauben. Das Museum ist – neben dem Präsidentenpalast – eines der bestgesicherten Gebäude Ägyptens. Es gibt Wachpersonal, Kameras. Wie kann es sein, dass so viele Verantwortliche versagen? Dann kommen die ersten Meldungen im Fernsehen. Ich fühle Wut und Bitterkeit. Sie haben „mein“ Museum bestohlen! Ist das also der so genannte Mob?

Am Telefon erreiche ich schließlich Sabri Abdel Aziz, den Leiter der Historischen Stätten in der Antikenverwaltung. Auch er habe von den Vorfällen gehört, erklärt Sabri, er könne aber angesichts der problematischen Situation nichts unternehmen. Die Polizei sei abgezogen, die antiken Stätten seien sich selbst überlassen. Ich rufe einen hochrangigen Polizeioffizier an, den ich seit Jahren kenne. Er versucht, mich zu beruhigen und klingt dabei selbst ziemlich nervös: Das Museum und die Ausgrabungsstätten seien sicher. Aber ich glaube nichts mehr. Ein Archäologe meldet sich und bestätigt den Bericht des Journalisten. Ich rufe einen mir bekannten General an und bitte ihn eindringlich, zum Schutz der Kulturstätten die Armee zu aktivieren. Auch er beschwichtigt: Auf dem Tahrirplatz seien Soldaten rund um das Museum aufgestellt worden. Jugendliche hätten längst eine Menschenkette um das Gebäude gebildet. Die Armee sende Einheiten zum Schutz der historischen Stätten aus. 

Ich lege auf und frage mich, ob hinter all dem wirklich nur einige tolldreiste Plünderer stecken, die die „Gunst der Stunde“ nutzen. Trotz der Kriege und Revolutionen des 20. Jahrhunderts ist es in Ägypten nie zu Vandalismus gegen historische Stätten gekommen. In Augenblicken wie diesen geht einem viel durch den Kopf. Man spekuliert, konstruiert, unterstellt. Ist hier Sabotage am Werk? Sind auch die Einbrüche von denselben Leuten initiiert, die das Chaos im Lande organisieren, indem sie die Polizei zurückziehen und die Gefängnisse öffnen?

Unten auf der Straße fallen Pistolenschüsse. Die Anwohner –  unter ihnen Studenten, Professoren, Ärzte, Ingenieure – stehen vor Hauseingängen und an Straßenkreuzungen, um das Viertel gegebenenfalls vor marodierenden Strafgefangenen zu schützen. Die Straßen sind dunkel und die Bewohner werden gebeten, alle Zimmer hell zu erleuchten, damit es auch unten genügend Licht gibt.

Ich erhalte einen Anruf aus Luxor. Ausgerechnet an diesem Tag erwarten wir die Rückkehr eines kostbaren Objektes aus dem Grabschatz des Tutanchamun zurück von einer Ausstellung in New York: ein Streitwagen des Pharaos. Doch just mit seiner Ankunft am Flughafen Luxor beginnen auch in der dortigen Innenstadt die Demonstrationen. Die Menschen fordern nicht nur den Sturz Mubaraks, sondern auch den von Samir Farag, des verhassten Bürgermeisters von Luxor. Farag hatte gemeinsam mit der Antikenverwaltung eine Schneise quer durch die Altstadt brechen lassen. Für die Touristen wurde die antike Sphingen-Allee zwischen Luxor- und Karnak-Tempel ausgegraben. Dafür mussten Tausende von Menschen ihre Wohnungen räumen, hunderte Häuser wurden abgerissen, Grundstücke ohne Entschädigung requiriert. Farag demonstrierte seine Macht als Statthalter Mubaraks. Doch die Stadt ist wegen all dieser Schikanen und Repressionen ein schlafender Vulkan. In dieser und den folgenden Nächten greifen die Menschen jedes Gebäude an, das den Namen Mubaraks und den seiner Frau trägt, Polizeistationen, den Palast des Bürgermeisters, den der sich erst kürzlich am östlichen Nilufer gebaut hat – auf einem wunderschön gelegenen, aber landwirtschaftlich genutzten Gelände. Farag ignorierte damit das Gesetz, das den Bau von Häusern auf landwirtschaftlich nutzbaren Böden verbietet. Farag kann sich alles leisten. Er steht Mubarak sehr nahe, gehört zum Zentrum der Macht.

Auf dem Flughafen in Luxor steht die Polizei vor der Entscheidung, ob sie den kostbaren Streitwagen angesichts der Lage in der Stadt tatsächlich ins Museum überführen soll. Da ich bis vor sechs Wochen noch für die Organisation der New Yorker Ausstellung verantwortlich war, und in Kairo telefonisch niemand zu erreichen ist, wendet sich die Direktorin des Luxor-Museums an mich. Der Chef der deutschen Transportfirma will auf jeden Fall in Luxor bleiben. Wir sind uns sofort einig, bis zum Morgengrauen zu warten, und den Streitwagen durch die dann hoffentlich leeren Straßen zu überführen. Es wird eine lange Nacht ohne Schlaf.

Am Morgen erhalte ich den Anruf, dass der Wagen sicher in seiner Spezialvitrine steht. Die Ausstrahlung des Fernsehsenders Al Dschasira ist verboten. Der Bildschirm bleibt schwarz. Eine Freundin ruft an, ich solle Al Arabiya einschalten, dort seien Bilder aus dem Ägyptischen Museum zu sehen. Mein Herz pocht heftig, als ich sie sehe: Das Glas einiger Ausstellungsvitrinen ist zerschlagen, Objekte liegen auf dem Boden, zwei Mumienköpfe sind von den Rümpfen getrennt. Ich bin fassungslos. Was ist mit den Überwachungskameras, die Tag und Nacht, 24 Stunden lang alle Säle und Gänge und auch das Außenareal des Museums aufnehmen? Wo sind die Videokassetten, auf denen die Einbrüche aufgezeichnet sein müssen? Dann erklärt der Generalsekretär der Altertümerverwaltung Zahi Hawass zu den Meldungen über das Kairoer Museum, es sei nichts gestohlen worden. Das Ziel der Randalierer sei der neue Museumsshop gewesen, aus dem Schmuck entwendet worden sei. Die Einbrecher seien über die Feuerleiter an der Rückseite des Museum in das Gebäude eingedrungen. Dabei hatte ich noch den unteren Teil dieser Feuerleiter demontieren lassen. Die Einbrecher, so Hawass, hätten sich vom Dach des Museums aus mit Seilen durch eines der Fenster heruntergelassen und 13 Ausstellungsvitrinen und 70 historische Objekte zerschmettert. Sie hätten nichts fortschleppen können, da sie festgehalten und Armeeangehörigen übergeben worden seien. Nun sei das Museum versiegelt. Es gibt ein Gruppenbild für die Weltpresse: Zahi Hawass auf der Treppe des Museums inmitten von schwerbewaffneten Soldaten. Ich rufe meine Museumskollegen an, deren Darstellung völlig anders ist. Sie berichten von schweren Verlusten, wichtige Objekte seien entwendet worden.

Die Nachrichten und Gerüchte des nächsten Tages wecken mehr und mehr mein Misstrauen. Kollegen schicken mir eine interne Mitteilung der Altertümerverwaltung, in der zu lesen ist, das Museum sei wohlbehalten, die 70 beschädigten Objekte würden innerhalb von nur fünf Tagen restauriert, die Schäden seien nicht allzu groß. 70 Objekte sollen in nur fünf Tagen restauriert werden? Ich frage mich, wer restauriert da mal eben 70 Objekte? Das klingt wieder nach einer der berühmten Hoppladihopp-Aktionen. Was ist, wenn doch Objekte gestohlen wurden? Dann müssten jetzt sofort Fotos und Objektbeschreibungen an Flughafen- und Zollpersonal, an Interpol herausgegeben werden. Es wäre eine schwere Unterlassung, dies nicht zu tun, denn es würde den Hehlern erleichtern, die Objekte aus dem Land zu schaffen. Von meinen Kollegen höre ich, dass unter den Einbrechern Polizisten gewesen sein sollen, die ihre Uniformen abgelegt und in Zivil ins Museum eingedrungen seien. Aber wie zuverlässig sind solche Informationen?

Wieder erhalte ich Anrufe von Journalisten. Sie wollen wissen, was ich weiß und ich sage, dass mich die Erklärung des Generalsekretärs nicht wirklich beruhige. Einem deutschen Journalisten erzähle ich von dem Gerücht, Polizisten seien unter den Einbrechern. Vermutlich versteht mich der Anrufer falsch. Am anderen Tag ist in deutschen Zeitungen zu lesen, ich hätte gesagt: „Es waren unsere eigenen Leute“. Dieser Satz sorgt für Aufsehen in Ägypten. Ich werde am Telefon beschimpft und bitte deshalb den deutschen Journalisten, diesen Satz zu korrigieren, meine Aussage richtigzustellen. Ich habe das nicht als Tatsachenbehauptung erklärt, sondern als eines von vielen im Umlauf befindlichen Gerüchten weitergegeben. Doch es gibt keine Richtigstellung. Ich habe viel damit zu tun, Freunde, Kollegen, fremde Anrufer zu beruhigen.

Noch bis Mubaraks Rücktritt am 12. Februar werden die Diebstähle geleugnet. Die Regierung, die nach Mubaraks Abgang gebildet wird, beruft Zahi Hawass als den für antike Stätten zuständigen Minister im Kabinett. Offiziell heißt es nun, acht antike Objekte seien gestohlen. Dabei ist längst eine Liste im internen Umlauf, wonach 18 Objekte fehlen, darunter Figuren aus vergoldetem Holz aus dem Grabschatz des Tutanchamun. Außerdem ist klar, dass auch Ausgrabungsstätten und Magazine beraubt wurden. Es folgt Erklärung auf Erklärung. Offensichtlich ist, dass die Behörden viel früher hätten tätig werden müssen. Wir wissen heute, dass in dieser Nacht wohl rund 70 Stücke entwendet wurden. Die Hälfte von ihnen wird später wieder auftauchen, darunter eine kleine Kalksteinfigur des Pharao Echnaton, eine vergoldete Holzstatue des Tutanchamun, die in einer Tüte auf dem Bahnsteig einer U-Bahnstation gefunden wird. 37 Ausstellungsstücke aber werden bis heute vermisst.

Am 28. Januar beschließe ich, dieses Buch zu schreiben. Ich sehe die Menschen auf der Straße und bewundere ihren Mut. Ich kenne viele Intellektuelle, die längst offen ihre Meinung sagen oder schreiben. Das Regime verleumdet sie, versucht sie einzuschüchtern, es inhaftiert, foltert und mordet Menschen wie den jungen Khalid Said.

Das ägyptische Volk unter Mubarak kann man in vier Gruppen aufteilen. Die erste ist die der Korrupten: Pragmatiker der Macht, denen Moral so fremd ist wie der Wunsch nach einem funktionierenden Rechtsstaat. Die zweite ist die der Opportunisten: Sie mögen die Korrupten nicht, nutzen aber Gelegenheiten, sich selbst durch „Beziehungen“ auf ein höheres, besser bezahltes Amt zu befördern. Die dritte Gruppe ist die Mehrheit der Ägypter: Sie hat keine Beziehungen, sie hat kein Geld und ist ausschließlich damit beschäftigt, den kargen Lebensunterhalt zu verdienen, die Kinder auf eine Schule zu schicken, Medikamente zu besorgen. Viele haben längst die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufgegeben. Rund 80 Prozent der jungen Leute wollen das Land verlassen. 

Zur vierten Gruppe gehören wir. Wer es sich leisten kann, verlässt das Land, schickt seine Kinder ins Ausland und versucht, den Korrupten und Skrupellosen aus dem Weg zu gehen. Als ich 2003 aus Deutschland zurück nach Ägypten gehe, um eine leitende Funktion im Antikendienst zu übernehmen, ist mir bewusst, dass ich früher oder später mit Korruption zu tun haben würde. Offensichtlich wird das im Februar 2004. Ich sitze im Direktionszimmer des Ägyptischen Museums und beobachte, wie mein Vorgänger Mamdouh Al Damaty in aller Ruhe einen ziemlich dicken Aktenkoffer mit Unterlagen packt. Er lächelt mich dabei freundlich an und wird dann plötzlich ernst: „Das ist meine Lebensversicherung. Und ich rate Ihnen, das Gleiche zu tun. Seien Sie wachsam. Machen Sie sich von allen wichtigen Vorgängen Kopien. Sie verstehen, was ich meine.“  

In den sieben Jahren meiner Direktion bin ich wachsam gewesen. Ich habe mich abgesichert und über alle wichtigen und über viele fragwürdige interne Vorgänge und Anweisungen der Antikenverwaltung Tagebuch geführt. Es hat mir geholfen, in einer für mich oft erstickenden Atmosphäre den Kopf über Wasser zu halten – meinen Kurs zu halten und den Bettel nicht einfach hinzuschmeißen.

Die gefährlichsten Anfechtungen sind die, die mit Freundlichkeit und Charme vorgetragen werden, mit Lob und Schmeichelei – in der Person von Suzanne Mubarak, der mächtigsten Frau Ägyptens. Nur wenige Tage vor meiner Pensionierung im Dezember 2010 erhalte ich eine Einladung in die Präsidentenvilla. Ich weiß sofort, wem ich diese Einladung zu verdanken habe: Dem Protegé von Suzanne Mubarak, Zahi Hawass. Es geht um das neue Kindermuseum der Suzanne-Mubarak-Stiftung, ein formidabler Neubau in Heliopolis, dessen Direktion noch besetzt werden muss. Zahi Hawass weiß, dass ich mich seit über 20 Jahren mit museumspädagogischen Projekten für ägyptische Kinder insbesondere aus armen sozialen Schichten engagiere. Er weiß von meiner Arbeit als Präsidentin von C.A.T.S., einem in Deutschland eingetragenen Verein, der mit Spendengeldern und ehrenamtlichem Engagement ägyptische Kinder an handwerklich-künstlerisches Gestalten, an das ägyptische Kulturerbe in unseren Museen und an unsere antiken Stätten heranführt. Und natürlich berichtete just in diesen Tagen die Presse über die feierliche Eröffnung des von mir gegründeten Kindermuseums in den Kellerdepots des Ägyptischen Museums durch Prinz Henrik von Dänemark. Für ihr neues schickes Museum sucht Suzanne Mubarak eine Persönlichkeit, die auch im Ausland einen integren Ruf genießt. Das Museum soll nämlich durch Sponsorengelder finanziert werden. Und der gute Ruf des Leiters soll Spendern versichern, dass ihr Geld tatsächlich dem privaten Museum zugute kommt – und nicht etwa in den Taschen derer landet, die sich üblicherweise bedienen.

Suzanne Mubaraks Villa liegt in dem streng abgeschirmten Bezirk, der so fern ist vom ägyptischen Alltag, vom Schmutz, Lärm und Verfall der Großstadt. Auch die Macht hat hier freundliche Züge. Suzanne Mubarak ist charmant, interessiert und aufgeschlossen. Wir sind uns oft begegnet, wenn ich sie an der Seite von Staatsgästen und Prominenten über die antiken Stätten führte. Sie lässt sich von meinen kinderpädagogischen Projekten im Kairoer Museum erzählen und tut so, als ob sie davon noch nie gehört habe. Das kann nicht sein, denn ich habe im Auftrag einer deutschen Stiftung eine Studie zum Einsatz museumspädagogischer Konzepte in Ägypten erarbeitet, die ihr schon seit Jahren vorliegt. Die First Lady setzt mein Interesse, ihr neues Museum zu leiten und schnellstmöglich zu eröffnen, stillschweigend voraus und entlässt mich, ohne mir eine verbindliche Zusage abzuverlangen. Tage später werde ich abends erneut vom Präsidialamt angerufen. Man habe jetzt meinen Vertrag vorbereitet. Ich erfahre von einem hohen Gehalt, das darin bereits eingesetzt sei. Wann ich kommen könne, den Vertrag zu unterschreiben? Ich weiß, dass man Suzanne Mubarak nichts offen abschlägt, das wäre ein gefährlicher Affront. Ich erkläre also, ich sei bereits auf dem Weg ins Ausland. Doch der Herr im Präsidialamt insistiert. Ihm würde bereits meine Personalausweisnummer genügen, um den Vertrag abzuschließen und ich könne sie ihm gleich jetzt am Telefon durchgeben. Ich lehne das ab, am Telefon würde ich keine Verträge verhandeln.

Ist es nicht absurd? Dieser 28. Januar, an dem das Ägyptische Museum geplündert wird, ist zugleich auch ein Tag der Erlösung für mich. In den Wochen zuvor war ich ratlos. Ich wusste nicht, wie ich mich aus dem Klammergriff des Präsidialamtes lösen konnte, ohne Schaden zu nehmen. Jetzt steht mein Entschluss fest: Es wäre ein Verrat an mir selbst, vor allem aber ein Verrat an der Jugend Ägyptens, wenn ich ein Museum leiten würde, das von Leuten gegründet wird, die junge Menschen foltern und totprügeln. Gleichzeitig gehen mir andere Gedanken durch den Kopf. Ich stehe nicht da draußen bei den Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens unser Land von einer korrupten Clique befreien wollen. Muss ich mir deshalb Vorwürfe machen? Muss ich mir von anderen vorwerfen lassen, zu einem wichtigen Zeitpunkt zu Hause gewesen zu sein? Versage ich hier und heute? […] 

[…] Nein, ich habe an diesem „Tag des Zorns“, angesichts all der mutigen Menschen auf dem Tahrirplatz kein Gefühl des Versagens. Vielmehr ist es eine wunderbare  Bestätigung: Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich werde bleiben und weiter meinen Beitrag leisten für die Menschen, denen ich mit meinen Mitteln helfen kann. An diesem Tag beschließe ich, keine Arbeit mehr auszuführen, die in irgendeiner Verbindung mit Mubarak, seiner Frau und dem Regime steht. Ich werde weiter den Weg gehen, den ich vor vielen Jahren angetreten bin. 

Ich gehe hinüber ins Arbeitszimmer, wo hinter dem Schreibtisch eine schwere Aktentasche steht. Meine „Lebensversicherung“. In den Schreibtischfächern liegen meine Tagebücher. Sie gehen zurück in meine Kindheit, zu meiner Familie, in die Zeit meines Studiums und meiner ersten Ausgrabungen. Sie führen mich nach Wien, nach Köln und zuletzt wieder zurück nach Kairo. Es ist an der Zeit, diesen Weg noch einmal zu gehen und dabei zu fragen: Was hat dieses Land und was hat seine Menschen seit den Tagen meiner Kindheit, seit den Tagen Nassers so verändert? Ich erinnere mich an eine Zeit, in der das Krebsgeschwür der Korruption noch nicht wucherte, ich erinnere mich an einen Geist, der uns vor den Verführungen des radikalen Islamismus und vor unserer Selbstverachtung  schützte. Ich sehe meinen Vater vor mir, meine Mutter, die Onkel und Tanten. Ich sehe unser Haus in Faraskur im Nildelta, die Bibliothek meines Großvaters, in der ich als Kind so viele Dinge entdeckte, die für mein Leben wichtig wurden. Auch damals gab es eine Zeit des Aufbruchs. An welcher Stelle sind wir auf die falsche Spur geraten? Wann und warum haben wir uns verraten? Was hat uns verändert und wohin werden wir nun gehen?

Es kann nicht sein, dass die alten Cliquen an der Macht bleiben und weiter ihre Strippen ziehen. Es müssen endlich die Menschen eine Chance erhalten, die seit langem an einem anderen Ägypten arbeiten – integre, anständige und engagierte Menschen. Die gab und gibt es in Ägypten, auch unter uns Ägyptologen im Antikendienst. Sie haben genaue Vorstellungen von einem anderen Ägypten, von einer anderen Antikenverwaltung. Es ist an der Zeit, die Schubladen zu öffnen und all das auf den Tisch zu legen, was darauf viel zu lange warten musste.  

2. Der Wind im Schilf

[…] Wir wohnen auf einem abgezäunten Areal am Rand von Kafer Al Arab. Die Bungalows der Mitarbeiter und ihrer Familie stehen im Geviert um das Haus des leitenden Ingenieurs. Unser Haus ist das größte, mit einem Vorgarten, in dessen Mitte es einen Teich mit Wasserblumen und Lilien gibt, gesäumt von Dattelpalmen und Sykomoren. Heute weiß ich, dass unser Vorgarten ein Abbild jener Gärten ist, die ich später in den pharaonischen Anlagen von Karnak studierte. Unser Haus ist modern eingerichtet, mit Strom und fließend Wasser. Im Erdgeschoss befindet sich Vaters Büro und eine Empfangshalle, oben bewohnen wir sechs Zimmer und eine große Küche. Die Balkone und das Dach haben wir für uns. Von hier aus sehen wir weit über das Dorf hinaus ins Niltal. In dem großen Garten hinter dem Haus hegt Mutter Obst, Gemüse und Kräuter. Ich glaube, ich habe die eine Hälfte meiner Kindheit in den Obstbäumen verbracht, die andere Hälfte auf der Schaukel, die Vater unter den Guavenbaum gehängt hat.

Und dann gibt es noch den Wasserturm, das höchste Gebäude zwischen Mansura und Damiette. Die 200 Stufen hinaufzuklettern, ist uns Kindern verboten, außer Mutter bereitet ein Picknick vor und nimmt uns mit hinauf. Unter uns liegt Kafer al Arab wie ein Spielzeugdorf. Eine starke Brise trägt köstliche Luft vom Meer herüber. Allen Warnungen zum Trotz sind wir später allein hinauf, denn wir sind neugierig, was hinter der verbotenen Tür liegt. Wir heben die eiserne Lucke empor, ein lautes Echo wummert im Inneren und schillernd verliert sich das Sonnenlicht über der nicht absehbaren Wasserfläche. Wir begreifen bang, warum die Eltern so eindringlich warnen, ja nicht das Bassin zu betreten – wer hineinfällt, müsste jämmerlich ertrinken, denn wir können nicht schwimmen. Aber wie stolz sind wir auf unseren Vater, der diese ungeheure Menge sauberen Wassers für tausende Menschen zubereitet, drüben in der Werkshalle, wo die großen Maschinen stehen.

Den Ausblick vom Wasserturm sehe ich noch heute vor mir. Rings um uns waren nichts als Felder: Baumwolle, Weizen und Reis – ein unendlicher Dreiklang von Schneeweiß, Goldgelb und Tiefgrün. Dazwischen der Nil, scheinbar träge und breit fließt er dahin. Doch auch hier warnt uns Mutter eindringlich, dass das Wasser trügerisch sei. Unter der stillen Oberfläche lauert eine gefährliche Strömung. Im Juli und August flutet der Nil dann das Delta und es kommt mir vor, als verwandele sich der Fluss in ein Meer aus rotbrauner Farbe. Seit Ende der Sechzigerjahre, seit dem Bau des Assuan-Hochdamms, gibt es die Überschwemmungen nicht mehr. Der uralte Gezeitenwechsel ist unterbrochen, die fruchtbaren Böden aus dem Hochland Äthiopiens erreichen das Delta nicht mehr.

Angeln dürfen wir nur an den Kanälen. Auch hier warnt uns die Mutter, die Hände nicht im Nilwasser zu waschen! Darin gebe es winzige Würmer, die die Bilharziose verursachen. Mit Bambusrohr und Netz streifen wir entlang der Wasserläufe. Das Schilf wiegt sich hoch über unseren Köpfen. Manchmal folgen wir dem eintönigen Klang der Sakije, ein Schöpfrad, das die Griechen einst nach Ägypten brachten. Im ausgetretenen Rund treibt der Ochse das Rad an, das in großen Tontöpfen das Nilwasser emporhebt und in die Kanäle gießt. Die Bauern stehen mit nackten Füßen tief in der schlammigen Erde und wir müssen an die Bilharziose-Würmer denken. Manchmal dürfen wir auch hinter dem Ochsen auf den Platz des Bauern setzen, der für uns das müde Tier mit dem Stecken antreibt. Das ist unser Karussell und ein großer Spaß. Auch den Ochsenkarren, unter dessen Rädern das Korn von den Spelzen getrennt wird, habe ich später wiedergesehen; und den Schaduf, den Hebebaum, mit dem die Fellachen Wasser schöpfen oder schwere Steine heben – auf den Grabwänden in Theben.

Wie glücklich sind wir, wenn wir am späten Nachmittag mit einem kleinen Aal oder einem Nilbarsch nach Hause eilen. „Wir haben einen Fisch gefangen! Wir haben einen Fisch gefangen!“, rufen wir laut. Om Ahmed und Om Aly, unsere alten Haushälterinnen, müssen dann erst mal den Fisch begutachten und ihn ordentlich loben und sie sagen: „Der selbstgefangene Fisch ist der köstlichste unter allen Fischen!“ An einer Ecke des Gartens, neben den Gehegen der Hühner, Enten und Tauben, schieben sie den Fisch in den Lehmofen, in dem die beiden jeden Tag das köstlichste Brot und Gebäck backen.

Am schönsten aber sind die Tage der Baumwollernte. Ich sehe uns Kinder noch in einen hohen, weichen Berg purzeln. Vater erzählt, so würden auch die Kinder in Europa spielen. Aber sie fielen nicht in einen weißen Berg von Wolle, sondern in einen weißen Berg von Schnee. Aber auch wenn dieser Schnee so weiß wie unsere Baumwolle ist, rufen wir, so sei die doch wenigstens nicht abscheulich nass und kalt, sondern himmlisch weich und warm.

Am Ende der Baumwollernte feiern die Bauern von Kafer Al Arab ihre Feste und auch wir sind eingeladen. In der Dorfmitte singen und tanzen die Männer zum Klang der Flöte, der Laute und der Trommeln. Einmal habe ich auch eine Ghazia gesehen, eine Bauchtänzerin, aber die trat nicht – wie vor den Festgesellschaften in Kairo – halbnackt, sondern in einem langen Gewand auf. Die Dorfleute klatschen und singen: „Heute feiern wir ein heiliges Fest, Herr, segne die Ernte und erhöhe sie von Jahr zu Jahr mehr und mehr“. Meine Eltern tanzen nicht mit, aber sie singen und klatschen und freuen sich mit den Bauern.

Die Erntefeste sind auch die Zeit der Hochzeiten. Am Vorabend der Vermählung werden Hände und Füße der Braut mit wunderschönen Hennamotiven bemalt. Auch eine Friseurin kommt aus Mansura herüber. Nach der Hennazeremonie wird die Braut geschminkt und zieht ein schönes rosa Kleid an. Überhaupt sind alle Frauen mit langen bunten Galabijas und Kopftüchern geschmückt. Ich höre noch den Gesang und den Zhagareet, das schrille Trillern der Frauen. Die Braut erscheint am Hochzeitstag in wechselnden Kleidern, in rosa, hellblau und zuletzt in weiß, die Frauen tanzen immer um sie herum. Der Bräutigam sitzt draußen bei den Männern. Erst als die Braut in weiß vor die Tür tritt, nimmt er sie in Empfang, begleitet sie zur Kutsche und führt sie fort zu seinen Verwandten nach Hause. Dort sind schon eine Woche zuvor die neuen Möbel des Paares mit Tanz und Musik in Empfang genommen worden. Das ganze Dorf soll sehen, wie reich die Familie der Braut das neue Paar ausstattet. Dabei ist die Zahl der vorfahrenden Wagen sehr wichtig. Manchmal ziehen die Pferde mehr als 20 hoch beladene Wagen. Davon spricht das Dorf dann noch wochenlang voller Respekt. Ich aber will nicht heiraten, sage ich zu meiner Schwester. Doch die lacht nur.

Auch Großvater El Sayed hat eine Kutsche mit einem weißen Pferd davor. Am Donnerstagabend schickt er damit nach uns Kindern, damit wir uns „einen schönen Tag“ bei ihm machen. Großvaters Haus liegt direkt am Nil und ist noch weiträumiger als das unsere. Schließlich ist es „al Douar“, das Haus des Omdahs, wo sich im Erdgeschoss die Leute versammeln, wo die Gäste des Dorfes empfangen und Feierlichkeiten ausgerichtet werden. […]

[…] Am späten Freitagabend begleiten uns zwei Angestellte des Großvaters zurück nach Hause. Der Weg führt durch Felder und wenn der Mond nicht scheint, so leuchten die Sterne nur umso heller. Manchmal fallen Sternschnuppen herab, und die Männer sagen, dies seien die Seelen der Seligen und Gerechten, die die Erde besuchen. Diese Heimwege sind immer mit einer Art Angstfreude verbunden, da  die Männer sich einen Spaß daraus machen, uns Kindern die Zeit mit Schauergeschichten zu verkürzen. Bei Vollmond ist es besonders gruselig, denn dann, so raunen die beiden, streiften hungrige Wölfe und Hyänen durch die Felder und suchten nach etwas zu fressen. Ich versichere hiermit, dass wir in diesen Nächten das Heulen der Wölfe und Hyänen deutlich gehört haben und wir unsere Schritte ziemlich forcierten. Als wir dann den Friedhof passieren, wird es noch unheimlicher, denn über den Gräbern, so die beiden Männer, irrlichtern Geister und Dschinns. Zu Hause muss uns Mutter erst mal beruhigen. Nein, sagt sie, Wölfe und Hyänen gebe es nur in Oberägypten, nicht bei uns, und Geister noch Dschinns gebe es gleich gar nicht. Das seien Märchen, die sich die einfachen Leute seit langer Zeit erzählten. Das beruhigt uns natürlich – aber ich liege noch lange wach und frage mich, ob sich die Menschen wohl schon zu Pharaos Zeiten diese Märchen erzählten. […]

4. Dinner mit Cleopatra

[…] Ich kann es kaum glauben: Eben noch knie ich im Staub des Pyramidenplateaus,  nun stehe ich in der Generalversammlung der Vereinten Nationen, eingeladen von Ägyptens UN-Botschafter, Essmat Abdel Maguid, Jahre später Ägyptens Außenminister und Präsident der Arabischen Liga. Es ist ein formelles Abendessen mit einer großen Zahl von Politikern und Diplomaten. Ich bin ziemlich eingeschüchtert, doch der Minister und seine Frau nehmen mich an die Hand wie ihre Tochter. Auch die Frau des Botschafters stellt mich ihren Gästen in ungezwungener Weise vor. Ich muss von meiner Arbeit auf dem Pyramidenplateau erzählen. Man ist erstaunt, dass eine so junge Frau in der Wüste arbeitet, dann will man wissen, ob auch ich auf einem Kamel an den Pyramiden vorbeireite, so wie es hier im Fernsehen zu sehen ist. Ich werde im Laufe dieser Reise noch vielen Amerikanern begegnen, die tatsächlich glauben, das Kamel sei das gängige Verkehrsmittel Ägyptens und die Attacke eines Nil-Krokodils eine häufige Todesart. Ich frage mich, welches Bild die Medien von meinem Land vermitteln. Wir leben zwar im Land der Pharaonen – aber die Zeit ist doch auch bei uns nicht stehengeblieben.

Wir verlassen New York am zweiten Tag und erleben in Chicago das gleiche Szenario: ein Empfangskomitee am Flughafen, Luxuslimousinen, Luxushotel mit Blick auf den See, die Warnung vor dem Öffnen der Zimmertür und vor nächtlichen Spaziergängen. Im Chicago Field Museum sehe ich mein erstes Dinosaurierskelett, den weltberühmten Tyrannosaurus Rex „Sue”. In der Ägyptischen Abteilung besuchen wir die von der Universität Chicago seit 1924 in Ägypten ausgegrabenen Artefakte. Zwei Tage und eine Nacht später sind wir in New Orleans – und diese Stadt überbietet alles bisher Gesehene. Wir werden begrüßt, als ob wir als Außerirdische gelandet seien. Auf der Fahrt, begleitet von einer Eskorte von Polizeiautos und Motorrädern, fallen mir die mit Palmen und altägyptischen Motiven dekorierten Straßen auf. Die ganze Stadt ist anlässlich der Eröffnung der Tutanchamun-Ausstellung mit pharaonischen Motiven geschmückt; in den Fenstern der Boutiquen sind Kleider im altägyptischen Stil ausgestellt; das Hotelfoyer ist als ägyptischer Tempel hergerichtet. Dann unser Schreck: Für die Eröffnungszeremonie sind Smoking und Abendkleid angesagt. Ich habe kein Abendkleid. Aber auch das Ministerehepaar und die anderen Mitglieder der Delegation sind dafür nicht eingerichtet. Das sei doch alles kein Problem, heißt es und wenig später werden wir von einem Mietservice für Dinner-Kleidung ausstaffiert. Die Ehefrau des Ministers und ich lachen laut los. Aber die Frau des ägyptischen Botschafters in Washington klärt uns auf, dass das in Amerika völlig normal sei. Viele auch wohlhabende Leute liehen sich für einen Abend einen Smoking.

Es ist ein Abend voller Überraschungen. Wir gehen die wenigen Schritte zur Veranstaltungshalle zu Fuß und bemerken, dass die von Palmen gesäumte Straße blau eingefärbt ist – als Nil. Kaum betreten wir den Saal, komme ich mir vor wie auf einem Maskenball: Alle amerikanischen Damen sind ähnlich gekleidet. Sie tragen Variationen der Kostüme, die Elizabeth Taylor in „Cleopatra“ trug, selbst ihre Frisuren sind Liz-Imitate. Die Gänge des Dinners sind ägyptisch dekoriert, bunte Süßigkeiten als Tutanchamun-Maske arrangiert. Unter der Schar der Gäste erkenne ich bekannte Hollywood-Stars und niemand kann sich vorstellen, was in mir vorgeht, als ich als Tischdame neben dem wunderbaren Schauspieler James Mason platziert werde. Ein ganzer langer, viel zu kurzer Abend neben dem wunderbaren James Mason. Dessen Fragen mich allerdings nicht wirklich überraschen: „Wie kann eine so junge Frau nur in der Wüste arbeiten! Haben Sie denn keine Angst vor Schlangen und Skorpionen?“ Nein, beruhige ich ihn, die wilden Tiere hätten mehr Angst vor uns als wir vor ihnen. Und sei die Wüste nicht eine der bezauberndsten Landschaften der Erde? Wir sprechen über  Tutanchamun, spekulieren über den frühen Tod des Pharaos, aber auch über das moderne Ägypten, über Kairo und die Universität. Während wir dinieren, spüre ich die aufmerksamen Blicke einer Frau vom Nachbartisch. Sie ist die Einzige, die nicht als Cleopatra gekleidet ist: Elizabeth Taylor. Wir nicken uns zu und ich finde, sie hat das schönste Lächeln der Welt. Nach dem Abendessen kommt sie zu uns herüber. James Mason macht ihr Komplimente und ich glaube mich längst, in einen Film verirrt zu haben. Elisabeth Taylor sagt mit augenzwinkerndem Blick auf die Damen ringsumher. „Naja, wie die altägyptische Frau aussah, das wissen wir ja nun hinlänglich. Aber hier ist eine Ägypterin, die sie alle übertrifft. Sie sind wunderschön!“ James Mason schaut mich an und lächelt. Elisabeth Taylor schaut mich an und lächelt. Und ich sage dumme Sachen wie: „Dankeschön. Sie sind es aber auch!“ […] 

[…] Die hinteren vier Kammern der oberen Grabkapelle sind dunkel und voller Sand und Geröll. Vier Arbeiter beginnen, den Schutt auszuräumen, wobei sie stets ihre langen Stöcke dabei haben, um sich Hornvipern und anderes Getier vom Leib zu halten. Das Gift dieser Schlangen ist tödlich und wirkt innerhalb kurzer Zeit. An dem Tag, an dem wir die westliche Kammer räumen, gibt es plötzlich warnende Rufe. Schließlich bringt Saad al Abbadi eine stattliche Kobra heraus. Ich bestehe darauf, dass er sie nicht mit dem Knüppel erschlägt, sondern weitab lebend entsorgt. Eine Kobra kann uns, anders als die Hornvipern, nicht wirklich gefährlich werden und es gibt da draußen genug Mäuse und kleine Tiere, von denen sie leben kann. Saad al Abbadi lacht: „Wir wollten sie Ihnen gerade schenken, damit Sie sich eine schöne Schlangenhauttasche machen lassen.“ Die Schlange hatte sich in der hintersten Ecke der Kammer versteckt. Saad al Abbadi zeigt mir, wo sich die Kobra zusammengerollt hatte und deutet dann auf die Wand. Der Raum ist über und über mit dem Kapitel 146 des Totenbuches bedeckt: Das „Buch von den Pforten des Jenseits“, das die Fahrt des Sonnengottes durch die zwölf Nachtstunden beschreibt. Eine Reihe von Toren ist zu sehen, in denen Dämonen als Wächter stehen. Daneben sind Texte aufgemalt, die Thery sprechen muss, damit die Wächter ihm Einlass in die Unterwelt gewähren. Er darf erst passieren, wenn er den Namen jedes einzelnen Pförtners genannt hat. Die Portale der Pforten aber sind mit sich aufbäumenden Kobras geschmückt. Die Arbeiter sehen mich bedeutungsvoll an: die Weisheit der Schlange, nahe ihrer symbolischen Heimat zu nisten.

Die Aufnahme aller Reliefs und Texte dauert Wochen. Zuletzt bleiben der Schacht und das, was ich an seinem Ende finden werde. Die Arbeiter haben ein mit großer Sorgfalt in den Kalksteinfels gemeißeltes Geviert von etwa 1,60 mal 1,00 Meter Kantenlänge freigelegt. Obwohl sie mich warnen, will ich hinunter. Mein Wunsch, das Grab vollständig zu zeichnen, zu fotografieren und zu dokumentieren ist größer als meine Angst. Ich kaufe ein solides Seil, eine starke Lampe und Saad al Abbadi bindet mich kopfschüttelnd über Hüfte und Schulter an. Während die Männer Suren des Koran vor sich hin murmeln, lassen sich mich langsam in den Schacht ab. Wir hatten zuvor zwölf Meter Tiefe ausgelotet. Nach vier Metern sehe ich auf der westlichen Seite einen schmalen Seitenschacht, darin ein Skelett. Offenbar eine Begräbnisnische aus römischer Zeit. Als ich die Nische mit der Taschenlampe ausleuchte, glänzen hinten zwei große Augen auf. Vor Schreck schreie ich auf und zucke ruckartig zurück. Dann kann ich zwei große Flügel erkennen, die über mich hinweggehen und ich höre, wie die Männer oben ebenfalls vor Schreck aufschreien und das Seil loslassen. Ich stürze einige Meter nach unten, bis Saad al Abbadi das Seil wieder zu packen kriegt. Ich schlage gegen die Felswände und bin für Sekunden vor Schmerz wie besinnungslos. Die Männer lassen mich langsam auf den Boden hinab, wo ich beinahe ohnmächtige kauere. Ich spüre keine Kraft in den Beinen und muss mich auch nervlich erst wieder fassen. Von oben ruft Saad al Abbadi herunter. Ob ich okay sei, ob ich lebe? Alhamdulillah, rufen die Männer. Alhamdulillah, sage ich. Ich bleibe vielleicht 20 Minuten liegen, kann mich nicht rühren. Trotz des wenigen Lichts kann ich immerhin ausmachen, dass der untere Teil des Grabes aus zwei, nicht aus einer Kammer besteht. Ich entdecke eine rechteckige Vertiefung voller Geröll, wahrscheinlich ein Schacht, der zur eigentlichen Grabkammer führt. Schließlich raffe ich mich auf und rufe Saad al Abbadi zu, dass wir es jetzt gemeinsam versuchen sollten. Sie ziehen mich unter großen Mühen die zwölf Meter wieder hinauf. Das Seil schneidet in meine Schultern und verletzt mich. Ich komme vollkommen erschöpft oben an. Als wir alle wieder zu Atem kommen, suchen wir nach einer Lösung, wie man sicher hinunter kommt. Saad al Abbadi erzählt, dass eine große Eule heraufgeflogen sei. Ein prächtiges Tier, das offenbar in der Grabnische haust. Ich vertraue den Männern an, dass ich da unten geglaubt hätte, in die Augen eines Menschen zu sehen, und dass die alten Ägypter die Vorstellung hatten, dass die Seele des Toten am Tag in Form eines Vogels ausfliege und erst in der Nacht in die Jenseitswelt zurückkehre – ein Vogel, der den Kopf des Verstorbenen trägt. Wieder sehen mich die Männer mit großen Augen an. Dann sei soeben die Seele des Thery ausgeflogen und werde wohl erst in der Nacht zurückkehren. Ich werde dieses Erlebnis nie vergessen. 

Saad al Abbadi hat mir an diesem Tag das Leben gerettet. Ich hätte mir das Genick brechen können. An diesem Tag war er mein Schutzengel. Wochen später aber konnte ich nichts für ihn tun. Ich hatte ihn schon einige Tage nicht mehr gesehen und fragte die anderen Gafire nach ihm. Saad ginge es nicht gut, sagen sie, er liege in der Uni-Klinik. Ich fahre noch am gleichen Tag hin und finde ihn auf einer Bahre auf einem feuchten Laken liegend, während seine Frau weinend neben ihm sitzt. Er nimmt mich kaum wahr und kann nicht sprechen. Ich rufe eine Schwester, frage, warum der Mann auf einem feuchten Laken liegen müsse. Die Schwester entschuldigt sich, man habe zu wenig Personal. Ich drücke ihr Geld in die Hand, lasse auch bei Saads Frau Geld zurück und verspreche, am anderen Tag nach ihm zu sehen. Als ich am Morgen wiederkomme, ist die Bahre leer. Saad sei in der Nacht an Nierenversagen gestorben. – Ich sitze im Bus, betrachte die Menschen um mich herum und frage mich: Konnte Saad nicht geholfen werden, weil er nur ein Gafir war? Weil er kein Geld hatte, um ihn an ein teures Dialysegerät anzuschließen? […]

6. Die starken Frauen von Luxor

[…] Natürlich nutzen wir die freie Zeit auch, um drüben auf der Westseite die Assasif-Gräber zu besuchen. Manchmal steigen wir vor Sonnenaufgang auf die Spitze des Berges über dem Tal der Könige, im Alten Ägypten nach der Göttin Meretseger benannt: „Die die Stille liebt“ – eine Frau mit Schlangenkopf, mitunter auch dargestellt als Sphinx mit Schlangenkopf. Sie wurde besonders von den Arbeitern im Tal der Könige als Schutzgöttin verehrt. Von der Spitze des Meretseger geht es dann zu Fuß weiter zum Tempel der Hatschepsut in Deir El Bahary. Hier erleben wir den Sonnenaufgang über der Ostseite des Nils. Es ist eiskalt und wir frieren erbärmlich, aber es ist das Schauspiel wert: das Erwachen der Farben, das erste Funkeln des Lichts über dem Nil, der Dunst über der Wüste. Die Wächter bringen uns heißen Tee herauf und laden uns ein, anschließend mit ihnen vor dem Hatschepsut-Tempel zu frühstücken.

So lerne ich auch Shahat kennen, den Wächter des Hatschepsut-Tempels. Er ist in den Vierzigern und sieht aus wie Scheich el Balad, wie die bekannte Statue des Ka-Eper im Ägyptischen Museum Kairo genannt wird: ein runder, wohlgenährter Mann. Auch Shahat erzählt uns von seinen Erlebnissen im Tempel: dass ihn nachts manchmal eine Stimme rufe, der er in den mondbeleuchteten Tempelhof folge, von dem aus er oben im Berg die Gestalt einer Frau erkenne, die Göttin Meretseger. In dem Bergmassiv kann man in der Tat die Umrisse einer sitzenden Frau erkennen. Er versichert, dass er nachts auch die Barke des Amun sehe, getragen auf den Schultern der Priester, im Lichtschein der Fackeln. Es sind ähnliche Geschichten wie sie von den Wächtern des Karnak-Tempels erzählt werden. Und kann es wundern, dass in dieser nächtlichen Atmosphäre, in der magischen Stille, die Bilder auf den Tempelwänden zu leben beginnen? Alle diese Figuren beschäftigen Shahat sehr und er wünscht sich, er könnte ihre Bedeutung verstehen. Er wäre gerne Ägyptologe geworden, so wie die Wissenschaftler, die im Winter anreisen und die Gräber und Tempel studieren. Aber sein Vater sei arm gewesen und hätte ihn nicht zur Schule, geschweige denn auf die Universität nach Kairo schicken können. Doch als Wächter der Altertümerverwaltung habe er von den Archäologen der polnischen Mission während ihrer Restaurierungsarbeiten am Hatschepsut-Tempel viel über Geschichte und Architektur des Tempels gelernt. „Ich weiß, dass es hier einmal einen üppig blühenden Garten mit Weihrauch-Bäumen gab und ein schönes Rasthaus, in dem Königin Hatschepsut während des Schönen Talfestes wohnte.“ Das „Schöne Fest des Wüstentals“ wurde einmal im Jahr im September zum Ende des Nilhochwassers gefeiert. Es war ein Fest, das in der gesamten Nekropole auf der Westseite des Nils begangen wurde. Die Priester querten mit der Heiligen Barke den Fluss und zogen in langer Prozession zu den Gräbern. Dort versammelten sich die Angehörigen der Verstorbenen und feierten gemeinsam eine Art Leichenschmaus, ein „Fest im Grabe“, einen „Tag des Rauschtrunks“.

Shahat kam bei dem Anschlag von sechs islamistischen Terroristen am 17. November 1997 ums Leben. 68 Menschen wurden getötet. An diesem Tag hat Shahat sein Leben für das anderer gegeben. Ich lebe 1997 bereits in Deutschland und erfahre von dem Massaker aus den Fernsehnachrichten. In den Weihnachtsferien reisen wir mit den Kindern nach Luxor. Wir haben von Shahats Tod gehört und wissen, dass er eine Frau und sieben Kinder hinterlässt. Wir müssen im Dorf nicht lange nach dem Haus des Märtyrers Shahat suchen. Ich klopfe an die Tür und eine Frau in Schwarz, nicht älter als 40 Jahre, öffnet, hinter ihr ein bildhübsches Mädchen von vielleicht 16 Jahren, ebenfalls in Schwarz, ein Baby auf dem Arm. Ich sehe in verweinte Gesichter. Die Frau ist auf unseren Besuch nicht vorbereitet und zögert, uns einzulassen. Außer ihren Verwandten und Nachbarn hat sich seit dem Anschlag kein Behördenvertreter bei ihr blicken lassen. Mubarak hatte sich nach dem Überfall sofort nach Luxor begeben, um vor laufenden Kameras mit Besuchergruppen zu sprechen – zu den Angehörigen der getöteten Landsleute selbst hat er es nicht geschafft. Fünf Ägypter waren die ersten, die erschossen worden waren, darunter Shahat und zwei seiner Kollegen, ein Polizist und ein Reiseführer.

Shahats Frau lässt uns schließlich ein, nachdem ich ihr erkläre, dass ich ihren Mann gekannt habe und komme, um mein Beileid auszusprechen und, wo möglich, zu helfen. Doch die Frau sitzt beklommen da und schweigt, erst als die Kinder, die von unserem Besuch erfahren haben, hereinkommen, löst sich die Spannung. Es ist ein einfaches Haus, mit einem Lehmboden ohne Fliesen, um uns herum Hühner und Tauben. Ich bin froh, dass Azmy und meine beiden Kinder bei mir sind. Mit großen Augen betrachten sie die ärmliche Umgebung. In Deutschland haben sie nur Freunde aus wohlsituierten Kreisen, diese Welt hier kennen sie nicht. Schließlich beginnt Shahats Witwe, von Tränen unterbrochen, zu erzählen.

Sie habe die Schüsse zu Hause gehört. Als ein Nachbar herbeigeeilt sei, um ihr zu sagen, dass ihr Mann verletzt oder gar erschossen sei, sei sie hinüber zum Tempel gelaufen. „Überall war Blut! Shahat hat bei der Pforte auf dem Boden gelegen, umgeben von Menschen, die darauf warteten, ihn zum Krankenwagen zu tragen. Aber es gab so viele Tote und Verletzte.“ Ein Mann habe ihr erzählt, dass Shahat sich geweigert habe, den Tempel zu verlassen und sich den Terroristen in den Weg gestellt habe. „Sie haben geschrien, er solle weg von der Pforte. Aber er ging nicht weg.“ Da hätten sie mit dem Maschinengewehr auf ihn geschossen. „Ich habe zu Shahat gesagt, warum bist du nicht wie alle anderen Wachen und Polizisten davongelaufen! Und er hat ganz leise gesagt: Ich bin zuständig für den Schutz des Tempels und der Besucher. Dann ist er in meinem Arm gestorben“.

Ich gehe am nächsten Tag allein zu ihr. Die Gegenwart meines Mannes und meiner Kinder schüchtert sie ein. Ihr Name ist Fatma, die Leute im Dorf nennen sie Om Mohamed. Sie beginnt, mir ihre Geschichte zu erzählen; ich habe sie damals aufgeschrieben. Es ist die Geschichte einer Frau in Oberägypten und ihr Schicksal teilen viele Frauen in meinem Land.

„Als ich ein kleines Mädchen war, saß ich oft neben meinem Vater, der die Zeitung las, die er sich von unserem Nachbarn, dem Lehrer, ausgeliehen hatte. Auch ich wollte so gerne die Zeitung lesen können, zur Schule gehen und schreiben lernen. Aber wir waren arm und Mutter sagte, ich brauche nicht zur Schule, ich würde wie alle die anderen Mädchen im Dorf heiraten und zu Hause bleiben. Also spielte ich mit den Kindern auf der Straße bis ich zehn Jahre alt war. Dann verbot  mir Mutter das Spiel mit den Jungs. Der Platz eines Mädchens sei zu Hause, damit es lerne zu backen und zu kochen, auf das Geflügel aufzupassen und im Stall die Tiere zu füttern. Mädchen müssten zu Hause bleiben, bis sie einen Ehemann bekommen.“

Fatma ist noch nicht zwölf Jahre alt, da wird sie verheiratet. Shahat ist 22. Die Heirat wird nach dem Brauch der oberägyptischen Dörfer von den Familien arrangiert. Die erste „Wahl“ ist traditionsgemäß eine Tochter des Onkels väterlicherseits. Hat der keine Töchter, sind die Töchter des Onkels mütterlicherseits an der Reihe. Shahat ist also Fatmas Cousin. „Er ist mein Retter! Ich bin sehr glücklich, dem Gefängnis meiner Familie und all der beschwerlichen Arbeit zu Hause zu entkommen. Ich fühle mich so sicher bei ihm und er bedeutet mir alles. Er gibt mir zum ersten Mal das Gefühl, auch ein Mensch zu sein. Und er lehrt mich, die Zeitung zu lesen, dabei hatte er es selbst von einem anderen Jungen gelernt. Ich fürchtete mich so in der Dunkelheit, wenn Shahat die ganze Nacht beim Tempel war. Oft ging ich hinüber ins Zimmer der Schwiegereltern und kroch unter ihre Bettdecke.“ Mit 14 Jahren bekommt sie ihr erstes Kind. Mit 24 ist sie Mutter von sieben Kindern, mit 34 zum ersten Mal Großmutter. Zwei ihrer drei Töchter werden mit 16 Jahren verheiratet, sie haben mit 17 ihr erstes Kind. „Ich hatte mir geschworen, dass meine Töchter eine Schule, ja eine Universität besuchen werden. 

Aber ich scheiterte am Widerstand der Familie. Meine beiden ältesten Mädchen mussten die Schule mit 14 verlassen. Aber die dritte, meine Eida, konnte ich retten. Sie hat Abitur gemacht.“ Und musste doch mit 18 Jahren heiraten.

Nach dem Tod von Shahat lässt sich kein Verantwortlicher aus Verwaltung oder Ministerium bei Fatma oder den Familien der anderen Wächter blicken. Die Regierung zahlt den Angehörigen der ausländischen Touristen hohe Entschädigungen. Die Angehörigen der ägyptischen Opfer erhalten nichts, keine Rentenzahlung, keine Hinterbliebenenunterstützung. Ich ermutige Fatma und ihre Familie, bei den Behörden vorzusprechen, Ansprüche geltend zu machen. Doch sie haben Angst, wegen Belästigung der Ämter bestraft zu werden. Ich besuche Fatma immer, wenn ich in Luxor bin. Ihre vier Söhne machen einen Universitätsabschluss und zwei von ihnen kann ich einen Job in der Altertümerverwaltung vermitteln. Fatma ist eine Powerfrau und wir sind bis heute liebe Vertraute. […]

20:04 30.05.2013

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