Wildnis und Kultur

Leseprobe "Warum einen Kohlgarten? Die Wildnis soll kultiviert werden, erwiderte sie. Das ist es doch wohl, was wir hier tun. Wir, die Weißen. Ist das denn nicht unsere Absicht bei alledem?"
Wildnis und Kultur
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Ein schmiedeeisernes Tor (1788)

Das dritte Gebot, wie es ein Hausvater seinem Gesinde einfältiglich vorhalten soll:
»Du sollst den Feiertag heiligen.«
Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.

Einige Jahre nach ihrer Ankunft im Land beschloss Haldora Kragstedt, einen Kohlgarten anzulegen. Damals erwähnte sie es ihrem Mann gegenüber, der allerdings stieß ein ungläubiges Lachen aus.
Einen Kohlgarten? Warum nicht gleich ein Kornfeld oder einen Obsthain?
Dann sah er sie an und nahm sich zusammen. Aber meine Liebe, ein Kohlgarten? Komm, lass mich dir etwas zeigen.
Er geleitete sie nach draußen, ließ sie vor der Haustür warten, ging hinab zum Lagerhaus, um einen Spaten zu holen, und reichte ihr das Gerät.
Was soll ich damit?
Ein Loch graben, antwortete Kragstedt. Für deinen Kohlgarten. Er lachte. Na, na, nun mach nicht so ein Gesicht, dann werde ich es eben tun.
Er schwang den Spaten in die Luft und hieb ihn in den Boden. Ein metallisches Klirren ertönte. Er stellte einen Fuß auf die Kante des Blattes und drückte es mit seinem gesamten Körpergewicht nach unten. Der Spaten sank einige wenige Zoll ein.

Dann kippte er ihn, schaufelte etwas Torf beiseite und stieß ihn erneut in die Erde, mit demselben Ergebnis.
Schau her, sagte er. Was siehst du? Er trat einen Schritt zurück.
Stein, antwortete sie.
Nein, nicht Stein. Fels. Grönländisches Urgebirge. Wie willst du in einem Land, in dem man kaum eine Leiche begraben kann, einen Kohlgarten anlegen?
Die Wildnis soll kultiviert werden, erwiderte sie. Das ist es doch wohl, was wir hier tun.
Wir?
Wir, die Weißen. Ist das denn nicht unsere Absicht bei alledem? Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf die Lagerhäuser.
Selbst die Weißen haben noch nicht herausfinden können, wie man den Fels kultiviert.
Dann müssen wir eben guten dänischen Mutterboden bestellen, entgegnete die Madame.
Hast du den Verstand verloren?, fragte Kragstedt.
Noch nicht. Aber vergiss nicht, mein lieber Mann, dass ich eine Frau bin. Es ist meine Aufgabe, die Dinge zum Wachsen und Gedeihen zu bringen.
Sie strich sich über den Bauch und sprach in einem milden und belehrenden Ton, der ihm stets Schuldgefühle bereitete und ihn zum Schweigen brachte: Solange ich kein Kind habe, um das ich mich kümmern kann, muss ich mir eben etwas anderes suchen. Andernfalls verliere ich den Verstand.

Und jetzt, knapp zwei Jahre nach diesem Gespräch, hat sie noch immer kein Kind zu versorgen, aber der Mutterboden ist da. Er wurde mit der Frühling hierher verschifft, zusammen mit einigen Säckchen, die eine Auswahl an Saatgut enthielten. Sobald der Frost aus dem Boden gewichen ist, bringt sie den gutmütigen Böttcher dazu, mehrere Dutzend Kubikellen Torf abzutragen und das Loch mit der Erde zu füllen. Anschließend steht sie neben ihm am Rand des schwarzen Quadrats. Ihr Herz schlägt schnell in der Brust vor Glück, und auch der Böttcher ist von dem Augenblick berührt.
Wir haben ein Stück Heimatland hierher versetzt, stellt er fest.
Ja, sagt sie, wir sollten einen Fahnenmast errichten.
Ich bitte den Zimmermann, einen anzufertigen, meint der Böttcher. Wir werden eine Flagge hissen und Lieder singen.
Und den Kohl gedeihen sehen, ergänzt Madame Kragstedt.

Missionar Falck stößt zu ihnen.
Na so was, sagt er und ist sichtlich beeindruckt. Dann holt er Bibel und Weihwasser und segnet die Parzelle.
Madame sollte sich beeilen, das Stückchen Land umsichtig zu umzäunen, warnt Falck, damit meine Kuh nicht herbeitrottet und die Pflanzen zertrampelt. Aber sie kann ja reichlich Dung liefern und im Gegenzug das Grünzeug fressen, dann geht nichts verloren. Deshalb gehören Kuh und Acker zusammen und bilden eine Einheit ...
Gemeinsam mit dem Pfarrer sät sie die Samen. Mairüben, Rote Bete, Sellerie, Karotten, Steckrüben, Gemüsekohl und Kohlrabi. Anschließend gießen sie den Erdstreifen, bleiben davor stehen und betrachten ihn andächtig. Madame Kragstedt genießt das Gefühl von klebriger Erde an ihren Händen und die natürliche Müdigkeit, die sich in ihren Muskeln breitgemacht hat.

Am nächsten Tag bringt sie den Zimmermann dazu, einen Zaun zu errichten. Am Abend ist er fertig.
Ob die Madame ihn gestrichen wünsche?
Sie wünscht es. Der Zimmermann verbeugt sich. Er verspricht, so schnell wie möglich mit dem Flaggenmast zu beginnen.
Ich habe mich schon seit Jahren nicht mehr so glücklich gefühlt, vertraut sie später dem Pfarrer an, als er in ihrer Wohnstube sitzt.
Ihr habt Eure Berufung gefunden, Madame, erwidert er und lächelt.
Zu Hause in Køge hatten wir einen Kohlgarten. Wahrscheinlich steigen diese Gefühle deshalb nun in mir auf.
Ihre Kiefermuskeln schmerzen, gleich wird sie weinen. Sie lässt ihren Tränen freien Lauf, ein bisschen Geschluchze wird der Pfarrer schon aushalten können. Sie spürt, wie ihre Wangen von den Tränen warm werden. Anschließend lacht sie und tupft sich das Gesicht mit einem Taschentuch trocken. Der Pfarrer beobachtet sie. Er wippt mit dem Fuß und nippt an seinem Glas.
Madame sehnt sich heim, sagt er.
Das Einzige, was jetzt noch fehlt, erwidert sie, ist ein Tor. Ein Tor für deinen Kohlgarten?
Zu Hause im Apothekergarten gab es ein schmiedeeisernes Tor für das Kohlbeet.
Glaubst du, der Schmied wird mir eines anfertigen, Herr Magister?
Das ist wohl seine Aufgabe, meint Falck.
Ein schmiedeeisernes Tor?, fragt Niels Hammer, der Schmied, als sie ihm ihren Wunsch eröffnet. Was wollen Madame denn damit?
Es öffnen und schließen, antwortet sie. Wenn ich ein und aus gehe.
Jaja, sagt der Schmied, mir ist schon bekannt, wozu man ein Tor verwendet. Aber warum kein gewöhnliches Holzgatter? In diesem Land herrscht nicht gerade ein Überfluss an Eisen.

Sie hat eine detaillierte Skizze davon angefertigt, gemeinsam mit Falck, der ein versierter Zeichner ist. Eine stilisierte Weinranke, die den Wahlspruch und die Hausmarke ihrer Familie umrahmt. Der Schmied studiert den Entwurf. Er schnaubt.
Ich weiß, dass es ein schwieriges Muster ist, sagt Haldora. Glaubt Er, dass es Seine Fähigkeiten übersteigt, Hammer?
Der Schmied schnaubt ein zweites Mal. Dann macht er sich an die Arbeit, während er vor sich hin brummelt, wie sinnlos es sei, Eisen von bester norwegischer Qualität zu verwenden für ein Tor, das mitten in der Wildnis in ein Nichts führt und wieder hinaus.
Wir zivilisieren die Wildnis, belehrt sie ihn.
Na schön, aber dazu bedarf es wohl etwas mehr als ein bisschen Mutterboden und ein Tor.

Jeden Tag kommt sie in die Schmiede, um zu sehen, wie die Arbeit voranschreitet. Sie sitzt auf einem Hackklotz und beobachtet, wie der Schmied mit bloßem Oberkörper, nur mit seinem Lederschurz bekleidet, auf das Eisen drischt, dass die Funken sprühen. Interessiert erkundigt sie sich nach den Dingen, die er außerdem schmiedet, und er zählt sie ihr mürrisch auf: Fassreifen, Nägel, Ösen, Beschläge und Scharniere, Töpfe und Pfannen, die ausgedengelt, Gewehre, die repariert, Kugeln, die gegossen werden, unzählige Teile für die Speckkocherei, die ausgebessert werden müssen.
Unter anderem, fährt er fort und zwinkert ihr boshaft zu, die schwere Kette, an der sich der unselige Magister Krogh erhängte. Und als wäre das alles nicht schon genug, soll ich nun auch noch ein Eisentor für die Madame schmieden, damit sie in der Wildnis ein und aus gehen kann. Haldora lacht. Der Schmied nicht. Er schwingt seinen Hammer. Ihr schaudert ein wenig bei dem Gedanken, dass er auch der Scharfrichter der Kolonie ist, der die Ungehorsamen mit der Karbatsche auspeitscht oder sie mit glühenden Zangen kneift, ihnen im schlimmsten Falle auch Gliedmaßen abhackt oder die Seele vom Leib trennt.

Nicht dass sie ihn bisher schon in dieser Funktion gesehen hätte. Ihr Mann, der Kolonievorsteher, ist ein geduldiger Kommandant und löst Konflikte in der Regel gütlich. Der Schmied will mit ihr darum feilschen, das Muster im Tor etwas einfacher gestalten zu dürfen, aber sie besteht lächelnd darauf, dass es exakt so werden soll wie auf der Zeichnung. Wenn er für eine weniger anspruchsvolle Lösung anzusetzen versucht, bemerkt sie es sofort und steht mit erhobenem Zeigefinger und Ermahnungen neben ihm, die sie in einem ironischen Ton vorbringt, was den Schmied offenbar grenzenlos irritiert, sie dagegen sehr amüsiert. Sie hält sich gern in der Schmiede auf, genießt den bitteren Geruch des Eisens, das in der Esse geschmolzen wird, damit man es biegen und ziehen kann wie Karamell, das Geräusch des zischenden Wassers, wenn das Eisen gehärtet wird, das Feuer, die flackernden Schatten, den gebeugten Körper des Schmieds über dem glühenden Eisen.
Was bedeuten diese Buchstaben in der Mitte?, will der Schmied wissen.
Semper felix, sagt sie. Das ist Latein und bedeutet »immer glücklich«.
Na schön, sagt der Schmied. Und es müssen wohl alle Buchstaben dabei sein, auch wenn nur die Madame und der Pfarrer sie verstehen?
Alle Buchstaben müssen dabei sein, Hammer.
Der Mann, der Schmiedehammer, das Eisen und das Feuer. Die Hitze ist kaum zu ertragen, wenn die Tür der Esse geöffnet wird, doch sie wendet ihr Gesicht nicht davon ab. Ihre Augen ziehen das Feuer gleichsam an, es versengt etwas in ihrem Inneren, das danach verlangt, versengt zu werden. Ihr ist bewusst, dass es nicht unbedingt schicklich ist, sich so oft hier unten aufzuhalten. Aber sie kann sich nur schwer losreißen, und noch dazu ist sie ja gezwungen, die Arbeit des unwilligen Schmieds zu beaufsichtigen.

Herr Kragstedt, ihr Mann, ist im Sommerhalbjahr die meiste Zeit über auf Reisen. Soweit sie weiß, hält er sich momentan in Holsteinsborg auf, der reichen Nachbarkolonie im Norden. Er hegt den Traum, eine ebensolche Walfängerloge im Distrikt Sukkertoppen zu etablieren, sie würden sich eine goldene Nase verdienen, meint er. Er geht sehr darin auf. Sie überlegt, was er sagen wird, wenn er nach Hause kommt und ihren Kohlgarten erblickt. Sie freut sich darauf, ihn ihm zu zeigen, und hofft, dass bis dahin das Tor fertig ist und einige Samen gekeimt haben. Das müsste möglich sein. Es ist bekannt, das einige alte Nordmänner im Süden des Landes sowohl Getreide als auch Gemüse anbauten, zudem sogar Haustiere hielten, zugegebenermaßen aber weit im Landesinneren an den milden Fjorden. Andererseits hatten sie auch keinen echten dänischen Mutterboden. Morten Falck ist ebenfalls verreist.

Der Einzige, mit dem sie ihrer Meinung nach ein halbwegs vernünftiges Gespräch führen kann, ist der Böttcher Carl Dorph. Allerdings ist er sehr gläubig und bricht in einem fort in widerliche Frömmelei aus und in Klagen darüber, dass er keinen Königsbrief mit der Erlaubnis erhalten hat, die einheimische Frau zu heiraten, mit der er zusammenlebt und die die Mutter seiner Kinder ist.
Sie sagt, ich werde mich bei meinem Mann für Seine Sache einsetzen, wenn er heimkommt, vielleicht kann er etwas ausrichten. Dann geht sie wieder in die Schmiede und setzt sich. Der Schmied arbeitet im Stehen mit dem Blasebalg. Er sieht sie mit scheelen Blicken an. Seine Rückenmuskeln arbeiten unter der Haut, die ölig blank vom Schweiß glänzt. Sie verschwindet wieder. Erst geht sie hinauf zum Kohlgarten, der noch keine Anzeichen von Leben zeigt. Dann geht sie in die Koloniestube, setzt sich ans Fenster und liest in einem Roman aus Falcks Büchersammlung, den er ihr ausgeliehen hat.

Sie holt ihr Schreibzeug hervor und notiert einige Dinge, um zu behalten, was sie mit dem Pfarrer diskutieren will, sobald er zurückkommt. Er ist ihr ein guter Freund geworden, und sie vermutet, dass er sich in sie verguckt hat. Sie kann es ihm von den Augen ablesen, wenn sie ihm die Tür öffnet und er in die Stube tritt. Früher oder später, aller Voraussicht nach im kommenden Winter, wird es damit enden, dass sie sich küssen und einander ein klein wenig verletzen, aber nicht mehr, als dass es eine willkommene Abwechslung von der Einförmigkeit darstellen wird. Sie macht sich oft einen Spaß daraus, sich vorzustellen, wie es vonstattengehen, was gesagt werden wird. Sie wird ihm etwas Branntwein ausschenken und damit seine Hemmungen lösen. Hastig, mit leichter Verzweiflung, wird er sie an sich drücken und küssen. So! Sie wird ihn von sich stoßen, ihn ausschimpfen. Er wird sich schuldig fühlen. Sie werden ihre Rollen spielen. Dann wird sie ihm erneut ihren Mund leihen. Er wird mit der Hand ihre Brust streifen, wie zufällig. Schließlich wird sie seine Hand nehmen und auf ihre Brust pressen, und wenn sich seine Finger über sie wölben, wird ihre Brust in kleinen Stößen Strahlen aussenden, nach unten, nach oben und nach innen, hin zum dunklen Kern der weiblichen Begierde. Und der Pfarrer wird dies verstehen und sie von ihrer Pein befreien.

Doch jetzt genug phantasiert! Sie widmet sich wieder ihrem Roman. Kurz darauf kommt ihr neues Dienstmädchen. Sie weiß nicht recht, wozu sie es mitten am Tag einsetzen soll, und so liest sie immer ein Stück aus dem Katechismus mit ihm. Es war Kragstedts Idee, das Mädchen neben ihrer festen Haushälterin Sofie als Kammerdienerin einzustellen oder besser gesagt als eine Art Haustier, das ihr Gesellschaft leisten soll, wenn er nicht da ist. Aber Haldora hat sich noch nicht ganz an das neue Mädchen gewöhnt. Heute vergnügt sie sich damit, ihm aus dem Roman vorzulesen. Mit verschlossener Miene sitzt das junge Ding da und versteht natürlich kein einziges Wort. Anschließend unterstützt es Haldora dabei, ihr Mieder zu lösen und ihr aus den Kleidern zu helfen, woraufhin sie sich zur Ruhe legt und das Mädchen wegschickt. Morgen muss sie daran denken, die junge Frau zu fragen, wie sie heißt und ob sie Familie hat. Sie wurde ihnen von Herrn Falck empfohlen, für den sie die Wäsche erledigt und die Stube reinhält, eine Arbeit, die schnell erledigt ist. Für den Rest der Zeit steht sie nun also für die Zimmer des Kaufmanns zur Verfügung, darf jedoch weder putzen noch waschen, da sie sonst Sofie ins Gehege kommen würde, und die kann sie offensichtlich nicht ausstehen. Diese Dienstboten, denkt Haldora. Der Umgang mit ihnen ist hier genauso kompliziert wie zu Hause auf dem Apothekerhof in Køge. Wahrscheinlich bereiten selbst Negersklaven ihren Herren Kopfzerbrechen und Scherereien.

Der folgende Tag ist ein Sonntag, und aus Respekt vor dem Herrn oder auch um ein Bußgeld zu vermeiden, hat der Schmied seinen Hammer niedergelegt. Diese Zerstreuung bleibt Haldora heute also verwehrt. Das Mädchen kommt und hilft ihr beim Ankleiden. Tagsüber liest sie die meiste Zeit, unternimmt einige kleine Spaziergänge, sieht sich die Torfhäuser der Eingeborenen an, die den Sommer über verlassen sind. Über sich hört sie Möwen kreischen, sie beobachtet, wie die Vögel gegen den Wind anfliegen und auf der Stelle schweben, dann kapitulieren sie, stürzen hinab, streichen in kontrolliertem Flug über die Wellen hinweg, steigen in einem langen, flachen Bogen wieder auf und hängen abermals in der Luft. Wenn man eine Möwe wäre, denkt sie, dann wäre man frei.

Als sie in die Kolonie zurückkehrt, erblickt sie den Schmied, der gerade in ein Gespräch mit Roselil vertieft ist, der Kuh des Pfarrers.
Da hat Er sich wohl eine echte Freundin zugelegt, sagt sie neckend.
Der Schmied dreht sich langsam zu ihr um, entgegnet jedoch nichts. Sie sieht, dass er eine leere Flasche in der Hand hält, und spürt eine leise Unruhe. Als sie später unten am Kohlgarten steht und die schwarze, keimlose Erde betrachtet, taucht der Schmied erneut auf. Aus dem Augenwinkel beobachtet sie, wie er zur Wohnung des Verwalters geht und an die Tür klopft, noch immer mit der leeren Flasche in der Hand. Verwalter Dahl erscheint in der Tür. Der Schmied hat sich die Mütze vom Kopf gerissen und knetet sie in der Hand.
Was will Er?, hört Haldora den Verwalter fragen.
Der Schmied hält die Flasche hoch. Nein, ich kann und will Ihm heute keinen Branntwein gewähren, Hammer, wie oft soll ich es noch sagen?
Aber Ihr habt mir meinen Anteil gestern nicht gegeben, erwidert der Schmied mit kläglicher Stimme.
Warum ist Er dann nicht gleich gekommen und hat sich beklagt? Es sieht Ihm gar nicht ähnlich, dererlei nicht zu beanstanden.
Weil ich derzeit so viele Bürden habe, antwortet der Schmied. Jetzt, wo der Schreiner und der Böttcher krank sind, muss ich ihre Arbeit mittun, und trotzdem bekomme ich nur Lohn und Deputat für einen Mann.
Es ist Sonntag, mahnt der Verwalter. Statt sich zu amüsieren, sollte Er den Feiertag achten und ein wenig in seiner Postille lesen. Das wäre jedenfalls besser, als sich mit Branntwein zu berauschen.

Haldora muss dem Verwalter im Stillen in allem recht geben, was er sagt. Dennoch hat sie Mitleid mit dem Schmied, und Dahl erscheint ihr selbstgerecht und unsensibel. Jetzt sieht sie, wie der Schmied sich an den Hals fasst und theatralisch hustet.
Hier ziept es, greint er, ich glaube, dass eine Erkältung im Anmarsch ist, womöglich auch ein Halsgeschwür, wer weiß, wie viel Zeit einem noch bleibt in diesem Jammertal. Nur deswegen bin ich gekommen, Euch um einen kleinen, unbedeutenden Schluck Branntwein zu bitten, Verwalter, damit ich der Erkältung Einhalt gebieten kann, anstatt in der Koje zu enden wie der Zimmermann oder gar unter dem Torf wie unser alter Pfarrer.
Nein, das geht natürlich nicht, erwidert Dahl in ironischem Ton, der dem Schmied entgeht, nicht aber Haldora, die mit einer Jäthacke in ihrem fragwürdigen Kohlgarten stochert, während sie das Gespräch belauscht. Dahl seufzt.
Nun gut, wir wollen mal nicht so sein. Aber Er erhält exakt einen Viertelliter und keinen Tropfen mehr, hört Er?
Jawohl, Eure Exzellenz, entgegnet der Schmied, und Haldora registriert, dass er seine Untertänigkeit schon wieder abgelegt hat und sich eine freche Grimasse erlaubt. Sie freut sich auf den morgigen Tag, wenn sie ihm eine Lektion erteilen und ihn wieder herumscheuchen kann. Sie richtet sich auf und sieht den beiden Männern nach, die hintereinander zum Lagerhaus gehen, wo die Kolonie ihren Hauptvorrat an Bier und Branntwein aufbewahrt.
Ich ziehe das vom Deputat der nächsten Woche ab, Schmied, hört sie den Verwalter sagen. Nur dass Er es weiß.
Dann verschwinden sie aus Haldoras Blickfeld, und sie geht zur Koloniestube, leicht beschwingt von der kleinen Kontroverse.

Kurz darauf hört sie durch die Wand hindurch, wie sich der Zimmermann und der Schmied in ihrer Kammer am anderen Ende des Koloniehauses unterhalten. Ihre Stimmen sind undeutlich, sie versteht nicht, was sie sagen, hört der Stimme des Schmiedes jedoch an, dass er nicht bester Laune ist. Es folgt ein längerer Wortwechsel. Sie hat das Gefühl, dass die beiden über sie reden, und hofft, der anständige Zimmermann möge sie in Schutz nehmen. Dann schlägt eine Tür, und es wird still. Sie setzt sich nieder, um einen Brief an ihre Schwester zu schreiben, versinkt dabei aber in Gedanken. Schließlich kommt das Mädchen und sieht sie fragend an. Nicht jetzt, sagt sie, und verscheucht es mit einer Handbewegung. Als es gegangen ist, bereut sie ihre Unfreundlichkeit, der Hausangestellten nachlaufen und sie zurückrufen will sie allerdings auch nicht. Sonntage. Einst waren sie die besten Tage der Woche, Tage für Ausflüge und Treffen mit jungen Männern, deren Sehnsüchte ihr rätselhaft aufregend vorkamen. Aber das war in ihrer alten Heimat. Damals, als sie noch jung und unwissend war und glaubte, das Leben würde so werden, wie es ihr der Vater vorgaukelte. Doch das ist lange her, und jetzt hat sie die geborgene Jugend hinter sich gelassen und ist in das fremde Erwachsenenleben aufgebrochen.

Ihr Mann Jørgen liebt die Wildnis des Landes. Seinerzeit kam er als Schiffsjunge mit dem Schoner Aurora nach Godthåb, ließ sich an Land bringen und fand eine Anstellung in der Handelsstation. Als sie sich gerade verlobt hatten, erzählte er ihr die Geschichte, und seither hat sie sie unzählige Male gehört. Das ist nun über zwanzig Jahre her. Mittlerweile hat er sich hochgearbeitet, denn wie er selbst sagt, besteht in den Kolonien die einzige erforderliche Qualifikation für eine Beförderung darin, nicht das Zeitliche zu segnen. Wer dafür sorgt, am Leben zu bleiben, endet früher oder später als Kaiser.
Oder Kaufmann, antwortet Haldora daraufhin stets.
Schon, aber das ist nur eine Zwischenstufe, merk dir diese Worte, meine Liebe.
Oft spricht er von der zukünftigen Entwicklung Grönlands.
Es ist ein Land mit vielen Möglichkeiten und unerschöpflichen Ressourcen, pflegt er gern vor ihr zu dozieren, aber es fehlt an Ehrgeiz und Willen und nicht zuletzt an einem Mann, der den Dingen ein System gibt. Die meisten Entsandten geben sich damit zufrieden, das Land in den ihnen zugemessenen Jahren am Laufen zu halten, ein wenig Geld zu machen, dem König zu dienen, zu überleben, ein paar Stufen aufzusteigen.
Meine liebe Haldora, sagt er dann, mitten im Raum stehend, was dieses Land braucht, ist eine Abwicklung der kleinen administrativen Einheiten, der Kolonien, und eine Zentralisierung im Hinblick auf die industrielle Nutzung all dessen, was es zu bieten hat. Eine gewisse Autonomie, murmelt er und spaziert unter den Deckenbalken auf und ab, ja, hm, die ist notwendig, eine Loslösung vom Mutterland, Selbstverwaltung.
Er zieht an der langen Pfeife, die Rauchschwaden wirbeln um ihn herum.
Einsatz eines Generalgouverneurs, ja!
An dieser Stelle bedenkt Jørgen Kragstedt seine Frau stets mit einem Lächeln, und sie erwidert es. Sie haben dieses Gespräch schon oft geführt. Würde er sie fragen, was sie braucht, würde sie antworten: Ein Kind.
Also fragt er nicht.

Die Ehe kam zustande, als Kragstedt sich eine Zeitlang in Dänemark aufhielt und auf seine Anstellung als Kolonievorsteher wartete. Haldoras Vater, der Apotheker Knapp in Køge, war ein entfernter Verwandter von Kragstedts Mutter, und Kragstedt hatte als Kind einige Sommer auf dem Apothekerhof verbracht, lange bevor Haldora geboren war. Und schon als ihr Kragstedts Existenz noch kaum bewusst war, hatte ihr Vater sich in den Kopf gesetzt, dass sie füreinander bestimmt waren. Ab und zu lud der Apotheker ihren Zukünftigen zu ihnen nach Hause ein. Er war ein kräftiger Mann mit rotem Haar, was sie etwas abstieß, aber nicht genug, um zu protestieren. Sie war noch nicht wieder ganz sie selbst, nachdem eine ihrer Schwestern im Kindbett gestorben war. Man traf Entscheidungen, Dinge geschahen, so war es am einfachsten. Den eigentlichen Heiratsantrag machte er ihr auf einem Spaziergang. Der Wald. Ein Dorf. Der Herrenhof. Die Felder. Der See. Es wurde ein sehr langer Spaziergang. Irgendwann standen sie weit draußen auf einer Brücke, die über den Mølleå führte. Das rauschende Wasser und die lärmenden Mühlradschaufeln verschonten sie davor, den zweifellos unbeholfenen Wortlaut seines Antrags genau zu verstehen.
Sie sagte: Ja.
Er stand mit dem Hut unter dem Arm da, den Oberkörper leicht gebeugt, auf seiner Kopfhaut schimmerten Sommersprossen. Fragend sah er sie an, taub vom Lärm der Mühle. Sie gingen Arm in Arm nach Hause, keiner von beiden hatte gehört, was der andere gesagt hatte, aber sie gingen jeder für sich davon aus, das alles so war, wie es sein sollte, und als sie nach Hause kamen, umarmten die Eltern sie und weinten. Damit waren sie verlobt. Die Mitgift fand sich allerdings nie ein, und Kragstedt sprach davon, den Gerichtsweg zu beschreiten. Doch es kam allerlei dazwischen, er erhielt seine Stellung, Reisevorbereitungen wurden getroffen, und sie heirateten so schnell, dass die Leute darüber tratschten. Dann brachen sie auf. Die Eltern und Geschwister begleiteten sie mit dem Schiff bis Helsingør.

Ein Jahr nachdem sie sich in Sukkertoppen niedergelassen hatten, erhielten sie Nachricht vom Konkurs und plötzlichen Tod des Vaters. Zwei ihrer Schwestern und die Mutter leben noch, doch Haldora hat niemanden, dem sie sich wirklich nahe fühlt. Nun beginnt sie jedoch allmählich, Magister Falck als einen Menschen anzusehen, der die Leere in ihrem Leben ausfüllen könnte. Ob sie Dänemark jemals wiedersehen wird, weiß sie nicht. Als sie aus dem Fenster sieht, erblickt sie den Schmied, der vor ihrem Kohlgarten steht und den Zaun und den schwarzen Erdboden anstarrt. Hastig zieht sie sich vom Fenster zurück, und er bemerkt sie nicht. Dann hört sie jedoch Schritte auf der Haupttreppe und kurz darauf ein Klopfen. Sie geht in den Flur, hält in der Dunkelheit inne und horcht.
Wer da?
Niels Hammer, Madame. Der Schmied. Mit Verlaub, es geht um das schmiedeeiserne Tor der Madame.
Sie öffnet die Tür, stößt sie weit auf. Der Schmied sieht mit blutunterlaufenen Augen zu ihr auf, barhäuptig, die Mütze mit einer Hand gegen die Brust gedrückt. Er gafft sie mit offenem Mund an. Haldora blickt an sich hinunter und fragt sich, ob etwas mit ihr nicht stimmt. Vielleicht hätte sie sich ein Tuch um- legen sollen und ihre Haare sammeln, die offen über ihre nackten Schultern hinabwallen. Der Schmied räuspert sich.
Nun, seht Ihr, Madame Kragstedt, ich bin auf Eure Hilfe angewiesen.
Meine? Hilfe?
Der Schmied grinst nervös.
Mit dem Tor. Mit der Zeichnung.
Er fuchtelt wild mit der freien Hand in der Luft herum.
Etwas auf der Zeichnung ist ein wenig undeutlich, vielleicht ist sie feucht geworden.
Er stöhnt leise, dann vergräbt er die Finger in seinen Koteletten.

Haldora nimmt die Alkoholdünste wahr, die ihr entgegen- strömen, und weicht einen Schritt zurück. Der Schmied steigt eine Stufe höher. Dann besinnt er sich eines Besseren und geht zwei Stufen hinunter.
Glaubt Ihr, Ihr könntet mir einen Gefallen tun und einen Blick auf die Zeichnung werfen und mir diese Dinge erklären, die ich armer Mann nicht verstehe?
Darüber haben wir doch nun schon mehrfach gesprochen, sagt sie tadelnd. Ich dachte, Er sei mit der Zeichnung im Reinen, das hat Er mir doch unlängst noch versichert?
Schon, schon, aber man kann doch ins Zweifeln kommen.
Er macht eine entschuldigende Geste.
Und ich will natürlich ungern einen Fehler begehen, weswegen dann alles noch einmal umgeworfen werden müsste, ich möchte natürlich am liebsten alles genau so ausführen, wie Madame es wünschen, allein darum geht es mir.
Er starrt sie an, er verschlingt sie mit den Blicken. Sie starrt zurück, kann ihn jedoch nicht dazu bewegen, dass er die Augen niederschlägt.
Hat Er sie denn dabei, die Zeichnung?
In der Schmiede.
Der Mann zeigt mit einer nervösen Kopf- bewegung dorthin.
Wenn Madame in die Schmiede kommt, kann Sie sehen, was ich meine, ich kann es Madame nicht ganz genau erklären, es ist beinahe ...
Er gestikuliert erneut und stößt ein kleines, explosives Kichern aus.
Es ist das Eisen, Madame, ein Widerstand im Eisen, bei der Übertragung vom Blatt, und die Madame versteht doch, dass ich nicht sowohl Eisen als auch Zeichnung und Amboss und Hammer mit hierheraufschleppen kann, sieht Madame Kragstedt das denn nicht ein?
Er verstummt und beißt sich auf die Lippe. Haldora lächelt ihn an. Beim Anblick des kriecherischen und untertänigen Muskelpakets wird ihr seltsam zumute. Sie könnte ihm ihre Stiefelspitze hinstrecken, und er würde sie nehmen und ehrfürchtig küssen. Dadurch fühlt sie sich ein wenig ausgelassen, allmächtig und großzügig zugleich. Sie spürt, wie Güte und Barmherzigkeit sie durchströmen, und lächelt.
Das sehe ich sehr wohl ein. Aber kann Er denn nicht warten? Es ist Sonntag. Morgen kann ich wieder zu Ihm kommen, wie ich es auch sonst zu tun pflege, und dann können wir das Ganze noch einmal durchgehen.
Mit Verlaub, Madame, morgen steht das eine wie das andere an, man hat mir die Aufgaben des Zimmermanns und des Böttchers übertragen, da diese das Krankenbett hüten, und das, obwohl ich bekanntermaßen Schmied bin, just deswegen arbeite ich ja am Feiertag an Eurem Tor und riskiere einen Bußbescheid.
Sie betrachtet den Schmied, wie er in seiner Sonntagskleidung dasteht, schwerfällig und betrunken. In Wirklichkeit, so begreift sie, hatte sie genau das von ihm zu hören gehofft. Denn nun ist sie gezwungen, mit ihm zu gehen. Sie lehnt die Tür an, schlüpft in ihre Stiefel und wirft sich einen Schal um, steckt sich einige Nadeln ins Haar und sammelt es unter ihrem Hut. Als sie auf die Treppe hinaustritt, wippt der Schmied mit den Füßen und kämmt seine Haare mit den Fingern zurück.
Führ Er mich zu seiner Schmiede, sagt sie in herrischem Ton.
Sie nimmt eine Spannung in der Luft wahr, als sie ihm zum Hafen folgt. Es muss der Gezeitenwechsel sein, denkt sie. Die Möwen schreien, sie stürzen hinab und schießen wieder nach oben, eine von ihnen flüchtet mit etwas, das aus ihrem Schnabel hängt, und eine ganze Schar folgt ihr. Dann öffnet Hammer die Tür zur Schmiede. Sie zögert einen Moment, ehe sie hineingeht. Die Tür schlägt hinter ihr zu, und sie steht in einer eiskalten Werkstatt.
Hat Er denn nicht eingeheizt?, fragt sie. Ich dachte, Er wäre in vollem Gange zu schmieden.

Sie dreht sich um. Er steht mit dem Rücken zur Tür, sieht sie an und lächelt verhalten. Sie erstarrt, plötzlich wird sie sich ihres flammend roten Kleides und der nackten Arme unter ihrem Schal bewusst.
Ihr seid wie ein Stück Himmel, sagt er mit belegter Stimme.
Er tritt einen Schritt vor, sie weicht einen Schritt zurück, stößt mit der Rückseite ihrer Schenkel gegen etwas, greift mit der einen Hand hinter sich und hebt die andere abwehrend vor das Gesicht.
Bitte tue Er mir nichts, flüstert sie.
Pardon?, fragt der Schmied und lacht.
Sag Er mir, was Er will, Hammer.
Sie hört seinen schweren Atem und sieht, dass er schluckt.
Sie weiß, dass sie sich nicht so abwartend und passiv verhalten sollte, sondern in einem alltäglichen Ton mit ihm über das schmiedeeiserne Tor plaudern müsste, ihn aus dem herausreißen, was ihn gerade übermannt. Aber sie befindet sich selbst in einem Zustand von Angst und Schwindel, als stünde sie am Rand eines Abgrundes und sähe hinab. Sie hat Lust zu springen, doch sie wagt es nicht.
Ich möchte mit Euch schlafen, Madame Kragstedt.
Er sagt es ruhig und wohlüberlegt. Er weiß, was er will, denkt sie. Er hat den Gedanken gedacht, und der Gedanke ist die Mutter der Tat. Es ist schon zu spät, um ihn mit Gerede aufzuhalten.
Ja, sagt sie, das will Er wohl.
Sie merkt, dass ihre Lippen beben und ihre Zähne klappern.
Friert Ihr, Madame Kragstedt?
Er klingt beinahe freundlich und besorgt.
Ja, es ist kalt hier.
Sie tastet immer noch hinter ihrem Rücken, bekommt etwas zu fassen, befühlt es und identifiziert es schließlich als das Werkzeug des Schmieds. Hammers Hammer. Sie versucht, sich selbst zur Ruhe zu zwingen.

Der Schmied steht immer noch regungslos da und betrachtet sie. Es scheint, als genieße er die Situation, als denke er, wer ist jetzt der Herr?
Dann reißt er sich von der Tür los, geht ein paar Schritte vor, streckt den Arm aus und berührt ihre Brust.
Ihr seid eine schöne Frau, Madame Kragstedt. Es ist nicht recht, dass Euer Mann der einzige sein soll, der in den Genuss Eurer Schönheit kommen darf.
Sie spürt seine Hand auf ihrer Brust, die sie kneift, untersuchend, nicht fest. Sie sieht auf diese Hand hinab, die grob ist und riesengroß, voller Risse und Wunden, die Nägel sind gelb und gespalten. Vorsichtig drückt er ihre Brust einige Male. Dann sieht er auf, ihre Blicke treffen sich.
Ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen, dass ich Euch befühle?, fragt er.
Sie schüttelt steif den Kopf.
Mein Vater sagte immer, dass Ihr alle so seid, Ihr Frauen, meine ich. Liederlich. Deshalb werden die Frauen zu Huren und nicht die Männer. Ich weiß nicht, ob es sich so verhält, aber es ist ja doch wahr, dass nur Frauen ihrer Lüsternheit nachgeben und ihren Körper für Kupfer verkaufen. Was meint Madame dazu?
Ihr Mund ist staubtrocken, sie versucht, ihn zu befeuchten, um etwas sagen zu können.
Lebt Sein Vater noch?, bringt sie mühsam zwischen ihren klappernden Zähnen hervor.
Hier soll nicht von meinem Vater die Rede sein, unterbricht er sie. Nein.
Jetzt spürt sie seine Hand auf ihrer Wange wie ein totes Ding, ein Balken oder ein Stück Eisen. Also muss ihr Gesicht warm sein.
Ihr errötet ja, sagt der Schmied. Das kleidet Euch. Ihr seid so hübsch, Madame Kragstedt, hübsch wie ein Apfel.
Er lacht.
Was für ein Unsinn!

Dann bewegen sich seine Hände tastend am Kleid auf und ab, versuchen, einen Zugang zu finden. Doch mehr als sie selbst leistet der Stoff Widerstand, Schicht für Schicht des beschützenden Tuchs muss von ihr abgeschält werden, wenn er zum Ziel seiner Begierde, ihrer Haut, vordringen möchte. Seine Hände bewegen sich hektisch, er grunzt irritiert und kommt näher, presst sich gegen sie. Sie nimmt seinen Schweiß und den Branntweinatem wahr, aber auch den bitteren Geruch ihrer eigenen Haut und den faden Gestank von altem Schweiß, der sich im Stoff abgelagert hat und durch die Wärme verstärkt wird. Dann beugt er sich vor und küsst sie, sie spürt seine Zunge, die sich feucht an ihrer Wange entlang bis zum Ohr schlängelt, bis er plötzlich zurückweicht und ausspuckt.
Pfui! Was ist das?
Puder, antwortet sie. Schmeckt Ihm das nicht, Schmied?
Er starrt sie stumpfsinnig an, und sie packt den Hammer und schwingt ihn in einem unbeholfenen Zirkel nach vorn, der einen flatternden Schatten an die Decke wirft und als Volltreffer auf dem Kopf des Schmiedes endet. Er taumelt einen Schritt zurück und schwankt. Ein wildes Glück wallt in ihr auf, weil sie sich aus ihrer Starre befreit hat, und sie weicht in einem Halbkreis nach rechts, drängt sich in Richtung der Tür, den Blick auf den Schmied gerichtet, den Hammer hoch erhoben über dem Kopf. Hammers Hammer. Jetzt hat er ihn selbst getroffen. Es ist beinahe amüsant.
Schlagt mich nicht!
Er wankt. Er schüttelt den Kopf und sieht aus, als würde er gleich zusammenbrechen. Dann taumelt er einen Schritt zurück und bekommt den Türrahmen zu fassen.
Ich schlage nur dann, wenn es nötig ist, entgegnet sie kalt. Lass Er mich hier heraus, dann werde ich es schon nicht wieder tun.

Ich öffne jetzt die Tür, sagt er. Seht. Ich öffne sie.
Er hat ihr den Rücken zugewandt, sie könnte ihm leicht und mit Fug und Recht einen ordentlichen Schlag auf den Nacken verpassen und ihn ein für alle Mal außer Gefecht setzen. Aber sie tut es nicht, sie hört, wie der Riegel beiseitegeschoben wird, hört den schweren Bolzen, der klirrt, und sie überlegt gerade noch, womit er sich so lange aufhält, als er sich in einer Pirouette umdreht, die in einer anderen Situation komisch gewesen wäre. Doch in seiner Hand hält er jetzt den langen Eisenriegel, der wie ein Schwert emporragt, und er schwingt ihn nach vorn und trifft sie am Oberarm. Den Schmerz registriert sie kaum, nur dass der Schlag sie dazu bringt, den Hammer fallen zu lassen, der mit einem gedämpften Rums auf dem Boden prallt. Sie sackt in die Knie. Die Stiefel des Schmieds befördern den Hammer mit einem Tritt in die Ecke, er schlittert über den Boden und ist außer Reichweite.
Jetzt habt Ihr mich wütend gemacht, sagt er ruhig.
Sie hört seiner Stimme an, dass er lächelt.
Jetzt bin ich gezwungen, Euch zu bestrafen, Madame Kragstedt. Was nun geschieht, habt Ihr Euch selbst eingehandelt.
In Christi Namen, sagt sie, und jetzt ist sie diejenige, die jammert. Sei Er doch barmherzig. Ich habe Ihm nichts getan.
Sie kniet nieder, halb vor Schmerz, halb demütig flehend. Ihre Hand presst sie an die Stelle, an der er sie mit dem Riegel getroffen hat. Der Arm hängt schlaff herunter, sie überlegt, ob er gebrochen ist. Und sie hört, wie der Schmied das Schlagwerkzeug weglegt.
Warum habt Ihr das getan?, fragt er. Warum habt Ihr mich geschlagen? Ich möchte Euch doch nicht wehtun, ich möchte doch nur mit Euch schlafen. Kann das denn so schlimm sein?
Er packt ihr Kinn und hebt es an, sodass sie nicht anders kann, als ihn anzusehen.
Jetzt muss ich Euch wohl fesseln, sonst schlagt Ihr mich ja nur von neuem.
Er findet ein Stück Seil und bindet ihre Handgelenke zusammen. Der Schmerz im Arm lässt sie wimmern, was wiederum ihn dazu bringt, kurz innezuhalten und sie anzusehen.
Es wird schon nicht so schlimm sein, wie es sich anfühlt, sagt er.

Sie beobachtet, wie er ein anderes Seil um den Stein knüpft, der das Fundament für den Amboss bildet.
Jetzt mache ich Euch hier fest, sagt er freundlich. Es lohnt sich nicht, dagegen anzukämpfen. Und wenn Ihr schreit, muss ich Euch auch knebeln, und es wäre doch schade um Euren niedlichen kleinen Mund, wenn man ihn mit einem dreckigen Lappen stopfte.
Sie schüttelt den Kopf und kneift den Mund zusammen.
Gut, sagt der Schmied. Dann können wir also anfangen.
Er lässt sich viel Zeit damit, ihr Kleid zu lupfen und die darunterliegenden Stoffe zu befühlen.
Wie sollen wir Euch nur von all diesen Lumpen befreien?, fragt er.
Das kann sie sich auch nur schwer vorstellen. Sie liegt auf dem Rücken, die Arme über dem Kopf an den Stein gefesselt. Das schwere Damastkleid lässt sich nicht herunterziehen, da es Schulterträger hat. Der Schmied versucht, es ihr über den Kopf zu hieven, muss jedoch aufgeben. Er sieht sie fragend an.
Binde mich los, sagt sie, dann werde ich mich freiwillig entkleiden. Es ist keine leichte Aufgabe, eine Frau auszuziehen.
Höhö, lacht er und schüttelt den Kopf.
Er zerrt etwas am Kleid, erreicht aber nur, dass es anschließend schief sitzt. Dann holt er ein Taschenmesser hervor.
Nein!, ruft sie. Nicht so! Der Rücken, da gibt es ein verborgenes Schnürmieder.
Er rollt sie auf die Seite und fummelt stöhnend an den kleinen Schnallen, die eine tief ausgeschnittene Rückenpartie zusammenhalten. Sie merkt, wie sich das Kleid hinten ein wenig öffnet.
Was ist das denn?, fragt er. Diese überkreuzten Schnüre?
Das ist das Schnürmieder des Kleids, erklärt sie. Dort gibt es einen Knoten.
Aber Schmiedfinger sind offenbar zu grob, er kann ihn nicht lösen. Er steckt einen Finger zwischen das Mieder und ihren Rücken, zieht leicht an der Schnur und lässt sie wieder los, woraufhin diese so laut schnalzt, dass Haldora erschrocken zusammenzuckt. Dann macht er sich erneut an dem Knoten zu schaffen.

Ich möchte nur ungern Euer teures Gewand zerstören, sagt er hinter ihrem Rücken, aber dieser Knoten ist mir zu vertrackt.
Darauf antwortet sie nicht. Dann spürt sie, wie er das Gesicht gegen ihren Rücken presst, sie wundert sich, was er da tut, bis sie versteht, dass er den Knoten mit den Zähnen öffnen will. Er richtet sich wieder auf und flucht. Sie wirft einen Blick über ihre Schulter. Der Schmied greift sich an die Wange und stöhnt leise vor Schmerz.
Ein schlechter Zahn, klagt er.
Er öffnet den Mund und betastet den Zahn mit den Fingern.
Dieser verfluchte Knoten hat ihn gelockert.
Ich kann Ihm etwas Branntwein geben, um den Zahn abzutupfen, schlägt sie vor. Mein Mann gebraucht diese Methode mit gutem Erfolg. Dafür muss Er mich nur losmachen.
Ich habe selbst Branntwein, knurrt er. Eure Weiberratschläge könnt Ihr für Euch behalten.
Jetzt packt er das Schnürmieder und zerrt mehrmals brutal daran. Der Schmerz, der vom Arm ausgehend durch ihren Körper schießt, lässt sie aufstöhnen. Dann reißt die Seidenschnur mit einem Knall, und das Kleid gibt nach.
Ha!, ruft der Schmied.
Er packt das Kräuselband auf beiden Seiten des Mieders und zieht es auseinander. Das Kleid öffnet sich, Nähte platzen, die Schnüre gleiten surrend aus den Ösen. Er zieht ihr das Kleid über den Kopf, und sie glaubt zu ersticken und zappelt mit den Beinen.

Dann hat das Kleid die Arme erreicht, wo er es in einem voluminösen Knäuel zusammenrafft, dort, wo die Handgelenke an den Ambossstein gebunden sind. Der Schmied wischt sich über die Stirn und starrt auf die nächste Stoffschicht.
Was um alles in der Welt ist das nun wieder?
Sie dreht den Kopf, um zu sehen, was er meint.
Das ist meine Turnüre.
Und welchen Nutzen soll die haben?
Sie macht das Gesäß breiter. Das gilt als hübsch.
Er schnaubt verächtlich. Dann schnallt er ihr das längliche Rosshaarkissen ab und schleudert es weg. Die nächste Schicht ist ihre Seidenchemise. Er streicht mit seinen groben Händen darüber, an denen der Stoff ein wenig haften bleibt, als wären sie Kletten. Er atmet schwerer, sie kennt diese Atmung. Jetzt wird auch die Chemise nach oben zum Kleid gezogen.
Noch ein Mieder?
Der Schmied flucht innerlich. Er versucht, seine Finger darunterzuschieben, aber es sitzt viel zu stramm. Er zieht und zerrt, und ihr gesamter Oberkörper wird vor und zurück geworfen, doch das Schnürmieder löst sich nicht.
Warum tragt Ihr Bürgerfrauen nur diese unbequemen Kleidungsstücke?, fragt er.
Das ist ein Korsett, hört sie sich selbst mit einer fernen und nüchternen Stimme sagen, das schreibt die Mode so vor. Und den Männern gefällt es, Frauen zu betrachten, die eine schmale Taille und breite Hüften haben.
Er schüttelt den Kopf und lacht.
Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die feinen Leute nicht so viele Kinder in die Welt setzen, sagt er. Das Eisen verliert seine Hitze, noch ehe man zum Schmieden kommt.

Er sieht zu ihr auf, verharrt mit dem Blick auf ihren Brüsten, die in den Schalen des Korsetts ruhen, er sucht ihren Blick. Sie starrt zur Seite, wagt es jedoch nicht, die Augen zu schließen, aus Furcht, es könnte ihn provozieren. Und sie schweigt.
Bei den Frauen der unteren Schichten ist es nicht üblich, sich einzuschnüren und Kissen unter das Kleid zu stopfen, sagt er. Wir Männer aus dem Volk lassen uns nämlich nicht so leicht an der Nase herumführen. Wir wissen, was unter dem Rock steckt. Daraus kann man wohl auch schließen, dass unsere Frauen freier sind als Ihr?
Er hält inne, und da sie nichts erwidert, fährt er in nachdenklichem Ton fort: Aber wahrscheinlich sind alle Menschen eingeschnürt, wenn nicht auf die eine Weise, dann auf die andere. Und ganz gleich, wie sehr man auch darum bittet und bettelt, befreit zu werden, wird man doch nie erhört. So ist das Leben.
Durch seine kleine Rede steigert er sich in eine Art Zorn der Gerechten hinein, wie sie registriert – noch immer aus einer merkwürdigen Ferne, weil sich ihr Gemüt von ihrem gedemütigten, leidenden Körper zurückgezogen hat. Sie antwortet nicht und hat die schwache Hoffnung, dass er sich in seine Gedanken verstricken und darüber vergessen könnte, was er eigentlich vorhat; die Hoffnung, dass das Eisen seine Hitze verliert. Aber dann ist er wieder bei ihrer Kleidung.
Wie stellt Ihr es bloß an, all das jeden Tag zu binden?, fragt er.
Meine Kammerdienerin hilft mir dabei. Manchmal auch mein Mann.
Vielleicht sollte ich Euren Mann hinzurufen, damit er mir hilft.
Der Schmied lacht gutmütig.
Aber nein, wie konnte ich nur vergessen, dass er verreist ist.
Wenn er nach Hause kommt, wird er einen Prozess gegen Ihn führen und Ihn hart bestrafen, Schmied, sagt sie und hört selbst, dass sie nicht gerade überzeugend klingt.
Mich zu bestrafen würde dem Eingeständnis gleichkommen, dass ich ihn gehörnt habe. Und das geben nicht viele Männer gern freiwillig zu.
Sie sagt nichts mehr. Offenbar ist der Schmied die Schnürmieder und Knoten nun leid, denn er nimmt sein Taschenmesser und schneidet die Schnüre durch. Sie lösen sich mit einem kleinen, elastischen Knall und rutschen durch die Messingösen im Korsett. Er zieht es ihr aus, führt es zum Gesicht und inhaliert tief. Als er es wieder sinken lässt, sieht sie, dass er selig lächelt.
Weib!, sagt er.
Er schleudert das Korsett in eine Ecke, dann sieht er auf sie hinab. Jetzt ist nur noch das Unterkleid übrig. Akkurat wie ein Schneider schlitzt er es mit einem sauberen Schnitt der Länge nach auf und durchtrennt die Träger mit dem Messer. Das Kleid zerfällt in zwei Teile. Er rollt es zu einem Bündel zusammen und legt es beiseite. Nun ist sie nackt. Sie wundert sich, dass sie nicht friert, im Gegenteil, ihr ist heiß, sie fühlt sich glutrot. Sie liegt auf dem Rücken, die Arme noch immer über dem Kopf, und sieht zum Schmied auf, der auf sie hinabsieht. Sie bäumt ihren Oberkörper auf, spannt ihn an, um den verletzten Arm nicht zu bewegen, die Beine hat sie zusammengeklemmt und leicht angezogen. Dennoch kann sie ihre Schambehaarung nicht ganz verbergen, die sehr kräftig ist, die Schamlippen und das Schambein vollkommen bedeckt und sich wie eine Pfeilspitze bis zum Nabel hinaufzieht, wo sie sich in einem dünnen, aber dennoch auffälligen schwarzen Strich verliert. Für diese Behaarung hat sie sich immer geschämt, hat sie als Reminiszenz an etwas Wildes und Ungezähmtes verstanden, das sie stets unterdrückt hat. Bis zum heutigen Tag. Und deshalb liege ich hier, denkt sie.

Jetzt beugt sich der Schmied nach unten und schiebt sein Gesicht an ihrem Bauch empor, schnauft und grunzt, reibt es an ihrer Brust, lässt die Zunge hervorschnellen, fängt damit die Brustwarze ein und umkreist sie, saugt daran und lässt sie mit einem Schmatzen wieder los, spielt mit ihrem elastischen Widerstand, während er mit beiden Händen die Brüste knetet, diesmal grob. Seine Hände sind wie Reibeisen auf der empfindlichen Haut, die gelben Hornplatten seiner Nägel bohren sich tief in ihr Fettgewebe.
Ihr seid zart wie eine neugeborene Maus, flüstert der Schmied in einem verträumten Tonfall. Als Junge habe ich in der Scheune Mäusenester gesucht und die kleinen, zarten Mäusejungen zu mir genommen. Ich habe sie adoptiert wie eigene Kinder, mit ihnen geschmust, mich um sie gekümmert. Sie waren so zart, so zart. Und Ihr seid so schön und vollkommen, Madame Kragstedt, wenn man Euch erst mal aus den Kleidern gepellt hat, wie ein kleines Tier, niedlich und warm und ängstlich.
Als er sie erneut packt und auf die Seite dreht, sieht er offenbar die Eisenspäne, die sich fast unmerklich in die Haut auf ihrem Rücken gebohrt haben. Er versucht, sie mit der Hand wegzuwischen, und schnaubt irritiert, als er bemerkt, dass sie festsitzen. Er zieht die Hand zurück, und sie sieht, dass seine Handinnenfläche blutig ist.

Plötzlich klopft es. Zarte Knöchel auf der Eichentür. Mit einem Ruck schwingt er sich auf die Beine und geht hinüber. Ihr fällt ein, dass die Tür unverschlossen ist, nachdem er den Riegel für seine Attacke gegen sie verwendet hat. Schnell hebt er den großen Amboss vom Sockel, schwingt ihn über sie und stellt ihn so vor die Tür, dass sie blockiert ist. Dann hockt er sich neben sie und legt ihr die Hand auf den Mund.
Wer da?
Ist die Madame bei Euch?
Sie erkennt die Stimme. Es ist Bertel Jensen, der Katechet.
Er kann sich fortmachen!, ruft der Schmied in Richtung Tür. Hier ist keine Madame.
Das Mädchen sagt, es habe sie mit Euch davongehen sehen, erwidert der Katechet. Ist alles in Ordnung mit ihr?
Woher soll ich das wissen? Hier ist keine Madame, das sage ich doch. Geh Er jetzt, und kümmere Er sich lieber um die Angelegenheiten seiner eigenen Leute.
Die Tür wird vorsichtig bewegt, stößt jedoch gegen den Amboss. Dann wird es still. Sie denkt, dass sie schreien sollte. Der Herr hat ihr den eingeborenen Katecheten gesandt, und nun muss sie ihren Willen nach Rettung kundtun, indem sie schreit. Aber sie schreit nicht. Sie hofft nur, der Mann möge wieder verschwinden und sie mit ihrer Scham und ihrer Angst allein lassen. Hammer lauscht. Er hat sich getrollt, sagt er in einem beruhigenden und konspirativen Tonfall, als machten sie gemeinsame Sache und fürchteten beide, entdeckt zu werden. Dann zieht er seine Weste aus, löst die Hosenträger und steigt aus seinen zerschlissenen Sonntagshosen. Er geht auf die Knie, das Glied steht schwer und blutgefüllt von ihm ab. Seine Nacktheit beißt ihr in der Nase, sie riecht nach Pferd. Er beugt sich herab und flüstert ihr verschwörerisch ins Ohr: Wir müssen leise sein.
Sie versucht, ihm zuzustimmen, aber sie kann nicht. Ihr Brustkorb zieht sich in Krämpfen zusammen, ihr Mund verzerrt sich.
Nein, weint doch nicht, bittet er. Es ist nicht schön, wenn Ihr weint. Ich werde gut zu Euch sein. Ihr werdet glauben, es sei Euer Mann, der Euch den Hof macht.
Jetzt schluchzt sie, sie kann es nicht mehr zurückhalten, dann spürt sie erneut seine Hand auf ihrem Mund. Ihre Blicke treffen sich. Die Spitze seines Gliedes streift ihren Bauch, sie spürt, wie warm es ist und wie sehr es von der Sehnsucht erfüllt ist, in sie einzudringen. Er langt nach unten und zwingt ihre Beine auseinander. Dann rammt er seinen Daumen in die Hautfalte neben ihrem Geschlecht, sodass sie zappelnd ihre Beine durchstreckt. Sie sieht, wie ein Zittern durch seine Muskeln an Brust und Schultern fährt.
Ich hatte nie eine richtige Freundin, sagt er, eine Geliebte, meine ich. Meistens war es eher ein: Bück dich und zieh deinen Rock hoch, Weib! Das hier, das ist ganz anders. Ihr müsst wissen, dass ich sehr dankbar bin.
Sie spürt, wie sein Glied versucht, in sie einzudringen, doch sie ist trocken, will ihn nicht hereinlassen. Dann sind seine fragenden, etwas schwermütigen Augen wieder da. Sie sieht, dass er ratlos ist. Mit einem Mal hellt sich seine Miene auf, er dreht sich um, streckt sich zum Tisch und ergreift ein Holzgefäß. Sie begreift, dass es ein Butterfass ist, sie kann die ranzige Butter riechen, als er den Deckel aufhebelt. Er kratzt eine Handvoll des Inhalts heraus und verteilt ihn erst auf seinem, dann auf ihrem Geschlecht. Sie schnappt nach Luft.
Ja, jetzt seid Ihr geschmeidig wie ein Honigkrug, süße Madame.
Sie stöhnt, als der Schmied in sie hineingleitet, sie beißt die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, und dreht den Kopf zur Seite, spürt, wie der Schmied sie auf den Boden presst und noch mehr Eisenspäne in ihren Rücken dringen. Jetzt beginnt er, sich zu bewegen, und sie fühlt, wie das letzte Hindernis in der Scheide nachgibt, das Glied freien Lauf hat, wie sich ihr Inneres verräterisch wohlwollend öffnet und sich der Form des Schmiedes anpasst. Er packt sie an den Fußknöcheln, biegt ihre Beine nach oben, wodurch sie noch mehr auf den Fußboden und in die scharfen Späne gepresst wird, drückt sie wie in einem Schraubstock gegen den Boden und wirft seinen Kopf zurück. Aber sie kann es nicht lassen, ihn anzusehen, und sie sieht, wie er den letzten Rest Bewusstsein für das verliert, was er gerade tut, wie er mit seiner Handlung eins wird, während sie zur selben Zeit eins wird mit ihrem Schmerz. Und dann ist er derjenige, der schreit. Sie selbst beißt noch immer die Zähne zusammen und gibt keinen Mucks von sich.

Es ist dunkel, als er ihre Fesseln löst. Sie kann nicht aus eigener Kraft aufstehen, sondern ist gezwungen, sich zu recken und die Hand zu ergreifen, die er ihr reicht. Stück für Stück gibt er ihr ihre Kleidung, und sie zieht sie an. Sie spürt, dass die Eisenspäne ihren Rücken in eine einzige große Wunde verwandelt haben, aber er schmerzt kaum, ist lediglich brennend heiß. Der Schmied bemerkt die Verletzung auch.
Betupft die Wunden mit dem Branntwein Eures Mannes, rät er.
Sie überlegt, ob er scherzt. Aber sie begnügt sich damit, das Damastkleid und die Stiefel anzuziehen. Die übrige Kleidung trägt der Schmied für sie, als er sie zurück ins Koloniehaus begleitet. Hier überreicht er ihr das Bündel, und sie reißt es an sich. Einen Augenblick stehen sie sich gegenüber und sehen einander an. Der Schmied hat die Mütze vom Kopf genommen. Barhäuptig steht er vor ihr und presst die Kopfbedeckung an seine Brust.
Die Madame soll deswegen nicht traurig sein, sagt er ernst. Keine Frau hat sich je etwas daraus gemacht. Es ist zu schmerzhaft für sie, das sagte schon unser alter Pfarrer. Ich weiß nur zu gut, dass Frauen nicht liederlich sind, so ist es eben. Gute Nacht, Madame Kragstedt.

Am Abend kommt das Mädchen, schweigend und wissend. Mit einer Pinzette zieht es ihr die Eisenspäne aus dem Rücken, reinigt ihre Wunden und verbindet sie, was fast die ganze Nacht in Anspruch nimmt. Das Mädchen verspricht, ihrem Mann nichts zu sagen, wenn er zurückkehrt.
Schlaf heute Nacht bei mir, bittet Haldora.
Sie gehen in die Schlafkammer und schmiegen sich unter der Decke aneinander. Das Mädchen riecht merkwürdig, und Haldora streift der Gedanke, dass es Läuse ins Bett bringen könnte, aber es ist ihr gleich. Sie schmiegt sich an die junge Frau und schläft ein, die Arme um sie geschlungen.

Einige Tage darauf geht sie zum ersten Mal seit der Begegnung mit dem Schmied hinaus und entdeckt, dass das Holzgatter vor dem Kohlgarten gegen ein schmiedeeisernes Tor aus- getauscht wurde. Es ist perfekt, das Muster ist so, wie es sein soll, und alle Buchstaben sind an ihrem Platz. Semper felix. Immer glücklich. Der Wahlspruch ihrer Familie. Sie öffnet das Tor und betritt den Kohlgarten. Dann fällt sie auf die Knie. Überall in dem kleinen Viereck sind grüne Keime aus der schwarzen Erde gesprossen.

13:06 01.05.2014

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