Emotionale Achterbahn

Leseprobe "Ich kann mich nicht genau erinnern, an welchem Tag ich beschlossen habe, Deutsche zu werden. Nur so viel: Die elf Monate, die meiner Einbürgerungsfeier vorausgingen, waren eine emotionale Achterbahnfahrt."
Emotionale Achterbahn

Foto: Sean Gallup/Getty Images

BREXIT MEANS BREXIT

MEIN ENTSCHLUSS, DEUTSCHE ZU WERDEN

Aus den kleinen Lautsprechern eines CD-Players, den ein Beamter mit einem deutlich hörbaren Klacken angestellt hat, tönt die blechern klingende Orchesterbegleitung zur deutschen Nationalhymne. Es gibt kein musikalisches Vorspiel, sodass wir alle ein wenig überrumpelt sind und zu spät zu singen beginnen, was einige nervös in ihre Notenblätter kichern lässt. Als wir bei »Blüh« von »Blüh im Glanze dieses Glückes« ankommen, treffe ich das hohe E nicht, obwohl ich eigentlich ein ganz annehmbarer Sopran bin. Vermutlich auch bei mir: die Nerven. Oder die trockene Luft in dem voll besetzten Raum. »Also bitte«, sage ich mir, »jetzt zeig dich der Situation gewachsen!« Zu meiner Erleichterung schaffe ich das E beim zweiten Mal – aber auch da nur mit Hängen und Würgen.

Trotzdem erscheint mir diese musikalische Hürde nach allen, die ich und die circa 20 im Rathaus versammelten Menschen schon gemeistert haben, noch als die niedrigste. Der Weg zur deutschen Staatsangehörigkeit war lang. Dennoch bin ich sicherlich nicht die Einzige im Raum, die an diesem Tag im Mai 2017 dankbar dafür ist, dass niemand von uns erwartet, den Text auswendig zu können – als einen weiteren Test, um zu beweisen, wie ernst es uns damit ist, treue deutsche Staatsbürger zu werden. Als wir zum Ende kommen – nach zwei Strophen werden wir von unserer Qual erlöst – und man uns ein Glas Sekt in die Hand drückt, macht sich im Raum spürbare Erleichterung breit.

Ich kann mich nicht genau erinnern, an welchem Tag ich beschlossen habe, Deutsche zu werden. Nur so viel: Die elf Monate, die meiner Einbürgerungsfeier vorausgingen, waren eine emotionale Achterbahnfahrt. Der Schock darüber, dass eine hauchdünne Mehrheit der Wähler für den Austritt meines Geburtslands Großbritannien aus der Europäischen Union gestimmt hatte, sitzt auch fast drei Jahre nach dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 noch tief.

Und trotzdem war meine Entscheidung definitiv ein schleichender Prozess und kein Heureka-Moment. Auf jeden Fall war es für mich mit ambivalenten Gefühlen verbunden, etwas zu tun, was ich mir nie hätte träumen lassen und wozu ich nie Anlass gehabt hätte, wären da nicht eine Handvoll Politiker gewesen, die ein Referendum für angezeigt hielten, um – so formulierte es der damalige Premierminister David Cameron – einen Strich unter ein Thema zu ziehen, das seit Jahrzehnten wie ein Damoklesschwert über der britischen Politik hing.

Ich will damit nicht sagen, ich sei gezwungen worden, Deutsche zu werden, so, als wäre das etwas Unerquickliches oder etwas, das ich per se nur widerwillig tat. Sicher nicht. Ich habe Deutschland über die Jahre immer mehr schätzen gelernt. Erst war es die Sprache, die ich mit 13 zu lernen begann. Dann kamen die politischen Ereignisse der späten 1980er-Jahre in Deutschland und in Zentral- und Osteuropa hinzu, die im Fall der Berliner Mauer gipfelten und meine Weltsicht im gro- ßen Maßstab neu justierten. Schließlich, in den frühen 1990er-Jahren, meine Zeit als Studentin im frisch wiedervereinigten Berlin, wohin ich dann später als Auslandskorrespondentin zurückkehren sollte – eine Aufgabe, die sich bis heute wie ein großes Privileg anfühlt.

In den vergangenen Jahren waren es meine Familie, meine beiden Kinder und mein Mann (die alle hier geboren sind und damit viel tiefer in Deutschland verwurzelt sind als ich), die mich eng und nach- haltig an dieses Land, seine Sprache, seine Kultur und sein Erbe gebunden haben. Aber an jenem kühlen Maitag im Rathaus plötzlich zu realisieren, dass ich und all die Menschen, mit denen ich hier zusam-menstand – Menschen aus Vietnam, aus der Mongolei, aus Armenien, aus dem Irak und aus Syrien, um nur einige der anwesenden Nationalitäten zu nennen –, jetzt Deutsche waren, fühlte sich, nun ja, mehr als nur ein kleines bisschen absurd an.

Das Referendum hat sich an die meisten von uns herangeschlichen wie ein hinterhältiges Biest. Als es zum Angriff überging und zuschlug, waren ich und die meisten meiner Freunde und Kollegen komplett überrascht. Am Tag der Abstimmung war eine tschechisch-britische Freundin bei mir zu Besuch und wir hatten uns eine Flasche Champagner besorgt, um das erwartete Scheitern des Referendums zu feiern, die endgültige – oder hoffentlich zumindest für eine Generation Bestand habende – Beerdigung einer wahnwitzigen Idee.

Am 23. Juni gingen wir zu einer sehr vernünftigen Uhrzeit ins Bett. Und weil die Zahlen nur langsam eintröpfelten, das Endergebnis noch lange nicht feststand und zudem eine Hitzewelle drohend anrollte, stand die Flasche noch im Kühlschrank. Nach einer unruhigen Nacht wachte ich am nächsten Morgen um Viertel vor sechs auf und hörte in den Nachrichten, dass das Leave-Lager die Mehrheit und damit das Brexit-Referendum gewonnen hatte.

Es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube, und meine Freundin Lenka und ich verbrachten den Tag damit, den Schock zu verarbeiten. Es fühlte sich an, als müssten wir die Nachricht von einem schweren Unfall verdauen. Wie nach 9/11 oder beim Tod von Prinzessin Diana werde ich nie vergessen, wo ich war, als ich es erfuhr.

Der 24. Juni war über 30 Grad warm, und die Kita meiner Kinder gab hitzefrei. Also ging ich mit ihnen und meiner Freundin in den nahe gelegenen Park ins Strandbad. Doch auf Lenka und mir lastete an jenem Tag weniger die drückende Hitze als das bleierne Gewicht der Nachricht, dass Großbritannien tatsächlich für den EU-Austritt gestimmt hatte. Am Morgen hatten wir gemeinsam geweint, Camerons Rücktrittsrede im Fernsehen gesehen und dann den Kinderanhänger bepackt, um in Richtung Park aufzubrechen. Meine Kinder waren fasziniert von unseren Gefühlsausbrüchen – gut möglich, dass sie mich vorher noch nie hatten weinen sehen. »Mama, hast du ein Aua?«, fragte mein zweieinhalbjähriger Sohn. »Wohin geht England denn, wenn es jetzt Europa verlässt?«, wollte meine fünfjährige Tochter wissen. »Können wir Oma und Opa immer noch besuchen?«

Im Park legte ich meinen Sohn, von der Hitze derart erschöpft, dass er eingeschlafen war, in einen Strandkorb, setzte mich neben ihn und schrieb eine Kolumne über den Brexit, die eine Berliner Tageszeitung am Vormittag bei mir in Auftrag gegeben hatte. Schon immer war der Strandkorb für mich der beste Ausdruck des unübersetzbaren deutschen Begriffs »Gemütlichkeit«: eine sichere Kapsel, die dich vor den Elementen und jedweder ungewollten Störung schützt. Nichts kommt dem Gefühl, wieder im Kinderwagen zu liegen, näher, und an jenem Tag fühlte es sich besonders passend an, sich an einen solchen Ort zurückzuziehen.

Ich saß also dort und schrieb, als nicht lange nach unserer Ankunft ein lautes Knarzen, ähnlich einer alten verrosteten Türangel, die friedliche Ruhe zerriss. Als ich aufblickte, sah ich gerade noch, wie eine 15 Meter hohe Trauerweide wenige Meter von uns entfernt in den Sand stürzte.

Ich war mehr als erleichtert, als ich meine Tochter und Lenka ein Stück entfernt fröhlich spielen sah. Sie hatten das dramatische Ereignis kaum wahrgenommen und schauten nun verdutzt auf. Wie durch ein Wunder war niemand verletzt worden – nur eine Britin hatte ein paar leichte Kratzer im Gesicht von einem Ast abbekommen, der auf ihre Plastik-Strandliege gefallen war. Die Frau gehörte zu einer Gruppe aus Lincolnshire in Ostengland, die für ein langes Frauenwochenende in Berlin war. »Alles in Ordnung?«, rief der Bademeister nervös und lief herbei, um den Schaden in Augenschein zu nehmen.

»Das war die Strafe dafür, dass wir aus der EU austreten!«, meinte eine der Frauen lakonisch, mit der Schnelligkeit einer Stand-up-Komikerin, wobei sie allerdings, halb lachend, halb weinend, vor Schreck am ganzen Körper zitterte. »God bless you!«, war der einzige englische Satz, den der braun gebrannte Bademeister aufzubieten hatte, bevor er die Frau onkelhaft in die Arme schloss, eine Umarmung, die keiner weiteren Worte bedurfte. Dennoch beeilte sich die Frau zu erklären, sie sei keine von denen, die für den Austritt gestimmt hatten. Und erneut traten mir die Tränen in die Augen.

Dass der Baum genau in dem Moment zu Boden stürzte, in dem Lenka, die Frauen und ich ohnehin längst ein Gefühl banger Vorahnung hatten, schien mir eine passende Fügung zu sein, geradezu armageddonhaft, betont noch durch den halb ernst gemeinten Witz der Frau, mit dem sie die Schuld an der Beinahe-Katastrophe von sich wies. Ich mochte ihren Humor und dachte: Das ist es tatsächlich, was Briten in ausweglosen Situationen am besten können – sie versuchen, sich gegenseitig zum Lachen zu bringen, um die Spannung zu lösen. Die Ungläubigkeit, die uns nach dem Referendum mit offenen Mündern zurückgelassen hatte, und der umstürzende Baum waren einander in ihrer Intensität ebenbürtig in diesem Moment. Den Referendumsschock allerdings habe ich bis heute nicht verdaut.

Während ich mich noch mit den Frauen aus Lincolnshire unterhielt, kamen schon die Mitarbeiter des Grünflächenamts, und wie sie die Überreste des Baums in ihre Einzelteile zersägten und abtransportierten, waren wir alle gleichzeitig erleichtert und amüsiert darüber, dass sie dem Ruf der deutschen Effizienz und Verlässlichkeit so schön und vor aller Augen gerecht wurden. Heute ist von der Weide nur noch ein Stumpf übrig, der mahnend aus der Wiese ragt und mich jedes Mal, wenn ich das Strandbad besuche, an die surreale Atmosphäre jenes Tages erinnert.

Ich möchte die Bedeutsamkeit dieses skurrilen Erlebnisses nicht überstrapazieren. Doch rückblickend steht der Bademeister für mich stellvertretend für den tröstenden Deutschen – für all die vielen Deutschen, die Briten wie mich, die in der EU hatten bleiben wollen, aufmunterten. Ich glaube sogar, die Deutschen standen oft noch stärker unter Schock als viele Briten, und viele haben mich gar gefragt, was sie denn nun unternehmen könnten, um das Wahlergebnis vielleicht doch noch rückgängig zu machen.

Als ich mich an jenem Tag nach dem Referendum mit den Frauen im Park unterhielt, stellte ich fest, dass ich mein eigenes Land nicht wiedererkannte. Ich fühlte mich verraten. Nicht zuletzt wegen der tiefen Gräben, die sich innerhalb meiner Familie in Großbritannien auftaten, Gräben, die wir zu ignorieren versuchten, die aber trotzdem wie ein Schatten auf fast allen unseren Gesprächen lagen. All das war, wie ein Freund sagte, in der Tat »ein sehr britischer Selbstmord ... ohne Menschenmengen auf der Straße, ohne besetzte Plätze«.

Die anschließenden Wochen wurden beherrscht von einer enormen emotionalen Aufwallung. Gleichzeitig setzte bei mir aber auch ein gewisser Pragmatismus ein. Ich wusste, dass ich mich zusammenreißen musste. Wie überaus britisch, mag man da denken. Aber mir kam dieser Pragmatismus sehr gelegen, und ich war dankbar für die rationale Stimme, die mir im Sommer 2016, als ich gerade über meiner wenig geliebten Steuererklärung brütete, zuflüsterte: »Jetzt bist du schon in bürokratischer Stimmung«, was nicht gerade meiner natürlichen Verfasstheit entspricht, »da kannst du nach der Steuererklärung auch gleich noch den Antrag auf die deutsche Staatsangehörigkeit stellen.«

Ich empfand diese Idee als tröstlich, nicht zuletzt deshalb, weil ich das Gefühl hatte, sie half mir aus dem Selbstmitleid und den trübsinnigen Gedanken heraus, die mich zu verschlingen drohten. Der beste Ausdruck, der mir dafür einfiel, war ein deutscher: die Flucht nach vorne antreten. Auf Englisch: taking the bull by the horns.

Zeitdruck entstand lediglich dadurch, dass ich wusste, ich würde meinen Antrag vor dem geplanten Brexit im März 2019 einreichen müssen, denn ob es danach noch möglich sein würde, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen und gleichzeitig den britischen Pass zu behalten, war ungewiss – und das ist es bis heute.Luxusprobleme, könnte man sagen. Aber ich hatte mir diese Regeln nicht ausgedacht.

Ich hatte dieses Referendum nicht gewollt. Warum sollte ich mich damit abfinden, dass man mir den Boden unter den Füßen wegzog – und mit ihm meine Identität? Don’t let the buggers get you down, sagt man auf Englisch zur Aufmunterung in schwierigen Zeiten – »lass dich von den Mistkerlen nicht unterkriegen«. Ich sollte mich nicht entscheiden müssen, ob ich Britin sein wollte oder Deutsche. Also war ich entschlossen, alles Notwendige zu unternehmen, um mir nicht von Politikern vorschreiben zu lassen, wie meine Zukunft auszusehen hatte.

ERSTE SCHRITTE

Schon im Sommer 2016, nur wenige Wochen nach dem Referendum, hatte ich meinen ersten Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. »Als ob die hier nicht genug zu tun haben, auch ohne Fälle wie mich, Begleiterscheinungen von nationalen britischen Querelen«, dachte ich fast schuldbewusst, als ich mich neben Irakern, Syrern, Afghanen und Marokkanern in die Schlange einreihte und mich ziemlich klein fühlte. Dort wartete ich also, um mit einem Verwaltungsbeamten zu sprechen, der mir sagen würde, welche Anforderungen ich genau zu erfüllen hatte.

Als Korrespondentin für meine Zeitung, den britischen Guardian, hatte ich im dramatischen Sommer 2015 über die schwindelerregenden Tage der Flüchtlingskrise berichtet und schon damals Stunden in den Amtsstuben des BAMF in Berlin und Bayern verbracht. Ich war sogar kurz bei der Freiwilligeninitiative dabei gewesen, die Flüchtlinge in unserer Nachbarschaft in Empfang genommen hatte. Ich hatte Essen ausgegeben, Bettwäsche ausgepackt und Menschen erste Brocken Deutsch beigebracht. Es war das erste Mal gewesen, dass ich sowohl Berichterstatterin als auch persönlich in (mangels eines besseren Begriffs) die Geschichte involviert war.

Und jetzt stand ich hier, als Teil der Schlange, und war erneut und unfreiwillig so etwas wie ein Teil dieser Geschichte. Was mir unangenehm war und mich demütig werden ließ. Denn mein Unglück bestand natürlich nicht darin, in Krieg oder Armut gefangen zu sein wie die meisten um mich herum, sondern darin, Bauernopfer geworden zu sein im politischen Schachern anderer – so zumindest nahm ich es wahr.

Gleichzeitig fühlte ich mich, als stellte ich mich an für einen Fahrschein, der meine Sicherheit garantieren würde. Mein eigenes Land erschien mir wie ein Schiff, das geradewegs auf einen unberechenbaren Sturm zusteuerte. Was ich hier nun tat, würde mir einen Platz auf dem Rettungsboot garantieren, falls es notwendig werden sollte, von Bord zu gehen. Beziehungsweise bedeutete es sogar, dass ich die Füße schon auf festem Land haben würde, bevor die Katastrophe eintrat. Die deutsche Staatsangehörigkeit war meine Versicherungspolice. Die Kosten dafür – 250 Euro, der Großteil im Vorfeld zu entrichten, der Rest fällig mit Erhalt der Bestätigung, dass meinem Antrag stattgegeben wurde – erschienen mir mehr als erschwinglich (vor allem wenn man bedenkt, dass die britische Staatsangehörigkeit schwindelerregende 1282 Pfund kostet).

Sollte es für den Antrag auf die deutsche Staatsangehörigkeit hilfreich oder nötig sein, war ich auch darauf vorbereitet, Rilkes Herbsttag, mein deutsches Lieblingsgedicht, oder Auszüge aus Schillers Glocke aufzusagen oder sogar Freude, schöner Götterfunken vorzusingen. So hatte ich es mir morgens am Frühstückstisch überlegt. Stattdessen aber händigte man mir in einem nüchternen einstündigen Gespräch in einem überheizten Zimmer eine ellenlange Liste aus, auf der alle Unterlagen aufgeführt waren, die ich noch beizubringen hatte, sollte ich es mit meinem Antrag ernst meinen. Hinzu kamen diverse andere Aufgaben, die zu erledigen waren, bevor ich mich wieder bei der Sachbearbeiterin melden durfte, um dann über den Stand meines Antrags unterrichtet zu werden.

Zu den fehlenden Unterlagen gehörte unter anderem die sogenannte Loyalitätserklärung, die ich lesen und unterschreiben sollte, zu den Aufgaben ein einfacher Sprachtest (mein Abschluss im Fach Deutsch an einer britischen Universität sei nicht ausreichend, teilte man mir mit), ein Einbürgerungstest sowie die entsprechenden Zertifikate, die belegten, dass ich diese Tests bestanden hatte. Außerdem musste ich noch mindestens 20 weitere Dokumente einreichen, die meisten davon Nachweise darüber, dass ich dem deutschen Staat nicht auf der Tasche liegen würde. So langsam schwante mir, worauf ich mich da eingelassen hatte.

Nur wenige hatten damals mein ungläubiges Entsetzen nachvollziehen können, als die erste Post, die meine Kinder wenige Tage nach ihrer Geburt in Deutschland bekamen, ihre Steuernummer enthielt. Ich hatte nicht viel Verständnis für diese meiner Ansicht nach recht kaltherzige Geste. Und da stand ich nun und entschied mich aktiv und freiwillig, die bürokratische Büchse der Pandora weiter zu öffnen – und damit garantiert bis an mein Lebensende weitere Mitteilungen dieser Art zu erhalten.

Gleichzeitig begann ich zu verstehen, dass von mir als Deutsche erwartet wurde, diesen Aspekt des Lebens mit offenen Armen willkommen zu heißen oder ihm zumindest klaglos zu begegnen. Es hat mich im Laufe der Jahre wiederholt in Erstaunen versetzt, dass sich kaum ein Deutscher je über die Stunden und Stunden beschwerte, die er mit dem Ausfüllen von Formularen, dem Ziehen von Wartenummern und dem physischen Aufsuchen von Behörden verbringen musste, um sich irgendwo an-, ab- oder umzumelden. Stattdessen scheinen die meisten all das mit einem hohen Grad an, so sagt mein Mann, »buddhistischer Gelassenheit« als selbstverständlichen Teil des Lebens zu akzeptieren.

Den Anweisungen der BAMF-Sachbearbeiterin folgend verbrachte ich meine Freizeit in den kommenden Wochen damit, einen B1-Deutschtest zu absolvieren, mich einem 33-Fragen-Multiple-Choice-Test zu deutscher Geschichte und Gesellschaft zu stellen und sämtliche verlangten Dokumente beizubringen, angefangen bei Geburtsurkunden – die meinige und die meiner Kinder – über Steuerbescheide, die belegten, dass ich schuldenfrei war, bis hin zu Arbeitsverträgen, Kontoauszügen, Heiratsurkunden und vielem mehr.

Als ich zum Einbürgerungstest kam, lief ich meiner Freundin Louise über den Weg, die als Englischlehrerin an einer Berliner Schule arbeitet. Es war ein freudiges Zusammentreffen, ganz so, als ob wir uns am Kartenschalter begegneten und erfuhren, dass wir beide einen Platz auf demselben Dampfer in Aussicht hatten, der uns in Sicherheit bringen sollte. Dass wir uns dort trafen, war für mich zugleich eine Bestätigung, dass mein Schritt keine Überreaktion war, sondern auch anderen Briten plausibel erschien. Und zwar nicht nur einzelnen, sondern ganzen Scharen, wie ich bald feststellen sollte.

An einem Sommerabend kurz nach dem Referendum hatten Louise und ich bei einem Glas Wein zusammengesessen und uns über nichts anderes als den Brexit unterhalten. In aller Breite hatten wir darüber gesprochen, wie sehr es uns aufregte, dass Freundschaften und Familienbeziehungen wegen abweichender Ansichten zum Brexit zunehmend unter Spannung gerieten. Wir hatten über das Abenteuer gesprochen, auf das wir uns eingelassen hatten, und darüber, ob man uns eventuell nicht als Deutsche anerkennen würde.

Und jetzt absolvierten wir den Einbürgerungstest. Von 17 Prüflingen im Raum kamen fünf aus Großbritannien. Alle lebten schon lange in Deutschland, die meisten hatten, so wie ich, deutsche Partner und Kinder. »So viele Briten hatte ich noch nie«, meinte die Dame, die die Aufsicht führte. »Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie alle wegen des Brexits hier sind?« Wir antworteten mit einem einhelligen »Ja«, in den meisten Fällen begleitet von einem peinlich berührten schiefen Grinsen. »Ja, ich fürchte, ich komme aus Brexitland«, kam es von Ed, der seit 27 Jahren in Deutschland lebte und den Kopf theatralisch beschämt in den Händen barg. Die Aufsichtsdame nickte mit hochgezogenen Augenbrauen, als sei sie überrascht von dieser Erkenntnis und zugleich stolz darauf, persönlich Zeugin der Weltgeschichte zu werden.

Ich empfand Eds Reaktion als angemessen. Wir waren uns einig:

Man konnte sich nur noch winden und den Hintern zusammenkneifen. Bei dem Gedanken daran, was uns in diesen Raum verschlagen hatte, drehte sich einem der Magen um. Wie schnell es in Großbritannien zur Normalität geworden war, darüber zu diskutieren, ob es rechtens sei, bei Geflüchteten Zahnuntersuchungen vorzunehmen, damit sie keine falschen Angaben über ihr Alter machten. Wie alltäglich es geworden war, von Brandbomben-Attentaten auf polnische Geschäfte zu hören oder von Autos mit ausländischen Nummernschildern, denen regelmäßig die Reifen zerstochen wurden. Die Post-Brexit-Atmosphäre in Großbritannien war beschämend.

Den Ankreuz-Einbürgerungstest bestand ich mit voller Punktzahl. Auch wenn mir jedes andere Ergebnis nach all den Jahren, die ich in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte, speziell als Journalistin, wie blankes Versagen vorgekommen wäre, war ich doch erleichtert, dass es sich ausgezahlt hatte, den Stoff vorher zu pauken.

Unter den eher obskureren Fragen gab es eine zum Briefgeheimnis, das mir in all meinen Jahren in Deutschland noch nie begegnet war, eine andere drehte sich um in der DDR lebende Ausländer (»In der DDR lebten vor allem Migranten aus ...?«). Ich erfuhr: Die Mehrheit kam aus Vietnam, Polen und Mosambik. Wie bei vielen der anderen Fragen auch, fragte ich mich, wie viele »echte Deutsche« wohl die Antwort wüssten. Diverse Freunde bestätigten meine Zweifel und konnten einige der Fragen, als ich sie ihnen später stellte, tatsächlich nicht korrekt beantworten. Bei uns sind diese Fragen mittlerweile zu einem beliebten Dinner-Quiz geworden, das wir spielen, wann immer Briten und Deutsche zusammenkommen.

Den Sprachtest legte ich ein paar Monate später ab, im September 2016: eine ganztägige Angelegenheit, für die ich mir freinehmen musste und die darin gipfelte, dass der bereits erwähnte Ed aus Essex und ich mündlich unsere Deutschkenntnisse unter Beweis stellen sollten, indem wir vor den Prüfern ein Gespräch über Internetshopping führten. Wir fanden die Situation überaus komisch, zwei Briten, die etwas anderes miteinander sprachen als Englisch. Wir mussten an uns halten, um nicht ständig zu kichern. Dass man in Berlin zwei Deutsche englisch miteinander sprechen hört, ist nicht ungewöhnlich, doch Briten kommen eher selten in die Verlegenheit, in einer Fremdsprache miteinander kommunizieren zu müssen – oder zu dürfen.

Die Absurdität der Situation wurde noch dadurch gesteigert, dass wir beide fließend Deutsch sprachen (das sollten wir auch nach all der Zeit, die wir hier sind) und einen Test absolvierten, der deutlich unter unseren Fähigkeiten lag. Die überraschten Gesichter der beiden Prüfer, die ein einfaches B1-Niveau erwartet hatten, waren unbezahlbar. Anfänglich waren die beiden noch steif und offiziell, doch schon bald klopften wir uns vor Lachen auf die Schenkel; ein willkommener Heiterkeitsausbruch, wie ein Dampfablassen, ein Ausdruck dafür, wie absurd es letztlich war, dass wir neben all den deutlich würdigeren Fällen aus der Ukraine, aus Somalia und Syrien überhaupt im diesem Raum saßen, Nigel Farage, diesem Idioten, und seinen unerfüllbaren Versprechungen sei Dank.

Am Ende hatten wir zwei Brexit-Vertriebene einander durch die letzte Prüfung des Tages hindurchgeholfen. Ed und ich beschlossen, in Kontakt zu bleiben. »Seltsame Situation«, schrieb er später in einer SMS. »Ein Gefühl wie ›Alle Mann in die Rettungsboote‹!« Da war sie wieder, diese Seefahrermetapher.

13:21 14.03.2019

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