Kein Spaß

Leseprobe "Das illegale Fischen in der Antarktis ist eines der lukrativsten Geschäfte der Fischwilderei und Hammarstedt hat die Mannschaft darauf vorbereitet, dass die Piraten zur Waffe greifen könnten."
Kein Spaß
Foto: Koichi Kamoshida/Getty Images

DER PIRAT

April 2016

Der Regen peitscht gegen die großen Fensterscheiben des Flughafengebäudes. Er steht in der Ankunftshalle und hält ein Schild mit unseren Namen hoch, als würden wir zu einer Konferenz oder einer Safari abgeholt. Er habe seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, sagt er.

Nichts unterscheidet ihn von den Taxifahrern, die sich in die kleine Gruppe der Flugpassagiere drängen. Den Namen der Provinzstadt, in der wir eben gelandet sind, sollen wir, so seine Bitte, nicht verraten.

»Wer hat euch meine Telefonnummer gegeben?«, will er auf dem Weg hinaus zu dem wartenden Auto immer wieder wissen. Er befürchtet eine Falle, befürchtet, dass mit unserer Ankunft die Vergangenheit ans Tageslicht kommen werde.

»Diese Typen sind imstande zu töten, nur um ihre Namen und ihren Gewinn zu retten.«

Der einzige Grund, warum er sich mit uns treffen wollte, ist die Gier, die gleiche Gier, die ihn antrieb, wieder und wieder mit dem Schiff ins Südpolarmeer zu fahren. Dafür, dass er uns seine Geschichte erzählt, verlangt er eine stolze Summe Geld sowie die Zusicherung, dass wir weder ihn noch die Stadt, das Land oder den Kontinent, auf dem wir uns treffen, namentlich nennen.

Jeden Morgen kommt er pflichtschuldigst zum Hotel getrottet, zählt Namen und Orte auf, bemüht sich, die Beutezüge auseinanderzuhalten, versucht sich an Details zu erinnern, die im Strom der Vergangenheit verschwunden sind. Er ist weder redegewandt noch sonderlich genau. Manchmal sind die Geschichten wie kräftige Wellen, die sich plötzlich brechen – um träge am Ufer zu verebben.

Sobald er mit seiner Geschichte zu Ende ist, hetzt er davon zu einem Job, von dem er lebt, seit er gezwungen wurde, die Thunder zu verlassen und an Land zu gehen. Seine einzigen Freunde scheinen einige Nachbarshunde und ein kleiner Neffe zu sein.

Als er damals in Malaysia auf der Thunder anmusterte, wurde das Schiff bereits seit einem Jahr von Interpol gesucht. Im Beiboot, das ihn in der Dunkelheit vom Land zum Ankerplatz der Thunder brachte, hatte er das ungute Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren würde.

THE BANDIT 6

Hobart, Tasmanien, Dezember 2014

 Von Hobart aus nimmt Kapitän Peter Hammarstedt am Nachmittag des 3. Dezember 2014 Kurs auf das »Schattenland«, den Ort, der auf keiner Karte verzeichnet ist. Er steuert die MY Bob Barker den Derwent River hinunter hin zur launischen Storm Bay und in einer fünfzehntägigen Seefahrt weiter in die abgeschiedene Hölle mit den schlimmsten Winden und den höchsten Wellen der Weltmeere.

Er ist unterwegs ins Nirgendwo. Dort soll er eine Operation der Mafia knacken. Kaum jemand glaubt an einen Erfolg.

Die jungenhafte Frisur und der struppige Bartwuchs lassen den schwedisch-amerikanischen Kapitän jünger wirken als seine 30 Jahre. Trotz seines jugendlichen Alters ist er bereits ein Veteran in der militanten Umweltorganisation Sea Shepherd. Das Ziel ist eine Flotte von Schiffen, die illegal Antarktisdorsch fischt, eine Delikatesse aus der Tiefsee, die genauso viel Profit abwirft wie Drogenhandel oder Menschenschmuggel. Die Trawler operieren in einem so extremen und unzugänglichen Gebiet, dass die Chance, sie zu entdecken, verschwindend gering ist. Spürt Hammarstedt die Schiffe auf, will er sie aus dem Südpolarmeer vertreiben, ihr Fischereiequipment vernichten und die Besatzung an die Küstenwache oder Hafenverwaltung ausliefern.

Vor seinem Auslaufen aus Hobart, der Hauptstadt von Tasmanien, hat sich Hammarstedt eingehend mit dem Objekt seiner Jagd beschäftigt, hat die Karten mit Positionen studiert, an denen die Flotte illegaler Fischerboote schon früher von Forschungsschiffen und Aufklärungsflugzeugen gesichtet wurde. Er versucht, sich in die Fischer hinein zu versetzen, prüft die Unterwassertopographie und die Bänke, wo der Antarktisdorsch in großer Konzentration vorkommen könnte. Im Rossmeer, das sich wie eine Bucht in die Antarktis erstreckt, gibt es eine Reihe legaler Fischereifahrzeuge. Außerdem wird das Gebiet regelmäßig von Marineschiffen besucht, was es unwahrscheinlich macht, dort die Flotte der Fischwilderer zu finden. Er beschließt stattdessen, Kurs auf die Banzare-Bank zu nehmen – ein Unterwasserplateau, das aus der antarktischen Tiefsee aufragt. Hammarstedt nennt dieses Gebiet Shadowland, das Schattenland. Mit diesem Namen, den er selbst geprägt hat, ist er sehr zufrieden. Das hört sich taff an, fast wie aus Pulp Fiction. Für die Fahrt dorthin wird er zwei Wochen benötigen. Dort will er seine Jagd starten.

Als die Bob Barker nicht mehr weit entfernt vom 60. Breitengrad und der nördlichen Grenze des Südpolarmeeres ist, beginnt er die 31-köpfige Besatzung zu schulen. In den »Heulenden Sechzigern« kann sich die klarblaue Wasseroberfläche ohne Vorwarnung in tiefgrün dahinjagende Wasserwände verwandeln und die Orkane sind so häufig, dass sie nie einen Namen bekommen. Die Besatzung aus Freiwilligen übt das Mann-über-Bord-Manöver, die Evakuierung, die Konfrontationstaktik und die Verwendung von Schilden in den Beibooten.

Als sich Hammarstedt einst mit japanischen Walfängern auf einen Nahkampf einließ, stieß er auf aggressiven Widerstand, aber er wusste, dass sie es nicht riskieren würden, Menschenleben zu gefährden. Bei der Flotte der Fischwilderer hingegen ist nicht vorhersehbar, was er zu erwarten hat. Das illegale Fischen in der Antarktis ist eines der lukrativsten Geschäfte der Fischwilderei und Hammarstedt hat die Mannschaft darauf vorbereitet, dass die Piraten zur Waffe greifen könnten.

An der Steuerbordseite der Brücke hat er ein laminiertes Pl kat in A4-Format angebracht. »Wanted – Rogue toothfish poaching vessels – The Bandit 6« (Gesucht – unerlaubt Antarktisdorsch fischende Schiffe – die Bandit 6) steht in blutroter Schrift auf sandbraunem Grund geschrieben. Die Schiffe, nach denen gefahndet wird, heißen Thunder, Viking, Kunlun, Yongding, Songhua und Perlon – eine verkommene Flotte von Fangschiffen, die seit Jahrzehnten den wertvollen Bestand an Antarktisdorsch plündert. Alle stehen auf der schwarzen Liste der CCAMLR, der Organisation, die sich um das Fischen in den internationalen Fanggründen rund um die Antarktis kümmert.

Die 64 Jahre alte Perlon steht seit 2003 auf der Schwarzen Liste der Behörden. Die Yongding treibt seit mindestens zehn Jahren im Südpolarmeer ihr Unwesen. Die Kunlun ist das kleinste der Schiffe, aber vielleicht das bekannteste und hat Verbindung zur spanischen Mafia. Dann ist da noch die große Songhua, mit dem charakteristischen tiefgelegenen Deck vorn, sie fischt seit 2008 illegal in der Antarktis.

Ganz oben auf dem Plakat sind die Abbildungen der zwei Schiffe, die Hammarstedt bis in seine Träume verfolgen. Die Viking – ein Rostkahn, der mit seiner illegalen Ladung in asiatischen Häfen ein- und ausläuft – das erste Fischereifahrzeug, das jemals von Interpol gesucht wurde. Und dann die in Norwegen gebaute Thunder, ebenfalls von Interpol gesucht. Der Eigner hat mit den Plünderungszügen in der Antarktis über 60 Millionen Euro verdient. Die Thunder ist es vor allem, die er kriegen will.

In einem Ordner auf der Brücke bewahrt Hammarstedt Kopien der Interpolfahndungen auf. Erwischt er eines der Schiffe, wird er sich an die Reling stellen mit dem Mafiaschiff im Hintergrund und mit der laminierten Interpolfahndung in der Hand. Dann wird der Schiffsfotograf ein Bild von ihm machen.

Nach neun Tagen auf dem Meer erblickt er auf 61 Grad Süd die ersten Eisberge. Zwei steil aufragende Eiskathedralen mit abfallenden Fassaden und vergänglicher Spitze. Hammarstedt umrundet mit der Bob Barker die Eisriesen, damit die Besatzung sich damit vertraut machen kann, ein Vorgeschmack auf das, was sie erwartet. James Cook, der erste, der mit dem Schiff in die Antarktis fuhr, hatte eine vor Angst und Kälte schlotternde Mannschaft vor sich, die später die Eiswüste als Vorhof zur Hölle beschrieb. »Die ganze Szenerie sah aus wie die Wracks einer zertrümmerten Welt oder so, wie die Dichter einige Regionen der Hölle beschreiben; eine Vorstellung, die in dem Maße verstärkt wurde, wie die Schwüre, Flüche und Verwünschungen von allen Seiten zu uns widerhallten«, schrieb Wissenschaftler George Forster, der Cook auf seiner zweiten Reise begleitete.

Für die Besatzung der Bob Barker entspricht die Antarktis ihrer Idealvorstellung von der Welt: unberührt, friedlich und zeitlos. Unter ihnen liegt ein verlorener Kontinent, das Kerguelen-Plateau – eine riesige Landmasse, vor 110 Millionen Jahren nach einer Reihe von Vulkanausbrüchen entstanden. Dieses frühere Festland war dreimal so groß wie Japan, wahrscheinlich gab es hier eine tropische Flora und Fauna. Vor 20 Millionen Jahren begann der Kontinent langsam abzusinken. Heute liegt er über einen Kilometer unter der Wasseroberfläche verborgen. Die einzig sichtbaren Erinnerungen an das verlorene Land sind die Kerguelen sowie die Heard- und McDonald-Inseln mit Berggipfeln, die höher sind als jene in Australien, und die nach französischen Entdeckern, australischen Wissenschaftlern und norwegischen Walfängern benannt wurden. Norwegian Bay. Mount Olsen. Mawson Peak.

In der Tiefe zwischen dem Kontinentalsockel und der Kontinentalschräge steht der Antarktisdorsch, auch Schwarzer Seehecht genannt, ein abstoßend aussehender Riesen sch mit vorstehender Unterlippe, der bis zu 120 Kilo schwer und über 50 Jahre alt werden kann. Er beginnt sein Leben im seichten, landnahen Gewässer und erst mit sechs bis sieben Jahren schwimmt er hinunter in die eiskalte dunkle Tiefe von 1000 bis 2000 Metern. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Exemplar gefangen und beschrieben, danach vergaß man den Fisch völlig, bis er in den 1980er Jahren wiederentdeckt wurde und in amerikanischen Restaurants auf den Tisch kam. Das fette, perlweiße und grätenlose Fleisch sorgte für eine gastronomische Sensation. Der Antarktisdorsch glich einer Mischung aus Hummer und Jakobsmuschel und er wurde von vielen als der wohlschmeckendste Fisch bezeichnet. Ein englischer Restaurantkritiker gab seinen Lesern folgenden Rat: »Der Bestand ist wirklich gefährdet, deshalb tut man besser daran, soviel zu essen, wie man kann, solange der Vorrat reicht.«

Die Jagd auf das »weiße Gold« bringt verdecktes Vermögen, kostet durch Schiffbruch und Unfälle auf See hunderte von Leben und droht die langsam wachsende Delikatesse auszurotten.

In der Nacht auf den 16. September fährt die Bob Barker hinein in den südlichen Teil der Banzare-Bank. Das Meer um Hammarstedt scheint von der Zeit unberührt zu sein, aber aus der Karte liest er Bruchstücke der Geschichte des Kontinents. Er entdeckt Spuren von Habgier und unfassbarem Heldenmut. Da gibt es Meeresabschnitte, Anhöhen und Bergflanken, die nach Gemahlinnen, Geliebten, Herrschern, Mäzenen, erfrorenen Helden oder schlicht nach optischen Täuschungen benannt sind. Die Banzare-Bank wurde von dem australischen Polarforscher Douglas Mawson entdeckt und von ihm benannt. Auf seiner ersten großen Expedition in die Antarktis verbrachte Mawson zwei Winter auf einem felsigen Außenposten, der, wie sich bald herausstellte, von den stärksten Winden auf dem Erdball heimgesucht wird. Bei einer Schlittentour verlor er zwei seiner Expeditionsteilnehmer.

Als Mawson im Oktober 1929 von Kapstadt aus zu seiner nächsten Expedition aufbrach, war die »heroische« Ära für die Erforschung der Antarktis vorüber. Aber es gab nach wie vor große weiße Flecken auf der Karte. Der erklärte Zweck der Banzare-Expedition war wissenschaftlicher Art, doch in Wirklichkeit sollten bald »aggressive« norwegische Expeditionen und territoriale Ansprüche in den Vordergrund treten. Im Januar traf Mawson die Norvegia-Expedition unter Führung des norwegischen Piloten und Polarpioniers Hjalmar Riiser-Larsen. Die beiden einigten sich darauf, die Antarktis auf der jeweils anderen Seite des 45. Breitengrades zu erforschen, eine Vereinbarung, die als der erste internationale Staatsvertrag in der Antarktis gilt.

Peter Hammarstedts Hoffnung ist, dass die moderne Fischerei und der Umweltschutz sich auch nach klaren Regeln und Absprachen richten – und dass jemand darauf achtet, dass sie eingehalten werden.

Der schwedische Kapitän steuert das Schiff in den Windschutz einer Eiszunge, die ihn vor der Dünung von Westen her schützt. Das ganze Gebiet abzudecken wird zwei Wochen dauern, das Radar wird jede Bewegung im Umkreis von 12 nautischen Meilen anzeigen und der helle antarktische Sommer ermöglicht es ihm, den ganzen Tag zu suchen. Hammarstedt weiß, dass die Fischereifahrzeuge, auf die er Jagd macht, sicher jemanden am Radar sitzen haben, der die Bob Barker sieht, lange bevor es zu einem visuellen Kontakt mit einem der Hochseefangschiffe kommt. Er hat jedenfalls die sechs Schiffe gründlich studiert und ist der Meinung, dass die Bob Barker mit ihren 3000 Pferdestärken schneller ist als sie.

Als er die Crew in der Messe zusammenruft, sind einige von der Seekrankheit stark mitgenommen.

»Wir starten die Suche von Westen. Dann fahren wir in südlicher Richtung zum Eis. Wir können jederzeit auf ein Schiff stoßen. Die Wache vom Krähennest aus beginnt heute Nacht. Gefechtsstationsdrill nach dem Lunch und anschließend Erste-Hilfe-Übung«, sagt Hammarstedt.

Er schätzt, dass die Suche sicher mehrere Wochen dauern wird.

Die Nebelbänke, die aus dem Meer aufsteigen, werden dichter. Alle halbe Stunde ist Hammarstedt auf der Brücke und checkt das Radarbild. Es ist übersät mit Pünktchen – Eisberge, die sich von Amery-Schelfeis gelöst haben, einem riesigen Gletscher, der sich vor der antarktischen Landmasse erstreckt. Das einzige, was auf dem Radarschirm einen Eisberg von einem Schi unterscheidet, ist die Geschwindigkeit. Wenn das Schiff fischt, bewegt es sich langsam, vielleicht im selben Tempo wie die Eisberge. Deshalb will Hammarstedt ein Paar zusätzliche Augen haben, das die Objekte, die das Radar auffängt, deutet.

Im Ausguck, dem Krähennest, ist man dem Wetter schlimmer ausgesetzt als anderswo auf dem Schiff. Wer da oben an der Mastspitze steht, hat als Windschutz nur eine dünne Stahlplatte. Er muss ständig den Blick über die Wasseroberfläche schweifen lassen auf der Suche nach Schiffen und Leinenbojen. Etwas aus den Augenwinkeln zu entdecken ist wahrscheinlicher als direkt vor der Nase. Die meisten in der Mannschaft melden sich freiwillig für die Wache im Ausguck; jeder möchte als erster die Thunder sehen.

Auf dem Radar zeigen sich jetzt 40 bis 50 Objekte. Es ist, als würde man auf eine Pepperonipizza starren und ständig ist die Wache auf der Brücke mit dem Mann im Ausguck in Verbindung, gibt Richtung und Abstand von Objekten durch, die das Radar nicht identifzieren kann.

Aber man sieht nur spiegelglatt daliegendes Meer und im Nebel auftauchende und verschwindende Eisberge. Einen Tag nach Beginn der Suche befindet sich die Bob Barker 300 Seemeilen von Davis Bay und 150 Meilen vom Rand des Eises entfernt.

»Wir könnten jeden Moment auf sie stoßen«, murmelt Hammarstedt.

Plötzlich sieht Hammarstedt auf dem Radar, dass sich einer der langsam treibenden Punkte in die entgegengesetzte Richtung zu den träge dahingleitenden Eisbergen bewegt. Geschwindigkeit sechs Knoten und Kurs Südwest. Das muss ein Schiff sein. Hat es die Bob Barker bemerkt? Soll er den Kurs ändern, um ihm den Weg abzuschneiden, oder wäre das zu au ällig?

Einige Minuten später entdeckt der Matrose Jeremy Tonkin im Ausguck drei miteinander verbundene Bojen, die steuerbord von der Bob Barker im Meer dümpeln. Sie gehören höchst wahrscheinlich zu einem Trawler, der illegal unterwegs ist, denkt sich Hammarstedt. Sobald die Brücke Sichtkontakt mit dem fremden Fahrzeug hat, weist er die Mannschaft an, sich bereit zu halten.

Das Schiff ist von Nebel umgeben, als er es zur ersten Mal zu Gesicht bekommt.

»Das ist ein Fischdampfer«, sagt Hammarstedt.

»Oh yeah«, bestätigt der Erste Steuermann und Erste Offizier Adam Meyerson. »Es sieht der Thunder wirklich sehr ähnlich, Peter. Es hat dieselbe Art der Bemalung und die vorspringende Brücke.«

Von Abbildungen erkennt Meyerson die Umrisse des Schiffes wieder, das jetzt aus dem Dunst auftaucht, das vorspringende Steuerhaus und das charakteristische steile Heck des alten Trawlers.

Der joviale Erste Steuermann ist in San Francisco mit dem Meer als Nachbar aufgewachsen. Er segelte als 27-jähriger in einem kleinen einmastigen Segelboot von Kalifornien nach Hawaii und ist seit fünf Jahren als Steuermann bei Sea Shepherd. Manchmal guckt er wie Jack Nicholson in dem Film Shining, als dieser im Hotel Overlook in das Zimmer 237 hineinschaut.

Die Neuigkeit macht auf dem Schiff schnell die Runde. Im Steuerhaus drängt sich die Mannschaft und Hammarstedt lässt die Position notieren. Dann öffnet er das Fenster im Steuerhaus und blickt durchs Fernglas. Das Schiff liegt halbwegs verdeckt hinter einem Eisberg. Durch das Fernglas sieht er, wie ein Schwarm Seevögel sich auf die Fischabfälle stürzt, die über Bord gekippt werden. Über der Reling hängen die Leinenbojen, bereit, um ins Meer geworfen zu werden.

Aus dem Bücherregal hinten im Steuerhaus zieht Hammarstedt den roten Ordner mit Abbildungen und Beschreibungen der »Bandit 6« heraus und blättert hastig bis zum Foto der Thunder. Meyerson blickt ihm über die Schulter.

»Das ist die Thunder«, sagt Hammarstedt, gibt Meyerson high-five und drückt den Alarmknopf. Fünfmal kurz. Das ist das Signal für die Crew, dass alle auf ihrem Posten sein müssen.

Sie haben das Schiff gefunden, das zwei Monate lang niemand gesehen hat und nach dem Neuseeland, Australien und Norwegen wegen Fischwilderei in großem Ausmaß in der ganzen Welt fahnden. Das berüchtigtste aller Wildererschiffe. Der Fischtrawler, dem die Minister, Behörden und Fahnder aus vier Kontinenten auf den Fersen sind, das in Reden genannt und auf Seminaren behandelt wird, dessen Kurs in Strategiedokumenten und Fahndungsprotokollen vermerkt ist, seit acht Jahren auf der schwarzen Liste und gejagt.

Die Thunder ist das flüchtige Schiff, das auftaucht, um dann plötzlich zu verschwinden, als würde es nicht wirklich existieren, sondern nur als Fiktion, denkt Hammarstedt. Er weiß, dass der Vergleich pathetisch klingt, aber im Laufe der letzten Monate war die Thunder zu seinem persönlichen Moby Dick geworden.

»17.Dezember 2014, 21:18 Uhr« notiert Hammarstedt ins Logbuch.

Dann steuert er volle Kraft voraus auf seine Beute zu. 

15:13 17.08.2017

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