Weniger ist mehr

Leseprobe "Es kostet oft Mut, die Dinge einfach mal laufen zu lassen. Aber in der Medizin ist eben weniger oft mehr, und daher ist es häufig das Beste für die Gesundheit, weder Arzt noch Apotheker zu fragen."
Weniger ist mehr
Foto: Carsten Koall/Getty Images

Vorwort

Es war kein richtiger Schrei, der da aus dem Badezimmer kam, eher ein verschrecktes Rufen. Unser Sohn Paul, damals zehn Jahre alt, stand unter der Dusche, und als wir hereingelaufen kamen, zeigte er entsetzt auf seinen Bauch, rechts, unterhalb vom Nabel. Eine Beule war dort zu erkennen. Schnell war uns klar, was das war – und was es bedeutete. Sie müssen wissen: Wir sind beide Mediziner. Und einen Leistenbruch bekommt man im Studium oft schon früh zu sehen. Man lernt auch früh, was meist zu tun ist: Es muss operiert werden. Wir beruhigten den verunsicherten Paul aber erst mal, sagten ihm so etwas wie »Müssen damit zum Arzt« und »Sehen dann schon«. Von der fälligen Operation und was die für ihn bedeutete, erzählten wir ihm zunächst nichts. Er machte so viel Sport und würde nun wochenlang darauf verzichten müssen, daher brachten wir es einfach nicht übers Herz. Denn in diesem Moment wurde uns klar, dass wir das angerichtet hatten. Ja, genau: Wir Eltern waren schuld an dieser Beule und an all dem, was ihr vorausgegangen war und ihr noch folgen sollte. Wir hatten nämlich, ohne nachzudenken, auf einen Arzt gehört und eine Krankengymnastin einfach mal machen lassen. Obwohl es viel besser gewesen wäre, von Anfang an gar nichts zu tun. Darüber berichten wir noch ausführlicher im ersten Kapitel, Seite 15 ff.

Ein Gutes hatte Pauls Leistenbruch aber. Er war der Punkt, an dem uns das erste Mal etwas richtig klar wurde: dass es in puncto Gesundheit oft nicht gut ist, wenn man etwas tut; dass es, im Gegenteil, meist besser ist, nichts zu tun. Auch wenn das etwas verrückt klingt: abzuwarten, wenn man krank ist und etwas dagegen unternehmen könnte. Schließlich darf man doch diese Chance nicht einfach so verstreichen lassen und untätig danebenstehen! Gerade wenn es um die Gesundheit geht, muss man doch jede Gelegenheit nutzen! Nein. Muss man nicht. Das beste Beispiel stand vor uns und hatte eine Beule am Bauch.

Sicher waren und sind wir nicht die einzigen Aktionisten bei gesundheitlichen Problemen. Treten sie auf, meinen viele Menschen, gleich etwas unternehmen zu müssen, weil sich irgendwo ganz tief in ihnen sofort eine Stimme rührt, die hartnäckig immer wieder sagt: Dagegen musst du etwas tun! Dein Körper braucht dich! Lass ihn nicht im Stich! Also unternimmt man etwas. Und wer diese innere Stimme nicht rufen hört, hat sicher jemanden in seiner Umgebung, der ihm dringend rät, etwas zu unternehmen. Oder sieht die vielen guten Tipps im Fernsehen, im Internet oder in Zeitschriften. Denn alle sagen einem immer nur, was man tun muss – und niemand, was man lieber lassen sollte.

Das wollen wir nun ändern. Und so haben wir Pauls Leistenbruch-Geschichte zum Anlass genommen, dieses Buch zu schreiben. Nicht nur um unseren eigenen Aktionismus endlich einzudämmen, sondern weil es sowohl in der Medizin als auch in der Ernährung zahlreiche Situationen gibt, in denen es einfach mehr schadet als nutzt, etwas zu tun. Das zeigt auch die Wissenschaft in immer mehr Studien. So sind wir bei unserer Recherche auf viele Dinge gestoßen, die uns erstaunt und die Augen geöffnet haben. Wir erinnerten uns auch daran, dass wir schon kurz nach unserem Medizinstudium die ersten einschneidenden Erfahrungen mit übermotiviertem Handeln gemacht haben.

Wir arbeiteten damals als Ärzte im Krankenhaus und bewunderten anfangs den Chefarzt für das große Interesse am Wohl seiner Patienten. Er nahm sich zum Beispiel zusätzlich zu der allmorgendlichen Visite jeden Tag noch einmal die Zeit, kurz in alle Zimmer seiner Privatstation zu schauen, bevor er zu Frau und Kindern in den Feierabend entschwand. Er konnte einfach nicht beruhigt nach Hause gehen, ohne sicher zu sein, dass es all seinen Patienten gut ging – wie fürsorglich! Auch die Ultraschalluntersuchungen der Schilddrüse, die er Patienten angedeihen ließ, die teilweise schon weit über achtzig Jahre alt waren, beeindruckten uns enorm: toll, wie sehr er sich um die älteren Herrschaften kümmerte; wie rührend, dass er noch mal eigenhändig schaute, dass mit ihnen alles in Ordnung war! Auch die »kleine Hafenrundfahrt« übernahm der Chef bei seinen männlichen Privatpatienten selbst, eine liebevolle Bezeichnung für die Untersuchung von Enddarm und Prostata mit dem (behandschuhten) Finger. Das machte er auch dann, wenn die das 80. Lebensjahr bereits überschritten hatten. Wirklich nett von ihm, dass er seinen Assistenzärzten diese Maßnahme abnahm! Schließlich ist sie für Untersucher und Untersuchten alles andere als angenehm.

Unsere Bewunderung für den Chef war also groß – bis uns irgendwann die erfahreneren Kollegen mit einem Lächeln aufklärten, dass das alles mit Fürsorge und Nettigkeit rein gar nichts zu tun hätte, sondern eher mit monetären Interessen. Es ging ihm, auf Deutsch gesagt, um die Kohle. Denn diesen kurzen nachmittäglichen Blick ins Krankenzimmer, der manche Patienten beim Schlafen störte, konnte er als zweite Chefarztvisite pro Tag abrechnen. Und die selbst durchgeführten Untersuchungen per Ultraschall oder Finger brachten ihm auch deutlich mehr Geld, als wenn sie ein Assistenzarzt gemacht hätte. Ganz abgesehen davon, dass beide bei den hochbetagten Patienten eh überflüssig waren, weil sie für sie keinerlei Konsequenzen hatten.

Uns wurde schlagartig klar, dass auch die Medizin oft ein Geschäft ist und es längst nicht immer um das Wohl des Patienten geht – herzlich willkommen in der Realität! Und so lernten wir recht schnell, dass es auf der einen Seite viele (Chef-)Ärzte gab, die unnötige Maßnahmen anordneten, weil sie finanziell davon profitierten, aber auch, weil man ja etwas tun muss, wenn jemand im Krankenhaus liegt. Wir lernten aber auch, dass es auf der anderen Seite die angenehme Zurückhaltung von Ärzten gab, meist jüngeren, die einer wissenschaftlich orientierten Medizin anhingen und die Patienten nach deren Kriterien versorgten. Und diese Kollegen haben uns Nachwuchsmedizinern immerzu gesagt: »Macht nie etwas, ohne über die Konsequenzen und den Nutzen nachzudenken – die Konsequenzen, die eine Maßnahme haben könnte, und den Nutzen, den sie haben müsste!« Sie zeigten uns so manches Mal, dass es besser sein kann, etwas nicht zu tun: nicht das aufwendige bildgebende Verfahren anzuordnen, nicht das neue Medikament zu verschreiben und nicht die schwierige Operation zu empfehlen – sondern abzuwarten, weil es das Beste für den Patienten ist. Denn jede diagnostische oder therapeutische Maßnahme in der Medizin kann potenziell schädlich sein, vor allem wenn sie gar nicht nötig ist. Dann nimmt man nämlich Nebenwirkungen in Kauf, ohne in irgendeiner Art und Weise von dem Getanen zu profitieren.

Die Frage nach dem wissenschaftlich belegten Nutzen hat uns seitdem nicht nur als Ärzte geprägt, sondern auch in unserem zweiten Berufsleben als Medizinjournalisten. Nur ins Private wollte und wollte sie nicht abfärben. Denn bis zu Pauls Leistenbruch war da immer diese hartnäckige Stimme in uns, die uns zum Handeln gedrängt hat, sobald ein gesundheitliches Problem auftauchte. Wir kamen gar nicht auf die Idee, den Körper einfach mal machen zu lassen. Dabei hatten wir doch im Studium gelernt, dass er über hochwirksame Reparatur- und Schutzmechanismen verfügt, vieles von allein regeln kann – und so meist auch ernste Krankheiten viele Jahrzehnte lang fernhält. Natürlich kann man auch als junger Mensch eine schwere oder eine chronische Erkrankung bekommen, die behandelt werden muss. Das ist schrecklich und soll hier keinesfalls kleingeredet werden. Aber die Statistiken zeigen es: Europäer verbringen den weitaus größten Teil ihres Lebens in guter Gesundheit, sogar bis in ihre Siebziger sind viele Menschen noch fit.

An diese Menschen richtet sich unser Buch: die Gesunden also, die sich aber für die Statistik nicht recht interessieren. Oder die befürchten, die Ausreißer sein zu können. An die, die meinen, eine Chance zu verpassen, wenn sie nicht tätig werden, und die daher schnell zum Arzt gehen. Und an Menschen, die alle möglichen Früherkennungsuntersuchungen machen lassen; die planlos Krankheiten im Internet googeln und sich dadurch noch mehr verwirren lassen; die Nahrungsergänzungsmittel schlucken, um sich vor Krankheiten zu schützen; die sich vor Schadstoffen oder ganz natürlichen Bestandteilen in Lebensmitteln fürchten oder die sich mit Diäten beim Essen gängeln – eben alle diejenigen, die aus Gewohnheit oder Unsicherheit völlig Unnötiges für ihre Gesundheit tun. Und das sind viele, sehr viele. Unser Buch soll diesen Menschen die Angst nehmen und ihnen bewusst machen, dass es sich oft lohnt, ruhig zu bleiben und abzuwarten, auch wenn es schwerfällt. Es soll so etwas sein wie ein Plädoyer für eine Gelassenheit, die auch wir selbst erst lernen mussten.

Bitte verstehen Sie unser Buch aber nicht als generellen Aufruf zum ständigen Nichtstun oder als Ersatz für einen Arztbesuch. Jeder, der beunruhigt ist oder dessen Beschwerden sehr stark sind und nicht besser werden, soll natürlich zum Arzt gehen. Aber es gibt eben eine Vielzahl von Symptomen und Malaisen, die oft von allein besser werden oder nachlassen, ohne dass eine Untersuchung oder Behandlung nötig ist. Unser Buch soll Ihnen helfen, diese zu erkennen und Ihnen anhand von Beispielen aus Medizin und Ernährung ein Gefühl dafür geben, wie viel Unnötiges und damit potenziell Schädliches man für seine Gesundheit tun kann – und auch tut: Wir sind das beste Beispiel dafür und wollen Sie vor solchen Fehlern bewahren. Daher soll dieses Buch Mut machen, erst einmal in Ruhe nachzudenken, bevor Sie für Ihre Gesundheit aktiv werden. Denn eines ist auch uns klar: Es kostet oft Mut, die Dinge einfach mal laufen zu lassen und nichts zu tun. Aber in der Medizin ist eben weniger oft mehr, und daher ist es häufig das Beste für die Gesundheit, weder Arzt noch Apotheker zu fragen.

13:43 06.04.2017

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