Justiz und Politik

Leseprobe "Ist die Geschichte um den NSU, seine Hintermänner und Auftraggeber vielleicht doch viel komplexer, weitreichender und verstörender, als uns von den Ermittlern weisgemacht wird?"
Justiz und Politik
Foto: Johannes Simon/Getty Images

Vorwort

»So einen Fall wie mich, das hat’s noch nicht gegeben.« Das hat Beate Zschäpe gesagt, zu einem BKA-Beamten, der sie 2012 in einem VW-Bus auf einem Haftausflug nach Thüringen begleitete. Beate Zschäpe hat recht. Wann gab es schon einmal einen Fall, in dem die Beweislast gegen die vermutlichen Täter gleichzeitig so klar und so widersprüchlich erscheint? Wann wurde je in einem Strafverfahren ein solcher Druck auf die Ermittler seitens der Politik ausgeübt, Widersprüche und Beweislücken zu kaschieren, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen? Wann ist schon einmal mit einer solch geballten politischen Macht versucht worden, die Versäumnisse und das Mittun von staatlichen Behörden in einer Verbrechensserie zu vertuschen?

Dabei hatte die Bundeskanzlerin doch ihr Wort gegeben: »Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen«, sagte Angela Merkel am 23. Februar 2012 auf der Trauerfeier für die vom NSU ermordeten Menschen. Die Morde seien auch ein Anschlag auf unser Land gewesen, fügte die Kanzlerin damals noch hinzu und versprach, dass in Bund und Ländern alles getan werde, um die Taten des NSU aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken.

Das Versprechen ist bislang nicht eingelöst worden. Gut zweieinhalb Jahre nach dem Auffliegen der rechten Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« fällt die Bilanz der Aufklärung ernüchternd aus. Zwar stehen die Überlebende des mutmaßlichen NSU-Trios, Beate Zschäpe, und vier ihrer möglichen Helfershelfer in München vor Gericht. Ob die fünf Angeklagten aber auch verurteilt werden, wenn möglicherweise im Sommer 2015 der Prozess endet, ist längst nicht sicher – zu viele Indizien und Beweise der Anklage stehen auf wackligen Füßen. Was darauf zurückzuführen ist, dass die Ermittlungsbehörden vielen Spuren und Hinweisen, die tiefer in das undurchsichtige Geflecht aus gewaltbereiten Neonazis, zwielichtigen Verfassungsschutzspitzeln und Geheimdiensten führen, nicht nachgegangen sind.

Zu groß war offenbar der politische Druck, in möglichst kurzer Zeit eine einigermaßen belastbare Anklage für einen Prozess zu zimmern, die eine Mitverantwortung staatlicher Behörden für die NSU-Mordserie konsequent ausspart. Kanzlerin Merkel sprach auf der Trauerfeier im Februar 2012 davon, dass die Morde des NSU eine Schande für unser Land sind. Aber es ist auch eine Schande, wie bei der Suche nach den Ursachen des rechten Terrors die Mitverantwortung staatlicher Behörden vertuscht werden soll und sich die Ermittler politischen Vorgaben unterwerfen. Ebenso schändlich ist es, dass mit Klaus-Dieter Fritsche einer der Hauptverantwortlichen für das Versagen der Geheimdienste und Mitverantwortlicher für die rechtswidrige Vernichtung von Verfassungsschutzakten nach dem Auffliegen des NSU heute im Kanzleramt die deutschen Nachrichtendienste anleitet. Fritsche hat als langjähriger Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und späterer Innenstaatssekretär maßgeblich jene Geheimdienststrategie zu verantworten, die das Entstehen einer rechtsterroristischen Organisation in Deutschland erst ermöglichte.

Die von der Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage vertretene Theorie einer abgeschotteten dreiköpfigen Terrorzelle, von der weder Freund noch Feind wussten, ist für den Staat die praktikabelste Lösung: Die beiden angeblichen Todesschützen sind nicht mehr am Leben, so dass man ihnen die Täterschaft nicht nachzuweisen braucht; die Hauptangeklagte schweigt, weil sie keine entlastenden Beweise vorbringen kann oder es (noch) nicht will, was Anklage und Verteidigung die Möglichkeiten einer Verständigung im Prozessverlauf offenhält; Polizei und Verfassungsschutz werden lediglich Fehler und Versäumnisse in ihrer Arbeit zugeschrieben, was ihre Mitverantwortung für die NSU-Mordserie unter eine – auch juristisch – haftungspflichtige Grenze verschiebt.

Deutschland hat damit, so hofft das politische Berlin, wieder einmal ein dunkles Kapitel seiner Geschichte abgeschlossen. Doch ist das wirklich so? Auch wenn viele Journalisten, insbesondere die der sogenannten Leitmedien, den Fall NSU ganz im Sinne der politisch Verantwortlichen für aufgeklärt und abgeschlossen erklären – in der Öffentlichkeit bestehen und wachsen sogar noch die Zweifel daran, dass die quasi staatsoffizielle NSU-Version auch die tatsächliche ist. Warum sollen sich die angeblich so eiskalten Killer Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 plötzlich das Leben genommen haben, als sich zwei Streifenbeamte ihrem Wohnwagen näherten, fragen sich viele zum Beispiel. Oder: Warum wird der Mord von Heilbronn nur diesen beiden Tätern zugeschrieben, wenn doch so viele Zeugenaussagen auch aus Sicht der Ermittler auf einen größeren Täterkreis hindeuten?

Kann es wirklich nur Zufall sein, dass ein Verfassungsschützer – wie in Kassel geschehen – zur Tatzeit am Ort eines Mordes ist, von dem er noch dazu nichts mitbekommen haben will? Was ist von Bundesbehörden zu halten, die wie im Fall Heilbronn eine Spur zu möglichen Tatzeugen aus einer US-Sicherheitsbehörde ignorieren? Wer waren die zivilen Beamten, die ein Zeuge unmittelbar nach der Bombenexplosion in der Kölner Keupstraße am Tatort gesehen hat? Wie kann es sein, dass V-Leute des Verfassungsschutzes mit finanzieller und logistischer Unterstützung staatlicher Behörden den Aufbau extremistischer Strukturen in der rechten Szene fördern und damit die Basis bereiten für die Entstehung terroristischer Gruppen? Warum sind beim Verfassungsschutz und im Bundesinnenministerium nach dem Auffliegen des NSU massenhaft Akten vernichtet worden, die mit Aktivitäten staatlicher Behörden in der rechten Szene zu tun hatten? Ist die Geschichte um den NSU, seine Hintermänner und Auftraggeber vielleicht doch viel komplexer, weitreichender und verstörender, als uns von den Ermittlern weisgemacht wird? Ist es womöglich tatsächlich – wie es Beate Zschäpe sagt – ein Fall, wie es ihn noch nicht gegeben hat?

Wir, die zehn Autoren dieses Buches, sind in unseren Beiträgen diesen und weiteren Fragen nachgegangen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben wir die Sitzungen der NSU-Untersuchungsausschüsse im Bundestag sowie in den Landtagen von Sachsen und Thüringen verfolgt. Wir beobachten seit Mai 2013 die Verhandlung gegen Zschäpe und die vier mutmaßlichen NSU-Helfer im Münchner Oberlandesgericht. Wir haben Zeugen befragt, Tatorte in Augenschein genommen, mit den Hinterbliebenen der Opfer gesprochen, Hunderte Ermittlungsakten studiert. Wir haben Fakten verglichen, Widersprüche in der Beweisführung der Ankläger herausgearbeitet, Indizien und Spuren überprüft, die von den Fahndern als nicht relevant eingestuft wurden, obwohl sie vielversprechende Anhaltspunkte für weitere Ermittlungen bieten.

Viele Ergebnisse unserer Recherchen und Analysen sind in die Beiträge in diesem Buch eingeflossen. Auch wird hier das Verhalten der Behörden aus politologischer und juristischer Sicht bewertet sowie das Schicksal der Opfer und ihrer Hinterbliebenen in den Blick genommen. Damit ist ein politisch brisantes und spannend zu lesendes Zeitdokument entstanden, das die offizielle Darstellung der Abläufe, Verantwortlichkeiten und Ursachen der blutigsten Terrorserie im wiedervereinigten Deutschland in Frage stellt. Dennoch kann unsere Bestandsaufnahme nur eine vorübergehende sein. Ständig kommen neue Details und Indizien in diesem komplexen Fall an die Öffentlichkeit. Das ist den Recherchen engagierter Journalisten zu verdanken, die sich mit behördlichen Stellungnahmen nicht zufriedengeben, und den akribisch arbeitenden Nebenklägeranwälten, die im Münchner NSU-Prozess oftmals gegen den massiven Widerstand einer seltsamen Allianz aus Anklägern und Verteidigern Beweisbeschlüsse durchsetzen und bis dato zurückgehaltene Ermittlungsergebnisse in das Verfahren einbringen.

Damit bleibt auch unser Erkenntnisstand vorläufig. Manche Fragen und Widersprüche, auf die wir heute stoßen, können morgen vielleicht geklärt werden, dafür kommen neue Spuren und Indizien hinzu. Wir bleiben am Ball. Wie auch viele andere kritische Journalisten und Publizisten, die ihre Aufgabe in der Kontrolle von Politik und Staat sehen und mit dazu beitragen wollen, dass sich die Bürger ein eigenes Bild machen können von der Lage in unserem Land. Denn es sind die Bürger, die das Versprechen der Bundesregierung einfordern müssen, die Taten des NSU umfassend aufzuklären und alle Helfershelfer und Hintermänner der Mordserie aufzudecken. Es ist an der Zeit.

Stuttgart/Berlin

Andreas Förster
Herausgeber

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Tatort Theresienwiese

Der Anschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn ist ein Schlüsselfall zum NSU-Komplex. Die offizielle Version vom Tathergang hinterlässt offene Fragen

Frank Brunner

Kurz bevor die Welt um ihn herum verschwindet, schaut Polizeimeister Martin Arnold noch einmal in den Rückspiegel. Deshalb sieht er ihn kommen, diesen Mann, der aus dem Schatten des Trafohäuschens tritt, neben dem er und seine Kollegin mit ihrem grün-silbernen 5er-BMW parken. Der Mann im Spiegel ist im mittleren Alter, trägt ein helles Kurzarmhemd, dunkle Jeans, dunkle Schuhe, dunkle Haare. Noch ein paar Schritte und er erreicht die Beifahrertür. In diesem Moment bemerkt Arnold eine zweite Gestalt auf der anderen Seite des Wagens, dort, wo seine Streifenpartnerin hinterm Steuer die Pause mit einer ihrer Gauloises genießt. Es ist ein sonniger Tag, 25 Grad Celsius, die Beamten haben die Seitenscheiben heruntergelassen; sie reden, rauchen. Bis die Männer auftauchen. »Nicht mal hier hat man seine Ruhe«, hört Arnold die Kollegin sagen. Dann geht alles ganz schnell. Der junge Polizist sieht noch die weißgrauen Härchen auf den Armen des Mannes, registriert ein Geräusch, spürt, wie er aus dem Fahrzeug fällt und mit dem Gesicht auf die Kieselsteine kracht.

An dieser Stelle enden seine Erinnerungen. So schildert er es später den Ermittlern der Sonderkommission, teilweise unter forensischer Hypnose. Denn wie durch ein Wunder hat Martin Arnold den Kopfschuss aus unmittelbarer Nähe überlebt. Für seine Kollegin Michèle Kiesewetter kommt an jenem 25. April 2007 jede Hilfe zu spät. Der Mord an der 22-jährigen Polizistin zählt zu den rätselhaftesten Verbrechen der vergangenen Jahre. Noch immer ist unklar, was sich abspielte, damals, auf der Theresienwiese in Heilbronn. Zunächst verdächtigten die Fahnder einige Schausteller, die am Tattag auf dem Gelände kampierten, dann jagten sie zwei Jahre lang das »Heilbronner Phantom«, eine vermeintliche Serientäterin, deren DNA an Kiesewetters Streifenwagen und an 40 weiteren Tatorten gefunden wurde. Doch das Erbgut gehörte einer Frau, die in einem Verpackungsbetrieb mit jenen Wattestäbchen hantierte, die zur Spurensicherung verwendet wurden. Im März 2009 deckte der Stern diese Polizeipanne auf. Nach Angaben des Magazins diskutierten Kriminalisten bereits im Juni 2008 über die Möglichkeit kontaminierter Spurentupfer. Trotz starker Zweifel an der Phantom-Spur erklärten der Chef des baden-württembergischen Landeskriminalamts (LKA) Klaus Hiller und Landespolizeipräsident Erwin Hetger noch wenige Wochen vor der Stern-Veröffentlichung, dass sich das Netz um die Polizistenmörderin immer enger ziehe.

Im November 2011 scheint der Fall endlich geklärt. Seinerzeit fliegt eine Gruppe auf, die sich »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) nennt und die zwischen 2000 und 2006 neun Menschen mit ausländischen Wurzeln getötet haben soll. Die mutmaßlichen Mörder müssen sich dafür nicht verantworten. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die – obwohl seit 1998 zur Fahndung ausgeschrieben – jahrelang unbehelligt untertauchen konnten, werden tot in einem Wohnmobil in Eisenach gefunden. »Selbstmord«, sagen die Ermittler. Neben den leblosen Männern finden Beamte ein ganzes Arsenal geladener Waffen, darunter zwei Heckler & Koch. Es sind die Dienstpistolen von Michèle Kiesewetter und Martin Arnold, die nach dem Anschlag in Heilbronn gestohlen wurden. Als Kriminalisten anschließend das letzte Versteck des NSU, eine Wohnung im sächsischen Zwickau, durchsuchen, folgt die nächste Überraschung: Das Haus gleicht einer Ruine, nachdem es Beate Zschäpe, eine mutmaßliche Komplizin von Böhnhardt und Mundlos, angezündet haben soll. Im Brandschutt stoßen die Männer von der Spurensicherung auf ein nahezu unversehrtes Bekennervideo, eine mit dem Blut Kiesewetters befleckte Hose sowie auf eine Radom und eine Tokarew – die Tatwaffen von Heilbronn.

Zschäpe wird derzeit vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gemacht. Aber bisher schweigt die 39-Jährige. Daher bleiben viele Fragen offen: Warum gerieten Kiesewetter und ihr Kollege ins Visier der Neonazis? Ein Anschlag auf deutsche Polizisten passt nicht ins rassistische Muster der Morde an Migranten. Die Bundesanwaltschaft spricht von »Zufallsopfern«, die nur deshalb angegriffen wurden, weil sie »Vertreter des verhassten Staates« gewesen seien. Aber warum fuhren die Attentäter hunderte Kilometer nach Heilbronn, um dann eine unbekannte Polizistin zu erschießen? Vor allem aber: Wie konnten Böhnhardt und Mundlos am helllichten Tag in einer belebten Gegend völlig unbemerkt ein solches Verbrechen begehen?

Mord mit vielen Unbekannten

Die Version der Strafverfolger geht so: Irgendwann, wahrscheinlich im Jahr 2006, beschließen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Polizeibeamte zu töten. Im April 2007 mieten sie oder einer ihrer Unterstützer in Chemnitz ein Wohnmobil. Damit fahren die beiden kurz darauf – der genaue Tag ist unbekannt – aus »nicht bekannter Motivation« nach Heilbronn. Böhnhardt und Mundlos parken den Camper an einem unbekannten Ort und steuern »wahrscheinlich« mit ihren mitgeführten Fahrrädern aus einem unbekannten Grund auf unbekanntem Weg die Theresienwiese an, wo sie kurz vor 14 Uhr die zwei Beamten in ihrem BMW entdecken. Die beiden Neonazis beschließen spontan, »ihren grob gefassten Tatplan« umzusetzen, und ignorieren dabei das hohe Risiko, von Schaustellern beobachtet zu werden, die nur 200 Meter weiter die Buden für das jährliche Frühlingsfest aufbauen. Die Männer schleichen sich von hinten an den Streifenwagen, ziehen Handschuhe über und schießen auf die ahnungslosen Polizisten. Danach stehlen sie Pistolen, Munition, Handschellen, eine Reizgasdose und ein Multifunktionstool. Mit der Beute verlassen Böhnhardt und Mundlos unbeobachtet das Areal und flüchten zurück zum Wohnmobil, wo sie die Räder verstauen. Mit ihrem Fahrzeug rasen die Täter nun Richtung Stuttgart. Gegen 14.30 Uhr passieren sie in Oberstenfeld, etwa 20 Kilometer vom Tatort entfernt, unerkannt eine Kontrollstelle der Polizei, wo Beamte das Kennzeichen des Wagens notieren.

Es ist eine Geschichte mit vielen Unbekannten. Niemand hat Böhnhardt und Mundlos am Tattag in Heilbronn gesehen. Was bleibt, sind die bei den Neonazis gefundenen Tatwaffen, die Dienstpistolen der Polizisten im NSU-Versteck, eine Jogginghose, die Mundlos gehören soll, mit Kiesewetters DNA und ein mutmaßliches Bekennervideo des Trios, in dem der Polizistenmord thematisiert wird. Vielleicht hat sich der Anschlag auf die zwei Beamten genauso abgespielt, wie die Bundesanwaltschaft vermutet. Vielleicht trugen die zwei mutmaßlichen NSU-Terroristen, die für ihren Banküberfall kurz zuvor andere Waffen nutzten, die Polizeipistolen tatsächlich als Trophäen bei sich. Auch das vermuten die Strafverfolger. Vielleicht stimmt auch deren These, dass Mundlos die blutige Hose vier Jahre lang nicht gewaschen hat, weil sie ihn an »das Gefühl der Machtausübung« bei der Tat erinnerte. Möglicherweise existieren plausible Erklärungen dafür, warum das Trio belastendes Material in seinem Versteck hortete oder weshalb in der Hitze des brennenden Hauses in Zwickau zwar Waffen schmolzen, aber die DVDs mit den Bekennervideos unbeschädigt gefunden wurden. Vielleicht wissen wir eines Tages sogar, warum die Mordserie nach dem Tod der Polizistin endete. Doch selbst dann bleiben jede Menge Ungereimtheiten.

Wer die Ermittlungsakten dieses Falles sichtet – Tausende Seiten mit Fotos, Vernehmungsprotokollen und Fallanalysen –, der stößt auf ein Konvolut aus vielversprechenden Spuren, die nicht weiter verfolgt wurden, auf Zeugenaussagen, die zunächst als glaubwürdig eingestuft wurden, aber später angeblich nicht mehr tatrelevant waren, und findet Ermittlungsergebnisse, die der offiziellen Version der Bundesanwaltschaft widersprechen. Möglicherweise könnten Mitarbeiter amerikanischer Behörden die fehlenden Puzzleteile liefern. Geheime Unterlagen von Bundesnachrichtendienst (BND) und Militärischem Abschirmdienst (MAD) legen nahe, dass zum Zeitpunkt des Überfalls in Heilbronn eine FBI-Operation stattfand.

Was also geschah am 25. April 2007? Es ist kurz vor 9.30 Uhr an diesem Mittwoch, als die sechs Beamten der Bereitschaftspolizei Böblingen das Gebäude der Heilbronner Polizeidirektion betreten. Unter ihnen Michèle Kiesewetter und Martin Arnold. An diesem Tag sollen sie die Kollegen beim Einsatz »Sichere City« unterstützen. Es geht um Präsenz, Prävention und Abschreckung gegen Rowdies, Diebe, Dealer. Polizeiroutine. Viertel nach 10 Uhr beginnen Kiesewetter und Arnold den Streifendienst. In ihrem BMW-Kombi fahren die Polizisten Richtung Zentrum, kontrollieren am Trinkertreffpunkt »Fontäne« die üblichen Verdächtigen, überprüfen kurz darauf beim Friedhof einen offensichtlich drogensüchtigen Mann.

Eigentlich sollte Michèle Kiesewetter an diesem Tag ganz woanders sein. Nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Auto, nicht in Uniform. Denn normalerweise hätte die junge Frau frei. Am vergangenen Donnerstag ist sie deshalb in ihr Heimatdorf, ins thüringische Oberweißbach gefahren, hat Eltern und Freunde besucht, sich ein bisschen erholt vom Job bei der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) 523 der Bereitschaftspolizei Böblingen. Doch die Polizistin möchte lieber arbeiten und bricht ihren Urlaub ab. »Nach dem Wochenende bin ich wieder in Böblingen«, sagt sie am Telefon dem Kollegen, der die Dienstpläne zusammenstellt. Michèle Kiesewetter liebt ihren Beruf. Das bestätigen alle, die später von den Mordermittlern danach gefragt werden. »Ihre Meinung war mir wichtig«, sagt ein Kollege. »Ich habe sie als fröhlichen Menschen erlebt«, sagt ihr Chef. »Sie hatte ein klares Ziel vor Augen«, sagt ihre Mutter. Eine Woche untätig rumsitzen, das sei ihr zu viel, sagte Michèle Kiesewetter. Deshalb ist sie jetzt in Heilbronn.

Gegen 11.30 Uhr gönnen sich die beiden Beamten eine Auszeit. Sie halten vor einer Bäckerei, kaufen belegte Brötchen, fahren dann weiter Richtung Theresienwiese. Das Festgelände, zentral gelegen und doch etwas abseits vom Trubel, ist bei manchen Polizisten ein beliebter Rückzugsort. Auch Michèle Kiesewetter kennt den Platz. Denn es ist nicht ihr erster Einsatz in Heilbronn. Im Sommer 2006 war sie als »nicht öffentlich ermittelnde Polizeibeamtin« in der Stadt, kaufte als Lockvogel Heroin. Bei einem weiteren verdeckten Einsatz öffnete sie kurz vor der Razzia in einer Diskothek von innen den Notausgang, sodass ihre Kollegen das Etablissement durchsuchen konnten.

Neun Monate später parkt Michèle Kiesewetter den Streifenwagen auf der Theresienwiese. Mit Martin Arnold bildet sie heute zum ersten Mal ein Team; sie erzählt dem Kollegen von ihren Plänen, sich in Karlsruhe zu bewerben. Dort lebe eine Tante von ihr. Vielleicht der nächste Schritt in Kiesewetters Karriere. Die begann Anfang 2003. Damals kam die Zusage für eine Ausbildung an der Polizeischule Biberach. Die junge Frau, die nach der Realschule zunächst eine Fachoberschule besucht hat, zog nach Baden-Württemberg; seit September 2005 ist sie Polizeimeisterin. Michèle Kiesewetter erzählt noch, dass ein befreundeter Kollege ebenfalls nach Karlsruhe wechseln möchte und man gemeinsam eine Wohnung suche. Dann ist die Pause zu Ende, die Polizisten kehren zurück ins Polizeirevier, absolvieren mit anderen Kollegen eine Schulung, bevor sie kurz vor 14 Uhr erneut die Theresienwiese ansteuern. Zur gleichen Zeit ist Peter S. mit dem Fahrrad unterwegs. Vom Radweg, der Richtung Hauptbahnhof führt, kann er die Theresienwiese gut überblicken. Die ist schon fast hinter ihm verschwunden, als er aus den Augenwinkeln den Streifenwagen entdeckt.

Hier stimmt was nicht, sagt ihm sein Gefühl. »Der Wagen stand offen, etwas hing aus der Tür«, erzählt er später den Ermittlern. Peter S. radelt zurück und sieht zwei Menschen voller Blut. Weil er kein Handy dabei hat, rast er zum Bahnhof, bittet den Taxifahrer Mustafa K., die 110 zu wählen. Genau um 14.12 Uhr klingelt das Telefon in der Einsatzzentrale. Fünf Minuten danach sind die ersten Beamten vor Ort, kurz darauf trifft die Notärztin ein. Martin Arnold wird mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Michèle Kiesewetter ist tot. Mit allen verfügbaren Kräften fahndet die Polizei nach den Tätern. Hubschrauber steigen auf, Spezialeinheiten werden alarmiert. Noch am selben Tag beginnt die »Sonderkommission Parkplatz« mit ihrer Arbeit.

Glaubwürdige Augenzeugen

Die Ermittler werten Tausende Mobilfunknummern aus, die zur Tatzeit in Tatortnähe eingeloggt waren, befragen Zeugen, Kollegen und Angehörige, sichten später Videoaufzeichnungen von Tankstellen, Restaurants und Geschäften. Mal vermuten sie hinter dem Verbrechen eine unbekannte Serientäterin, dann den Chef einer serbischen Diebesbande oder russische Kriminellenkreise, in denen »Polizistenmord eine statusaufwertende Tat darstellt«. Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund sucht man in den Ermittlungsakten vergebens. Im Gegenteil: »Ein politisch motivierter Anschlag gegen Staatsorgane ist eher auszuschließen (...), die Tat weist insgesamt zu viele Elemente einer allgemein-kriminellen Tat auf«, heißt es in der Operativen Fallanalyse des LKA vom 22. Mai 2009.

[...]

09:32 12.06.2014

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