Verhältnisse

Leseprobe "Aber der Mensch ist keine Maschine, und Heilung ist etwas anderes als Reparatur. Und sie geschieht nicht nur auf der körperlichen Ebene, es ist immer auch ein Beziehungsgeschehen."
Verhältnisse
Foto: Theo Heimann/Getty Images

Gesundheit!

Gesund sein ist etwas, was wir meist als selbstverständlich hinnehmen, was wir nicht spüren, worüber wir normalerweise nicht nachdenken. »Gesundheit!« wünschen wir uns zu Geburtstagen oder wenn wir niesen. Kinder beschäftigen sich nicht damit, und Erwachsene meist auch nicht – oder erst dann, wenn etwas nicht mehr so funktioniert, wenn wir krank sind oder werden. Dann wünschen wir uns den besten und freundlichsten Arzt, die fürsorglichste Krankenschwester oder Hebamme, das beste Krankenhaus, die beste und liebevollste und effektivste Medizin.

Die Medizin, unser Gesundheitssystem sind aber nicht naturgegeben. Sie sind eingebettet in das gesellschaftliches System, unsere Kultur. Sie werden von Menschen gemacht und weiterentwickelt. Der medizinische Fortschritt ist rasant. Spezialisierung und Technisierung schreiten rasch voran. Der Patient, der Mensch mit seiner konkreten Not, gerät dabei oft aus dem Blick. Unser Gesundheitswesen wird immer aufwendiger. Gespart wird auf dem Rücken der Betroffenen. Die Beziehung von Mensch zu Mensch kommt immer öfter zu kurz – zum Leidwesen auch derer, die eigentlich heilen wollen. Technisierung und Medikamentenvarabreichung stehen auch für sie zunehmend mehr im Vordergrund. Statt Zuwendung eine Tablette, statt körperlicher Untersuchung eine Maschine, statt Seelsorge Sterbehilfe.

Aber der Mensch ist keine Maschine, und Heilung ist etwas anderes als Reparatur. Gerade kranke und leidende Menschen haben – von der Kindheit bis ins hohe Alter – neben physischen auch soziale, spirituelle, emotionale Bedürfnisse. Und Heilung geschieht nicht nur auf der körperlichen Ebene, es ist immer auch ein Beziehungsgeschehen. Wer heilen will, muss sich auf den anderen einlassen; er muss eine Beziehung zu dem Patienten aufbauen.

In diesem Buch greife ich einige Problemfelder auf, die immer wieder auf der Tagesordnung stehen, wenn öffentlich über Gesundheit diskutiert wird: Gesundheitspolitik, Gesundheitsreform, die Entwicklung der Medizintechnik, Zivilisationskrankheiten, den gesellschaftlichen Strukturwandel, und dies in einer Betrachtungsweise, die das ganze Leben zwischen Geburt und Tod im Blick hat. Es sind Themen, die uns alle, jeden Einzelnen von uns, angehen.

Meine Anregung: Bleiben Sie nicht passiv, wenn es um Ihre Gesundheit, Ihren Körper und vor allem Ihr Wohlbefinden geht. Wir alle altern vom ersten Lebenstag an. Wir alle können eine schwere Krankheit bekommen, dement werden. Je humaner wir gemeinsam die Gesellschaft gestalten, deren Teil wir sind, umso würdiger werden wir alle in schweren Zeiten miteinander umgehen können. Was stärkt den Patienten, aber auch den Arzt oder die Krankenschwester? Informiertes Vertrauen, liebevolle Zuwendung auf Augenhöhe, gegenseitiger Respekt vor der Würde und Freiheit des Einzelnen sind Schlüssel zu einem neuen Klima und zu neuen Ansätzen im Medizinbetrieb. Was gibt innere Kraft und Lebensmut? Wie kann Gesund- heit erhalten und gefördert, Heilung unterstützt und Lebensfreude intensiviert werden?

Die Kernfrage, auf die wir Antworten brauchen, lautet: Was hilft, um persönlich gut und wohlbefindlich zu leben? Was ist das heilsame Elixir, um Gesellschaften und Kulturen menschlich weiterzuentwickeln? Was tun, um eine humane Humanmedizin weltweit zu etablieren, in tiefem Respekt vor der Würde des Menschen und der Schöpfung?

»Du selbst bist dein bester Arzt, die Ärzte sind nur deine Gehilfen«, so sagt Paracelsus, einer der berühmtesten Ärzte der Medizingeschichte. Ärzte sind keine »Halbgötter«. Ärzte und Patienten sind gleichwertige Menschen und Partner. Je aufgeklärter, interessierter und selbstverantwortlicher die Menschen sind, umso besser ist dies für uns Ärzte – und umso besser ist es auch für das körperliche, seelische und soziale Wohlgefühl des Einzelnen. Gesellschaften und Gesundheitssysteme profitieren davon. Körperlich und mental wohlbefindliche, wissende und selbstbewusste Menschen, selbst wenn sie chronisch erkrankt oder gehandicapt sind, schaffen die humane Zukunftsgesellschaft. Im Sinne einer solchen Perspektive habe ich dieses Buch geschrieben. Gesundheit!

12:51 15.01.2015

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