Führung und Ethik

Leseprobe "Ohne ein grundsätzliches Bekenntnis zur Wahrheit – vor allem vonseiten unserer öffentlichen Institutionen und von denen, die sie leiten – sind wir verloren."
Führung und Ethik
Foto: Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Vorbemerkung

Wer bin ich, dass ich mir einbilde, ich sollte anderen Menschen etwas über Führungsethik erzählen? Jeder, der glaubt, darüber ein Buch schreiben zu müssen, läuft Gefahr, als anmaßend, gar scheinheilig wahrgenommen zu werden. Erst recht, wenn er selbst zufällig gerade geräuschvoll aus seinem Amt gefeuert wurde.

Aufgeschriebene Lebensgeschichten werden fast automatisch als Übung in Eitelkeit beargwöhnt, ich weiß das und hatte genau deshalb immer wieder die Idee verworfen, so ein Buch zu schreiben. Aber es gibt einen wichtigen Grund dafür, dass ich meine Meinung geändert habe. Wir durchleben in unserem Land gerade eine gefährliche Zeit, mit einem politischen Klima, in dem Fakten angezweifelt, fundamentale Wahrheiten infrage gestellt, Lügen für normal erklärt und unethisches Verhalten ignoriert, entschuldigt oder sogar belohnt werden. Das passiert nicht nur in unserer Hauptstadt und auch nicht nur in den Vereinigten Staaten. Vielmehr handelt es sich um einen besorgniserregenden Trend, der in Amerika und weltweit die verschiedensten Institutionen erfasst hat – die Vorstandsetagen führender Unternehmen ebenso wie die Nachrichtenredaktionen und Universitäten, die Unterhaltungsindustrie, den Profisport und die Olympischen Spiele. Ein paar Betrüger, Lügner und Verbrecher haben ihre Quittung erhalten. Andere kommen noch immer mit Entschuldigungen und Rechtfertigungen davon und können darauf bauen, dass ihr Umfeld auch weiterhin wegschaut oder ihr schlechtes Benehmen sogar erst möglich macht.

Wenn es also je einen richtigen Zeitpunkt gab, in dem das Nachdenken über einen ethisch integren Führungsstil von Nutzen sein könnte, dann genau jetzt. Ich bin kein Experte für Führungsethik, aber ich habe schon während des Studiums viel darüber gelesen und gegrübelt und mich jahrzehntelang damit herumgeschlagen, was das in der Praxis bedeutet. Es gibt ja nicht die perfekte Führungspersönlichkeit, die uns das beibringen könnte, das heißt, es obliegt uns, denen ethisch geerdetes Handeln wichtig ist, das Thema immer wieder ins Gespräch zu bringen und uns selbst und jedermann in einer politischen Funktion anzuhalten, es besser zu machen.

Der Ethik verpflichtete Führungspersönlichkeiten entziehen sich nicht der Kritik und Selbstkritik und gehen nicht in Deckung vor unbequemen Fragen. Sie sind froh über beides. Jeder Mensch hat Schwächen, ich auch – sogar viele. Zu meinen gehört, wie Sie aus diesem Buch erfahren werden, dass ich dickköpfig sein kann und zu übertriebenem Stolz, zu viel Selbstsicherheit und einem zu großen Ego neige. Damit schlage ich mich schon mein ganzes Leben lang herum. Sehr, sehr oft, wenn ich auf Situationen zurückschaue, wünsche ich mir, ich hätte mich anders verhalten, und manche sind mir regelrecht peinlich. Das geht den meisten von uns so. Wichtig ist aber, etwas daraus zu lernen und es beim nächsten Mal hoffentlich besser zu machen.

Ich finde es nicht angenehm, kritisiert zu werden, aber ich weiß, dass ich mich irren kann, auch wenn ich mir meiner Meinung noch so sicher bin. Denen zuzuhören, die anderer Meinung sind, und sich Zeit für Kritik zu nehmen, ist unerlässlich, wenn man der verführerischen Kraft allzu großer Selbstgewissheit nicht erliegen will. Zweifeln ist Klugheit – das habe ich gelernt. Und je älter ich werde, desto weniger Gewissheiten habe ich. Wer in einer Führungsposition ist und glaubt, nie falschzuliegen, wer sein Urteil oder seinen Standpunkt nie infrage stellt, ist eine Gefahr für die Organisationen und die Menschen, die er führt. In manchen Fällen ist so jemand eine Gefahr für sein Land und die ganze Welt.

Der Ethik verpflichtete Führungspersönlichkeiten sind nach meiner Erfahrung Menschen, die über kurzfristige Ziele und dringliche Anforderungen hinausdenken und sich bei ihrem Handeln an bleibenden Werten orientieren. Die einen beziehen ihre Werte aus einer religiösen Tradition, andere aus einer moralischen Weltanschauung oder sogar aus einem Verständnis für Geschichte. Jedenfalls dienen Werte wie Wahrheit, Redlichkeit und Achtung für andere – um nur einige zu nennen – als äußere Bezugspunkte, nach denen man ethisch integre Entscheidungen trifft, vor allem die schweren, bei denen es keine einfachen oder guten Lösungen gibt. Solche Werte sind wichtiger als das, was Schwarmintelligenz oder Fraktionsdenken gerade vorgeben mögen. Sie sind wichtiger als die spontanen Ideen eines Bosses oder die Vorlieben seiner Untergebenen. Sie sind wichtiger als die Profitabilität und die Bilanzen einer Firma. Ethisch geerdeten Führungspersönlichkeiten ist die tiefe Treue zu fundamentalen Werten wichtiger als der eigene Vorteil.

Der Führungsethik geht es auch um ein Verständnis für Menschen und unser aller Bedürfnis nach Sinngebung. Sie will Arbeitszusammenhänge schaffen, an denen hohe Ansprüche und wenig Angst herrschen, eine Kultur, in der Menschen keine Scheu haben müssen, Wahrheiten offen auszusprechen, und die besten Leistungen herausholen, aus sich selbst und aus ihrer Umgebung.

Ohne ein grundsätzliches Bekenntnis zur Wahrheit – vor allem vonseiten unserer öffentlichen Institutionen und von denen, die sie leiten – sind wir verloren. Um einen juristischen Leitsatz zu formulieren: Unser Rechtssystem kann nur funktionieren, wenn sich Menschen der Wahrheit verpflichten; ohne das zerfällt jede auf Rechtsstaatlichkeit gründende Gesellschaft. Und einen führungsethischen Leitsatz: Jemand in einer Führungsposition, der nicht die Wahrheit sagt oder die Wahrheit nicht hören will, kann keine guten Entscheidungen treffen, er kann sich nicht weiterentwickeln, und er kann kein Vertrauen schaffen bei denjenigen, die ihm folgen.

Erfreulicherweise lassen sich Redlichkeit und die Bereitschaft, Wahrheiten offen auszusprechen, durchaus fördern und tragen ihrerseits bei zu einer Kultur der Ehrlichkeit, Offenheit und Transparenz. Ethisch integre Politiker prägen das kulturelle Klima mit allem, was sie sagen und, noch wichtiger, was sie tun, denn sie stehen unter ständiger Beobachtung. Unglücklicherweise prägen aber auch unehrliche Politiker eine Kultur, indem sie ihrem Wahlvolk Unehrlichkeit, Korruption und Täuschung vorleben. Der Unterschied zwischen einem ethisch geerdeten Politiker und solchen, die nur zufällig auf einer Führungsposition gelandet sind, besteht darin, dass der erstere sich einer tiefen Loyalität gegenüber der Wahrheit verpflichtet fühlt, die größer ist als das Amt. Der Unterschied ist unübersehbar.

Ich habe lange über einen Titel für dieses Buch nachgedacht. In gewissem Sinn ist A Higher Loyalty das Fazit eines seltsamen Abendessens im Weißen Haus, bei dem der neue Präsident der Vereinigten Staaten von mir verlangte, meine Loyalität gegenüber ihm – persönlich – über meine Pflichten als FBI-Direktor gegenüber dem amerikanischen Volk zu stellen. In einem anderen, tieferen Sinn spannt der Titel einen Bogen über vier Jahrzehnte meiner juristischen Tätigkeit als Strafverfolger, als Wirtschaftsjurist und während ich mit drei US-Präsidenten eng zusammenarbeitete. Auf all diesen Posten habe ich von den Menschen um mich herum eines gelernt und anderen weiterzugeben versucht, nämlich dass es in unser aller Leben eine Loyalität gibt, die größer ist als die Treue zu einer Person, einer Partei oder irgendeiner Gruppierung. Und das ist die tiefe Loyalität gegenüber höheren, bleibenden Werten, allen voran der Wahrheit. Ich hoffe, dass dieses Buch uns alle anregen kann über die Werte nachzudenken, die uns tragen, und nach der Art Führung zu streben, die diese Werte verkörpert.

Einführung

"Des Menschen Sinn für Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, seine Neigung zur Ungerechtigkeit aber macht Demokratie notwendig." 

Reinhold Niebuhr

Zwischen der Zentrale des FBI (Federal Bureau of Investigation) und dem Capitol Hill liegen zehn Häuserblocks, die Strecke hat sich mir bei unzähligen Dienstfahrten die Pennsylvania Avenue hinauf und hinunter tief ins Gedächtnis gegraben. Die Fahrten waren zu einer Art Ritual geworden, vorbei an den Touristenschlangen vor dem Nationalarchiv mit Dokumenten zur Geschichte der Vereinigten Staaten und dem Newseum mit der Steinplatte, auf der der Erste Zusatzartikel zur Verfassung eingraviert ist, vorbei an T-Shirt-Ständen und Imbisswagen.

Jetzt, im Februar 2017, fuhr ich im Fond eines gepanzerten schwarzen Chevrolet Suburban des FBI. Die Mittelbank war entfernt worden, ich saß auf einem der beiden Plätze ganz hinten. Die Welt durch schusssichere kleine Seitenfenster vorbeiziehen zu sehen, war mir zur Gewohnheit geworden. Es ging wieder mal zu einer geheimen Anhörung im Kongress über eine mögliche russische Einflussnahme auf die Wahlen 2016.

Ein Auftritt im Kongress war schon an normalen Tagen schwierig und meistens eher deprimierend. Fast jeder Abgeordnete schien fest auf einer der beiden Seiten zu stehen und nur zuzuhören, um irgendein Goldkörnchen zu finden, das in die jeweils gewünschte Richtung passte. Sie stritten gegeneinander, indem sie durch mich hindurchredeten: »Herr Direktor, wenn jemand das und das behaupten würde, wäre der nicht ein Idiot?« Auch die Gegenposition wurde über mich bezogen: »Herr Direktor, wenn jemand sagen würde, dass jemand, der das und das behauptet, ein Idiot ist, wäre dann derjenige nicht der eigentliche Idiot?«

Stand jene Wahl vor ein paar Wochen auf der Agenda, die allen als die bis dato umstrittenste galt, war der Diskussionsstil unmittelbar danach noch übler; kaum jemand war willens oder imstande, seine jeweiligen politischen Interessen beiseitezuschieben und sich auf die Wahrheit zu konzentrieren. Die Republikaner wollten immer nur bestätigt bekommen, dass Donald Trump nicht von den Russen gewählt worden war. Die Demokraten, noch schwer angeschlagen vom Wahlergebnis, wollten das Gegenteil hören. Gemeinsame Nenner waren Mangelware. Das Ganze hatte etwas von einer Familie, die höchstrichterlich zum gemeinsamen Thanksgiving-Essen verdonnert worden ist.

Das FBI klemmte mitten im Parteiengezänk, auch ich als sein Direktor. Das war eigentlich nichts Neues. Wir waren schon im Juli 2015 in den Wahlkampf hineingezogen worden, als unsere gestandenen FBI-Profis strafrechtliche Ermittlungen zu Hillary Clintons Umgang mit geheimen Informationen über ihr privates E-Mail-Konto eingeleitet hatten. Damals konnten schon die bloßen Wörter »strafrechtlich« und »Ermittlungen« sinnlose Kontroversen auslösen. Ein Jahr später, im Juli 2016, nahmen wir die Ermittlungen zu der Frage auf, ob es massive russische Wahlbeeinflussung gegeben hatte, um Clinton zu beschädigen und Donald Trump ins Amt zu verhelfen.

Dies war für das FBI eine unglückliche, wenngleich unvermeidbare Situation. Eigentlich soll sich das FBI, das ja der Exekutive angehört, aus der Politik heraushalten. Sein Auftrag ist, die Wahrheit herauszufinden, und dafür darf es auf keiner anderen Seite als der des Landes stehen. Natürlich dürfen Mitarbeiter des FBI private politische Ansichten haben wie jeder andere auch, aber wer vor Gericht oder im Kongress aussagt, darf dort nicht als Republikaner oder Demokrat oder Angehöriger sonst irgendeiner Fraktion auftreten. Der Kongress hat, eigens um die Unabhängigkeit dieser Behörde zu untermauern, vor vierzig Jahren die zehnjährige Amtszeit für den FBI-Direktor eingeführt. In der Hauptstadt, überhaupt in einem vom Parteienstreit zerrissenen Land, wirkt eine derart selbstständige Behörde jedoch wie ein wesensfremder Störfaktor und wird ständig herausgefordert. Dadurch waren die Beamten in dauernder Anspannung, besonders, weil ihre Beweggründe ständig infrage gestellt wurden.

Mit mir im Dienstwagen saß Greg Brower, der zukünftige Leiter der Abteilung für Kongressangelegenheiten. Greg war dreiundfünfzig, blond-graumeliert, aus Nevada. Wir hatten ihn 2016 aus einer Anwaltskanzlei abgeworben. Davor war er Staatsanwalt und später in Nevada politisch tätig gewesen. Er kannte den Strafverfolgungsapparat ebenso wie das davon sehr unterschiedliche komplizierte politische Geschäft. Auf seinem neuen Posten hatte er das FBI im Haifischbecken des Kongresses zu vertreten.

Mit einem derart aufreibenden Durcheinander hatte Brower allerdings nicht gerechnet, und es war nach dem schockierenden Wahlausgang Ende 2016 sogar noch heftiger geworden. Da Greg noch nicht allzu lange beim FBI war, machte ich mir Sorgen, dass ihm der Irrsinn und Stress langsam an die Nieren gehen könnte. War er womöglich kurz davor, die Tür des Suburban aufzureißen und das Weite zu suchen? Auf solche Ideen würde ich wahrscheinlich kommen, wenn ich jünger wäre und nicht schon so oft am Zeugentisch des Kongresses gesessen hätte. Ich sah ihn an. Ganz offenbar dachte er dasselbe wie ich: »Wohin hat es mich denn hier verschlagen?«

Ich sah Brower an, wie besorgt er war, und brach das Schweigen.

»DAS IST DOCH DER GIPFEL!«, platzte ich heraus. Die Beamten vorn im Auto konnten es mit Sicherheit hören. Greg Brower sah mich an.
»Wir stecken in der SCHEISSE«, sagte ich.
Er schien irritiert. Hatte der FBI-Direktor eben »Scheiße« 
gesagt?
Ja, tatsächlich.
»Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße«, sagte ich noch 
einmal, lächelte ein bisschen zu breit und demonstrierte mit den Armen, bis wohin.
»Wo wären Sie denn lieber?«
Die Frage garnierte ich mit einem verunglückten Shakespeare- Zitat aus der St.-Crispins-Tag-Rede: »Die Leut’ in England, jetzt im Bett, ersehnen einst, sie wären hier gewesen.«

Er lachte, und seine Miene hellte sich auf. Meine ebenfalls. Ich war zwar sicher, dass ihm die Idee mit dem Sprung aus dem fahrenden Auto noch immer durch den Kopf ging, aber die Spannung war gelöst. Wir holten beide tief Luft. Einen Augenblick lang waren wir einfach zwei Männer in einem Auto irgendwohin. Alles würde gut.

Dann war der Augenblick vorbei, und wir fuhren zum Kapitol hinauf, um über Putin und Trump und mutmaßliche geheime Absprachen und Geheimdossiers und wer weiß was sonst noch zu sprechen. Es war einfach wieder so ein Augenblick unter absolutem Hochdruck in einer der verrücktesten, folgen-, ja sogar lehrreichsten Phasen meines Lebens – man könnte auch sagen: des ganzen Landes.

Und mehr als einmal ertappte ich mich bei dem Gedanken: Wohin hat es mich denn hier verschlagen?

13:16 03.05.2018

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