Frontenbildung

Leseprobe "Er war ein Junge, der Krieg spielte. Das konnte sie verstehen. Aber dies war kein Spielzeuggewehr, und wer wusste schon, was er tun würde, wenn er irgendwo irgendeinen Polizisten sah?"
Frontenbildung
Foto: Chip Somodevilla/Getty Images

17

Mitte der zweiten Woche begann die Wirklichkeit wieder zu ihr durchzudringen, jedenfalls der Teil davon, der mit Geld und Lebensunterhalt zu tun hatte. In der Woche zuvor hatte sie zwei Aufträge gehabt, einen davon am Ende des Redwood Valley – kein Problem, wenn sie zu Hause gewesen wäre, denn das war praktisch in ihrer Nachbarschaft – und den anderen in Navarro, in der Winzerei, wo sie regelmäßig nach den Hufen der Pferde des Besitzers sah, aber dafür musste sie eine Menge Benzin verfahren, und da sie, um keine Spuren zu hinterlassen, ihre Kreditkarte nicht benutzen wollte, musste sie bar bezahlen, und das Bargeld ging zur Neige. Den größten Teil ihres Einkommens, den Löwenanteil (oder eher Pferdeanteil), verdankte sie ihrer Tätigkeit als Hufschmiedin und den Verbindungen, die sie im Lauf der Jahre geknüpft hatte, doch weil das nicht reichte, musste sie hin und wieder in der Schule aushelfen, aber jetzt waren noch Sommerferien. Und selbst wenn nicht – wie hätten die sie anrufen können, wo sie doch gar nicht zu Hause war?

Um die Sache noch zu komplizieren, hatte sie ihren Kalender nicht, ebenso wenig wie die meisten Telefonnummern ihrer Auftraggeber – abgesehen von den paar, die auf der zusammengefalteten Karte in ihrer Brieftasche standen –, und sie war sicher, dass sie bereits einige Termine verpasst hatte. An den letzten drei Morgen war sie aus Träumen hochgeschreckt, in denen sie es verpatzte, zu spät kam, sich verfuhr, nicht imstande war, ihr Ziel in der unklaren Geographie eines Traumlands zu erreichen, in dem es nichts als falsche Abzweigungen und Hintern von Pferden gab, die stets vor ihr davongaloppierten. Das machte sie nervös. Reizbar. Beim Frühstück war sie Adam sogar über den Mund gefahren, als er wieder mal von Colter angefangen hatte. »Colter«, hatte sie gerufen und mit der flachen Hand auf die Küchentheke geschlagen, »Scheiß-Colter! Das hab ich jetzt schon ungefähr zehntausendmal gehört.« Er saß am Tisch, wo er French Toast in sich hineinschaufelte, und warf ihr einen Blick zu, der sie hätte warnen sollen: drei Viertel Gekränktheit und ein Viertel reine, wilde Wut. »Kannst du nicht mal von was anderem reden? Zum Beispiel davon, was du eigentlich den ganzen Tag im Wald machst? Hm? Was du da anbaust?«

Was passierte mit dem Teller, von dem er aß, dem Porzellanteller mit dem Rosendekor, der seiner Großmutter gehört hatte? Er flog mitsamt Ahornsirup und allem an die Wand und in Scherben zu Boden. Und Adam? Er sah sie hasserfüllt an und stürmte an ihr vorbei hinaus, und wenn sie das Gleichgewicht verlor und gegen den Küchenschrank taumelte, so ging ihn das nichts an, denn er schnappte sich seinen Rucksack, hängte das Gewehr über die Schulter, schwang sich ohne ein weiteres Wort über die Mauer und war weg. Danach saß sie brütend am Küchentisch, während Kutya den Sirup aufleckte und die Sonne im Morgennebel verborgen war, der sich bis nach hier oben ausgebreitet hatte, um sie noch mehr zu deprimieren, und ihr kam ein Gedanke: Sie musste in ihr Haus, ob es nun beobachtet wurde oder nicht. Sie brauchte ihren Kalender, in dem sie unter dem entsprechenden Datum penibel ihre Termine notierte, dazu die Telefonnummer und, sofern sie noch nicht dort gewesen war, die Adresse. Außerdem konnte sie ein paar Kleidungsstücke gebrauchen, denn sie hatte sehr hastig gepackt. Die Kleider, die sie mitgenommen hatte – Stiefel, Jeans, und zwei Oberteile, die sie abwechselnd trug –, langweilten sie und Adam vermutlich ebenfalls. Sie trug fast nie ein Kleid, obwohl sie einen halben Schrank voll hatte, darunter auch ein süßes gelbes Sommerkleid mit großem Ausschnitt, das ihr noch immer prima passte. Vielleicht würde es Adam gefallen, sie darin zu sehen, nur so zur Abwechslung und um ein bisschen Pfeffer in die Sache zu bringen. Und schon versank sie in einem erotischen Tagtraum, in dem er mit einem Ständer und nur mit dem Handtuch bedeckt auf dem Sofa saß, und sie ging zu ihm und hob den Rock, damit er sehen konnte, dass sie darunter nichts anhatte ...

Es dauerte nicht lange, und sie war überzeugt, dass man ihr Haus nicht beobachtete. Sie war ein zu kleiner Fisch. Schließlich hatte sie ja niemanden umgebracht, oder? Und sie hatte ihnen gesagt, dass sie den Hund selbst in Quarantäne hielt, auch wenn das einfach idiotisch war, weil man deutlich erkennen konnte, dass er keine Tollwut hatte, und was war schon ein kleiner Kratzer an der Hand einer zickigen Polizistin? Einen kurzen Boxenstopp, mehr brauchte sie gar nicht. Aber nicht bei Tageslicht – die Vorstellung, dass man ihr Haus rund um die Uhr überwachte, mochte paranoid sein, aber es war durchaus möglich, dass man hin und wieder einen Streifenwagen vorbeischickte, um nachzusehen, ob ein Wagen in der Einfahrt stand. Nein, sie würde abends hinfahren. Heute Abend. Am späten Abend. Adam würde begeistert sein, denn dadurch bot sich eine weitere Gelegenheit, ihnen eins auszuwischen.

Sie ging noch einmal die Szene im Tierheim durch: Ihr Herz hatte geklopft wie ein ganzer Trommelkreis, und im Wagen hatten sie gelacht und gelacht, während sie frei und ungebunden auf der Schnellstraße dahingefahren waren, sie hatten gelacht, bis sie nicht mehr konnten, und sie hatte die Hand auf seinen Oberschenkel gelegt und ihn gefragt, ob er Lust habe, das zu feiern, und er hatte Lust gehabt. O ja, allerdings. Liebend gerne. Und die Party war noch immer nicht zu Ende. Als er gegen sechs nach Hause kam, war er beknallt, wollte aber nicht sagen, von was, und außerdem war er noch immer sauer wegen der Sache am Morgen. »Du nimmst dir zu viel raus«, sagte er und starrte sie wütend an.

Sie stand an der Spüle in der sonnendurchfluteten, warmen Küche, und der Duft der Lasagne, mit der sie sich den ganzen Nachmittag abgemüht hatte, erfüllte die Luft. »Viel zu viel. Denn, nur zu deiner Information, ich baue überhaupt gar nichts an.« »Du baust gar nichts an«, sagte sie automatisch. Immer noch der wütende Blick. »Überhaupt gar nichts«, sagte er langsam und deutlich. »Ich baue überhaupt gar nichts an.« Reue war nicht ihre Stärke – es tat ihr leid, aber so war sie eben nicht –, aber sie gab sich alle Mühe, ihn zu beschwichtigen, hielt den Mund, reichte ihm eine Margarita, als er wieder hochkam, nachdem er sich zum Hahn gebeugt und Wasser über Schädel und Gesicht hatte laufen lassen, und sagte alles, was sie zu sagen hatte, mit Gebärden, als wäre sie taubstumm. Es war keine Spur von Schlamm an ihm, aber seine Stiefel waren voll Staub. Wortlos nahm er die Margarita und setzte sich damit auf die Veranda. Sie wartete kurz und ging dann mit dem Krug und ihrem eigenen Glas ebenfalls hinaus, und dann saßen sie schweigend da und tranken den Krug aus. Die ganze Zeit sah er sie kein einziges Mal an, und sie verstand den Hinweis und tat, als wäre sie ganz in ihre eigenen Gedanken versunken. Schweigend saßen sie da und tranken sich einen Schwips an, aber sie konnte es sich nicht verkneifen, ihn aus dem Augenwinkel zu beobachten, und zwar nicht bloß, um seine Stimmung einzuschätzen, sondern auch weil sie es liebte, ihm zuzusehen: die Art, wie er sich bewegte, die Anmut der kleinsten Gesten, wie er zum Beispiel mit Daumen und Zeigefinger über den Rand seines Glases fuhr und es dann zum Mund führte, wie seine Augen sich verengten und etwas sahen, was sie nicht sehen konnte, wunderschöne Augen mit langen Mädchenwimpern, Augen wie Blumen, wie Blumen auf einer Wiese. Dann brachte sie ihm die Lasagne und schenkte ihm ein Bier ein – und sich selbst ebenfalls, auch wenn die Kohlehydrate sich bei ihr umgehend in Fett verwandelten –, und als er wieder von Colter und den Chinesen anfing, hörte sie so lange zu, wie sie konnte, bevor sie ihn unterbrach.

»Adam«, sagte sie, »die Sache von heute Morgen tut mir leid, aber ich brauche ein paar Sachen aus meinem Haus. Ich meine, es ist toll hier und so, aber ich komme mir vor, als würde ich irgendwo kampieren, verstehst du, was ich meine?« Er zuckte die Schultern, als wäre ihm das vollkommen egal. »Ich brauche zum Beispiel mein Adressbuch. Ich muss meine Auftraggeber erreichen und zusehen, dass ich meine Termine nicht verpasse. Und ich brauche was zum Anziehen. Ein Kleid zum Beispiel. Würde dir das gefallen – ich in einem Kleid?« Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er wollte es ihr jedenfalls nicht verraten. Sie ließ die Stimme sinken, bis sie nur noch ein Schnurren war. »Was hältst du davon, wenn wir heute Nacht hinfahren? Du und ich. Später, um Mitternacht oder eins vielleicht, wenn alle schlafen.« Ihre Lasagne wurde kalt. Sie klopfte mit der Gabel an den Tellerrand. Tack-tack-tack, jemand zu Hause? »Ein Überfall«, sagte sie. »Nennen wir’s einen Überfall.«

Sie beobachtete ihn wie an dem ersten Tag im Wagen, und sah, dass ihr Vorschlag eine Wirkung zeigte. Er saß reglos da, in der einen Hand das Bier, in der anderen die Gabel. Nach einer Weile stellte er das Bier ab, hob den Kopf und sah ihr in die Augen, und jetzt starrte er nicht mehr durch sie hindurch – jetzt blickte er sie an. »Also«, sagte sie, »was meinst du?« »Cool«, sagte er. »Ich nehme das Gewehr mit.« »Was? Wovon redest du da?« Er sah sie noch immer an, und auf seinem Gesicht lag jenes halbe Lächeln, das in seinen Mundwinkeln stecken zu bleiben schien, als könnten sie sich nicht ganz heben. »Auf keinen Fall«, sagte sie. »Das ist doch verrückt.« Sie hasste Waffen, und sie würde es ihm verbieten, oder es wenigstens versuchen, denn das war wirklich wirklich absurd und außerdem eine Einladung zur Katastrophe, aber als sie fünf Stunden später in mondloser Nacht dem Scheinwerferstrahl ihres Wagens hinauf in die Berge folgten, stand sein Gewehr aufrecht zwischen ihnen – es war nicht im Kofferraum, es lag nicht vor dem Rücksitz flach auf dem Boden –, und um Adams Hals baumelte eine Nachtsichtbrille. Unter den Augen hatte er sich mit Öl oder Creme oder was auch immer zwei Striche auf die Haut gemalt wie die Footballspieler, die man in der Montag-Nacht-Zusammenfassung sah, wenn man das Pech hatte, ausgerechnet an diesem Abend durch die Bars zu ziehen, und er war so aufgedreht, dass er unentwegt davon sprach, was die anstehende Aufgabe war und wie sie sie erledigen würden – sein Wort: erledigen.

»Hör zu«, sagte sie und legte sich in eine dieser gemeinen Haarnadelkurven, bei denen der Wagen die ganze Straßenbreite zu brauchen schien (und sie war nicht betrunken, nicht mal annähernd, höchstens ein bisschen beschwipst), »das ist alles bloß Spaß, oder? Das Ding ist doch nicht geladen? Es geht nicht plötzlich los und macht ein Loch ins Dach oder so?« Er antwortete nicht. Sie hatte ihm bereits das Versprechen abgerungen, dass er nur im Wagen – den sie ein Stück von ihrem Haus entfernt und außer Sichtweite parken würde – sitzen und auf sie warten würde. Zehn Minuten, länger brauchte sie nicht, und er würde einfach bloß da sitzen und nichts tun, okay? War das in Ordnung? Seit der Schnellstraße waren sie keinem einzigen Wagen mehr begegnet, und das war gut für ihren Blutdruck, der trotz des Alkohols wahrscheinlich enorm hoch war, denn sie bereute, ihm je von ihrem Plan erzählt zu haben. Sie hätte sich, sobald er eingeschlafen war, einfach hinausschleichen und allein fahren sollen – das hätte er gar nicht gemerkt. Aber sie hatte ein bisschen moralische Unterstützung gewollt (und das war ja wirklich ein Witz: Er war eigentlich eher eine unmoralische Unterstützung), und die Sache war irgendwie aus dem Ruder gelaufen.

Er war ein Junge, der Krieg spielte. Das konnte sie verstehen. Aber dies war kein Spielzeuggewehr, und wer wusste schon, was er tun würde, wenn er irgendwo irgendeinen Polizisten sah? Und sie wäre dann Komplizin bei einem Mord? Schlimm genug, dass sie das nächste Mal, wenn irgendein Bulle sie anhielt, sofort ins Countygefängnis wandern würde, und obwohl sie nicht bereit war, das hinzunehmen und vor dem System auf die Knie zu fallen, war sie doch schlau genug, ihm möglichst gar nicht erst in die Quere zu kommen. Gegen die kam man nicht an. Man brauchte sich ja nur anzusehen, was sie mit Jerry Kane gemacht hatten. Sie hatte versucht, ihm davon zu erzählen: Wie die Bullen einen der Anführer der Bewegung, eine der Speerspitzen, den Mann, in dessen Seminaren sie gewesen war und der ihr die Augen geöffnet und ihr Leben umgekrempelt hatte, auf einem Walmart-Parkplatz in Arkansas einfach erschossen hatten, mitsamt seinem sechzehnjährigen Sohn, aber das war ihm zum einen Ohr hinein- und zum anderen hinausgegangen.

»Ich sagte: Das Ding ist doch nicht geladen, oder? Denn wenn ja, kehre ich auf der Stelle um. Hast du gehört?« Aus dem Dunkel kam seine Stimme, weich wie ein Pelz: »Du hörst dich an wie meine Mutter. Aber du bist nicht meine Mutter, oder?« Und das erwischte sie kalt, und sie wusste wieder, was wirklich war, was zählte und warum sie hier auf dunklen Straßen unterwegs war. Mit ihm. »Nein, Baby«, sagte sie, und ihre Stimme war jetzt ebenfalls weicher. Sie streckte die Hand aus. »Ich bin nicht deine Mutter, ich bin deine Geliebte. Und wenn wir wieder zu Hause sind, werde ich’s dir beweisen.« Das war also das. Ob das Gewehr geladen war oder nicht, ob sie unter Drohungen, Zwang und Nötigung einen Vertrag mit dem Sheriff eingehen und den größten Teil ihres verbleibenden Lebens im Gefängnis würde verbringen müssen, ob sie vielleicht selbst erschossen werden würde, ob sie auf ihrem Recht bestehen würde, in ihrem persönlichen Eigentum zu ihrem eigenen Haus zu fahren, um dort persönliches Eigentum an sich zu nehmen – all das konnte niemand wissen. Aber es war spät, und Willits war nicht gerade der Times Square, und sie würden schon lange vor der eigentlichen Stadt abbiegen, und im Grunde konnte gar nichts schiefgehen. Schon der Gedanke an ein Misslingen machte sie feige, machte sie zur Sklavin. Die Bullen schliefen. Wie alle anderen.

10:20 29.01.2015

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